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Hans-Ernst Schiller: Das Individuum im Widerspruch. Zur Theoriegeschichte [...]

Cover Hans-Ernst Schiller: Das Individuum im Widerspruch. Zur Theoriegeschichte des modernen Individualismus. Frank & Timme (Berlin) 2006. 361 Seiten. ISBN 978-3-86596-089-4. 36,00 EUR.
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Thema

Seit den späten achtziger Jahren erlebt die Individualisierungsthematik innerhalb des sozialwissenschaftlichen Diskurses - und darüber hinaus - eine enorme Konjunktur: Pluralisierung/"Differenz", Patchwork-/Bastelidentität, Eigenverantwortung, Selbstsorge, Selbstverwirklichung, "Egotaktik" - die Liste der Schlagworte ließe sich beliebig verlängern. Auch wenn der neuerliche "Individualisierungsschub" (Beck) nicht immer, vielleicht sogar immer weniger mit naiven, mittlerweile nicht selten zynisch anmutenden Vorstellungen à la "Kinder der Freiheit" oder "Multioptionsgesellschaft" identifiziert wird, bleibt unter dem Strich zu konstatieren, dass a) die Annahme eines Freiheitsgewinns in Relation zu früheren Epochen nachgerade zum common sense geworden ist und b) selbst die Kritiker der "Schattenseiten der Individualisierung" oftmals von vornherein mit einem enggeführten Individualitätsbegriff operieren.

Die utopischen, sozialkritischen und antisubjektivistischen Aspekte, welche einst mit dem emphatischen Individualitätstopos - wie er etwa im Umfeld des deutschen Idealismus grundgelegt wurde - einhergingen, stehen dagegen kaum noch im Fokus - vielmehr wird die (neoliberale) Subjektivierung und/oder postfordistische Verballhornung des aufklärerischen Autonomieprinzips allem Anschein nach zur Normalität.

Dieses Unbehagen an einer autonomielosen Individualisierung ist ein wesentlicher Ausgangspunkt des der klassischen Kritischen Theorie verbundenen Autors - ein weiterer besteht in der heute obwaltenden historischen Kurzsichtigkeit, welche die Hypostasierung des bestehenden Gesellschaftszustandes begünstigt und Unabgegoltenes dem Vergessen anheim gibt. Die Widersprüche der modernen Individualität können, so Schiller, nur dann wieder voll in den Blick geraten, wenn zunächst von einem undifferenzierten und zeitgeistlastigen Individualitätsverständnis Abstand genommen, d.h. die Fixierung auf Besitzindividualismus, "Innerlichkeit" und "Selbstschöpfung" aufgegeben resp. relativiert wird. Vice versa leitet er seine philosophischen Nachforschungen mit der richtungsweisenden These ein, dass die Kantische Begründung der Basisprinzipien des modernen Individualismus "als Maßstab philosophischer Selbstverständigung unüberholt" (S.37) sei. Die Entfaltung der Kantischen Position eröffnet daher die breit angelegte Studie, welche nicht Geringeres zum Vorhaben hat als einen "Durchmarsch" durch die moderne Philosophiegeschichte, und legt fundamentale kritisch-normative Perspektiven frei, von denen aus sich gerade heute Einwände wider die hegemonialen Formen eines Markt-Individualismus und einer heteronomen "Selbstverwirklichung" formulieren lassen.

Inhalt

Innerhalb des ersten Blocks - Deutscher Idealismus (Kant, Fichte, Hegel)- ist die Gegenüberstellung von Kant und Hegel zentral: beide sind zwar hinsichtlich der Ablehnung solipsistischer und instrumenteller Individualitätsmodelle einig; ihre Bildungs- und Moraltheorien differieren jedoch in letzter Konsequenz stark voneinander. Während Kantden Aspekt hervorkehrt, dass rechtliche Egalität ein essentielles Moment in der Entwicklung des Individualismus ist und die Idee der Würde bzw. des „Zweck an sich“ unlösbar mit dem universalen Gehalt des Autonomieprinzips verbindet, fällt das Hegelsche Identitäts- und Sittlichkeitsideal wieder hinter das emanzipative Niveau der Kantschen Lehre zurück: das Staatskonzept der Rechtsphilosophie verfehle letztlich das angestrebte Telos einer Versöhnung von Individuellem und Allgemeinem; Hegelpropagiere de facto eine falsche Alternative zwischen selbstsüchtigen Verirrungen und der Anerkennung des Wirklichen als vernünftig. Jene Opferung der einzelnen Persönlichkeit zugunsten einer "falschen Versöhnung" mit vernunftwidrigen Realitäten verlangt der formalisierte kategorische Imperativ indes nicht - Kant folgt dem aufklärerischen Grundsatz "universell, darum frei" und setzt Sein und Sollen in ein stetes Spannungsverhältnis. Jedoch bleibt seine ahistorische Gesinnungsethik gewissermaßen in der Luft hängen: Hegel behalte seinerseits mit dem an Kant gerichteten Vorwurf einer "Ohnmacht des bloßen Sollens" zunächst recht, denn weder bedenke jener in ausreichenden Maße die Bedingung der Möglichkeit von Autonomie, noch sei die Utopie einer beglückenden Geselligkeit ein integraler Bestandteil der Kantschen Reflexionen. Hegels Vorzüge werden nun darin ausgemacht, das er

a)     die Widersprüche der kapitalistischen Vergesellschaftung bereits relativ klar benennt und

b)     von der Prämisse ausgeht, dass der Bildungsprozess - des Individuums und der Gattung - über Entäußerungen voranschreitet: die Selbstverwirklichung gelinge nicht für sich, "sondern nur in der Auseinandersetzung mit den Objektivitäten von Gesellschaft und Natur" (S.96).

Abweichend von der Bewusstseinsphilosophie Kants akzentuiert Hegel den Konnex zwischen Bildung, Arbeit und - auf Fichtes "Grundlage des Naturrechts" rekurrierend - Anerkennung: die sich im Verlauf von Arbeitsprozessen und Anerkennungskämpfen la longue herausbildenden, über den (vorstaatlichen) status quo hinausschießenden Identitäts- und Sittlichkeitsansprüche der Subjekte drängen danach, sich in sittlich höherstehenden, identitätsverbürgenden Lebensformen zu instutionalisieren; der geschichtliche Fortschritt vollzieht sich entlang der Stufen Liebe (Familie), Recht (bürgerliche Gesellschaft) und Solidarität (Staat). Zu einer entschieden aufklärerischen, materialistischen Fundierung dieses Programms ist Hegel, der schließlich - vor allem in seinen späteren, von Schiller ausnahmslos einbezogenen Werken - doch dazu übergeht, die Bildungsgeschichte des die tätigen Subjekte zu Marionetten degradierenden (Welt-) Geistes zu schreiben und die "Ideen von 1789" restaurativ einzuhegen, bekanntlich nicht vorgedrungen: seine Kritik an der "Ohmacht des bloßen Sollens" mündet letzten Endes in die Apologie des die sozialen Antagonismen kittenden autoritär-monarchischen Rechtsstaates ein. Da die Kantsche Morallehre und das ihr komplementäre Persönlichkeitsverständnis ein solches Sich-Ergeben in diese noch verheerendere Ohnmächtigkeit nicht zulässt, bleiben ihre freiheitlich-universalistischen Ideale aus Sicht des Autors unabgegolten und aktuell.

Der zweite Teil - Liberalismus und Sozialismus (Humboldt, Marx, Mill) - baut auf jene Ausführungen auf - dies allein schon deshalb, weil Humboldt und Marx der Tradition des deutschen Idealismus verpflichtet sind. Humboldt folge Hegel insofern, als auch er die These vertritt, dass die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung immer auf gemeinschaftliche Tätigkeiten und die schöpferische Verbindung mit der Welt, d.h. Entäußerung, bezogen bleibt - insgesamt sieht er allerdings weniger Arbeit denn Sprache als die Mitte von Mensch und Welt, als Vermittler von Subjektivität und Objektivität an. Ferner entpuppe sich Humboldt im Vergleich zu Hegel als liberalerer, Differenzen größeres Gewicht beimessender Denker, der zudem - und dies ist für ihn, ähnlich wie für Kant, kein Widerspruch - das aufklärerische Gleichheitspostulat verteidigt. Die Marxsche Theorie knüpfe indessen, insbesondere, was die "Vorstellung von der Entfremdung und der produktiven Wiederaneignung der entfremdeten Objektivität" (S.143) anbetrifft, sowohl an zentrale bildungstheoretische Gedanken Hegels als auch Humboldts an. Das wirklich Neue an Marx sei, dass er zum einen diese idealistischen Bildungsmodelle auf die "Füße" stellt, d.h. ihnen eine materialistische Lesart verleiht sowie zum anderen den Widerspruch von Freiheitsbewegung und Privateigentum in den Mittelpunkt rückt: eine philosophisch-moralische Kritik an dem Überschäumen der individualistischen "Selbstsucht" und von utilitaristischen Praktiken, durch welche sich die Individuen wechselseitig zu bloßen Mitteln herabstufen und ihrer Würde berauben, berührt nach Marx die Tatsache nicht, dass das atomistische Verhalten mit den veräußerlichten Umständen korrespondiert, ja innerhalb der kapitalistischen Gesellschaftsordnung für die "freigesetzten" Subjekte überlebensnotwendig ist. Konstatiert wird von ihm - schon lange vor Adorno u.a. - eine Verabsolutierung der instrumentellen Vernunft (Ausbildung / Nützlichkeit), bedingt von der Verselbständigung des kapitalistischen Systems. Marx zeige detailliert auf, dass die Macht des Kapitals tief in den Bereich des Persönlichen hineinreicht: es kommt zu einer Verschmelzung des Geldes mit individuellen Eigenschaften; ein schärferer Widerspruch als derjenige zwischen der "pseudoindividuellen" Charaktermaske und dem Selbstentfaltungsideal Humboldts könne kaum gedacht werden. Hinsichtlich der sozialen Utopie Marxens besteht dem Autor nach - aller Differenzen, die vornehmlich in der Kritik der bürgerlichen Rechts- und Eigentumsprinzipien zum Vorschein kommen, zum Trotz, eine Kontinuität der Emanzipationsidee von der früh- und hochbürgerlichen Philosophie bis zu Marx: wenn dieser von der "Realisierung des Gattungswesens in den Individuen" (S.160) bzw. einer "Gemeinschaft freier Produzenten" spricht, lenkt er die Aufmerksamkeit auf die "Voraussetzungen der Freiheit", die eben "für alle" möglich sein soll. Wäre es daher verfehlt, Marx eines kruden Antiindividualismus zu zeihen, so gebe andererseits sein dogmatische Züge tragendes Fortschrittsvertrauen aus heutiger Perspektive mehr als einen Anlass zur Kritik. Der Exkurs in die Gefilde der Millschen Philosophie offenbart, dass dessen Liberalismusverständnis nicht allein sozialistischen Ideen, sondern auch den liberalen von Kant und Humboldt zuwiderläuft. Mills Verteidigung der Freiheit führe weg vom egalitären und hin zu einem "elitären Individualismus"; Klassenunterschiede werden von ihm legitimiert und die soziale Individualität wird naturalisiert - gleichsam erfährt die Dichotomie zwischen einer exklusiven Individualität und dem gesichtslosen Massendasein eine Zementierung. Die "spätbürgerliche" Klage über den Verlust der Individualität infolge des massiver werdenden Konformitätsdrucks der öffentlichen Meinung und dem nivellierenden "Aufstand der Massen" hat in ihm demnach einen ihrer Vorläufer.

Der dritte Teil - Kritische Theorie (Horkheimer, Adorno, Fromm) - führt den Leser mitten in das zwanzigste Jahrhundert hinein; die veränderten zeitgeschichtlichen Horizonte erfassen notwendigerweise auch die Individualitätsproblematik. So erteilt Horkheimer dem Fortschrittsoptimismus der Aufklärer unter dem Eindruck katastrophaler Entwicklungen eine Absage: statt Freiheits- bzw. Autonomiegewinnen sei eine durch die dauerhafte Etablierung des Kapitalismus sowie den Siegeszug von positivistischen und pragmatischen Erkenntnistheorien forcierte Ausweitung und Verfestigung der instrumentellen Selbstbeziehung festzustellen. Die zur zweiten Natur avancierende Warenförmigkeit sowie der allgemeine, nicht zuletzt von der Kulturindustrie beförderte Erfahrungs- und Utopieverlust entleeren das Individuum, blockieren Bildungsprozesse und bestärken es in dem Gefühl des Ausgeliefertseinseins an die "Naturgewalt" der fetischisierten Institutionen. "Ich-Schwäche" und kollektiver "Narzissmus" greifen in der Konsequenz ineinander; die im Kern ebenso "kalte" Pseudogemeinschaftlichkeit kompensiert den brutalen Egoismus ebenso wie sie sich aus jenem speist. Aus dieser Liaison geht ein autoritäres Potential hervor, welches sich der Faschismus zu Nutze machen konnte. Dagegen werden die tatsächlichen Entfremdungsursachen laut Horkheimer kaum mehr reflektiert, größere soziale Zusammenhänge entgleiten zunehmend dem Horizont der in ihrer Subjektivität isolierten und nach der herrschenden Ideologie jeweils für sich selbst verantwortlichen Individuen. Auch deshalb gilt für den "verzweifelt" am Mündigkeits- und Autonomiepostulat festhaltenden Horkheimer: je mehr (Pseudo-) Individualismus, desto weniger Individualität. In der "Dialektik der Aufklärung" kulminieren diese Thesen in dem Befund einer "Liquidation des Individuums". Horkheimer und Adorno formulieren in ihrem Werk die These, dass die fortgesetzte menschliche Naturbeherrschung auf die Menschheit zurückschlägt und sie immer tiefer in die Netze der sozialen Herrschaft verstrickt. Angesichts der Selbstverständlichkeit von instrumentellen Beziehungen könne davon ausgegangen werden, dass eine neue Stufe der Unmittelbarkeit erreicht sei; die innere Vermittlung zwischen Anforderung und Handeln werde schlechthin überflüssig. Die "Lurchenhaftigkeit" einer solchen Existenzweise lasse Annahmen einer Renaissance von archaischen Heteronomien in verwandelter Form plausibel erscheinen: "Ratio wird zur Mimesis ans Tote und wiederholt in seiner Verdinglichung auf höherer Stufe Mimikry (…)" (S.207). Umgekehrt wachse in einer Gesellschaft konkurrierender Privateigentümer das Bedürfnis nach Zugehörigkeit; das ubiquitäre Marktprinzip sei "der Schlüssel für die Karriere des Anerkennungsbegriffs" (S.216) - wobei dieser Topos hier und in etlichen anderen Kontexten vom Autor im Anschluss an Adorno et al. mit nichts anderem assoziiert wird als mit ideologischen Funktionen bzw. Formen eines falsches Bewusstseins. Letztlich treibe ihre pessimistisch-realistische Diagnose Horkheimer und Adorno dazu, sich in z.T. konservativer Manier primär für die Verteidigung der eventuell noch vorhandenen Relikte an individueller Autonomie zu engagieren; eine konkrete Sozial-Utopie haben beide nicht (mehr) anzubieten. Fromms sozialpsychologische Thesen gehen derweil in vielem mit den obigen Ausführungen d«accord: so findet sich auch bei ihm in Reminiszenz an den deutschen Idealismus und Marx die Unterscheidung zwischen einem kulturellen Individualismus und den verdinglichten Verhaltensformen sowie eine Kritik der entkernten, binnen der bestehenden Verhältnisse hochgradig funktionalen "Marketing-Orientierung". Da die Vorbedingung für ein heteronomes "Funktionieren" in der permanenten Unterdrückung der eigentümlich menschlichen Fähigkeit zur Spontaneität besteht, hat sich nach Fromm die Tendenz zur Selbstpreisgabe mit der Zeit tief in die Alltagswelten eingesenkt. Ein egoistischer Konformismus, der die soziale Bedürfnisnatur des Subjekts und damit seine Inividuierungschancen vergewaltigt, sei längst in den Rang einer Norm aufgerückt; die Antrainierung einer solchen Lebensführung gehöre zu den Grundübungen der Systemintegration. Aufgrund dieser Erkenntnisse bleibe das emphatische Individualitätsverständnis Fromms im Kern stets an gesellschaftskritische Implikationen gekoppelt, welchen es allerdings an einer hinreichend rationalen Fundierung mangele - seine in Anbetracht der düsteren Befunde wundersame Zuversicht stützt sich auf die heikle Annahme, dass "das Bedürfnis nach Wachstum und Freiheit dem menschlichen Organismus eingeschrieben (ist)" (S.247). 

Die unter dem Titel des vierten Blocks - Selbstsein und Intersubjektivität (Bloch, Mead, Sartre) - versammelten Denker - merkwürdigerweise wird kein Philosoph aus dem Spektrum der sich im Hinblick auf jene Oberthematik aufdrängenden revidierten Kritischen Theorie berücksichtigt - beleuchten die Individualitätsproblematik aus von der älteren Kritischen Theorie eher vernachlässigten, ungefähr zeitgleich entstandenen Perspektiven: der Spannungsbogen erstreckt sich hier vom kommunistischen Individualitätsideal bis hin zum Paradigma der existentialistischen Selbstwahl. Das Selbstproblem wird von dem den Spielarten des ökonomistischen Materialismus fernstehenden Marxisten Bloch, der seine existenzphilosophischen und linkshegelianischen Ursprünge niemals über Bord geworfen hat, von Anfang an als Wirproblem begriffen: erst im Vollzug einer kommunistischen Vergemeinschaftung gelinge die von der bürgerlichen Aufklärung in Aussicht gestellte und von den kapitalistischen Lebensverhältnissen verunmöglichte individuelle Emanzipation. Vice versa ergreift der Humanist Bloch, die Marxsche Realutopie einer Assoziation freier Individuen im Blick habend, gegenüber den Versionen eines autoritären Kollektivismus für das Recht des Nicht-Identischen Partei. Grundsätzlich besteht für ihn dahingehend kein Zweifel, dass erst eine radikale Überwindung der kapitalistischen Produktions- und Eigentumsordnung mitsamt des der bürgerlichen Gesellschaftsform gemäßen "hohlen" Individualismus das Autonomieideal realisieren kann. An diesem Punkt hebt nun die Kritik an Bloch an: zum einen tendiere jener - getrieben von einer eschatologischen Ungeduld und einem "prinzipiellen" Fortschrittsoptimismus - dazu, die wirklichen Widersprüche der Gegenwart zu überspringen und seine Brüderlichkeitsmoral zum Attribut einer revolutionären Politik zu machen. Diese büße damit erheblich an kritischer Distanz ein; Blochs berechtigte Kritik am negativen Individualismus sei speziell in diesen Momenten nicht mehr davor gefeit, die progressiven Ansprüche des liberalen Individualismus zu unterbieten. Zum zweiten falle seine Kritik des bürgerlichen Individuums generell problematisch aus, da "(…) gerade jene Konzeptionen einer (…) kulturellen Individualisierung, wie sie (…) unter dem Begriff einer nicht auf marktgängige Nützlichkeit verkürzten Bildung entworfen worden sind, die Freiheiten des wirtschaftlichen und politischen Individualismus mehr oder weniger ausgeprägt zur Voraussetzung (haben)" (S.267). Die Eigentümerfreiheit könne nicht als bloßer Schein abgetan werden, mit ihr sei auch - und dies müsse stärker mitbedacht werden - die Etablierung wirklicher Freiheiten verbunden.

Mead stimmt mit Marx und Bloch zunächst insoweit überein, als auch er die Prämisse verficht, dass das Individuum ein gesellschaftliches Wesen ist. Sein "symbolischer Interaktionismus" kreist geradezu um die These einer "Individuierung durch Vergesellschaftung": die Sprache bzw. tätige Kooperation wird hier als das Medium fortschreitender Individuierung begriffen; auf den höheren Stufen der sozialen Entwicklung verschränkt sich nach Mead die Ausdehnung der Gemeinsamkeiten mit dem Wachstum der Differenzierungen. Fokussiert wird nun vornehmlich ein schwerwiegender Bruch in der Meadschen Grundintention: jener protegiere zwar das Ideal des mündigen Bürgers, sein Theoriemodell lasse aber keinen normativ-aufklärerischen Maßstab erkennen. Im Gegenteil: Meads Begriff der Freiheit schließe die Dimension des Selbstbewusstseins aus; an die Stelle der bildenden Intersubjektivität trete die verdinglichte Interaktion von sich wechselseitig auf den Status von Objekten herabstufenden Akteuren. Nüchtern betrachtet erschöpfe sich der nach Meadschen Muster verlaufende Akt einer reziproken Perspektivenübernahme in "sozialtechnischen Operation(en)" (S.290); der Anspruch auf eine rationale Versöhnung von Einzelnem und Allgemeinem sei in diesem affirmativen Theoriemodell, welches im übrigen die konventionalistische Anpassung weitestgehend und das Marktprinzip in toto legitimiere, nicht angelegt.

Sartre schließlich scheint auf den ersten Blick eine von Bloch und Mead krass abweichende Position zu bekleiden. Sein früher Entwurf einer solipsistischen Anthropologie widerspricht nicht nur den Grundsätzen der Intersubjektivitätstheoretiker, sondern dissoniert bereits mit Kants Konzept eines transzendentalen Ich; Sartre bescheinigt dem "präreflexiven Cogito" eine völlige, von allen konkreten Bedingungen des Handelns abgehobene Entscheidungsfreiheit und verabschiedet analog zur deutschen Existenzphilosophie das Universalisierungsprinzip; "(…) der Einzelne (soll) jenseits des Allgemeinen zur Wirklichkeit kommen" (S.305). Der spätere Sartre schwäche jedoch - u.a. aufgrund des Einflusses der Marxschen Theorie - diese heroisch-nihilistischen Thesen ab und stelle die Entfremdungsthematik sowie sozialkritische Reflexionen in das Zentrum seiner Studien. Er gelangt zu der These, dass das Verhältnis des Einzelnen zu den Anderen unter den Bedingungen des Mangels durch Überflüssigkeit und Austauschbarkeit bestimmt ist; die eigentliche Entstehungsursache der entfremdeten (Selbst-) Beziehungen liege indessen in den fetischisierten "Kollektiven", d.h. passiven und von außen vereinigten sozialen Objekten, welche die individuelle Existenz einer vorgegebenen, verdinglichten Essentialität subsumieren und somit ohnmächtige Subalternität (re-) produzieren. Als aktivistisch-voluntarisches Ponton zur trägen Institution "Kollektiv", die dem eingespurten Einzelnen keinerlei Distanzierungsspielräume lasse, führt Sartre - Existentialismus und Marxismus vermengend - die "Gruppe" an, welche sich nicht aus "seriellen", sondern "gemeinsamen Individuen" zusammensetzt und idealiter gänzlich von dem Ideal einer permanenten Revolution infiltriert ist.

Das Schlusskapitel - Ideologischer Individualismus - bündelt die zuvor skizzierten Hauptkritikpunkte wider den dominanten, zur "zweiten Natur" gewordenen (Pseudo-) Individualismus, welche ferner noch einmal gegen etwaige (Wissenschafts-) Moden in Stellung gebracht werden: der Autor adressiert scharfe Vorwürfe an die Adresse der utilitaristischen "Bio-Ethik" Peter Singers, der konstruktivistischen Weltsicht und der den postfordistischen Realitäten angepassten Identitätskonzeptionen. Am Ende steht die zu wenig Optimismus Anlass gebende These, dass sich die von Marx diagnostizierte "allgemeine Verkehrung der Individualitäten (…) zur Verquickung von Sache und Selbst fortentwickelt (hat)" (S.340) - ein extremer Privatismus, die kulturindustriell gesteuerte "Selbstverwirklichung" sowie eine Ubiquität des Bourgeoisen seien Ausdruck des Zustandes einer in den seelischen Tiefenstrukturen verwurzelten Eindimensionalität. Dort, wo die Ideologie der "Eigenverantwortung" zum Mittel sozialer Exklusion wird, also im Kontext des Abbaus sozialer Rechte und der gesetzlichen Strategien des "Förderns und Forderns", entpuppe sich die - ihren Klimax möglicherweise noch vor sich habende - destruktive Dynamik des auf asozialen Konkurrenzmechanismen beruhenden Individualismus in schonungsloser Offenheit. Angesichts dieser Entwicklung ist eine ihre normativen Maßstäbe aus der Tradition der Aufklärung und der Kritischen Theorie gewinnende proindividuelle Individualismus-Kritik notwendiger, aber - dieser Eindruck verhärtet sich - auch ortloser denn je.

Fazit

Dem Autor ist es zweifelsohne gelungen, ein profundes, facettenreiches und tiefgründiges Werk vorzulegen, welches zum herrschenden Individualisierungs-Zeitgeist angenehm quer steht und wichtige (sozial-) philosophische Beiträge für die Entwicklung einer reflektieren, emanzipativ intendierten Individualismus-Kritik liefert. Die Lektüre setzt freilich einen nicht geringen Grundstock an philosophischen Vorkenntnissen voraus; mancherorts erschwert die enorme Dichte der Argumentationsstruktur das Verständnis der Kernthesen. Aus inhaltlicher Sicht seien abschließend drei Kritikpunkte benannt:

  1. anfechtbar sind zunächst die Ausführungen zu Mead, dessen unterschwellig u.a. von Hegel und Fichte inspiriertes Modell einer praktischen Intersubjektivität allzu sehr in funktionalistische Schemata gepresst wird - man fühlt sich an die überspannten Pragmatismus-Verrisse Horkheimers erinnert -;
  2. hiermit im Zusammenhang stehend: der Umgang/Nichtumgang mit der hochaktuellen Anerkennungsthematik, welche etwas einseitig von einer ideologiekritischen Perspektive aus beleuchtet wird - man vermisst eine Diskussion der Kritischen Theorie von Habermas und Honneth - und
  3. die aufgeworfene, aus Sicht des hier vorliegenden kapitalismuskritischen Standpunktes heikle, aber eventuell auch weiterführende Frage nach dem Zusammenhang von Emanzipation und Eigentümerfreiheit (s.o., S.7) hätte eingehender behandelt werden müssen.

Der positive Gesamteindruck des empfehlenswerten Werkes wird durch diese Anmerkungen indessen nicht geschmälert: sein Studium ist nicht allein für Philosophen und an philosophischen Fragen Interessierte gewinnbringend, sondern insbesondere auch für Pädagogen mit bildungstheoretischem Anspruch.


Rezensent
Dr. phil. Sven Kluge
Dipl.-Päd., Dipl.- Soz. Päd.
Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen
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Zitiervorschlag
Sven Kluge. Rezension vom 24.03.2007 zu: Hans-Ernst Schiller: Das Individuum im Widerspruch. Zur Theoriegeschichte des modernen Individualismus. Frank & Timme (Berlin) 2006. ISBN 978-3-86596-089-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4392.php, Datum des Zugriffs 15.12.2019.


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