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Garten + Landschaft (Hrsg.): Urban Design 1. Standpunkte und Projekte

Cover Garten + Landschaft (Hrsg.): Urban Design 1. Standpunkte und Projekte. Callwey Verlag (München) 2006. 112 Seiten. ISBN 978-3-7667-1685-9. 34,00 EUR.
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Thema

"Urban Design ist mehr als Stadtgestaltung. Urban Design ist der Prozess, Städte und Dörfer so zu gestalten, dass soziales, kulturelles, politisches und wirtschaftliches Leben möglich ist." So steht es hinten auf dem Umschlag. Der mit diesem Buch -  als solches wird es vorgestellt, der haptische Eindruck entspricht allerdings eher dem eines Heftes - verbundene Anspruch ist folglich ziemlich ambitioniert. Passend dazu wurden "Strategien zur Gestaltung des öffentlichen Raumes" als zentrales Thema dieses ersten Bandes einer geplanten Buchreihe gewählt. Wie Gesa Loschwitz im Vorwort betont, "geht es nicht um eine bloße Beschreibung der Entwürfe und um das Zeigen von Bildern, sondern um Strategien von Planern und Verwaltungen, die den Mut haben, ihre Ideen auch zu verwirklichen" (5). Damit geweckte und durch den Untertitel geschürte Erwartungen werden jedoch nur bedingt erfüllt. Denn die vorgestellten Projekte sind zwar zahlreich, Standpunkte im Sinne von Positionen vor dem Hintergrund des mit dem Buch verbundenen Anspruches werden allerdings nur ausnahmsweise in einzelnen Beiträgen bezogen und keineswegs systematisch erläutert.

Herausgeberin

Herausgeberin des Bandes ist die Redaktion von Garten + Landschaft, einer monatlich erscheinenden Zeitschrift für Landschaftsarchitektur.

Aufbau und Inhalt

Auf die meisten der zusammen 16 Beiträge kann und soll hier schon deshalb nicht näher eingegangen werden, weil sie wesentlich durch die in ihnen präsentierten Bilder wirken, und die lassen sich nicht in passende Worte fassen. Alles in allem sind die Texte jeweils knapp, flott geschrieben und üppig bebildert, bieten also keine sozialarbeitswissenschaftliche Kost. Da weder in die Breite noch in die Tiefe gegangen wird, handelt es sich eher um Appetithappen, die bei Bedarf allerdings nicht angereichert werden können, weil die Angabe von Quellen oder Verweisen konsequent unterbleibt. Es fällt auf und stimmt befremdlich, dass mit den Bildern häufig menschenleere Situationen gezeigt werden, geht es doch neben der Gestaltung von Orten auch um deren Benutzung. Die vorgestellten Beispiele unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Größe, ihrer Kosten sowie ihrer Lage und Bedeutung im Stadtgebiet erheblich voneinander. Ob und wofür das Gezeigte symptomatisch ist, bleibt unklar, auch deshalb, weil es sich beinahe ausnahmslos um Vorhaben in Großstädten handelt, es aus der Provinz demnach wohl nichts zu berichten gibt. Der Reihenfolge der Beiträge liegt keine erkennbare Struktur zugrunde, die Texte stehen jeweils für sich. Auf einige Aspekte ausgewählter Beiträge sei nachfolgend hingewiesen.      

  • Der mit "Die europäische Stadt" überschriebene erste Beitrag des Bandes ist als einer der vier Texte, in denen nicht von einem bestimmten landschaftsplanerischen Projekt berichtet wird, eher abstrakt. Robert Kaltenbrunner trägt darin interessante planungstheoretische Überlegungen vor, beispielsweise folgende: "Planung braucht heute eine innere Offenheit und das bedeutet alles andere als den Verzicht auf Planung. Aber damit geht einher, dass all jene Vorstellungen der umfassenden Rationalisierung im Sinne einer absoluten Kontrolle, der Ausschaltung des Unvorhersehbaren und der gleichzeitigen Einrichtung einer ebenso perfekten wie definitiven Ordnung verworfen werden" (11). Diese Beschreibung ist gewiss weit über den Bereich räumlicher Planung hinaus zutreffend. Desto erfreulicher wäre es gewesen, wenn zu dem bezeichneten Dilemma auch gleich eine passende Lösung angeboten würde. Doch leider muss die Suche danach weitergehen. Hinzuweisen ist auch auf folgende Äußerung: "Die Städtebau-Diskussion ist weder idealtypisch an der Gestalt der Stadt zu führen, noch darf sie in praxisferne Wissenschaftssphären abheben. Die europäische Stadt gibt es diesen Ausführungen zufolge nur als bürgerschaftlichen Verständigungsprozess. Fraglos werden auch Bilder benötigt - als Medium, nicht als Selbstzweck. Das erste Ziel wäre eine gemeinsam getragene Strategie zur städtebaulich nachhaltigen Entwicklung; und das zweite die Verabredung für Bedeutsames und Nachrangiges, und dies, so wäre an dritter Stelle zu benennen, im Konsens über den Maßstab der Qualität von Gestaltung" (11). Ob Kaltenbrunner das unabhängig von den im Band versammelten Projektbeschreibungen geschrieben hat, ist nicht bekannt. Jedenfalls bleibt festzuhalten, dass eben diese Beiträge nicht dazu angetan sind, den genannten Zielen näher zu kommen.
  • Auch der Artikel von Ulrich Berding, Bettina Perenthaler und Klaus Selle unter der Überschrift "Hybride Räume" ist mit theoretischem Anspruch verbunden. Präsentiert werden Ergebnisse eigener Forschungsarbeiten zur Auseinandersetzung um die Privatisierung des öffentlichen Raums. Geworben wird für einen weniger dogmatischen, dafür differenzierteren Umgang bei der Unterscheidung öffentlicher und privater Räume, denn die Realität sei nicht von einer Polarität, sondern von diversen Zwischenformen geprägt. "Damit sind als öffentlich nutzbar erlebte Räume in ihrer eigentumsrechtlichen Zuordnung ebenso verschieden wie hinsichtlich der kommunalen Zugriffs- und Gestaltungsmöglichkeiten. Das widerspricht den bisherigen Wahrnehmungsgewohnheiten in der Fachdiskussion und steht wohl auch einer großen gestalterischen Geste im Weg. Und darüber hinaus? Für abschließende Antworten ist es noch zu früh, aber eine erste Vermutung ist möglich: Das bislang von "hybriden Verhältnissen" so wenig gewusst und gesprochen wurde, besteht Grund zu der Annahme, dass sie relativ geräuschlos funktionierten" (23).
  • Unter der Frage "Luxus oder Leere?" skizzieren Stefanie Bremer und Elke Lorenz Beispiele im Ruhrgebiet für die Nutzung brach gefallener Flächen "abseits eines ökonomischen Verwertbarkeitsdenkens" (30). "Wie geht das Ruhrgebiet mit den Herausforderungen des Stadtumbaus um? Können diese Brachen im Sinne des Architekturtheoretikers Wolfgang Kil als "Luxus der Leere" gesehen werden, oder sind sie ein in Quadratmetern messbarer Indikator für die Größe von Problemen und planerischen Aufgaben?" (25). Diese Fragen stehen in vielen Kommunen auf der Agenda und bewegen nicht nur die Planungsprofession, sie bleiben aber auch nach der Lektüre des Beitrages offen. 
  • "Die Gestaltung des Alltäglichen" ist das Anliegen von Carlo W. Becker. Angesichts seiner Beobachtungen im "Niemandsland der Baukultur" fragt er, "wer entwirft diese Straßenräume, Bahntrassen und Brückenbauwerke, die Umspannwerke, Regenrückhaltebecken und Klärwerke, die das Erscheinungsbild unserer täglich erlebbaren Umwelt prägen?" (32). Da Verantwortliche hier kaum zu identifizieren sind, fordert Becker kollektive Anstrengungen und "die Strategie, technische Infrastruktur als Gestaltungsaufgabe anzusehen" (36). Der Erfolg dieses Ansinnens darf jedoch bezweifelt werden, denn wie die gezeigten Bilder illustrieren, ist das Geschmacksache. 
  • Beispiele für "Chinas besondere Orte" stellt Eduard Kögel vor. Ein wenig merkwürdig mutet es schon an, dass ein Europäer von "unsinnigen und nicht standortgerechten Gartenanlagen" (42) spricht, wenn er die Gestaltung fernöstlicher Wohnkomplexe skizziert. Doch es wird deutlich, dass die Verhältnisse dort in vieler Hinsicht so anders als hierzulande gar nicht sind. Beispielsweise ist anspruchsvolle Gestaltung hier wie dort teuer. So bleibt das, was Wohlhabenden dank privater Investition offen steht, für die Masse verschlossen. Die Nutzung der gezeigten Beispiele, die nach westlichem Vorbild als öffentliche Gartenanlagen innerhalb neu errichteter Eigentumswohnungskomplexe geplant wurden, erfolgt jedoch nur spärlich. Dementsprechend sind auf den Fotos der "Kommunikationsorte für die Bewohner" auch keine Menschen zu sehen, nicht einmal Spuren einer menschlichen Nutzung. Insgesamt stellt sich hier die Frage, wo Kulturkolonialismus anfängt beziehungsweise Transkulturalität aufhört.
  • Als Denkanstoß lesenswert sind die Anmerkungen von Jürgen Pietsch zum Leitbild "Wachsende Stadt Hamburg", das als politisches Programm praktiziert wird und einen expliziten Gegenentwurf zu den allenthalben vermuteten Folgen einer zukünftigen demographischen Entwicklung darstellen soll. So kritisiert Pietsch etwa die Fixierung auf Quantitäten, wenn von Schrumpfung die Rede ist und weist darauf hin, dass nicht "Stadt" schrumpft, sondern die Zahl der Einwohner sinkt. Dass das ein gehöriger Unterschied ist, sollte viel stärker bewusst werden und Ausgangspunkt stadtplanerischer Überlegungen sein.
  • "Jungfernstieg, Hamburg" ist das von Olaf Bartels vorgestellte Projekt. In Hinblick auf die Zukunft des öffentlichen Raumes ist dieser Beitrag vermutlich der ertragreichste. Denn was in Hamburg passierte, wird womöglich auch in anderen Städten Usus werden. Die Umgestaltung des als "gute Stube" der Hansestadt bekannten Jungfernstiegs ist Ergebnis von Public Private Partnership. Fünf der insgesamt 16 Millionen Euro Baukosten steuerte Werner Otto bei, der Gründer des Otto Versandes und der Projektentwicklungsgesellschaft ECE, die in vielen Städten Deutschlands Einkaufszentren errichtet und betreibt, darunter so umstrittene wie in Braunschweig, Hannover oder Oldenburg. Der internationale Architektenwettbewerb zur Neugestaltung des Jungfernstiegs wurde von der Stadt gemeinsam mit der Stiftung Lebendige Stadt ausgelobt, einer sehr umtriebigen Institution, die im Jahr 2000 von Alexander Otto gegründet wurde, Sohn von Werner Otto und heute Vorsitzender der ECE-Geschäftsführung. Zusammen mit einem Landschaftsarchitekturbüro gewann der Architekt André Poitiers 2002 diesen Wettbewerb. Poitiers ist Mitglied des Vorstandes der Stiftung Lebendige Stadt. Vor diesem Hintergrund bedarf es keiner Verschwörungstheorie, um sich Gedanken über das Engagement und den Einfluss Privater bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes zu machen - und über die Rolle, die Landschaftsplanung professionspolitisch dabei spielen sollte.
  • Susanne Isabel Kröger beschreibt mit "Frankfurter Allee-Süd, Berlin Lichtenberg" das einzige Beispiel einer "Low-Budget-Planung" (90). Bei diesem im Rahmen von URBAN II geförderten Projekt waren außerdem nicht nur gestalterische Aspekte von Belang, sondern auch sozialpolitische Anforderungen zu berücksichtigen. Untermalt mit Zitaten vor Ort geführter Interviews wird durch diesen Beitrag deutlich, dass Landschaftsgestaltung auch ganz anders sein kann.
  • In dem sehr kurzen Text von Claudia Moll zur "Kulturinsel Gessnerallee" in Zürich findet sich folgender bemerkenswerte Satz: "Auf den drei Kiesplätzen spenden Weiden Schatten. Mit einer Neigung von 15 Grad gepflanzt, haben sie den Charakter natürlich gewachsener Bäume entlang von Fließgewässern" (101). Damit wird abschließend ein Blick hinter die Kulissen des mitunter bis zur Perfidie reichenden Kalküls gewährt, mit dem Landschaftsarchitektur betrieben wird. 

Zielgruppen

Die Publikation ist sowohl an Landschaftsplanungsinteressierte adressiert, die für eine Erweiterung des Fokus offen sind, als auch an Stadtentwicklungsinteressierte, die gestalterischen Aspekten zuneigen.

Fazit

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten, doch auch bezüglich des vorgestellten Bandes ist das müßig. Gewiss, viele der Bilder sind schön anzuschauen, vielleicht sind es die zugehörigen Projekte auch in natura. Wer sich aber aus sozialarbeitswissenschaftlicher Perspektive mit der Stadt und ihrer Entwicklung befasst, bezieht die Frage nach dem Wesentlichen nicht nur auf das Verhältnis von Form und Funktion. Doch Prozesse sozio-ökonomischer Polarisierung oder sozio-kultureller Heterogenisierung und daraus resultierende Probleme, die in den Städten so offen zu Tage treten, finden in den zahlreichen Projektbeschreibungen nicht statt. So bleibt mit Bertolt Brecht festzuhalten: "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" - von Ästhetik ganz zu schweigen. Sollte sich durch die mit Urban Design 1 begonnene Reihe daran etwas ändern?


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Wüst
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Zitiervorschlag
Thomas Wüst. Rezension vom 15.09.2007 zu: Garten + Landschaft (Hrsg.): Urban Design 1. Standpunkte und Projekte. Callwey Verlag (München) 2006. ISBN 978-3-7667-1685-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4307.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


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