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Paul Devereux: Der heilige Ort. Vom Naturtempel zum Sakralbau[..]

Cover Paul Devereux: Der heilige Ort. Vom Naturtempel zum Sakralbau: Wie die Menschen das Heilige in der Natur entdeckten. AT Verlag (München) 2006. 192 Seiten. ISBN 978-3-03800-227-7. 34,90 EUR.
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Thema

Es gibt besondere Orte in der Natur, die eine Kraft auszustrahlen scheinen: Höhlen, Berggipfel, Steinformationen, Bäume, Lichtungen, Orte am See oder am Fluss. Devereux spürt diesen Orten nach. Im Vorwort schränkt er seine Spurensuche etwas ein, auf die "Zeiten, als Heiligkeit noch erdgebunden, ja ortsgebunden war..." (S. 7). Schon beim ersten Durchblättern bekommt man Lust sich zusammen mit Devereux auf diese Spurensuche zu begeben. Das reich bebilderte, großformatige und übersichtliche Buch gliedert sich in vier große Kapitel: "Das alte Bewusstsein", " Naturplätze, frühe Zeichen", "Geisterfelsen, heilige Steine" und "Landschaften der Seele". Eine stringente Logik der Gliederung ist nicht verspürbar.

Inhalt

Wie nun dieses "alte Bewusstsein" ausgeschaut hat, darüber lässt sich trefflich spekulieren. Wie werden Berggipfel, Wasserfälle, Höhlen, Ebenen, Felsen zu heiligen Orten? Diese Orte haben zuerst etwas mit unserer Erinnerung zu tun. Sie bergen uns in vertrauter Umgebung, diese Orte haben mit uns zu tun, mit unserer Geschichte, mit Erinnerungen und Bedeutungen - bzw. mit kollektiven Erfahrungen. In der altgriechischen Sprache meinte "Topos" den physikalischen Aspekt des Ortes, "Chora" die geheimnisvolle Ortseigenschaft. Der Ort wird zur Kraft, strahlt eine Aura aus, vermittelt Spiritualität (S. 19). Die Römer nannten es "Genius Loci", den Geist des Ortes (S. 20). Natürlich wird diese Aura durch rituelle Handlungen verstärkt und durch eine Kontinuität fest verankert. Der große Religionsethnologe Mircea Eliade meinte, ein Ort sei heilig, weil die Menschen in ihm eine Hierophanie (Offenbarung des Heiligen) verkörpert sahen (ebd.). Diese Orte, so an anderer Stelle,  sind Eintrittspunkte in ein anderes Bewusstsein. Freilich müssen diese heiligen Orte gehütet und gepflegt werden. Werden sie vernachlässigt und geschändet, verlieren sie ihre Aura. Die Götter und Geister sind umgezogen.

Deveureux lädt nicht nur zu einer Reise zu Schamanismus, Archäologie und Religionswissenschaft ein, er umrundet mit seinen Beispielen auch mehrfach die Welt, springt zwischen Parthenon und Aborigines hin und her. Das ist zwar meistens spannend, entgleist aber doch zu oft zum Kolorit. Gut ist die Zusammenfassung des ersten Kapitels auf Seite 40 f. Ob der Mensch die reinste Spiritualität dann empfängt, wenn er der Natur näher ist, kann als fragwürdige Behauptung gelten. Nicht wenige Mystiker haben sich ganz in ihr Inneres und in die dunkle Zelle zurückgezogen, bewusst die Antiwelt aufgesucht um zwischen sich und Gott den geringsten Abstand zu finden. Wer kann beweisen, dass die Verzückung am heiligen Baum tiefer geht als die Trance im modernen Tanztempel?

Gibt es eine angeborene Fähigkeit, heilige Orte zu erkennen, ihre Aura zu verspüren? "Diese Sensibilität ist in unseren Zellen wie in unserer Psychologie verankert.", behauptet Devereux (S. 44). Auch das ist eine gewagte Behauptung, wenngleich sie plausibel ist. Wenig ethnologische Kenntnisse darf man vermuten, wenn Devereux von "Nomadenstämmen" oder von "schamanistischen Kulturen" spricht (S.46). Das klingt gut, ist aber nichts sagend. Sehr oft erscheint die Forderung, sich in den "Bewusstseinsraum der vorgeschichtlichen Bewohner" zu versetzen (S. 48) - wie immer das gehen soll. Dieses zweite Hauptkapitel will sich auf die Suche nach  "Naturplätze, frühe Zeichen" begeben. Devereux beschreibt ohne hier ohne Zweifel besondere Orte in Wort und Bild. Sein Schwerpunkt liegt in der Felskunst, in Höhlenmalereien, in Steinritzungen. Allmählich langweilen aber die Aufzählungen weltweiter Details, weil Devereux so allmählich den roten Faden verliert. Auch die Vorurteile gegenüber der so genannten etablierten Archäologie (S. 72) sind konstruiert. Jede Wissenschaft hat ihre Sackgassen, in denen sie zu lange verharrt hat. Immer erhellend sind die Ausführungen von Deveureux, wenn sie Prinzipien der Landschaftsarchitektur aufgreifen, so z. B. die unterschiedliche Betrachtung der Landschaft aus der Sichtweise des Jägers und des Ackerbauern (S. 84) oder die Orientierung des Menschen in die sechs Richtungen, vier Himmelsrichtungen und unten und oben. Lobenswert ist auch die Einteilung der Naturheiligtümer in typische Orte wie Höhlen, Berge, Bäume und Orte am Wasser (S. 87). Dies wäre ein gutes Grundmuster für die Gliederung des Buches gewesen. Auch hier sind die grundlegenden Gedanken von Devereux zu diesen Orten sehr erhellend.

Auch im dritten Kapitel "Geisterfelsen, heilige Steine" lädt Devereux zu einer "Megalithen-Weltreise (S. 116) ein. Da sich die Ausführungen im Großteil des Buches um Felsen, Steine und Höhlen dreht, nehmen auch die Wiederholungen zu. Es bleibt trotzdem, vor allem durch die vorzüglichen Fotografien, ein Buch zum Schmökern, das man nicht gerne weglegt. Im Gegensatz zum ersten Kapitel fehlt leider bei den weiteren am Ende jeweils eine Zusammenfassung.

Das letzte Kapitel "Landschaften der Seele" stellt Steinmonumente  einer Landschaft in einen Zusammenhang, der nur ganzheitlich gelesen werden sollte. So entstehen die Landschaften der Seele, wie die berühmten "Traumpfade" der Aborigines. Devereux verdeutlicht dies an der heiligen Landschaft Cùi Irra in Irland, und natürlich gehören dazu auch die geheimnisvollen Nacza-Linien in Peru, die auch als seelische Landkarte interpretiert werden können.  Solche konkreten Analysen hätte man sich öfter gewünscht, sie vermitteln der Leserin ein besonderes Aha-Erlebnis.

Fazit

Das Buch von Devereux ist ohne Zweifel ein visueller Genuss, enthält in Text und Fotografie glänzende Beispiele für besondere Orte, die zum Weiterdenken anregen. Die Überfülle weltweiter archäologischer und ethnologischer Beispiele verwirrt etwas, auch hätte die Gliederung des Buches etwas mehr Stringenz vertragen. Wer sich aber für das Phänomen des magischen Ortes in der Natur interessiert, für den ist das Buch von Devereux eine unerschöpfliche Fundgrube für weitere Recherchen.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Michl
Homepage www.wernermichl.de
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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 28.12.2006 zu: Paul Devereux: Der heilige Ort. Vom Naturtempel zum Sakralbau: Wie die Menschen das Heilige in der Natur entdeckten. AT Verlag (München) 2006. ISBN 978-3-03800-227-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4383.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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