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Brigitte Lueger-Schuster: Psychosoziale Hilfe bei Katastrophen und [..]

Cover Brigitte Lueger-Schuster: Psychosoziale Hilfe bei Katastrophen und komplexen Schadenslagen. Springer (Berlin) 2006. 228 Seiten. ISBN 978-3-211-29130-6. 29,90 EUR, CH: 51,00 sFr.
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Einführung

Die Kriege, Katastrophen und Terroranschläge der letzten Jahrzehnte lenkten die Aufmerksamkeit psychosozialer und seelsorgerlicher Berufe auf Fragen der Versorgung von Notfallopfern, ihren Angehörigen und ihren Rettern. Intensiv wurde und wird an der Entwicklung von psychosozialen und seelsorgerlichen Hilfekonzepten für Betroffene einerseits und Einsatzkräfte andererseits gearbeitet. Diese Konzepte sind nicht allein auf Katastrophen und Großschadensereignisse beschränkt. Sie finden auch bei alltagnahen Notfällen ihre Anwendung. Unterschieden wird zwischen der Akutversorgung, die direkt im Anschluss an das Rettungsgeschehen ansetzt, mittelfristiger, z.B. traumatherapeutischer, und Langzeitversorgung.

Das Buch fokussiert die Akutversorgung von Notfallopfern und ihren Angehörigen. Konzepte der Akutversorgung entstanden aus unterschiedlichen Initiativen in der Praxis. Einsatzkräfte aus Feuerwehr, Polizei und Rettungsdiensten sahen den Bedarf insbesondere für die eigenen Kräfte, aber auch für Unfallopfer und deren Angehörigen. Notfallseelsorge entwickelte sich als spezialisierte Seelsorge. Auf psychotraumatologischer Basis entstand die Notfallpsychologie. In der Akutversorgung arbeiten Seelsorger, Psychologen und andere Ehrenamtliche neben- und miteinander.

So kommt es, dass eine Reihe von einzelnen Initiativen mit unterschiedlichen Bezeichnungen und Standards nebeneinander existieren. In Deutschland wurden sie in einer Studie für das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe systematisiert und Standards und Empfehlungen für ein bundesweites Netzwerk erarbeitet (Beerlage et al. 2004). In Österreich wurden Standards gerade eingeführt.

Weiterhin unübersichtlich ist die Lage in der Akutversorgung auch, weil es erst seit wenigen Jahren systematische Forschung dazu gibt. Diese konzentriert sich weitgehend auf die Entwicklung und Evaluation von spezifischen psychologischen Verfahren. Die Ergebnisse sind heterogen. Die Wirksamkeit der gängigen spezifischen Verfahren, insbesondere der Debriefings ist umstritten. Allerdings gibt es gut erprobte unspezifische Verfahren, die sich aus der reflektierten Praxis entwickelt haben.

Es war an der Zeit, dass es einen Überblick über die Grundlagen und methodischen Reflexionen von psychosozialer Akutversorgung gibt. Das Buch konzentriert sich auf komplexe Schadenslagen und Katastrophen. Allerdings lässt sich die Grenze zu alltagsnahen Not- und Unfällen nicht streng ziehen.

Entstehungshintergrund

Die Autorinnen und Autoren des Buches sind die intensiv ausgebildeten und einsatzerprobten Mitglieder eines deutsch-österreichisch-luxemburgischen Arbeitskreises zur Akutbetreuung (Deutschsprachiger Arbeitskreis Akutbetreuung/Krisenintervention). Sie kommen aus unterschiedlichen professionellen Hintergründen (Feuerwehr, Psychologie, Seelsorge, Medizin) und sind alle ehrenamtlich in führenden operativen oder wissenschaftlich-strategischen Positionen in Akutbetreuungsteams verankert. Sie reflektieren ihre Erkenntnisse ("lessons learned") zur psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen Akzenten.

Die gemeinsame dahinter stehende Haltung charakterisiert Brigitte Lueger-Schuster im Vorwort (VI): "Menschen, die von komplexen traumatischen Ereignissen betroffen sind, haben spezielle Bedürfnisse und zeigen spezifische Reaktionen und sind trotz aller anfänglichen Desorientierung und Überforderung in ihren Überlegungen und Entscheidungen autonom und nicht abhängig oder unfähig. Anstatt von Symptomatologie, Syndromen o.ä. zu sprechen und dementsprechend zu handeln, versuchen wir unser Augenmerk auf die Notwendigkeit der Unterstützung und Beratung und der emotionalen Sicherheit in diesen außerordentlichen Situationen zu lenken, um die Bewältigungskapazität und -kompetenz zu fördern. Das erfordert qualifiziertes Vorgehen, viel Erfahrung und laufende Reflexion unserer Arbeit, verbunden mit kontinuierlicher Weiterbildung."

Aufbau und Inhalt

Das Buch gibt einen multiperspektivischen Überblick über Psychosoziale Notfallversorgung in Katastrophen, komplexen Schadenslagen, teilweise auch bei alltagsnahen Notfällen.

  1. Kapitel: Der Rahmen psychosozialer Notfallversorgung: Überlegungen, Erkenntnis, Guidelines und Standards (Brigitte Lueger-Schuster) Die Psychologieprofessorin Brigitte Lueger-Schuster betrachtet die Erkenntnisse über die psychosoziale Dynamik nach  Katastrophen und den Empfehlungen für die Praxis.
    Die meisten Katastrophen sind internationale Geschehnisse. Deshalb sind Guidelines und Standards international. Auch hier gibt es eine Vielfalt, beginnend bei der UNO über Guidelines von Fachverbänden bis hin zur europäischen Perspektive. Brigitte Lueger-Schuster legt auch ein Augenmerk auf die Integration von Notfallmedizin und psychosozialen Diensten. Anschließend skizziert sie den Erkenntnisstand zur Dynamik komplexen Schadenslagen, und reflektiert die Frage wie viel Unterstützung für wen angeboten werden sollte.
    Nach einer Zusammenstellung der Erfahrungen aus Terroranschlägen (insbesondere 9/11) und natürlichen Katastrophen hebt sie hervor, dass man von einem prozesshaften Verlauf der Verarbeitung ausgehen müsse, der jedoch nicht in einheitliche Phasen unterteilt werden könne. So bleibe die Grenze der akuten Phase nach Katastrophen und komplexen Schadenslagen unscharf.
  2. Kapitel: Die Bedingungen posttraumatischer Bewältigung (Marion Krüsmann) Die Psychotraumatologin Marion Krüsmann bietet traumatologisches Basiswissen zu Erscheinungsbild und Häufigkeit Posttraumatischer Belastungsstörungen, eine Synopse biologischer, lerntheoretischer, psychodynamisch/kognitiver Modelle ihrer Entstehung und zu prätraumatischen (voher), peritraumatischen (während) und posttraumatischen (danach) Risiko- und Schutzfaktoren. Auf dieser Basis identifiziert sie bewältigungsfördernde Faktoren und entwickelt Empfehlungen zum Miteinander verschiedener Fachkräfte.
  3. Kapitel: Organisation komplexer Einsätze (Martin Alfare) Die psychologischen Perspektiven ergänzt der Feuerwehroffizier Martin Alfare. Einsatzorganisation und nützliche Strukturen sind das Thema seines Beitrags. Er skizziert die Schnittstelle zwischen Gefahrenabwehr und psychosozialer Versorgung und arbeitet strukturelle Voraussetzungen einer gelingenden Psychosozialen Notfallversorgung heraus: von der Personalauswahl über die Koordination der Zusammenarbeit verschiedener PSNV-Organisationen bis hin zu Aufgaben der PSNV-Einsatzleitung. Besondere Aufmerksamkeit widmet er der Einrichtung von Call-Center und Betreuungszentrum.
  4. Kapitel: Die peritraumatische Intervention in Großschadenslagen (Andreas Müller-Cyran) Mit der Zusammenarbeit zwischen PSNV und Einsatzkräften beginnt auch das Kapitel des Diakons und KIT(KrisenInterventionsTeam)-Leiters Müller-Cyran. Er plädiert für eine strukturelle Einbindung der PSNV in Großschadenslagen. Dazu seien psychosoziale Grundkompetenz in allen Entscheidungs- und Leitungsebenen für unabdingbar: Wissen über Auslöser und spezifische Auswirkungen von Belastungsreaktionen, Wissen und Handlungskompetenz im Umgang mit belasteten Menschen sowie Wissen über PSNV-Angebote.
    Anschließend beschreibt er Linien der PSNV in einer Großschadenslage von der Alarmierung über die  Akutversorgung von Augenzeigen, vermissenden und trauernden Angehörigen nach gemeindenahen und -fernen Katastrophen bis hin zum Ende der PSNV und der Nachsorge für die PSNV-Teams.
  5. Kapitel: Komplexe Einsätze der Psychosozialen Notfallversorgung in der Praxis (Daniela Halpern) Exemplarisch wertet die Psychotherapeutin und fachlich-operative Leiterin der AkutBetreuung Wien, Daniela Halpern, vier unterschiedliche Einsätze aus: ein Schiffsunglück, einen großen Verkehrsunfall, einen Flugzeugabsturz und einen Lawinenabgang. An diesen praktischen Beispielen zeigt sie auf, was die Komplexität einer Schadenslage ausmachen kann.
  6. Kapitel: Möglichkeiten des Abschieds unter vielen Einschränkungen (Léon Kraus) Formen des Abschieds, mögliche Schwierigkeiten (z.B. durch Medienpräsenz oder polizeiliche Ermittlungen) und Anforderungen an die PSNV beschreibt der Religionswissenschaftler Leon Kraus. Er beschreibt, was in der Vorbereitung und Begleitung des Besuchs von Unglücksstelle und Leichenhalle, der ersten Trauerfeier, folgenden Gottesdiensten und anderer Rituale bedacht werden muss. Aber auch die Beendigung der Betreuung muss reflektiert und vorbereitet werden, damit es nicht zu einer Überbetreuung kommt.
  7. Kapitel: Plötzlicher Tod - Abschied und Trauer (Edwin Benko) Die Vielfalt komplizierter Trauer (länger und stärker belastend als das Trauerjahr) und die daraus resultierende Komplexität, Aufgaben und Grenzen der Akutbetreuung beschreibt der Psychotherapeut und KIT-Leiter Edwin Benko. Durch viele Fallbeispiele werden Entscheidungsprozesse und fachliche Reflexionen der PSNV-Kräfte deutlich.
  8. Kapitel: Trauma im Kindesalter - komplexe Anforderungen in der psychosozialen Akutbetreuung (Katharina Purtscher) Mit den besonderen Reaktionen und Bedürfnissen von betroffenen Kindern und Jugendlichen setzt sich die Kinder- und Jugendpsychiaterin Katharina Putscher auseinander. Aus der Erkenntnis des resultierenden Unterstützungsbedarfs beschreibt sie Phasen, spezifische Formen und komplexe Anforderungen der Akutbetreuung (z.B. kindgerechte Informationsvermittlung).
  9. Kapitel: Zur Prävention einsatzbedingter Erkrankungen (Krüsmann, Karl, Schmelzer, Müller-Cyran, Hagl, Butollo) Mit den Belastungen der Einsatzkräfte und den Risiken einsatzbedingter psychischer Erkrankungen befasst sich die Forschergruppe um Marion Krüsmann, Andreas Müller-Cyran und dem Psychologieprofessor Willi Butollo. Sie diskutieren kritisch den heterogenen Forschungsstand über Debriefings als Sekundäre Prävention und beschreiben verschiedene Ansatzpunkte der Primären Prävention.

Kritische Würdigung

Das Buch wird der Spanne zwischen notwendiger strukturierter Fachlichkeit und Unplanbarkeit des Vorgehens bei Katastrophen gerecht. Durch seine Multiperspektivität kann es sehr unterschiedliche Wissensbedarfe befriedigen. Nur eine Perspektive fehlt: An verschiedenen Stelle eingefordert, aber nicht eingelöst, bleibt die Klärung der Frage nach einer mittelfristigen sozialen Betreuung. Dies wäre Thema der Sozialen Arbeit, die sich zumindest in Deutschland wenig um die Themen Notfall, Großschadenslagen oder Katastrophen kümmert. Dieser Aspekt fehlt im Buch, das sich auf die Akutversorgung konzentriert, (noch) legitimer Weise. Doch wäre es unter dem Titel "psychosoziale Hilfe" dringend einzubinden. Denn auch die Akutbetreuer/innen müssen einen guten Einblick in nachfolgende Hilfesysteme haben, ebenso wie Fachkräfte der Sozialen Arbeit ein Verständnis von Notfall-Lagen brauchen.
Auch hinsichtlich der Wissenschafts- und Praxisorientierung bietet das Buch eine große Bandbreite. Dies gibt dem Buch ein wissensmäßiges Fundament, praktische Relevanz und macht das Beschriebene anschaulich. Allerdings hätte ich mir, bei aller Praxisorientierung, als thematisch interessierte Wissenschaftlerin gewünscht, dass angesprochene Studien konkret benannt werden und dass zitierte Quellen im Literaturverzeichnis stehen.

Zielgruppen

Zielgruppen werden im Buch nicht explizit genannt. Geeignet ist es für PSNV-Kräfte, die ihr Vorgehen weiter optimieren und sich auf komplexe Schadenslagen vorbereiten wollen. Es ist aber auch geeignet für Führungskräfte von Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst und anderen Diensten, die im Großschadensfall zum Einsatz kommen. Aber auch mit der mittel- oder langfristigen Betreuung befasste Psychotraumatologen/innen können von der Lektüre des Buchs profitieren.

Fazit

Nach der Lektüre des Buches ist klar, dass PSNV-Akutbetreuung, nicht nur im Katastrophenfall, eine komplexe Aufgabe ist, die sich nicht standardisieren und nur in geringem Maß planen lässt. Gerade deshalb sind durchdachte Strukturen und hohe Kompetenz der PSNV-Kräfte erforderlich. Sie müssen Sachlagen erkennen und differenziert handeln können. Ansatzpunkte für ein solches Handeln finden sich in diesem Buch vielfältige.


Rezension von
Prof. Dr. Sabine Allwinn
Professorin für Psychologie an der Evang. Hochschule Freiburg
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Zitiervorschlag
Sabine Allwinn. Rezension vom 11.02.2007 zu: Brigitte Lueger-Schuster: Psychosoziale Hilfe bei Katastrophen und komplexen Schadenslagen. Springer (Berlin) 2006. ISBN 978-3-211-29130-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4306.php, Datum des Zugriffs 19.09.2020.


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