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Tahar Ben Jelloun: Verlassen. Roman

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 13.01.2007

Cover Tahar Ben Jelloun: Verlassen. Roman ISBN 978-3-8270-0652-3

Tahar Ben Jelloun: Verlassen. Roman. Berlin Verlag (Berlin) 2006. 264 Seiten. ISBN 978-3-8270-0652-3. 19,90 EUR. CH: 34,90 sFr.
Aus dem Französischen von Christiane Kayser
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Flucht als Allegorie; oder: Die Geschichte vom unbekannten Einwanderer

"Jedermann hat das Recht, in anderen Ländern vor Verfolgung Asyl zu suchen und zu genießen". Dieser humane Grundsatz, wie er in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948 in Artikel 14 der Menschheit auferlegt wurde, findet sich in den meisten Grundrechtskatalogen der freiheitlich-demokratischen Staaten; auch wenn einige Länder ihn in ihren Verfassungen relativiert haben. Vor allem der Begriff der "politischen Verfolgung", der dem Menschenrecht auf Asyl zugrunde liegt, wird in den einzelnen Interpretationen unterschiedlich ausgelegt. Ist die Flucht vor einer Lebenssituation, die es den Menschen nicht mehr ermöglicht, menschlich zu existieren, ein Asylgrund oder nicht? Daran scheiden sich die Geister. Dabei steht in der Menschenrechtsdeklaration in Art. 25 auch der Grundsatz: "Jedermann hat das Recht auf einen für die Gesundheit und Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Lebensstandard, einschließlich ausreichender Ernährung, Bekleidung, Wohnung, ärztlicher Versorgung und notwendiger sozialer Leistungen…".

Einer, der mit den Realitäten in der ungerechten Welt nicht zufrieden ist und sich einmischt in die Auseinandersetzungen, wie die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Ungleichgewichtigkeiten auf der Erde verändert werden können zu dem, was auch zuvorderst in der oben genannten Deklaration steht - "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren" - kann als Brückenbauer für den interkulturellen Dialog darüber gelten: Der 1944 in Marokko geborene, seit 1971 in Paris lebende und in Französisch schreibende Tahar Ben Jelloun, legt, nach zahlreichen Büchern zu dem, was er in seinem "Gespräch mit meiner Tochter" titelt als "Papa, was ist ein Fremder?" (2000), "Papa, was ist der Islam?" (2002) und "Papa, woher kommt der Hass? (2005), wie auch zu Allegorien "Das Schweigen des Lichts" (2001), einen neuen Roman vor, mit dem er dem massenhaften Exodus von Menschen aus West- und Nordafrika ein figuren- und facettenreiches Gesicht gibt.

Die von Mythos und Mysterium der Geschichte und Wirklichkeit geprägte Großstadt in Marokko ist das, was immer mehr junge, dynamische Afrikaner, die sich mit der Hoffnungs- und Zukunftslosigkeit ihres Lebens in ihrem Kontinent nicht zufrieden geben wollen, als "Startrampe" für das vermeintliche Paradies Europa auffassen. Von Tanger aus kann man, bei guter Sicht, die rund 14 Kilometer entfernte spanische Küste sehen. Nichts leichter also, als sie zu erreichen, mit seeuntauglichen und überladenen Booten, von skrupellosen Schleppern und Geschäftemachern bereit gestellt. Es sind meist Menschen, die in ihrem Land auf der Strecke geblieben sind, wie etwa Azz el Arab, den sie der Einfachheit halber Azel nennen. Nach seinem Jurastudium, das ihm, wie viele seiner gleichaltrigen Mitzwanziger, keine Arbeits- und Überlebensmöglichkeit bot, hängt er in den Cafés und Kneipen der Stadt herum, konsumiert Rauschgift und verführt, weil er gut aussieht, die Mädchen wie die Perlenschnüre seiner längst zur Seite gelegten Gebetskette, wird von der Polizei verhaftet und verprügelt und kommt immer wieder wegen seines Scharms und seiner Trickereien frei - bis er den alternden schwulen und steinreichen spanischen Galeristen Miguel trifft. Er ist fasziniert von Azels Jugendlichkeit und erkauft sich seine Liebe. Miguel, hin- und hergerissen zwischen der Suche nach Zuwendung und der Ausübung von herrischer Macht, ist, auf der Flucht vor der Sattheit und der Sinnlosigkeit der materiellen Fülle, wie Azel vor der Flucht der Zukunftslosigkeit. Miguel nimmt Azel mit nach Barcelona, und "er lebte in Miguels Sachen, als habe er eine zweite Haut". In Marokko und hier trifft Azel Menschen, die sich wie unregelmäßige, sorgfältig und schlampig aufgereihte Figuren an seiner Lebenskette reihen: Siham, in die er sich verliebt, seine Schwester Kenza, die schließlich wie er von Miguel nach Barcelona geholt wird und anders als er, sich tatsächlich eine Berufstätigkeit in Spanien schafft; vielleicht dank ihrer Erfahrungen im "größten Sofa der Welt", im Hamam, "wo jeder reden kann, sich dem anderen anvertrauen, sich beklagen" - ein Zufluchtsort und eine emotionale Tankstelle für die Frauen Marokkos. Für die verloren gegangenen wie angekommenen "Spaniuli" in Europa. Für diejenigen, die daheim geblieben sind, genau so wie für die, deren "Strafe das Exil" ist. Azel verlässt Miguel und schlägt sich dealend und schmarotzend als Illegaler so durch. Als er bei einer Polizeikontrolle erwischt wird, bietet er sich an, um seine Haut zu retten und nicht, wegen der "Hchouma", der Schande und der "Hegra", der Demütigung, nach Marokko abgeschoben zu werden, als Polizeispitzel zu arbeiten. Einige Tage vorher hatte er nämlich einen Kontakt mit einem Anwerber für eine extremistische, islamistische Gruppierung in Spanien. Die Visitenkarte von Ahmad Abd Al-Wahhab, Import/Export Barcelona - Madrid - Tanger war seine Eintrittskarte: "Er rettete seine Haut, verkaufte aber seine Seele". Es kommt, wie es kommen muss: Azel wird als Verräter von den "Brüdern" umgebracht, geschlachtet wie ein Schaf zum Aid-el-Kebir.

Beinahe versöhnlich, in die Geschichte des Islam in Europa greifende Metapher, endet die Erzählung vom "unbekannten Auswanderer", der zurück kommt in die Heimat. Und dabei sind Kenza und die anderen, die den Drang hatten, "die heimatliche Erde zu verlassen, denn oft ist sie nicht reich genug, liebt uns nicht ausreichend, gibt nicht genug her, um uns dazubehalten". Sie fahren nach Hause - in die Fremde, ohne dass dabei allerdings klar wird, ob dies die Hoffnungen erfüllt, die sich in den Jahren in der Fremde aufgetürmt und aufs Herz und Gemüt gelegt haben.

Fazit

Im französischen Original lautet der Titel: Partir. Ob dabei die hoffnungsvolle Bedeutung "Rückkehr" enthalten ist, oder eher der von "Nimmer-Wiederkehr", das mag der Leser selbst entscheiden. Tahar Ben Jelloun lässt in seinen Charakterschilderungen beide Interpretationsmöglichkeiten zu. Die etwas holperig erscheinende Übersetzung einiger Passagen, die die Wirklichkeit der Sprache und die Realität der Existenzen gelegentlich etwas gestelzt wiedergeben, stört; macht aber den in zweiter Auflage vorgelegten Roman nicht weniger bedeutsam. Auch um gegen die sensationell und voyeuristisch aufgemachten Bilder und Berichte über die Flüchtenden aus Afrika nach Europa einen Gegenpart zu setzen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 13.01.2007 zu: Tahar Ben Jelloun: Verlassen. Roman. Berlin Verlag (Berlin) 2006. ISBN 978-3-8270-0652-3. Aus dem Französischen von Christiane Kayser. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4393.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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