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Rüdiger Gildsdorf: Von der Erlebnispädagogik zur Erlebnistherapie

Cover Rüdiger Gildsdorf: Von der Erlebnispädagogik zur Erlebnistherapie. Perspektiven erfahrungsorientierten Lernens auf der Grundlage systemischer und prozessdirektiver Ansätze. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Bergisch Gladbach) 2004. 583 Seiten. ISBN 978-3-89797-024-3. 34,00 EUR, CH: 60,00 sFr.
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Einführung

"Zur Hölle mit dem kurzen Gedicht, zum Höllerer mit langen!" reimt der österreichische Dichter Ernst Jandl. Auf manche dicken Bücher trifft dies auch zu, nicht aber auf das vorliegende Werk von Rüdiger Gilsdorf. Es ist eher wie ein lohnender Viertausender. Zwischendurch will man abbrechen, dann gibt es neue Aus- und Rundblicke, und wenn man oben ist, wird die Welt sprichwörtlich übersichtlich. Aber der Aufstieg braucht seine Zeit. So lag auch dieses Buch fast ein Jahr auf dem Schreibtisch, bis es rezensiert wurde. Das hat es nicht verdient, sondern vielmehr viele Leserinnen und Leser.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine Promotion. Ganz in diesem Sinne betritt es Neuland, denn es wurde bislang viel geredet über Erlebnistherapie, nun aber liegt eine fundierte Studie vor. Der Autor ist nicht nur im deutschsprachigen Raum bestens bekannt, er ist auch in der Fachliteratur der englischsprachigen Länder zu Hause. Also ist ein weiter inhaltlicher und räumlicher Spannungsbogen zu erwarten.

Aufbau

Die Arbeit gliedert sich in sechs Hauptpunkte.

  1. In der Einleitung geht Gilsdorf historischen Wurzeln auf den Grund, zeichnet den Weg von der Pädagogik zur Therapie nach, und zeigt auf, dass eine Erlebnistherapie nur als fruchtbare Synthese unterschiedlichster therapeutischer Ansätze gedacht werden kann, die als Ergänzung in einem Spektrum therapeutischer Maßnahmen dient.
  2. Inwieweit können Abenteuer dazu dienen die Persönlichkeit weiter zu entwickeln? Dieser Frage geht Gilsdorf im zweiten Kapitel nach. Adventure Therapy, deren Konstrukte und Handlungskonzepte in diesem Kapitel im Mittelpunkt stehen, hat eine weitaus längere Tradition als die Erlebnistherapie. Dass Wildnis und Rituale, Einsamkeit und Einfachheit therapeutisch wirksam sind, ist im deutschsprachigen Raum eine relativ neue Erkenntnis. Die Wilderness Therapy dagegen baut auf einem Fundament auf, das tief verankert ist in der amerikanischen Kultur. Nicht nur der wilde Westen, auch die gesamte Lebensphilosophie ist eng mit Wildniserfahrungen verbunden, zudem natürlich inspiriert durch rituelle Techniken der indianischen Ureinwohner. Der deutsche Billdungsbegriff dagegen beinhaltet geradezu das Gegenteil. Vielleicht hätte sich der Autor diesem Punkt noch etwas nähern können, da die Ansätze der Wilderness Therapy den klassischen tiefenpsychologischen Methoden sehr nahe kommen. Der Prozess, in dem das ES zum ICH wird, findet freilich nicht mehr auf der Couch sondern in der Wildnis statt. Die klassischen Methoden der Adventure Therapy setzen auf die den Erlebnispädagogen hinreichend bekannten Medien der Natur(sport)aktivitäten, den Problemlöseaufgaben und den Seilgärten. Doch Vorsicht: manchmal ist die Lösung das Problem.
  3. Die Experiential Therapy, dargestellt in Kapitel 3, integriert humanistisch orientierte Therapien, wie den nondirektiven Ansatz, und die Gestalttherapie und baut auf der Erfahrungswelt der Klienten/innen auf. Gilsdorf entfernt sich hier weit von den klassischen Ansätzen der Erlebnispädagogik und versucht, den Emotionen und Kognitionen, dem Erleben und Handeln auch mit Hilfe der neueren Gehirnforschung auf den Grund zu kommen. Er leitet daraus Strategien für eine Process Experiential Therapy ab.
  4. Im vierten Kapitel schließlich widmet er sich der Systemischen Therapie. Der Leser, die Leserin, wird auf lohnende Ausflüge in die Philosophie von Lyotard, Foucault und Derrida eingeladen. Nicht ganz klar wird, warum diese französischen Denker meist in englischer Sprache zitiert werden. Spätestens durch sie wird ein Paradigmenwechsel im Verständnis von Wirklichkeit und der menschlichen Erkenntnisfähigkeit im westlichen Denken eingeleitet, der sich dann mit dem Konstruktivismus manifestiert. Wenn allerdings Ernst von Glasersfeld anmerkt, dass "...Intersubjektive Wiederholung von Erlebnissen ... die sicherste Garantie der "objektiven " Wirklichkeit (liefert) ..." (S. 267), dann liegt er ganz in der Nähe der Lebensphilosophie von Henri Bergson. Vielleicht verläuft das Denken historisch gesehen in Spiralen, die sich nach mancher Kurve  - hier: alle 50 Jahre - tangieren. Natürlich hat der Konstruktivismus nicht nur die Lernforschung geprägt, sondern auch die Haltung des Therapeuten: das Nicht-Wissen und Nicht-besser-Wissen freilich hat zur Folge, dass die unmittelbare Erfahrung des Klienten noch mehr in den Vordergrund rückt. Und natürlich bekommt das (sokratische) Fragen ein neues Gewicht. Beim so genannten narrativen Ansatz (S. 309) hätte der iranische Therapeut Nosrat Peseschkian mit seinen therapeutischen Geschichten ein gutes Beispiel abgegeben, vielleicht auch der österreichische Psychiater Leo Navratil mit seinen kreativen Ansätzen.
  5. Vielleicht liegen die größten Potentiale der Erlebnispädagogik in der Gruppendynamik und Teamentwicklung. Das fünfte Kapitel setzt sich mit der Gruppe als Lern- und Erfahrungsfeld auseinander.
  6. Das sechste Kapitel dient dazu, die Umrisse eines integrativen Ansatzes zu beschreiben. Insofern ist es Konzept, Theorie, zentraler Kern und Zusammenfassung in einem. Dabei spielt das Konzept der Grenzerfahrung, etwa im Sinne von Schulzes Grenzsituationstherapie, eine wichtige Rolle, auch das Überschreiten von Grenzen, die subjektiv bislang das Individuum begrenzt haben. Grenzerlebnisse werden gemacht, indem man etwas erträgt, sich durchbeißt, sich die Selbstbegrenzungen bewusst macht, sich überhaupt - zusammen mit anderen - auf neuen Erfahrungen einlässt. Dann befasst sich der Autor mit der überaus lohnenden, aber nicht einfachen Arbeit mit Metaphern. Während in früheren Kapiteln der theoretisch interessierte Leser voll auf seine Kosten kam, wird jetzt der Praktiker mit einer sehr differenzierten Handlungspraxis vertraut gemacht.

Fazit

Mit einem "Rückblick und Ausblick" kann man das fast 600 Seiten lange Werk zur Seite legen, aber nicht zu weit weg, denn es eignet sich bestens auch - aber erst dann, wenn man es intensiv studiert hat - als Nachschlagewerk. Seine Stärken liegen in der umfassenden und verständlichen Erörterung aller Theorien und Konzepte, die einem erfahrungsorientiertem Lernen und einer Erlebnistherapie dienlich ist. Freilich ist zu bedauern, dass es keine "Light-Ausgabe" des Buches mit 200 Seiten gibt, aber vielleicht ist das ein romantischer und paradoxer Wunsch. Denn wer einen Viertausender bestiegen hat, sehnt sich nicht nach Hügel, sondern ist stolz auf seine Grenzüberschreitung. Also: auch und gerade weil dick und sperrig ist, gehört es in die Bibliothek jedes ernst zu nehmenden Pädagogen.

Anmerkung der Redaktion: Zu diesem Buch liegt eine weitere Rezension vor.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Michl
Homepage www.wernermichl.de
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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 01.01.2007 zu: Rüdiger Gildsdorf: Von der Erlebnispädagogik zur Erlebnistherapie. Perspektiven erfahrungsorientierten Lernens auf der Grundlage systemischer und prozessdirektiver Ansätze. EHP – Verlag Andreas Kohlhage (Bergisch Gladbach) 2004. ISBN 978-3-89797-024-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4390.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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