Jürgen Nowak: Leitkultur und Parallelgesellschaft [..]
Rezensiert von em. Prof. Dr. Süleyman Gögercin, 16.01.2007
Jürgen Nowak: Leitkultur und Parallelgesellschaft - Argumente wider einen deutschen Mythos. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2006. 175 Seiten. ISBN 978-3-86099-831-1. 14,90 EUR. CH: 27,10 sFr.
Hintergrund
Die Begriffe "Leitkultur" und "Parallelgesellschaft" spielen in der politischen Diskussion der letzten Jahre eine wichtige Rolle, gaben doch manch konservative Politiker vor, dass man mit solchen polarisierenden Themen auf dem Rücken von Migranten und Migrantinnen Wahlen gewinnen kann. Dabei werden diese Begriffe einseitig nach ethnischen Kriterien interpretiert und sind nach Auffassung des Autors des vorliegenden Buches "Teil einer Legendenbildung zur Verteidigung machtpolitischer Privilegien". Sie entsprächen weder den sozialhistorischen Entwicklungen noch den aktuellen soziologischen Tatsachen. Er bezeichnet sie als einen deutschen Mythos und will dies mit Argumenten auf sozialwissenschaftlicher Grundlage in dieser Veröffentlichung belegen. Das politische Sachbuch erhebt den Anspruch, den Grundstein für eine neue Politik der Mehrheit in Bezug auf Minderheiten zu legen.
Die Ausgangsthese des Autors lautet: "Es gibt kein Problem der Minderheit an sich in der Gesellschaft, sondern es ist auch stets ein Problem der Mehrheit in Bezug auf die Minderheit. Die Bundesrepublik Deutschland ist ein multikulturelles Land, was sich anhand vieler Indikatoren nachweisen lässt." (S. 2)
Autor
Dr. Jürgen Nowak ist Professor für Soziale Ökonomie und Soziologie an der Alice-Salomon-Fachhochschule für Sozialarbeit und Sozialpädagogik Berlin. (ASFH) und Direktor des Europa-Instituts für Soziale Arbeit an der ASFH Berlin. Arbeitsschwerpunkte: Migration und Ethnizität, soziologische Theorien, Sozialpolitik und soziale Netzwerkanalyse. Gastprofessuren und -Vorlesungen im Ausland.
Aufbau
Abgesehen von dem Zitat eines Leserbriefes aus einer überregionalen Zeitung zum Thema "Leitkultur" und abgesehen von der Einleitung, in der die Figurative Wechselseitigkeit von Mehrheit und Minderheit aufgezeigt wird, besteht das Buch aus zwei Teilen.
Teil A Missbrauch von Begriffen statt Anerkennung sozialer Realitäten
Im Teil A behandelt Nowak den Missbrauch von Begriffen statt Anerkennung sozialer Realitäten in drei Kapiteln, die jeweils mit einem fiktiven Prolog beginnen. Teil A wird mit einigen Zitaten konservativer deutscher Politiker zu "Leitkultur" und "Parallelgesellschaft" eingeleitet.
Das erste Kapitel handelt von der Erfindung der "Leitkultur". Nowak beschreibt zunächst in einem fiktiven Prolog eine Familie Germann vor zweitausend Jahren, bevor er folgende Themen behandelt:
- Zum Ursprung deutscher Kultur: Die historisch-soziologische Analyse des Autors ergibt, dass die deutsche Kultur ein Gemisch aus Einflüssen zahlreicher anderer Kulturen ist, durch sie auch geprägt ist und sich stets weiterentwickelt hat.
- Deutsche Leitkultur als Abgrenzung: Deutschtum und Fremdheit: Hier dokumentiert Nowak, wie sich der Mythos "Deutsch" im Rahmen der Entstehung von Nationalstaaten in Europa gebildet hat. Er geht dann auf die aktuelle Diskussion über Integration und Einbürgerung ein.
- Typisch "deutsch": Der Autor sucht Antworten auf die Frage nach "Was ist typisch deutsch?" anhand einiger Betrachtungen von außen (sprich "Ausländern") und innen.
- Er thematisiert in diesem Kapitel zuletzt Deutsche Mentalitäten, deutsche Werte und Tugenden und schlussfolgert: Der kulturelle Alltag ist "ein komplexer Kulturmix aus der Akzeptanz und Weiterentwicklung globaler und europäischer Kultureinflüsse, nationaler Eigenarten und regional-lokaler Besonderheiten." (S. 45)
Im zweiten Kapitel geht es um Soziale Parallelgesellschaften. Im fiktiven Prolog II stellt Nowak einen Herrn Otto Deutschmann und eine Frau Ayse Türkmen vor, bevor er die Herkunft des Wortes erläutert. Er nähert sich dann an den Begriff "Parallelgesellschaft" aus der Vogelperspektive und behandelt Klasse vor Ethnie: Auf dem Weg in die Neue Klassengesellschaft. Es wird überzeugend aufgezeigt, dass soziale Probleme kulturalisiert und ethnisiert werden und der sozialhistorische Wandel sich mit den Begriffen "Vergesellschaftung", "Institutionalisierung" und "Individualisierung" analysieren und erklären lässt. Unter Soziale Spaltungen der deutschen Gesellschaft werden insbesondere Reichtum versus Armut sowie soziale Mobilität und Bildungsschranken relativ ausführlich diskutiert. Nach der Feststellung, dass in der Sozialstrukturpyramide der BRD soziale Parallelgesellschaften existieren, geht Nowak einerseits auf Parallelgesellschaften der Elite und der Reichen und Parallelgesellschaften sozialer Minderheiten wie die der Wohnungs- und Obdachlosen, andererseits auf "Alternative" Parallelgesellschaften wie gleichgeschlechtliche Parallelgesellschaften oder religiöse Minderheiten ein. Ausgehend von der Tatsache, dass der Großteil der Migranten in Deutschland als integriert gilt, beantwortet Nowak die Frage Ethnische Parallelgesellschaften in Deutschland? zwar zögerlich, aber doch positiv. Da dies einem Rückzug der Migranten gleichkommt, diskutiert er dann die Frage, ob dieser ethnische Rückzug freiwillig oder erzwungen ist. Seine Analyse ergibt: Soziologische "Tendenzen der Abweisung durch die Mehrheit korrespondieren mit eigenen Bestrebungen des Rückzugs in die ethnischen Netzwerke, um unter sich leben zu können. Hier bedingen sich figurativ Mehrheit und Minderheit wechselseitig." (S. 80)
Dass Ohnmacht und Politik fast identische Tatbestände sind, wird im III. Kapitel (Ohn(e)macht der Politischen Klasse) herausgearbeitet. Nowak stellt zunächst im fiktiven Prolog III einen Bundestagsabgeordneten namens Gerold Teutschmann vor. Hierbei wird die Ohnmacht hinsichtlich der Migrationsfragen bereits angedeutet. Dem Autor gelingt in seinen weiteren Ausführungen (Die Politische Klasse: Machterhalt statt Kompetenzen sowie Inkompetenz der Politischen Klasse) das weit verbreitete Bild der Politiker, die weitgehend nur an sich selbst und an ihren eigenen Machterhalt denken würden, zumindest im Hinblick auf die Themen Migration und Integration zu bekräftigen. Seine Diagnose lautet: Ohn(e)Macht als Mangel an visionärem / utopischem Denken. Die Behauptung der Politiker, "Deutschland ist keine multikulturelle Gesellschaft" wird vom Autor als Mythos und Deutschland als Einwanderungsland herausgearbeitet.
Teil B Empowerment in einer interdependenzkulturellen Gesellschaft
Im Teil B des Buches wendet Nowak seine kritische Analyse des Teils A in eine positive Darstellung zur möglichen Veränderung der kritischen Verhältnisse und überschreibt es mit Empowerment in einer interdependenzkulturellen Gesellschaft. Er versucht konstruktive Alternativvorschläge zu entwickeln.
Im IV. Kapitel (Multiethnizität und Interdependenzkultur) setzt Nowak sich kritisch mit dem Konzept des Multikulturalismus auseinander, nach dem er im fiktiven Prolog IV einen Herrn Intermann mit drei Identitäten vorstellt. Er thematisiert "Der Fremde - zwischen Neugierde und Angst", liefert hinreichend Belege für die Multiethnizität der Bundesrepublik Deutschland, erläutert anhand zahlreicher Indikatoren "Ethnische Exklusionsprozesse in Deutschland" und stellt bei der Frage nach "Multikulturalismus oder Multiethnizität?" klar, dass die bisherigen Positionen keine hinreichende Antwort darauf geben, sondern entweder einseitig die Ethnisierung gesellschaftlicher Prozesse betonen oder sie als Analysekategorie ablehnen. Er zeigt dann einen Weg "vom Multikulturalismus zur Interdependenzkultur" auf, wobei er den Multikulturalismus mit seiner Mehrsprachigkeit und mit transnationalen Netzwerken als eine Ressource für die Mehrheitsgesellschaft und für die Minderheiten betrachtet. Sein Fazit lautet: "Wenn sich das eher bisherige Nebeneinander des Multikulturalismus zu einer Interdependenzkultur weiterentwickelt, indem sich die Mehrheits- und Minderheitskulturen gegenseitig durchdringen und als wechselseitiges Empowerment gesehen werden und reale Verwirklichungschancen auf dem Bildungs- und Arbeitsmarkt möglich sind, dann ist das ein gesellschaftlicher Fortschritt für Alle." (S. 117)
Im V. Kapitel wird die Rechtskultur als gesellschaftliche Steuerung aufgezeigt. Auch hier folgt zunächst ein fiktiver Prolog ("Herr Rechtsmann"). Nowak stellt dann fest, dass jede Gesellschaft für das Zusammenleben der Menschen ihren "sozialen Kitt", ihre verbindlichen Spielregeln braucht. Nowak stellt im Zusammenhang mit deren Ermittlung folgende Fragen: Wie funktioniert eine moderne Gesellschaft? Welche Mentalitäten prägen die deutsche Gesellschaft? Und was heißt dies in Bezug auf die ethnischen Minderheiten und deren Integration in die deutsche Gesellschaft? Diese Fragen beantwortet er dann in folgenden Schritten: Er skizziert verschiedene Aspekte des gesellschaftlichen Zusammenhalts einer modernen Gesellschaft wie Arbeitsteilung und Recht; zeigt als Alternative zur Leitkultur und Parallelgesellschaften die Anerkennung und Durchsetzung der Rechtskultur als "Leitidee" sowie "Systemwelt Rechtskultur contra Lebenswelten" auf. Das bedeutet in der Praxis eine Interdependenzpolitik als sich wechselseitig bedingende Rechte und Pflichten von Mehrheit und Minderheit. Das schließt Werte- und Normenkonflikte ein wie "Kopftuch contra Neutralität", "Arrangiertes Heiraten contra Menschenrechte", "Fundamentalismus contra Grundgesetz" und "Ehrenmorde contra deutsches Strafgesetz". Ausgehend von einer Wechselseitigkeit der Minderheit und Mehrheit entwickelt Nowak im VI. Kapitel im Anschluss an Norbert Elias mittels seiner "multiethnischen Figurationsanalyse" einen alternativen Theorieansatz und bezeichnet diesen als
Interdependenzpolitik - Wechselseitige Rechte und Pflichten von Mehrheit und Minderheit. Dem letzten "fiktiven Prolog VI: Frau Annika Brücke folgen kurze Ausführungen über Interdependenzpolitik und Empowerment". Neben dem Begriff Empowerment werden die Figuration von Minderheit und Mehrheit, deren Wechselseitigkeit von Rechten und Pflichten erläutert und ein Forderungskatalog daraus abgeleitet: Die Figuration wechselseitiger Abhängigkeiten ist im Rahmen einer Interdependenzpolitik handlungsstrategisch zu berücksichtigen; die "Mehrheit hat sich auf einen permanenten Dialog mit der Minderheit einzustellen, der man sowohl Rechte geben, von der man aber auch Pflichten fordern kann bzw. sogar muss. Minderheiten … haben im Sinne des Empowerment-Ansatzes auch Ressourcen, an den in der Handlungsstrategie anzusetzen ist." (S. 142). Es werden dann sechs Handlungsstrategien und daraus Forderungskataloge aufgestellt.
- Handlungsstrategie I: Sprachenpolitik. Gefordert werden Recht auf Muttersprache und Pflicht zur Mehrheitssprache; Zweisprachigkeit als Ressource und Sprachpflichtkurse für alle Zuwanderer.
- Handlungsstrategie II enthält die Forderung nach Recht auf Bildung und Schule als Pflicht für Alle;
- Handlungsstrategie III betrifft die Arbeits- und Sozialpolitik. Nowak fordert hierbei u.a., dass alle Bürger/innen das Recht und die Pflicht haben, in irgendeiner Weise durch Arbeit - selbstständige, Lohn- oder Bürgerarbeit - ihren gesellschaftlichen Beitrag zu leisten." (S. 155).
- Bei der Handlungsstrategie IV geht es um die Medienpolitik und um die Forderung nach fremdsprachigen Filmen im Original, "insbesondere wenn es sich um englischsprachige Filme handelt." (S. 156) Diese Forderung gilt auch für alle politischen Interviews oder Gespräche.
- Handlungsstrategie V enthält die Forderung nach Recht auf politische Partizipation und Pflicht zur Integration.
- Nowak schließt seine Ausführungen mit einem figurativen Panaroma und zehn interdependenzpolitischen Vorschlägen, die zugleich als provokative Diskussionsthesen verstanden werden können. Die Vorschläge gehen von "Nachbarschaftlichen Einladungen und Kochen" über Reisen in die Herkunftsländer der Migranten und "Brückenlotsen" bis "Multiethnische Stadtteilkonferenzen" und "Sport als Integrationsfaktor" im Mikrobereich. Im Makrobereich der Politik reichen sie von der Einführung eines islamischen Feiertags in Deutschland über "Kommunales Wahlrecht für Ausländer" bis "mehr Sendungen im Original" im Fernsehen.
Das Buch schließt mit einem Literaturverzeichnis und einem Glossar ab.
Fazit
Diese Publikation ist als Streitschrift verfasst. Im Buch werden insgesamt sechs Thesen auf der Grundlage breiter Wissensbestände verarbeitet und diskutiert. Es liefert in systematischer und gut strukturierter Form einen guten Überblick über die politische und sozialwissenschaftliche Diskussion zu Leitkultur, Parallelgesellschaften und Multikulturalismus und leistet einen inhaltlich interessanten Beitrag zur gesellschaftskritischen Diskussion über Migration und Migrationsfolgen. Die auch für die deutsche Mehrheitsgesellschaft als eine Bereicherung analysierte Interdependenzkultur wird durch Beispiele illustriert.
Durch die vorliegende, gut gegliederte und gut lesbare Veröffentlichung erhält man migrationspolitisch einen großen Gewinn. Das Buch von Nowak kann allen politisch Interessierten empfohlen werden.
Rezension von
em. Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
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