Jürgen Boeckh, Ernst-Ulrich Huster et al.: Sozialpolitik in Deutschland. Eine systematische Einführung
Rezensiert von Prof. Dr. Gisela Kubon-Gilke, 14.12.2006
Jürgen Boeckh, Ernst-Ulrich Huster, Benjamin Benz: Sozialpolitik in Deutschland. Eine systematische Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 2., aktualisierte Auflage. 520 Seiten. ISBN 978-3-8100-4064-0. 24,90 EUR.
Zielsetzung
Bereits der erste Satz des Vorwortes gibt Indizien zu dem Stellenwert und der Einordnung des vorliegenden, umfangreichen Buches. Aktuelle sozialpolitische Diskussionen und Reformen zeigen einerseits, dass bisherige Systeme und Grundsätze der Sozialen Sicherung in Frage zu stehen scheinen. Andererseits zeigen sich deutliche soziale Probleme in vielen Marktgesellschaften, so auch der Bundesrepublik Deutschland, u.a. durch zunehmende Vermögens- und Einkommensungleichheit, Armut und fehlende Absicherungen existentieller Risiken. Ziel der Autoren ist es deshalb, nicht nur einen Abriss über die Regeln des (mittlerweile schnelllebigen) Sozialstaats zu geben, sondern insbesondere eine Einordnung in allgemeine theoretische, historische und empirische Zusammenhänge zu leisten. Dieser hohe Anspruch wird im Verlauf des Buches umgesetzt. Damit ist das vorgelegte Konzept inklusive deren Umsetzung des Lehrbuches deutlich anders als das anderer Lehrbücher der Sozialpolitik, die sich oft nur in kurzen Passagen mit grundsätzlichen theoretischen Fragen auseinandersetzen und eher konkrete Regeln darstellen und diskutieren.
Aufbau und Inhalt
- Nach einem kurzen Vorwort werden im ersten, sehr lesenswerten Kapitel Legitimation und Delegimation des Sozialstaats angesprochen, wobei auch aktuelle Kontroversen aufgegriffen werden. Dazu werden grundlegende philosophische Vorstellungen wie die Positionen von Hobbesoder Locke vorgestellt und eingeordnet.
- Das zweite, erfreulich ausführlich gehaltene Kapitel zeichnet historische Phasen der Sozialpolitik nach, wobei deutlich eine soziologisch-politisch übliche Terminologie gewählt wird, die für Vertreter anderer Wissenschaften vielleicht manchmal als etwas irreführend empfunden wird (so ist "privatkapitalistische Arbeit" als Begriff zwar in einigen Wissenschaften üblich, dennoch problematisch, weil erst endogene Wettbewerbsgründe die Herausbildung spezifischer Institutionen, Rechtsformen etc. eines marktwirtschaftlichen Systems begründen und es zumindest für Ökonomen sinnvoller erscheint, den Wechsel des Modus der Organisation der Arbeitsteilung von einem Traditions- und Befehls- zu einem Marktsystem mit den spezifischen Übergangs- und Steuerungsproblemen zu thematisieren). Die sozialpolitischen Herausforderungen und Maßnahmen werden systematisch und aufgeteilt in verschiedene Phasen seit dem Schwinden alter Feudalstrukturen bis zu heutigen Entwicklungen nachgezeichnet. In einem kurzen Exkurs wird auch die DDR-Sozialpolitik behandelt, wobei es ein eigenständiger interessanter Punkt wäre, zunächst über sozialpolitische Anforderungen und Möglichkeiten in einem gänzlich anderen Koordinationsmodus zu diskutieren. Das hätte aber sicherlich zu wenig der Buchintention entsprochen und ist deshalb auch nicht als Kritik zu verstehen, dass dieser Abschnitt relativ knapp gehalten wurde.
- Das
dritte, ebenfalls sehr ausführliche Kapitel beschäftigt sich mit der Sozialpolitik
in Deutschland. Zunächst werden
Grundlagen wie Eigenverantwortung, Solidarität und Subsidiarität
angesprochen, dann Rahmenbedingungen diskutiert (der Begriff der "Ökonomisierung"
ist hierbei wiederum in gewisser Weise kritisch zu hinterfragen, er
entspricht aber ebenfalls gängiger Terminologie vieler Nichtökonomen). Im
nächsten Unterabschnitt dieses Kapitels werden Instrumente und allgemeine
Prinzipien der Sozialpolitik dargelegt, im Anschluss die Funktionen der
Sozialpolitik noch einmal explizit benannt. Als nächstes erfolgt eine
Übersicht des Sozialleistungssystems nach verschiedenen
Kategorisierungsmöglichkeiten. Besonders breiten Raum nimmt die Behandlung
von Problemlösungen sowie potentiellen und umgesetzten Lösungen ein.
Zentral für die Autoren ist die zunächst die Frage nach
Steuerungsproblemen im Hinblick auf die Arbeit, wobei sie insbesondere auf
Probleme des Arbeitsmarktes, also der Erwerbsarbeit und der Arbeitslosigkeit
eingehen. Neben den allgemeinen Problemen werden ausführlich und
sorgfältig die aktuell gültigen gesetzlichen Regelungen dargestellt. Nach
dieser Diskussion wird das Problem der Einkommensentstehung und vor allem
-verteilung diskutiert. Dabei werden u.a. auch empirische Ergebnisse zur
Verteilungsentwicklung in Deutschland präsentiert. In diesem Abschnitt
wird auch die Familienpolitik - durchaus innovativ und nachvollziehbar -
verortet. Die Themen Gesundheit und Pflege sowie Alter und Alterssicherung
mit ihren spezifischen Aufgaben, Herausforderungen und
Lösungsmöglichkeiten schließen sich an.
Im dritten Kapitel erfolgt ebenfalls die Wirkungsanalyse der Sozialpolitik. Das ist ein besonders hervorzuhebender Teil, da sich viele Sozialpolitiklehrbücher in dieser Hinsicht zu sehr zurückhalten, es aber im in jedem Fall untersuchenswert ist, ob die Maßnahmen tatsächlich die angestrebten Ziele erreichen oder ob es indirekte Wirkungen z.B. über Preis- und Mengenänderungen auf Märkten gibt, die der eigentlichen Intention zuwiderlaufen können. Die Autoren argumentieren aber weniger auf dieser mikroökonomischen, sondern eher auf einer sicherlich ebenfalls relevanten makroökonomischen Ebene. - Im vierten Kapitel wird die Sozialpolitik im Sozialraum Europaangesprochen, wobei politische und ökonomische Rahmenbedingungen und Diskurse ebenso wie tatsächliche Formen und Inhalte einer europäischen Sozialpolitik dargestellt werden. Im fünften und letzten Kapitel schließlich wird die theoretische Klammer geschlossen, indem theoretische Zusammenhänge zwischen Staatlichkeit und sozialpolitischer Intervention zum Gegenstand der Überlegungen gemacht werden. Dabei wird insbesondere der Diskurs zu antagonistischen Klasseninteressen im Sozialstaat aufgenommen und abschließend Sozialpolitik als Form der Friedenspolitik diskutiert.
Zielgruppe
Das Buch richtet sich offensichtlich an Studierende, die eine gewisse interdisziplinäre Schulung durchlaufen und sich mit verschiedenen Paradigmata und Wissenschaften auseinandersetzen. Studienanfänger werden einige Kapitel möglicherweise nicht ganz einfach lesbar finden, da philosophische und politologische Grundlagen zwar korrekt und gut formuliert sind, aber doch sehr knapp dargelegt werden. Vorkenntnisse über philosophische Vorstellungen z.B. zu einem Gesellschaftsvertrag sind dazu nützlich, aber nicht zwingende Voraussetzung. Es ist bei den Autoren spürbar, dass sie an einer (evangelischen) Fachhochschule lehren, in der ein Studiengang zu Sozialer Arbeit angeboten wird, da dieses Studium gerade die interdisziplinäre Befassung mit vielen Fragen beinhaltet. Wünschenswert wäre es, wenn auch in anderen Studiengängen wie der Ökonomik oder der Soziologie dieses Lehrbuch eingesetzt würde, um genau dieses interdisziplinäre Verständnis zu fördern und um die vielfältigen Diskursebenen den Studierenden zu verdeutlichen.
Diskussion
Das Buch ist insgesamt ein wichtiger und innovativer Beitrag zu dem großen Themenbereich der Sozialpolitik. Kenner sozialpolitischer Programme und Grundsätze können davon ebenso profitieren wie diejenigen, die noch am Beginn ihres Studiums stehen und sich neu mit sozialpolitischen Fragen beschäftigen. Ein "Alleinstellungsmerkmal" des Buches ist es, ausführlich und außerordentlich kompetent theoretische und historische Diskussionen zu integrieren. Es ist vorbildlich gelungen, theoretische und grundsätzliche Argumente sowohl am Anfang als auch am Ende des Buches zu diskutieren. Es gibt wenige Schwachstellen des Buches. Für eine Neuauflage - die dem Buch zu wünschen ist - ist es allerdings empfehlenswert, wirtschaftstheoretische Entwicklungen und Aussagen etwas stärker zu berücksichtigen. Die Argumente dazu werden nicht in der Präzision und Aktualität dargestellt, wie es das sonstige Buch auszeichnet. Mikroökonomische Wirkungsanalysen sollten ergänzt, neuere makroökonomische Überlegungen zu Möglichkeiten und Grenzen insbesondere einer keynesianisch ausgerichteten Politik aufgegriffen werden. Das ist eher ein Wunsch an ein Weiterdenken und die Weiterarbeit der Autoren. In der vorliegenden Form beeindruckt das Buch bereits durch die Stringenz der Argumente, die sowohl deskriptive als auch theoretische Ausrichtung und das große Spektrum der Argumente. Damit ist das Buch uneingeschränkt empfehlenswert.
Fazit
Als Fazit ist festzuhalten, dass das vorliegende Lehrbuch exzellent geeignet ist, aktuelle sozialpolitische Entwicklungen, Zwänge und Möglichkeiten zu beleuchten und zu verstehen. Dass dabei allgemeine theoretische Diskurse die Klammer der Argumentation bilden, ist als besonders positiv und gelungen hervorzuheben. Dadurch wird dieses Buch selbst nach politischen Reformen nichts an seiner Relevanz einbüßen.
Rezension von
Prof. Dr. Gisela Kubon-Gilke
Professorin für Ökonomie und Sozialpolitik
Schwerpunkte: Theorie der Sozialpolitik inklusive ökonomischer Wirkungsanalyse, Bildungsökonomik, Arbeitsmarkttheorie, normative Grundfragen der Ökonomik
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