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Petra Uhlmann, Michael Uhlmann: Was bleibt. Menschen mit Demenz

Cover Petra Uhlmann, Michael Uhlmann: Was bleibt. Menschen mit Demenz. Portraits und Geschichten von Betroffenen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2006. 102 Seiten. ISBN 978-3-938304-62-4. 20,00 EUR, CH: 53,10 sFr.
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Gibt es ein Licht am Ende des Tunnels?

Menschen, deren Denkvermögen, Gedächtnisleistung, Orientierung und Urteilsvermögen nicht mehr funktionieren, werden als dement bezeichnet. Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre, leidet unter Demenz. Die Sozialverbände schätzen, dass in Deutschland mehr als eine Million Menschen mit altersbedingten Hirnstörungen leiden. Und die Anzahl wird, nach der demographischen Entwicklung, weiter steigen. Dementsprechend besteht in unserer Gesellschaft ein diffuses Bild von demenz-kranken Alten. Bei den betroffenen Angehörigen werden Demente entweder versteckt, verschwiegen oder in Heime abgeschoben; man schämt sich der Menschen, die "ihren Verstand verloren haben". Die Öffentlichkeit reagiert, wenn sie reagiert, mit Panik, Hysterie und Unverständnis. Es gibt kein Medikament, das Demenz heilt. Es gibt nur die Möglichkeit, über die Krankheit aufzuklären und sich in der Familie, Nachbarschaft und Gesellschaft damit auseinander zu setzen. Besonders im Verhältnis der Gesunden zu den Dementen wird deutlich, dass in jeder Gesellschaft und Kultur kranke Menschen und ihr Umgang mit ihnen, ein Spiegel der Gemeinschaft ist; genau so wie die in der Gesellschaft gaukelnden Bilder von Wohlbefinden, Jugendlichkeit, Schönheit und Gesundheit Zerrbilder des gesellschaftlichen Miteinanders spiegeln. Demenz-kranke Menschen aber brauchen in erster Linie Zuwendung, Verständnis und Empathie, wie schwer sich auch die Krankheit darstellt und in das Leben einer Gemeinschaft eingreift.

Text und Fotos

Die freiberuflich als Autorin und Dozentin tätige Petra Uhlmann (geb. 1956) und der Fotograf Michael Uhlmann (1958), haben aus eigener familiärer Erfahrung, aus Begegnungen in Wohngemeinschaften, Heimen und Familien, ein sehr sensibles Buch vorgelegt. Die Frage, die dem Buch den Titel gab - "Was bleibt?" - will hinführen zu dem, was demenzkranke Menschen in ihrer Krankheit noch haben; außer dem physischen Leben - nämlich ihre Würde, ihre Persönlichkeit und Einzigartigkeit. Sie möchten mit den eindrucksvollen Schwarz-Weiß- und Farbfotos und den Geschichten, die sie von den Betroffenen geschrieben haben, einen Brückenschlag zwischen Menschen mit und ohne Demenz versuchen. Die Portraits von Demenzkranken, die in Wohngemeinschaften leben, ihr Dasein als kranke Menschen und die Bilder und Fotos, Erinnerungsstücke aus ihrem Leben als Gesunde, die sie umgeben wie blinde Farben und nicht mehr wahr genommene Lebensstationen; ihre Blicke, kindhaften Vertraulichkeiten und bösen Attacken - alles, was ihr Leben ist. Da ist das Leben von Elisabeth W., der früheren, hübschen Tänzerin und ihrem ehemaligen Nachbarn Detlef, der sie regelmäßig besucht und sie einfühlsam betreut, nicht als Patientin, sondern als Freundin und von der die Autoren spüren, dass diese kranke Frau "bei sich angekommen ist", mit einem "Rhythmus, der für die Außenwelt in seiner so eigenen Dynamik irritierend wirkt"; oder von Marianne, die in ihrem "früheren" Leben ein Dasein mit Pflichterfüllung führte und gar als "lustige Witwe" über die Stränge schlug, um am Ende friedlich diese Welt zu verlassen. Die Geschichte des alten Ehepaares, er, als ehemaliger Lehrer und weltoffener Mensch, der sich die Welt in seinen Zeichnungen und Phantasien erschloss, um als Demenzkranker den Verstand zu verlieren - nur nicht seine Partnerin, die sich um ihn kümmert; was sich in den Bildern, die er jetzt auf das Papier zu bringen versucht, irgendwie zeigt. Auch die Geschichte von Herrn und Frau J., deren Hochzeitsfoto sie als strahlende, glückliche junge Menschen zeigt und das er, der Kranke, hoch hält wie eine visionäre Trophäe, die er nicht mehr erkennt. Die Begegnung dieses Paares erinnert die Autorin an die Erkenntnis des mittelalterlichen Arztes und Philosophen Paracelsus: "Die beste Arznei für Menschen ist der Mensch. Der höchste Grad der Arznei ist die Liebe".

Der Anfang und das Ende der eindrucksvollen Annäherung der Autoren sind die Erinnerungsbilder an Petras Mutter; der Schock über die ärztliche Diagnose "senile Altersdemenz"; die freimütig geschilderten Irritationen, Miss- und Unverständnisse über das  Verhalten der Kranken, ihre schwierige und schmerzhafte Auseinandersetzung mit ihrem "Mutterbild", das in der Krankheit der Mutter mehr und mehr zu verschütten drohte. An dieser Erinnerungsarbeit lässt sie uns teilhaben, ohne den Versuch zu unternehmen, Antworten auf das Unbeantwortbare geben zu wollen; oder das Schwierige zu beschönigen, das Unerklärliche zu erklären oder das Untröstliche tröstlich auszusprechen.

Fazit

Petra und Michael Uhlmann haben kein Fachbuch über Demenz geschrieben, sie haben nicht andeutungsweise den Versuch unternommen, die Krankheit zu definieren oder gar Heilungschancen zu prognostizieren; vielmehr ist das Buch "Was bleibt…" ein einfühlsamer Beitrag, Empathie für demenzkranke Menschen zu entwickeln. Es kann dazu beitragen, den Angehörigen neben der sorgenden Aufgabe auch den Blick zu öffnen, dass Krankheit keine tabula rasa schafft und kein Nichts als Menschsein, sondern dass etwas bleibt: "Die Leiblichkeit und die Sinnlichkeit, die Emotionen und die Kreativität, auch das Bedürfnis nach spiritueller Selbstvergewisserung". Diese Würde von demenzkranken Menschen zu finden, bietet das Buch zahlreiche Beispiele. Angehörigen, aber auch für Professionelle, die demenzkranke Menschen betreuen und pflegen, könnte das Buch in der schwierigen Aufgabe Anregung und Trost sein.

Die Autoren haben aus den im Buch gezeigten Fotos, Geschichten und Zeichnungen ("Dement-Art") eine Ausstellung erarbeitet, die erworben werden kann. (www.edition.uhlensee.de; post@uhlensee.de).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 15.01.2007 zu: Petra Uhlmann, Michael Uhlmann: Was bleibt. Menschen mit Demenz. Portraits und Geschichten von Betroffenen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2006. ISBN 978-3-938304-62-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4352.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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