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Marianne Leuzinger-Bohleber, Yvonne Bradl et al. (Hrsg.): ADHS - Frühprävention statt Medikalisierung

Rezensiert von Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner, 13.03.2007

Cover Marianne Leuzinger-Bohleber, Yvonne Bradl et al. (Hrsg.): ADHS - Frühprävention statt Medikalisierung ISBN 978-3-525-45178-6

Marianne Leuzinger-Bohleber, Yvonne Bradl, Gerald Hüther (Hrsg.): ADHS - Frühprävention statt Medikalisierung. Theorie, Forschung, Kontroversen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. 306 Seiten. ISBN 978-3-525-45178-6. 34,90 EUR.
Schriften des Sigmund-Freud-Instituts : Reihe 2, Psychoanalyse im interdisziplinären Dialog, Bd. 4.

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Herausgeber

Der vorliegende Sammelband ist in der Reihe der Schriften des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt erschienen. Marianne Leuzinger-Bohleber (Universität Kassel) ist geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts; Yvonne Brandl arbeitet u.a. als Projektleiterin am Sigmund-Freud-Institut, Gerald Hüther ist Professor für Neurobiologie (Universität Göttingen).

Zum Thema

Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) ist eine verbreitete Diagnose; die Häufigkeit hat sprunghaft zugenommen und steht oft synonym für fast alle kindlichen Schwierigkeiten im Vorschul- und Grundschulalter. Prävention ist zu einem vordringlichen Problem in unserer globalisierten, multikulturellen Industriegesellschaft geworden. Weit auseinander gehen die Empfehlungen für Präventions- und Therapieangebote, vom verstehenden Zugang zum Einzelnen und seiner Familie bis zur medikamentösen Behandlung. Angesichts von geschätzt weltweit 80 Millionen Kindern, davon in Deutschland ca. 400 000, die auf Grund der Diagnose ADHS medikamentös behandelt werden, sorgen sich die Herausgeber um eine drohende Medikalisierung sozialer Probleme. Die vorliegende Publikation soll zu einem fruchtbaren Dialog zwischen psychoanalytischen, kinderpsychiatrischen, neurobiologischen und weiteren Experten auf diesem Gebiet beitragen. Sie soll den Leser anregen, sich mit den vielschichtigen, relevanten Facetten heutiger Kindheit zu befassen, die im Fokus ADHS aufscheinen.

Aufbau und Inhalt

Marianne Leuzinger-Bohleber führt umfangreich ins Thema ein. Sie zeigt an Fallbeispielen die Komplexität des Problems, verweist mit kritischen Fragen, für was ADHS Ausdruck sein könnte. Sie diskutiert die folgenden Kapitel, stellt dabei die Vorstellung der Psychoanalyse zur Ätiologie von ADHS mit Einbeziehung moderner Säuglingsforschung und Bindungstheorie bzw. Neurobiologie dar sowie die Bedeutung früher Prävention.

  • In den ersten Beiträgen gehen drei Professoren der Fachhochschule Darmstadt der Frage nach, ob die dramatische Zunahme von ADHS ein Indikator für "veränderte Kindheiten" oder für eine zunehmende "Medikalisierung des Sozialen" ist. Dieter Mattner stellt die These auf, dass die Zunahme möglicherweise seismographisch die Nöte von Kindern in unserer Zeit und in unserer Gesellschaftsform signalisiert, eine biologistische Deutungsperspektive es jedoch ermöglicht, dass diese Probleme nicht in den Blick genommen werden müssen. Hartmut Amft beantwortet für sich die Frage eindeutig. Er sieht die Zunahme von ADHS-Diagnosen als Ausdruck veränderter Kindheiten, als Symptom einer kranken Gesellschaft. Er übt heftige Kritik am Krankheitsmodell und am Syndrombegriff, der biologische Ursachen suggeriert, und prangert die "Ritalin®¨-Welle" an. Es gebe kein einzelnes ätiologisches Modelle, wie häufig unterstellt werde; Aufmerksamkeitsdefizit beschreibe vielmehr Verhaltensweisen, die unterschiedliche Ursachen haben können. Für eine kleine Gruppe von hirnfunktionell gestörten Kindern ist die Gabe von Methylphenidat gerechtfertigt. Im Anschluß daran formuliert Manfred Gerspach Gedanken zum Verstehen von Kindern mit Aufmerksamkeitsstörungen.
  • Im zweiten Teil kommen Kinder- und Jugendpsychiater zu Wort. Peter Riedesser listet einige Argumente der Kontroverse auf und stellt sie einander gegenüber. Gerd Lehmkuhl und Manfred Döpfner erläutern, dass nach einem biopsychosozialen Modell eine multimodale Diagnostik und Behandlung notwendig ist. Die Ergebnisse einer amerikanischen und ihrer Kölner Studie belegen u.a., dass je nach individuellem klinischen Bild sowohl medikamentöse und Verhaltenstherapie wirkungsvoll sind, die Überlegenheit eines multimodalen Ansatzes jedoch nicht durchweg belegt ist. Klaus-Dieter Grothe und Anke-Maria Horlbeck begründen, wieso sie auch Medikamente geben, nämlich dann, wenn mit anderen Methoden keine ausreichende Verbesserung erzielt werden kann und schulische, soziale und/oder familiäre Desintegration die Folge ist.
  • Im dritten Teil werden psychoanalytische und neurobiologische Überlegungen zu Prävention und Frühintervention vorgestellt. Die ersten beiden Aufsätze spannen einen weiten Rahmen, speziell ADHS scheint die Autoren nur am Rande als ein Gebiet zu interessieren, in dem ihre Ansichten fruchtbar sein könnten, und findet deshalb nur kurze Erwähnung: Dieter Bürgin philosophiert über psychoanalytische Aspekte der Gewaltprävention , er fragt sich ob und wie Prävention möglich gewesen wäre bei einem Kind, das wegen Aggressivität und Destruktivität stationär in der Kinder- und Jugend-Psychiatrie aufgenommen wurde bzw. an den Helden von Camus Drama "Die Gerechten". Hans von Lüpke führt das Konzept des Dialogs für das Verständnis von Interaktionen ein, bezieht dabei Kleinkindforschung und Neurobiologie mit ein.
  • Anschließend beschäftigt sich Frank Dammasch mit ADHS aus analytischer Sicht. Er geht davon aus, dass Symptome der Hyperaktivität häufig auf manischen Abwehrversuchen früher Verlust- und Trennungserfahrung basieren. Er zeigt an einem ausführlichen Fallbeispiel wie ein hyperaktives Kind auch einen erfahrenen Therapeuten an seine Grenzen bringen und Gefühle der Inkompetenz auslösen kann. Er kritisiert Medikamentengabe und Verhaltenstherapie als nicht am Einzelfall orientiert, sieht aber trotzdem, dass das Medikament helfen kann, die Spirale der Hilflosigkeit zu durchbrechen.
  • Gerald Hüther berichtet in einem verhältnismäßig kurzen Beitrag über die nutzungsabhängige Herausbildung hirnorganischer Veränderungen bei Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen. Er verdeutlicht, dass die Dopaminmangelhypothese mittlerweile widerlegt ist. Er verweist auf den Einfluss der Entwicklungsbedingungen für die Ausreifung des antriebsstimulierenden dopaminergen Systems und die Beteiligung dopaminerger Afferenzen des präfrontalen Kortex bei der Regulation von Kognition und Aufmerksamkeit und an der Verstärkung intentionaler Reaktionen und deren Umsetzung in entsprechende Handlungen. Die Bedeutung früher Prävention wird deutlich durch die Tatsache, dass das Maximum synaptischer Angebote und die höchste Synapsendichte im präfrontalen Kortex um das sechste Lebensjahr erreicht wird; Strukturen, die bis dahin nicht nutzungsabhängig stabilisiert sind, werden abgebaut und fehlen für die Verhaltensregulation. Hüther formuliert die Modellvorstellung, dass bei der Entstehung der ADHS-Symptomatik eine überhäufige Aktivierung des dopaminergen Systems vorliegt und es dadurch zu einer übermäßigen Stimulation von axonalem Wachstum in den bedeutsamen Projektionsgebieten kommt. Stress, Überreizung und emotionale Belastung durch unsichere Bindung, fehlende Strukturen und Rituale, inkompetente Erziehungsstile und Überlastung der Eltern, aber auch frühe Traumatisierung des Kindes können zu einer Überstimulierung des dopaminergen Systems führen; als protektiven Faktor hebt er Sicherheit bietende Bindungsbeziehungen hervor. Die neurobiologischen Auswirkungen einer langfristigen Einnahme von Psychostimulanzien sieht er gegenwärtig schwer abschätzbar und daher sehr kritisch.
  • Die letzten drei Beiträge stellen konkrete Projekte vor. Ein 23-köpfiges Autorenteam mit den  Herausgebern stellt das Design und an einem Fallbeispiel die Interventionsmaßnahmen der Frankfurter Präventionsstudie vor, die alle Frankfurter Kindertagesstätten erfasst. Bernd Henke beschreibt die Hamburger Frühpräventionsstudie, die das Ziel verfolgt, anhand von zehn detaillierten Einzelfallstudien ein psychoanalytisches Präventionsprogramm für 0 bis 3-jährige Kinder zu entwickeln. Abschließend werben Manfred Cierpka und Andreas Schick für das Präventionsprogramm "Faustlos", das bereits in vielen Kindergärten und Schulen zum Standard gehört. Dies ist zwar nicht explizit für die Prävention von Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen entwickelt worden, es beeinflusst aber sicherlich auch Vorläuferbedingungen für Hyperaktivität positiv.

Diskussion

Die Diagnose ADS/ADHS ist weit verbreitet und steht oft synonym für viele Schwierigkeiten und Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter; häufig ist mit dieser Diagnose die Gabe von Medikamenten verbunden. Insgesamt wird in diesem Buch deutlich, dass die Diagnose zu leichtfertig vergeben wird. Es wird aber auch deutlich, dass die genannten Probleme Eltern und andere Betreuungspersonen sehr belasten.

Enorme Forschungsanstrengungen werden unternommen zur Aufklärung der mit dieser Störung assoziierten neurobiologischen und molekulargenetischen Auffälligkeiten sowie zur medikamentösen Behandlung. Es besteht ein eklatantes Missverhältnis zu Bestrebungen für präventive Interventionsprogramme. Die Häufigkeit der Auffälligkeiten zeigt jedoch die Notwendigkeit von Prävention. Zudem ist der Aufwand von Frühprävention und -intervention gegenüber einer Erwachsenentherapie gering. Medikamente stellen manchmal die einzige im Augenblick wirksame Hilfe dar; es wird aber gefordert, sie nur als letzte Notlösung zu sehen, denn sie bieten keine kausale Lösung des psychischen Entwicklungsdefizits.

Fazit

Das Buch enthält einige lesenswerte Beiträge. Der meiner Ansicht nach wichtigste Beitrag ist unscheinbar und kurz und könnte leicht überlesen werden: das von Gerald Hüther verfasste Kapitel über die nutzungsabhängige Herausbildung hirnorganischer Veränderungen.

Rezension von
Dr. Dipl.-Psych. Lothar Unzner
ehem. Leiter der Interdisziplinären Frühförderstellen in Dorfen, Erding und Markt Schwaben im Einrichtungsverbund Steinhöring
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Zitiervorschlag
Lothar Unzner. Rezension vom 13.03.2007 zu: Marianne Leuzinger-Bohleber, Yvonne Bradl, Gerald Hüther (Hrsg.): ADHS - Frühprävention statt Medikalisierung. Theorie, Forschung, Kontroversen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2006. ISBN 978-3-525-45178-6. Schriften des Sigmund-Freud-Instituts : Reihe 2, Psychoanalyse im interdisziplinären Dialog, Bd. 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4369.php, Datum des Zugriffs 17.06.2024.


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