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Tomi Ungerer, Burkhard Hoellen: Don´t hope, cope! Mut zum Leben

Rezensiert von Dr. med. Winfried Häuser, 23.01.2007

Cover Tomi Ungerer, Burkhard Hoellen: Don´t hope, cope! Mut zum Leben ISBN 978-3-87159-100-6

Tomi Ungerer, Burkhard Hoellen: Don´t hope, cope! Mut zum Leben. dgvt-Verlag (Tübingen) 2006. 308 Seiten. ISBN 978-3-87159-100-6. 29,80 EUR.

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Das Thema

Jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens mit kritischen Lebensereignissen wie Tod von Angehörigen oder eigenen chronischen bzw. lebensbedrohlichen Erkrankungen konfrontiert. Unterstützung bei der Bewältigung (englisch: Coping) dieser Belastungen geben Philosophie, Religion und Psychotherapie. Bei der Bewältigung menschlicher Probleme können zwei grundlegende Strategien unterschieden werden:  Handlungs- und emotionsorientierte Strategien. Die beiden Autoren verstehen ihr Lebensmotto "Don't hope, cope", das sie als Buchtitel gewählt haben, im Sinne eine emotionszentrierten Bewältigungsstrategie: Mache Dir keine (falschen) Illusionen, halte stand, lass deine Gefühle zu, nimm die Belastung an und versuche aus der Situation das Beste zu machen. Handele, um zu hoffen. Die Annahme von existentiellen Bedrohungen setzt eigene Ressourcen frei und schafft Raum für neues Erleben und Handeln (=Hoffnung).  Die Haltung des "Don„t hope, cope" kommt besonders gut in den Worten Martin Luthers zum Ausdruck, er würde heute noch einen Baum pflanzen, selbst wenn er wüsste, dass die Welt morgen untergeht.

Die Autoren vermitteln ein Lebenskonzept, mit dem Menschen sich selbst und andere sowie belastende Lebensumstände akzeptieren und meistern können. Sie spannen einen weiten Bogen von Philosophie über Psychologie zur Psychotherapie, um das vorgestellte Lebenskonzept zu begründen. Die Akzeptanz von alltäglichen Belastungen und Schicksalsschlägen ("Das Leben macht keine Geschenke") und "trotz alledem" die Bejahung des Lebens sind Lebenseinstellungen, die von griechischen und römischen Stoikern der Antike und in der Neuzeit von Existentialisten vermittelt wurden. Weiterhin unterstreichen die Autoren mit Befunden der Stressbewältigungsforschung, der positiven Psychologie und der Resilienz- ("Unverwüstlichkeit")forschung ihre Empfehlungen. Die von ihnen empfohlenen Bewältigungsstrategien von belastenden Lebensereignissen stammen vor allem aus der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie (A. Ellis), aber auch der Logotherapie (V. Frankl), der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (S. Hayes) sowie der lösungsorientierten Therapie (S. de Shazer).

Die Autoren

Tomi Ungerer ist ein bekannter elsässischstämmiger Kinderbuchautor, Werbegrafiker und Satiriker. Seine Zeichnungen und Bücher sind provokant. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz zum kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Frankreich. Die Universität Karlsruhe hat ihm die Würde eines Doktors der Philosophie ehrenhalber für seine besonderen Verdienste um die Weiterentwicklung der Kultur des Kinderbuches verliehen. Der Autor hat eigene schwere gesundheitliche Krisen bewältigt.

Burkhard Hoellen, Dr. phil., Diplom Psychologe und psychologischer Psychotherapeut ist in freier psychotherapeutischer Praxis in Merzig (Saarland) tätig. Er hat zahlreiche Publikationen zur klinischen Psychotherapie verfasst. Mit A. Ellis hat er ein Standardwerk über die rational-emotive Verhaltenstherapie REVT geschrieben.

Zielgruppe

Das Buch ist nach Angaben der Autoren nicht nur für Menschen mit seelischen Problemen, sondern für all jene Menschen geschrieben, die sich um eine seelisch gesunde Lebensführung bemühen.  Sie haben ein anspruchsvolles Buch geschrieben, das bei seinen Lesern psychologisches Wissen voraussetzt. Meiner Einschätzung nach profitieren daher vor allem ärztliche und psychologische Psychotherapeuten sowie alle anderen Berufsgruppen des Gesundheitswesens, welche mit körperlich oder seelisch kranken oder behinderten Menschen arbeiten, von der Lektüre des Buches. Der philosophisch und psychologisch interessierte und literarisch gebildete Laie kann aus dem Reichtum der präsentierten Ideen Hoffnung und Handlungsstrategien zur Bewältigung von Lebenskrisen schöpfen.

Aufbau und Inhalt

Die philosophischen Empfehlungen, psychologischen Erkenntnisse und psychotherapeutischen Strategien, welche in dem Buch vermittelt werden, werden durch Zitate aus der Belletristik, Zeichnungen und Geschichten/Aphorismen Tomi Ungerers, historische und klinische Beispiele sowie Originaltexte von Patienten aufgelockert und illustriert. Das Buch beginnt mit einem Geleitwort des Gründers der REVT, A. Ellis

In der Einleitung erläutern die Autoren die philosophischen und psychologischen Grundlagen des Leitspruches des Buches. Sie distanzieren sich von religiösen Erlösungshoffungen und medizinisch/psychologisch-technischem Heilsversprechen. Psychotherapie ist für sie selten Heilung, meist Begleitung und Linderung.

Kapitel 1 "Mut zum Überleben - dem Leben eine Richtung geben" stellt philosophische Einstellungen bzw. emotionszentrierte Bewältigungsstrategien vor:  Es ist so wie es ist. Der Mensch ist nicht vollkommen. Das Leben ist oft ungerecht. Trotz aller Widrigkeiten-  Ja zum Leben. Die Anforderungen annehmen, auch wenn ich scheitere. Unterscheiden zu lernen, was kann ich selbst ändern, was soll ich gelassen akzeptieren, da ich es nicht ändern kann. Die innere Bereitschaft, das Leben in all seinen Facetten, auch den schmerzlichen, anzunehmen. Dem Leben eine Richtung/Sinn geben. Vergeben können.

Kapitel 2 stellt gedankliche, emotionsbezogene, imaginative und Handlungsstrategien vor, welche sich bei der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen, traumatischen Erlebnissen, chronischen Erkrankungen sowie körperlichen Behinderungen als hilfreich erwiesen haben: Die Kunst des Umdenkens und Umdeutens,  Kämpfen und Standhalten, Lachen, sich die Last von der Seele schrieben, Aufbau angenehmer Aktivitäten, Geduld, Imagination, Entwicklung eigener Stärken sowie die Kunst, eine lebenslange vertrauensvolle Partnerschaft zu erhalten. 

Kapitel 3 "Das Leben zurückerobern" erläutert an Hand von zwei Falldarstellungen mit wörtlichen Ausschnitten aus Psychotherapiesitzungen die in Kapitel 1 und 2 skizzierten Haltungen und Techniken. Das Leben einer 41-jährigen Frau wurde durch den Unfalltod ihres vierjährigen Sohnes und des 52-jährigen Mannes durch eine Krebserkrankung auf Grund eines genetischen Defektes gekennzeichnet. Der psychotherapeutisch unterstützte Bewältigungsprozess der kritischen Lebenssituationen und die Prägung des weiteren Lebensweges durch die dabei gewonnenen Erfahrungen werden dargestellt. 

Fazit

Das Buch ist weit mehr als ein durch Illustrationen Tomi Ungerers aufgelockertes Lehrbuch der Rational-Emotiven Verhaltenstherapie. Es sollte auf dem Bücherregal jedes Psychotherapeuten und in der Sektion "Seelenbegleiter" jeder gut sortierten privaten Bibliothek stehen. Das Buch ist ein wertvoller Begleiter auf dem Lebensweg, den Erich Kästner in seiner lyrischen Hausapotheke folgendermaßen beschrieben hat: "Das ist das Verhängnis: zwischen Empfängnis und Leichenbegängnis nichts als Bedrängnis."

Rezension von
Dr. med. Winfried Häuser
Facharzt für Innere und Psychotherapeutische Medizin – Spezielle Schmerztherapie
Krankenhausarzt in den Bereichen Innere Medizin, Psychosomatik und Schmerztherapie
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Es gibt 17 Rezensionen von Winfried Häuser.

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Zitiervorschlag
Winfried Häuser. Rezension vom 23.01.2007 zu: Tomi Ungerer, Burkhard Hoellen: Don´t hope, cope! Mut zum Leben. dgvt-Verlag (Tübingen) 2006. ISBN 978-3-87159-100-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4381.php, Datum des Zugriffs 27.05.2024.


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