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Uwe Schirmer, Michael Mayer u.a.: Prävention von Aggression und Gewalt in der Pflege

Cover Uwe Schirmer, Michael Mayer, Veronika Martin, Jörg Vaclav, Franz Gaschler, Seli Özköylü: Prävention von Aggression und Gewalt in der Pflege. Grundlagen und Praxis des Aggressionsmanagements für Psychiatrie und Gerontopsychiatrie. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2006. 76 Seiten. ISBN 978-3-89993-170-9. 22,90 EUR.

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Thema, Entstehungshintergrund, Autoren und Zielgruppe

Das Buch befasst sich mit dem Thema Aggression und Gewalt gegen Pflegende in psychiatrischen und gerontopsychiatrischen Einrichtungen. Es wurde von der Arbeitsgruppe der Autoren, die aus dem 1997 gegründeten Arbeitskreis "Prävention von Gewalt und Zwang in der Psychiatrie" hervorgegangen ist, vorgelegt. Die Autoren kommen überwiegend aus den Bereichen Praxis und Lehre der Pflege. Das Buch ist als Handbuch bzw. Schulungsprogramm zur Gewaltprävention gedacht und richtet sich in erster Linie an die Angehörigen der Pflegeberufe.

Aufbau und Inhalt

  1. Im ersten Kapitel erfolgt eine Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt und Aggression in der Pflege. Einer Definition von Aggression schließen sich die unterschiedlichen Erscheinungsformen sowie die Erklärungsmodelle und Bedingungsfaktoren, die Auslöser und Risikofaktoren von Aggression bei Patienten/Bewohnern an. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass eine Pflege ohne Gewalt nicht möglich ist, da gerade in der Psychiatrie bzw. Gerontopsychiatrie zum eigenen und fremden Schutz oft gegen den Willen des Patienten/Bewohners gehandelt werden muss, außerdem krankheitsbedingte aggressive Verhaltensweisen durch institutionelle Gewaltanwendung beendet werden müssen. Leider wird nicht zwischen den Begriffen Aggression und Gewalt unterschieden, was aber wichtig ist im Hinblick auf notwendige institutionelle Zwangsmaßnahmen, die man vielleicht als eine Form der Gewalt klassifizieren könnte, die aber eben keine Aggression gegen Patienten darstellen. Auch der Begriff der institutionellen Gewaltanwendung sollte definiert werden, da es wichtig für Pflegende ist, hier klar unterscheiden zu können.
  2. Das zweite Kapitel dient der Selbstreflexion des Erlebens von und des Umgangs mit gewalttätigem und aggressivem Verhalten von Patienten/Bewohnern. Ziel ist die Prävention von Aggression auch durch Kontrolle des eigenen Verhaltens sowie Kontrolle der institutionellen Rahmenbedingungen, die eventuell Aggression auslösen können. Aus der Erkenntnis der eigenen Reaktionen auf Aggression heraus kann ein persönlicher "Notfallplan" erstellt werden, der in Situationen der Aggression der Deeskalation und des professionellen Verhaltens dient. Dieser Teil ist sehr hilfreich, vor allem aufgrund der vielen, ganz praktischen und realitätsnahen Hinweise.
  3. Das dritte Kapitel befasst sich mit der Früherkennung von Aggression, wobei es vor allem darum geht, Frühwarnzeichen auf mehreren Ebenen zu erkennen und einzuschätzen, wobei eine bewährte Checkliste zur Einschätzung des Gewaltrisikos vorgelegt wird. Daraus können präventive Maßnahmen und Grundregeln der Deeskalation abgeleitet werden. Es wird darauf hingewiesen, Verhaltensregeln im Pflegeteam zu entwickeln, um ein einheitliches Vorgehen bei Aggression sicherzustellen. (Ein Hinweis an das Lektorat: S. 40: es muss "Blickkontakt" heißen, nicht "Augenkontakt"!).
  4. Im vierten Kapitel wird ein Phasenmodell von Gewaltsituationen vorgestellt, wobei in jeder Phase die jeweiligen Interventionsmöglichkeiten aufgeführt werden. Die Tabelle auf S. 45 zur Toleranzschwelle ist etwas unverständlich (vor allem die Spalte "früher hätte ich das toleriert", hätte der Erklärung bedurft). Eine Auseinandersetzung mit dem Grad der Gefährlichkeit eines Patientenverhaltens schließt sich an, wobei auch die rechtlichen und ethischen Grundlagen von Notwehr bzw. Notstand und Zwangsmaßnehmen behandelt werden. Auch hier schließen sich Ausführungen zum eigenen Verhalten in Krisensituationen an (Sicherheit beachten, eigenes Verhalten kontrollieren, Regeln und Notfallpläne aktivieren, Kontakt zum Patienten suchen). Weiter geht es mit einer Auseinandersetzung über Zwangsmaßnahmen (Fixierung, Isolierung, Zwangsmedikation), sowie der Vorbereitung, Durchführung und Dokumentation einer solchen. Sinnvoll ist in diesem Zusammenhang die Benennung eines "Coach", der die professionelle Durchführung überwacht.
  5. Das fünfte Kapitel ist der Nachsorge gewidmet sowie der genauen Dokumentation von Aggression und Gewalt. Dazu wird der SOAS-R Fragebogen vorgestellt, der sich in der Praxis bewährt hat. Ein Prozessablauf für die Trauma-Nachsorge schließt sich an.

Kommentar

Da das Buch sich als Schulungsprogramm versteht, wäre es hilfreich gewesen, an den Anfang eine Einleitung mit dem Gesamtaufbau des Buches zu stellen, damit Leser sich zunächst einen Überblick verschaffen können bzw. systematisch durch das Buch geführt werden. Ohne dies erscheint die Abgrenzung der einzelnen Kapitel nicht unbedingt durchschaubar. Für ein Schulungsprogramm wären außerdem am Anfang der einzelnen Kapitel Lernziele bzw. -ergebnisse und Zusammenfassungen am Ende hilfreich gewesen.

Fazit

Das Buch hat einen klaren Aufbau und ist gut lesbar, praxisnah und hilfreich für Angehörige der Pflegeberufe im Umgang mit Aggression und Gewalt. Es enthält viele ganz konkrete und nützliche Instrumente, Verhaltensweisen und Tipps und regt immer wieder zur Selbstreflexion an. Das Thema der Deeskalation steht im Mittelpunkt des Umgangs mit aggressivem Verhalten, es wird aber auch deutlich gemacht, dass Gewalt und Aggression krankheitsbedingt zur Pflege in diesen Einrichtungen gehört und damit auch die notwendigen Zwangsmaßnahmen.


Rezension von
Prof. Dr. Claudia Bischoff-Wanner
Professorin für Pädagogik und Pflegewissenschaft an der Hochschule Esslingen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege
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Zitiervorschlag
Claudia Bischoff-Wanner. Rezension vom 14.02.2007 zu: Uwe Schirmer, Michael Mayer, Veronika Martin, Jörg Vaclav, Franz Gaschler, Seli Özköylü: Prävention von Aggression und Gewalt in der Pflege. Grundlagen und Praxis des Aggressionsmanagements für Psychiatrie und Gerontopsychiatrie. Schlütersche Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG (Hannover) 2006. ISBN 978-3-89993-170-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4309.php, Datum des Zugriffs 14.07.2020.


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