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Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Wunschmaschine Wissenschaft

Cover Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Wunschmaschine Wissenschaft. Von der Lust und dem Nutzen des Forschens;. Edition Körber (Hamburg) 2006. 288 Seiten. ISBN 978-3-89684-123-0. 14,00 EUR.
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Zweckfreies Forschen - gibt`s  das?

Es ist ein Jubiläum! Seit 10 Jahren gibt es, initiiert und betreut von der Körber-Stiftung, den Deutschen Studienpreis. Mit dieser Ausschreibung sollen Nachwuchswissenschaftler ermutigt werden, "ihre Ideen, Thesen und Ergebnisse in den Dialog von Wissenschaft und Gesellschaft einzubringen". Der von 2001 bis 2002 tätige Staatsminister und Beauftragter der Bundesregierung für Angelegenheiten der Kultur und Medien, an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrende Politikwissenschaftler und Vorsitzende des Kuratoriums des Deutschen Studienpreises, Julian Nida-Rümelin, hat zum zehnjährigen Bestehen der Initiative ein Buch herausgegeben, das den Anspruch erhebt, eine "Standortbestimmung der Forschergeneration (zu sein), die die Wissenschaft in Zukunft aktiv prägen wird". Die Metapher "Wunschmaschine", die dem Sammelband den Titel gab, will deutlich machen, dass von den einzelnen gesellschaftlichen Akteuren und Gruppen unterschiedliche Erwartungen, Wünsche und Aufforderungen an die Wissenschaft gerichtet werden: "Die Politik wünscht sich Innovationen für den Standort Deutschland und Legitimationsbeschaffung für schwierige Entscheidungen; die Wirtschaft Patente, Produkte und preiswerte Grundlagenforschung; die Medien wünschen sich spektakuläre Bilder, sensationelle Durchbrüche und am liebsten jedes Jahr einen neuen Einstein". Diesen Wünschen steht gegenüber das Selbstverständnis von Wissenschaftlern, die ihr Metier in der Schluchtenlandschaft zwischen systematisierter Technik und rationalisierter Mythologie (John Desmond Bernal) suchen und festmachen. Die (angebliche) Zerreißprobe von "nützlicher" und "zweckfreier" Forschung,  zwischen der gesellschaftlichen Wertigkeit von den Natur- versus Geisteswissenschaften, so stellt Nida-Rümelin fest, ist keine. Die Lust und der Nutzen des Forschens, so der Untertitel des Buches, ist sowohl vom Forscher, als auch von der Gesellschaft zu bestimmen.

Inhalt

Die im Sammelband publizierten Beiträge von überwiegend jungen Forschern, die sich als Studienpreisträger hervorgetan haben, formulieren deren Wünsche und Hoffnungen im Wissenschaftsbetrieb, der sich im Umbruch befindet. Nicht selten finden sie sich "zwischen Baum und Borke", wie einer der Jungforscher, der Journalist wurde und als Wissenschaftler über Wissenschaft schreibt (anstatt zu "forschen"), sich dabei auf ein Feld begibt, das bei "seriösen" Wissenschaftlern nicht selten den Geruch hat und die Scheu, sich auf die "sensationslüsterne Medienmeute" einzulassen. Das Buch ist in mehrere Abschnitten gegliedert.

  1. Zuerst geht es darum, wie sich das problematische, aber auch komplementäre Verhältnis von Wissenschaft und Wirtschaft darstellt, wo die Fallstricke und Rettungsseile in den konkreten Forschungszusammenhängen liegen (Peter Weingart); es wird ein "wegweisendes Modell für Wissenschaft und Gesellschaft", allerdings als Fragezeichen gekennzeichnet, vorgestellt: "Public Private Partnership" (Günter Stock); da werden, mit Blick über den regionalen und nationalen Hochschulgartenzaun, Ideen für  eine "Motivation zur Exzellenzinitiative" entwickelt (Christiane Mück); es geht um den Konflikt der "zwei Kulturen", zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften und einen Lösungsvorschlag (Till Westermayer); "Publish or Perish" - gibt es zu der, für die Entwicklung von jungen Wissenschaftlern ungelöste, quälende, nicht selten missverstandene Alternative, ein Konzept? Wilhelm Hofmann versucht es darzustellen. Schließlich wird das erste Kapitel abgeschlossen mit der polemischen und provozierenden Behauptung, die auf der Grundlage einer humanistisch geprägten Rationalität beruhende "Erkenntnisorientierung" habe ausgedient (Frank Berzbach).
  2. Das zweite Kapitel nimmt das auf, was wissenschaftliches Arbeiten auszeichnet: den Dialog. Dabei wird über das komplizierte Verhältnis von Politik und Wissenschaft gesprochen (Andrea Fischer); es werden die Aspekte von Wissen und Macht am Beispiel der Politikberatung dargestellt (Ortwin Renn); es geht um das ambivalente Verhältnis des Wissenschaftlers mit den Medien und der öffentlichen Information (Dirk Lorenzen); am Beispiel von Wissenschaftsstiftungen werden Projekte zur Vermittlung von Wissenschaft und zur Förderung des Dialogs dargestellt (Claudia Gerhardt); da outet sich einer als Journalist und Wissenschaftler (Christian Dries); es geht um das Problem der Medialisierung von Wissenschaft: Macht z. B. das Fernsehen aus dem Wissenschaftler einen Alien? (Rolf F. Nohr); ein Medienbesuch im Schlaflabor dient Roland Popp dazu, sich mit der Frage der "Seriosität" bei der öffentlichen Darstellung von Forschungsarbeiten auseinander zu setzen.
  3. Das dritte Kapitel leitet Julian Nida-Rümelin mit der immer wieder aktuellen Frage ein, wozu Wissenschaft eigentlich gut sei: "Vom Zweckfreien und vom Nützlichen in den Wissenschaften"; ein "Plädoyer für eine Ökonomisierung der Wissenschaft" unternimmt Bodo Knoll; über die "Misere der Geisteswissenschaften" lässt sich Wilhelm Trapp aus; sind die so genannten "Orchideen"- Fächer, wie etwa die Slavistik, im Wissenschaftsbetrieb nützlich oder verzichtbar? Sie gehören, so die Autorin, zu den Nutzpflanzen, denn sie bestäubten "zudem andere Pflanzen im Wissenschaftsgarten gleich mit" (Sandra Birzer); trägt in einer "Gesellschaft flüchtiger Aufmerksamkeit" die Literaturwissenschaft als "Sinnstifter oder Silbenzähler" bei, fragt Ralf Klausnitzer; und wie ist es mit der Soziologie? Danach fragt Nadine M. Schöneck. Sie gibt Einblicke in ihr "Inneres" und ihr "Politisches" als Sozialwissenschaftlerin. Mit dem Bild, sie habe zwei gleich aussehende, aber mit verschieden hohen Absätzen bestückte Schuhe an, schildert Kerstin Brückweh als Historikerin ihr Dasein und ihre Perspektiven zwischen Wirtschaft und Forschung; "Wissenschaft zwischen Mainstream und Ideologiekritik", das ist eine Auseinandersetzung, die sich bei Forschungsthemen und -gegenständen, wie etwa zu "Geschlechterbildern", stellt und von Nicole Mehring trotzig-pessimistisch behandelt wird; weil die Felder Forschung und Lehren im Selbstverständnis von Wissenschaftlern immer noch zwei paar verschiedene und unterschiedlich wertige Schuhe sind, setzt sich Marc Alexa für deren Einheit ein; schließlich spricht sich Julian Petrin für eine Renaissance der Utopie im Forschungsprozess aus. 
  4. Im fünften und Abschlussteil des Buches geht es um "Grenzgänge", also um Forschungsbereiche in interdisziplinären Zusammenhängen und Themen; etwa, wenn Robin Hoffmann von der "öffentlichen Wahrnehmung von Kunst und Wissenschaft spricht; oder Friedrich von Borries über seine Erfahrungen beim Forschen als Anstoßen und Anecken räsoniert; oder Philipp Albers darüber nachdenkt: "Wie lässt sich unterhaltsamer Missbrauch von Wissenschaft betreiben, ohne dabei die Wissenschaft zu diskretitieren?". Zum Schluss teilt Nicolas Kerksieck seine Beobachtungen im Heinrich-Hertz-Institut mit, indem er fragt: "Wo ist der Körper in der Wissenschaft?".

Irritierend und für den Rezensenten nicht deutlich erkennbar ist der Sinn des gleichlautenden 10-Fragen-Katalogs, den der Herausgeber den Autorinnen und Autoren am Schluss ihrer Beiträge vorlegt, mit Fragen wie: "Auf welches Fach an Hochschulen könnten Sie am ehesten verzichten?", mit dem erklärenden Klammersatz: Welches Fach würden Sie am liebsten abschaffen?", oder: "Glauben Sie an den Fortschritt?" Die Jungforscher haben diese Fragen entweder als Gag, als Zumutung oder als Fleißaufgabe verstanden. Die Antworten sind entsprechend - gagig, humoristisch, zynisch und ernsthaft. Darauf hätte man verzichten können, weil weder ein "Erkenntnisinteresse" noch ein "Erkenntnisgewinn" dabei erkennbar wird.

Fazit

Ansonsten aber ermöglich der Sammelband einen guten Einblick in die Motive und Motivationen von jungen Forschern, sich trotz oder gerade wegen des aktuell im Zeichen der sich immer interdependenter entwickelnden Welt befindlichen "Umbaus" von wissenschaftlichen Einrichtungen, sowohl dem "zweckfreien Forschen", als auch dem "Anspruch gesellschaftlicher Notwendigkeit" bei ihren Forschungstätigkeiten zu stellen.


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.01.2007 zu: Julian Nida-Rümelin (Hrsg.): Wunschmaschine Wissenschaft. Von der Lust und dem Nutzen des Forschens;. Edition Körber (Hamburg) 2006. ISBN 978-3-89684-123-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4391.php, Datum des Zugriffs 25.11.2020.


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