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Thessen Siekmeier: Onlineberatung für Senioren. Psychosoziale Beratung im Internet als ergänzendes Angebot der Altenhilfe

Cover Thessen Siekmeier: Onlineberatung für Senioren. Psychosoziale Beratung im Internet als ergänzendes Angebot der Altenhilfe. Tectum-Verlag (Marburg) 2006. 241 Seiten. ISBN 978-3-8288-9110-4. 24,90 EUR, CH: 43,70 sFr.
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Thema

Bei "Onlineberatung für Senioren" denkt man im ersten Moment an Computerkurse unter dem Motto "Mehr Alte ans Netz". Doch über moderne Technologie ist auch Lebensberatung möglich. Telefonseelsorge war wohl in dieser Hinsicht die erste technisch basierte therapeutische Hilfe, bei der sich Helfer und Klient nicht Auge in Auge ("face to face") gegenüber saßen. In diesem Sinn von Überbrückung räumlicher Distanz zwischen Sender und Empfänger greift der Titel des im Tectum-Verlag Marburg erschienen 242-Seiten-Buchs "Onlineberatung für Senioren" von Thessen Siekmeier in den therapeutischen Focus.

Das Buch "Onlineberatung für Senioren" geht induktiv von der Beschreibung alter Menschen und ihrer Rollenveränderungen heute (einschließlich Schilderung einiger Alterstheorien) zur Kennzeichnung psychosozialer Beratung und der allgemeinen Mediennutzung durch Senioren über. Danach werden Praktiken und Probleme der Online-Beratung im Zwei- und Mehrpersonen-Setting (Mail, Chat) mit einem Ausblick behandelt.

Autor

Zu Thessen Siekmeier  hätte man gerne mehr gewusst. Das Buch selbst schweigt sich darüber bis auf die Tatsache aus, dass es sich bei der Veröffentlichung offenbar um eine an der Universität Bielefeld vorgelegte Dissertation handelt. Zusätzliche Recherche weist Thessen Siekmeier als Diplom-Pädagogen (männlichen Geschlechts - schließlich ist der Vorname nicht so geläufig wie Hans und Fritz) aus, der als Dozent für Pädagogik an der Universität Bielefeld lehrt.

Aufbau und Inhalt

  • Einleitend wird als Ziel die Verknüpfung von Gerontologie und medialen Beratungsmöglichkeiten thematisiert.
  • Die gerontologische Grundlegung erfolgt mit demografischer Vorausschau und Skizzierung der gängigen Alterstheorien (Teil 2).
  • Über die behandelten Rollenveränderungen wird drittens der Beratungsbedarf älterer Menschen erhellt.
  • Nach diesen Grundlegungen werden in Teil 4 Defizite und Schwierigkeiten therapeutischer Beratung für alte Menschen behandelt.
  • Die Arbeit stößt danach in Teil 5 zur Medien-Nutzung der Altenbevölkerung vor.
  • Im Schwerpunktkapitel von Teil 6 "Onlineberatung" erfolgt die Auseinandersetzung mit dem möglichen Widerspruch zwischen personaler Beratung und dem unpersönlichen technischen Medium; es werden Vermutungen über die steigende Internet-Beratungsnutzung durch Ältere angestellt und deren Funktion im Sinne von Ergänzung anstelle von Ersatz definiert.
  • Das Schlusskapitel zieht eine vorläufige, vorsichtige Bilanz zur Steigerung von Beratung via Internet und zeigt Möglichkeiten, Schwierigkeiten (unsichere Verschwiegenheit, ungewisse Qualität, automatisierte Antwort-Generierung) und Erfordernisse der künftigen Entwicklung mittels erleichterten Zugangs zum Internet für Ältere auf.

Diskussion

Recht spät, erst in seiner zweiten Hälfte, stößt Siekmeiers Buch nach umfangreichen vorbereitenden Herleitungen zu seinem eigentlichen Thema der Onlineberatung für Ältere vor. Dennoch gerät zuvor manches zunächst knapp: Die Disengagement- und Defizit-Theorien werden nicht in ihrer Funktion als Grundlegung beruflicher Ausgliederung gesehen, die Reziprozitäts- und Austausch-Theoreme fehlen bei der Alterstheorien-Darstellung vollkommen. Auch auf interindividuell unterschiedliche Verarbeitungsformen von Krisen und Problemen wird zu wenig abgehoben. 

Zu Recht wird angesichts drohender Singularisierung im Alter erhöhter Beratungsbedarf gesehen. Die Arbeit legt den Akzent dabei aber zu sehr auf die Rollenverluste als exogenen Erschwerungen, obwohl an anderer Stelle die "Somatisierung von Beschwerden" beklagt wird und die Vernachlässigung von endogenen, psychischen Störungen kritisiert wird. Auf den Konstruktivismus geht der Verfasser überhaupt nicht ein. Bei der Nennung von Einsamkeit und Depression hätte bereits auf Online-Beratung rekurriert werden können. Die lehrhafte Gliederungsabfolge bringt es leider mit sich, dass Störungsursachen und Beratung separat abgehandelt werden, wiewohl ein innerer Zusammenhang besteht.  

Die künftige Internet-Beratungsnutzung durch Ältere wird gesehen, aber eher pauschal angenommen als extrapolativ gefolgert. So kann die Computervermittelte Kommunikation CvK ohne "sinnliche" Interaktion breit problematisiert werden. Siekmeier hält sich mit einem Sowohl-Als-auch gern in der Mitte: Sieht in der CvK sowohl Defizite als auch Chancen, begreift sie mehr als Ergänzung denn als Ersatz für die "Face-to-Face"-Beratung, kann sich in saloppem Gehabe ("mündliche Schriftlichkeit") Empathie vorstellen und breitet die CvK-Theorien zahlreich aus, wiewohl er deren geringe Reichweite einräumt. So bleibt vieles im Ungefähren und Unverbindlichen. Kein Wunder: Die Datenlage, auf der die Arbeit fußt, ist dürftig; es gibt "so gut wie keine Erfahrungsberichte" (Seite 169). Haupt-Internetklienten sind eben Jüngere, Ältere sind erst im Anmarsch. Siekmeiers konjunktivisches Vokabular ist darum inflationär: Da wimmelt es von "könnte", "dürfte", "müsste", "wäre zu prüfen", "wird man sich vorstellen können" und natürlich: "müsste einmal empirisch untersucht werden" (Seiten 132, 146, 173, 193, 201). Dies ähnelt dem einst von Heidi Schüller ironisch empfohlenen Weg (in: "Die Alterslüge" 1995, Seite 165): Die Promotion möge gleich das Erfordernis der anschließenden Habilitation erheben. 

Der Vorschlag der kostenlosen Internet-Finanzierung für Sozialschwache ist illusionär. Die Altenberatung der Sozialhilfe findet sich seit 2005 nicht mehr, wie auf Seite 75 mitgeteilt, in § 75 BSHG, sondern in § 71 SGB XII. Neben der Autorenvita-Angabe mangelt es der Arbeit auch an einem Stichwortregister. Dafür ist das Literaturverzeichnis mit 30 Seiten und gut 300 Titeln aufgebläht.

Fazit

Ein sicherlich richtiger Ausblick auf künftighin technologisch gestützte Beratungsformen auch für Ältere. Die empirische und theoretische Unterfütterung ist meist bescheiden, der Aufbau schulmäßig, manche Argumentation eher spekulativ. Dennoch ein in seinen fiktiven Projektionen anregendes Buch.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 17.12.2007 zu: Thessen Siekmeier: Onlineberatung für Senioren. Psychosoziale Beratung im Internet als ergänzendes Angebot der Altenhilfe. Tectum-Verlag (Marburg) 2006. ISBN 978-3-8288-9110-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4314.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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