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Vito Flaker, Tom Schmid (Hrsg.): Von der Idee zur Forschungsarbeit

Cover Vito Flaker, Tom Schmid (Hrsg.): Von der Idee zur Forschungsarbeit. Forschen in Sozialarbeit und Sozialwissenschaft. Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2007. 304 Seiten. ISBN 978-3-205-77548-5. 24,90 EUR.
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Thema

Im Untertitel ist das Anliegen der Herausgeber konkretisiert: Es geht um „Forschen in Sozialarbeit und Sozialwissenschaft“ in zwei Ländern, Österreich und Slowenien. Dabei soll eine vergleichende Perspektive vor dem Hintergrund einer „lange(n) gemeinsame(n) Geschichte“ (S. 11) eingenommen werden. Das sich damit verbindende Anspruchsniveau wird von den Herausgebern klar definiert: Es soll sich um ein Lehrbuch handeln, welches sich von anderen durch die große Bandbreite präsentierter Forschungsmethoden abheben will. Dadurch soll einer benötigten Vielzahl heterogener, auch „diffuser“ Methoden in der Sozialarbeit Rechnung getragen werden. Mit den vorgestellten Methoden soll nicht nur nachvollziehbar sein, was passiert, sondern auch, was passieren wird, wie es passiert und wie es zu verstehen ist( S. 9). Wie vom Mainstream mittlerweile akzeptiert, wird eine Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden als sinnvoll angesehen (S. 11f.)

Herausgeber und AutorInnen

Von zwei Herausgebern wurden die Beiträge von insgesamt 29, teilweise namhaften Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Hochschulen Sloweniens und Österreich versammelt. Es fällt auf, dass die wenigsten Beiträge aus der Feder slowenischer AutorInnen stammen. Zu den Herausgebern:

  • Vito Flaker ist Professor und Dekan an der Fakultät für Sozialarbeit der Universität Ljubljana; Psychologe.
  • Tom Schmidt ist Professor an der Fachhochschule St. Pölten, Studiengang Sozialarbeit, Lektor an der Fachhochschule Krems und an den Universitäten Krems und Klagenfurt/Cevolek, seit 2000 wissenschaftlicher Leiter der Sozialökonomischen Forschungsstelle in Wien.

Aufbau und Inhalte

Das Lehrbuch ist in drei Teile gegliedert, die unterschiedlich lang ausfallen.

In Teil 1 finden sich Texte, die als “Grundlagen“ ausgewiesen sind: Peter Pantucek legt eröffnend sein Verständnis der Sozialarbeitswissenschaften dar. Es folgt Tom Schmid über die Prinzipien wissenschaftlichen Schreibens auf Soziale Arbeit bezogen. Vito Flaker skizziert Sozialarbeitswissenschaft als eine Handlungswissenschaft, Birgit Sauer schließlich weist auf die Existenz zweier sozialer Geschlechter hin, die Wahl und Anwendung wissenschaftlicher Methoden beeinflussen (S. 12).

In Teil 2 sind Texte unter der Überschrift „Theoretisches zum Wissenserwerb“ versammelt: Es werden vor allem „klassische“ Themen wie das „Forschungsdesign in der qualitativen Sozialforschung“ (Günther Essl), die ethnologische Methode (Darja Zavirsek), die der Grounded Theorie (Marianne Roessler/Wolfgang Gaiswinkler) und die Aktions- und Handlungsforschung (Blaz Mesec) abgearbeitet. Sehr zu Recht wird auf Beschreibung als wissenschaftliche Forschungsmethode eingegangen und ihre Vernachlässigung beklagt (Bodan Lesnik). Die Fallstudie wird darüber hinaus in einem Beitrag als „Königsweg“ der Sozialarbeit verstanden (Peter Pantucek). Mit Evaluation befasst sich ein weiterer Beitrag (Marlene Mayrhofer), in welchem die hilfreiche Unterscheidung zwischen Evaluation und Evaluationsforschung vorgenommen wird. Aber auch speziellere Themen finden sich: wie eine soziale Gruppe – hier alte Menschen in einer Kommune – über ihre Bedürfnisse zur Sprache gebracht werden kann (Vera Grebenc), und weiterhin, welchen Sinn und Zweck Computersimulation hat und wie die Simulation von Prozessen nicht nur eine bessere Erkenntnis von Wirklichkeit, sondern auch eine optimierte Abstimmung sozialer Interventionen ermöglichen soll (Edith Huber).

Teil 3 („Tools“) ist mit 240 Seiten am umfangreichsten angelegt. Der Reigen klassischer Erhebungsmethoden wird vom qualitativen Interview bezogen auf den Ansatz der Grounded Theory als zentraler Methode (Manuela Brandstädter) über das ExpertInneninterview (Claudia Bobens) zum Fragebogen (Bettina Pallas) sowie narrativen Methoden (Mojca Urek) geschlagen. Auch die Auswertungsmethoden bewegen sich überwiegend im klassischen Bereich. Wie qualitative Daten computerunterstützt ausgewertet werden (Kurt Fellöcker), was Statistik kann und was nicht (Nino Rode), wie SPSS angewandt wird (Andrea Brunner), Triangulation, Nutzwertanalyse (Tom Schmid), qualitative Textanalyse bzw. Inhaltsanalyse (Philipp Mayring/Eva Brunner) sind Fragen und Methoden, die hier Darstellung finden. Warum der Aufsatz „Sozialarbeit als e-learning“ (Alois Huber) mit aufgenommen wurde, ist zunächst nicht gänzlich nachvollziehbar, bezieht er sich doch auf das Fernstudium und nicht auf Forschung. Richtiggehend handwerklich wird es mit den anschließenden Beiträgen darüber, wie in Datenbanken recherchiert wird (Margit Sommersguter-Reichmann), wie ein Forschungstagebuch geführt wird (Maria Anastasiadis/Gerhild Bachmann), welche Prinzipien wissenschaftliche Textproduktion anleiten sollen (Andrea Bramberger/Edgar Forster) und schließlich, wie „richtig“ wissenschaftlich zitiert wird (Peter Pantucek/Tom Schmid).

Eine gute Absicht stellt die weiterführende und kommentierte Bibiographie im Anhang dar (Tom Schmid). Auch wenn der damit verbundene Anspruch gering gehalten wird („subjektive Auswahl“), stellt sich die Frage nach den Auswahlkriterien. Hier wird deutlich, dass die aktuellere (deutsche) Fachdiskussion ausgeblendet bleibt[1].

Zielgruppe

Das Buch richtet sich an Studierende und PraktikerInnen aus Österreich und Slowenien.

Fazit

Das vorliegende Buch stellt für die angegebene Zielgruppe zweifelsohne eine wichtige Lektüre dar und gibt einen breiten, einführenden Einblick in das Sozialarbeitsforschung zur Verfügung stehende Repertoire.

Kritisch anzumerken ist, dass bereits in der Einleitung, und dies wiederholt sich an anderen Stellen, begriffliche Inkongruenzen und Unklarheiten auffallen: Was wird unter Forschung in Sozialer Arbeit verstanden? Es wird offenbar nicht zwischen wissenschaftlicher Forschung und Praxismethoden Sozialer Arbeit unterschieden (S. 10). Das eröffnete Spektrum, in „Sozialarbeit und Sozialwissenschaft“ zu forschen, lässt die Leserin etwas ratlos zurück. Manche Stellen legen nahe, Sozialarbeit als Praxis und Sozialwissenschaft als ihre Disziplin zu verstehen. Andererseits wird mahnend darauf hingewiesen, dass die Sozialforschung die Sozialarbeitswissenschaft als eine eigene Disziplin anerkennen solle. Vermutlich ist damit gemeint, dass das Spektrum der Sozialwissenschaften um die Disziplin der Sozialarbeitswissenschaft zu ergänzen sei. Ein einheitlicher Sprachduktus, wie international üblich, von Sozialarbeitswissenschaft und Sozialarbeitsforschung zu sprechen, fehlt. Eine inhaltliche Klammer, mit der die Heterogenität der Beiträge untereinander durch gemeinsame Fragestellungen überbunden werden könnte, fehlt; ein innerer Zusammenhang wird vermisst. Dass, wie angekündigt, die Möglichkeit einer vergleichenden Analyse (S. 11) eingelöst worden wäre, ist insofern nicht recht erkennbar. Dem Anspruch, ein Lehrbuch vorzulegen, welches sich von anderen durch die große Bandbreite präsentierter Forschungsmethoden abheben will, ist vielleicht nachgekommen worden. Vielfältige Sichtweisen auf quantitative und quantitative Sozialforschung in Sozialer Arbeit werden dargestellt. Ein weiteres zentrales Anliegen der Herausgeber aber, mit den vorgestellten Methoden nicht nur nachvollziehbar zu machen, was wie passiert, ist allerdings weitgehend verfehlt. Ein wesentliches Kriterium für ein Forschungslehrbuch, nämlich Methoden durch Beispiele aus der Forschungspraxis nachvollziehbar zu machen, ist nicht gegeben.


[1]  Z. B.: Christian Schrapper (Hrsg.): Sozialpädagogische Forschungspraxis. Positionen, Projekte, Perspektiven. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 264 Seiten. ISBN 3-7799-1613-4. Reihe: Koblenzer Schriften zur Pädagogik; Schweppe, Cornelia (Hrsg). (2003). Qualitative Forschung in der Sozialpädagogik. Opladen; Steinert, E. /Thiele, G. (2000). Sozialarbeitsforschung für Studium und Praxis. 2. Auflage, Peter Lang 12/2007; Cornelia Helfferich, Die Qualität qualitativer Daten. Ein Manual zur Durchführung qualitativer Einzelinterviews. Leverkusen: Verlag für Sozialwissenschaften; Otto, Otto, H.U., Oelerich, G.; Micheel, H.G. (2003). Empirische Forschung und Soziale Arbeit. Ein Lehr- und Arbeitsbuch, Neuwied: Luchterhand


Rezensentin
Prof. Dr. Erika Steinert
Prof. i. R., Hochschule Zittau/Görlitz
Homepage www.erika-steinert.de
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Zitiervorschlag
Erika Steinert. Rezension vom 19.11.2009 zu: Vito Flaker, Tom Schmid (Hrsg.): Von der Idee zur Forschungsarbeit. Forschen in Sozialarbeit und Sozialwissenschaft. Böhlau Verlag (Wien Köln Weimar) 2007. ISBN 978-3-205-77548-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4380.php, Datum des Zugriffs 23.05.2019.


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