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Jan V. Wirth: Helfen in der Moderne und Postmoderne

Cover Jan V. Wirth: Helfen in der Moderne und Postmoderne. Fragmente einer Topographie des Helfens. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2005. 154 Seiten. ISBN 978-3-89670-349-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 35,00 sFr.

Mit einem Vorwort von Heiko Kleve.
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Postmoderne Soziale Arbeit kompakt

Bei seiner Charakterisierung einer "Topographie des Helfens" betrachtet Jan V. Wirth die Theorie und Praxis Sozialer Arbeit aus einem postmodernen Blickwinkel, dieser wird durch Elemente der Luhmannschen Soziologie und des sozialen Konstruktivismus angereichert.

Aufbau und Inhalte

  1. Einleitend fasst der Autor den aktuellen Stand der Diskussion um eine postmodern geprägte Soziale Arbeit in einem Überblick zusammen. Unter dem Begriff des "multiversalen Helfens" (S. 9ff.) führt er im Rückgriff auf Lyotard, Bauman und Welsch aus, dass die Soziale Arbeit in der Postmoderne den Anforderungen eines Endes des "großen Metaerzählungen", einer neuen Relevanz "lokaler Sprachspiele" sowie den Erscheinungen von Relativität, Ambivalenz, Kontextabhängigkeit, Selbstorganisation gerecht werden sollte. Wirth plädiert dafür, postmoderne Veränderungen als "neue Herausforderungen" (S. 23) und "Chancen" (S. 24) aufzugreifen und Soziale Arbeit als eine Disziplin und Profession zu gestalten, die Differenzen, Dissense und Ambivalenzen nicht mehr länger aufheben (S. 40ff.) sondern differenzsensibel und produktiv überbrücken und nutzen sollte (S. 38).
  2. Im zweiten Kapitel wird der Begriff des Helfens als zentrale Tätigkeit der Sozialen Arbeit analysiert. Auf dem Hintergrund der von Luhmann genannten Phasen gesellschaftlicher Entwicklung identifiziert Wirth die Begriffe der "Gabe", des "Almosens", der "modernen Hilfe" sowie des "systemtheoretisch begründeten Helfens" als verschiedene idealtypische Formen professionellen Helfens. Hierbei verdeutlicht er anschaulich und schlüssig, wie diese Idealtypen eng mit der jeweiligen Form der gesellschaftlichen Differenzierung  - von einer archaischen zu einer segmentären, dann stratifikatorischen und schließlich funktional-differenzierten Gesellschaft - verbunden sind.
  3. Im dritten Kapitel betrachtet er mit den Interaktionsverhältnissen zwischen KlientIn und Umwelt sowie hier interagierenden und beobachtenden und SozialarbeiterInnen die Mikroebene der Sozialen Arbeit. Durch eine "Vorschaltung" (S. 105) systemisch-konstruktivistischer und postmoderner Konzepte werden die Fragen von gegenseitiger Erwartbarkeit der Hilfe (S. 110), der Autopoiese psychischer Systeme (S. 117) und der Möglichkeit der Dekonstruktion von Problemen (S. 119) thematisiert. Helfen wird auf diesem Hintergrund zu einem komplexen Prozess, der von einem prinzipiellen "Technologiedefizit" (S. 102) ausgehen muss und seine Adressaten nur kommunikativ im Sinne einer "strukturellen Koppelung" (S. 118) erreichen kann.

Diskussion

Nach der Lektüre des Buches bleiben auch kritische Fragen offen. Insbesondere durch die Orientierung an Luhmann bietet der präsentierte Theorieansatz einen sehr unreflektierten Umgang mit Macht und struktureller sozialer Ungleichheit. Auf dem Hintergrund der Annahme von prinzipiell unhierarchischen System-Umwelt-Differenzen und dem Verzicht auf Modelle über soziale Schichtung und soziale Ungleichheit können "primär nur individuelle, jedoch keine gesellschaftlichen Probleme angegangen werden" (S. 131). Die für die Soziale Arbeit wichtigen Fragen von sozialer Ungleichheit, gerechter Umverteilung, behindernder Machtverhältnisse sowie von Herrschaft und Emanzipation werden hiermit bereits aus metatheoretischer Sicht ausgeblendet. Entsprechend erscheint mir die Annahme, dass sich durch systemische Ansätze nach Luhmann die "alte Herrschaft/Knechtschaft-Thematik" torpedieren ließe (S. 111), zu vorschnell getroffen.

Durch die starke Betonung von Kommunikation und Konstrukten laufen postmoderne Ansätze der Sozialen Arbeit zudem Gefahr, in unrealistischer Weise die Rolle materieller Ressourcen zu vernachlässigen. Da diese in der Sozialen Arbeit jedoch in Form von verhinderten Zugängen zu Geld und materiellen Gütern, körperlicher Gesundheit sowie menschengerechten Lebens- und Wohnumwelten ebenfalls wichtige Faktoren sind, sollten diese nicht unberücksichtigt bleiben. Zudem bleibt offen, wie die Konzepte der postmodernen Sozialen Arbeit jenseits der postulierten mentalen Grundhaltungen in Handlungsbezügen der Praxis in konkreten Handlungsformen umgesetzt werden können. Diese Kritikpunkte sollten im Sinne einer umfassenden und fortlaufenden Theorieentwicklung Sozialer Arbeit eine weitere Klärung finden.

Fazit

Mit seinem Buch präsentiert Jan V. Wirth eine umfassende und interessante Zusammenfassung postmoderner Konzepte der Sozialen Arbeit. Er verfolgt diese Ansätze mit großer Neugier und Konsequenz und erreicht damit einen interessanten Beitrag zur Theorie Sozialer Arbeit. Da das Buch in einer sehr kompakten und verdichteten Sprache geschrieben ist, bietet es ein intensives Leseerlebnis, jedoch bringt die hohe sprachliche Dichte phasenweise keine einfache Lesbarkeit mit sich. Das Buch eignet sich für alle, die ihr bisheriges Theoriewissen vertiefen möchten oder ihre Praxis anhand postmodern-konstruktivistisch-systemtheoretischen Ansätzen reflektieren möchten. Dabei liefert es wichtige und interessante Anstöße für einen bewussten und sensiblen Umgang mit Differenzen, Ambivalenzen und der Komplexität Sozialer Arbeit.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Spatscheck
Hochschule Bremen, Fakultät Gesellschaftswissenschaften, Lehrgebiet: Theorien und Methoden der Sozialen Arbeit
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Dieser Beitrag ist zuerst in SOZIALEXTRA (12/2006, S. 47) erschienen (www.sozialextra.de). Die Verwendung der Rezension (mit wenigen Modifikationen) durch socialnet.de geschieht mit freundlicher Genehmigung des VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.


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Zitiervorschlag
Christian Spatscheck. Rezension vom 27.12.2006 zu: Jan V. Wirth: Helfen in der Moderne und Postmoderne. Fragmente einer Topographie des Helfens. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2005. ISBN 978-3-89670-349-1. Mit einem Vorwort von Heiko Kleve. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4386.php, Datum des Zugriffs 21.04.2019.


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