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ISAAC (Hrsg.): Unterstützte Kommunikation mit nichtsprechenden Menschen

ISAAC (Hrsg.): Unterstützte Kommunikation mit nichtsprechenden Menschen. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2000. 2. ergänzte und erweiterte Auflage. 233 Seiten. ISBN 978-3-86059-141-3. 18,50 EUR.
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Entstehungshintergrund

Bei dem von der Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation (ISAAC) herausgegebenen Fachbuch handelt es sich um eine Zusammenstellung von Beiträgen, die auf der 5. bundesweiten Fachtagung "Unterstützte Kommunikation" im September 1999 der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Hier besprochen wird die zweite, ergänzte und erweiterte Auflage, die notwendig wurde, da die erste Auflage schon mit Ende der Tagung vergriffen war.

In Anbetracht der immer noch geringen Anzahl von Veröffentlichungen zum Thema Unterstützte Kommunikation (UK) füllt dieses Buch eine wichtige Lücke, bietet es doch sowohl theoretische Grundlagen wie praktisch relevante Anregungen für Therapie- und Unterricht. Zudem werden Lösungswege für strukturelle Probleme im UK-Bereich beschrieben. So wird ein breites Spektrum von Fragestellungen abgedeckt, allerdings mit dem Nachteil vieler Reader, nämlich dass die Zusammenstellung eher zufällig als systematisch zu bezeichnen ist.

Aufbau und Inhalte

Theoretische Grundlagen liefern u.a. die Artikel von Herrmann und Einert. Herrmann begründet und beschreibt, wie sich eine verstehende, förderungsorientierte Diagnostik im Rahmen von Unterstützter Kommunikation umsetzen lässt. Sein Begründungsansatz basiert auf der konstruktivistischen Systemtheorie, seine praktischen Umsetzungsversuche auf der Analyse von Videoaufzeichnungen mit Hilfe der – allerdings schon lange bekannten – Interaktionsanalyse von Moog bzw. von Beobachtungsbögen. Einert beschäftigt sich mit der Problemstellung, wie unterstützt kommunizierende Kinder von Ein- zu Mehrwortäußerungen gelangen. Ihr hochinteressanter Artikel macht deutlich, wie gering das Angebot in der Zone der nächsten Entwicklung (Wygotski) bei Kindern ausfällt, die sich nicht mit den üblichen Methoden verständigen und Modelle und Anregungen für ihre spezifische Art der Kommunikation benötigen. Der Erwerb grammatikalischer Funktionen wird somit erheblich erschwert und viele dieser Kinder stagnieren auf Einwortäußerungen. Einert zeigt die in der Literatur beschriebenen therapeutischen Ansätze zur Förderung des Übergangs von Ein- zu Zweiwortäußerungen auf (syntaktische und pragmatisch-kommunikative Strategien), betont aber gleichzeitig, dass die bisher entwickelten Methoden nicht ausreichen, das Problem zufriedenstellend zu lösen.

Um Frühfördermaßnahmen geht es in den Beiträgen von Wilken und Sprengel. Wilken stellt dar, wie bereits im Kleinkindalter durch den frühen Einsatz von Gebärden Kommunikation und Spracherwerb gefördert werden kann. Ihr kooperativer, auf dialogisches Handeln ausgerichteter Ansatz basiert auf der Verwendung einfacher Gebärden, die lautsprachbegleitend eingesetzt werden, um das Verstehen von Wörtern zu erleichtern bzw. den Sinn und die Bedeutung gesprochener Sprache bewusst zu machen. Sprengel dagegen schildert Maßnahmen der Frühförderung bei einem hörenden Kind gehörloser Eltern, dessen Lautspracherwerb aufgrund mangelnder Sprachmodelle verzögert verläuft.

Strukturelle Fragestellungen im UK-Bereich werden von Gottfried/Lemler, Kientop u.a., Kristen und Lage/Antener aufgegriffen. Gottfried/Lemler beschreiben am Einzelbeispiel der 15jährigen Kathrin Lemler, wie es durch Einsatz eines Einzelhelfers gelungen ist, ein schwer körperbehindertes Kind mit wachem Verstand in den Unterricht einer Regelschule im Sekundarbereich zu integrieren. Kientop u.a. begründen, warum Unterstützte Kommunikation ein Aufgabenfeld für die Sprachtherapie darstellt und daher in die Ausbildung, Weiterbildung und das Leistungsangebot aller Logopäden/innen und Sprachtherapeuten/innen aufgenommen werden muss. Kristen beschreibt das Konzept und die Arbeit der Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation an der Martinsschule in Ladenburg. Lage/Antener machen die Notwendigkeit der Ausbildung von Multiplikatoren/innen für Unterstützte Kommunikation deutlich und stellen die von ihrem "büro für unterstützte kommunikation" erarbeiteten Fortbildungsmodule vor. Als Kern ihres Fortbildungskonzepts skizzieren sie das von Beukelman/Mirenda entwickelte Partizipationsmodell, das Strukturen anbietet, mit deren Hilfe mögliche Barrieren einer UK-Intervention für den Alltag identifiziert werden können.

Auf praktische Fördermaßnahmen mit dem Schwerpunkt des Einsatzes elektronischer Kommunikationshilfen sind die Beiträge von Andres, Flürenbrock u.a., Hünig-Meier, Petersen, Rolf/Weikmann, Spiekermann und van Tatenhove ausgerichtet. Andres gibt praktische Tips für das Bereitstellen von Modellen ("modelling") im Alltag von Kindern, die den Umgang mit Talkern (Deltatalker oder Alphatalker) lernen. Flürenbrock u.a. stellen Hintergründe zur Theorie und Praxis für die Einrichtung einer Talkergruppe an einer Schule für Körperbehinderte dar. Hüning-Meier beschreibt die Vorzüge eines sprechenden Mitteilungsheftes, d.h. der Nutzung einfacher elektronischer Kommunikationshilfen, um Schüler/innen am Austausch innerhalb der Klassengemeinschaft zu beteiligen. Petersens Artikel zielt auf die in der deutschsprachigen Literatur noch viel zu selten beachtete Gruppe der Erwachsenen mit schweren Kommunikationsbeeinträchtigungen. Sie zeigt auf, wie auch im Erwachsenenalter bei bereits etablierten Kommunikationsmustern ein Deltatalker als sinnvolle und wichtige Kommunikationshilfe eingeführt werden kann. Rolf/Weikmann schildern mit einer Fülle von praktischen Ideen die Nutzung einfacher elektronischer Kommunikationshilfen für Spielsituationen und soziale Interaktionen. Auch Spiekermann bietet eine interessante Sammlung von Ideen und Tips für die praktische Arbeit. Van Tatenhove schließlich beschreibt, wie auch für geistigbehinderte Menschen ein Vokabular entwickelt werden kann, das unter 2er-Sequenzen gespeichert ist.

Zwei weitere Artikel beschäftigen sich mit bestimmten Behinderungsbildern. Häußler stellt mit TEACCH einen überaus hilfreichen Ansatz für die Arbeit mit Menschen mit Autismus vor. TEACCH basiert auf den Prinzipien der Struktualisierung und Visualisierung, um den Alltag für autistische Menschen vorhersehbar und somit transparenter zu machen. TEACCH schafft somit möglicherweise die Voraussetzungen für eine Kommunikationsförderung. Schneider/Rohrmann stellen zunächst kurz die Arbeit ihrer Beratungsstelle vor, um dann am Beispiel eines spastisch gelähmten, fast blinden Menschen zu beschreiben, wie Unterstützte Kommunikation auch für schwerer behinderte Menschen nutzbar gemacht werden kann.

Um einzelne Forschungsprojekte drehen sich die Beiträge von Franzkowiak und Wetzel. Franzkowiak skizziert ein Projekt, das die Bedeutung vorn Bliss-Symbolen als mögliche Brücke zum Lesen erforschen will. Wetzel stellt die Ergebnisse einer Studie dar, die die Kommunikationsfähigkeiten von Schülern und Schülerinnen einer Heim-Sonderschule für Geistigbehinderte erfaßt hat.

Etwas aus dem Rahmen fällt der Artikel von Höfer/Gangkofer, denn sie schildern den Besuch von drei nichtsprechenden Menschen bei einem indischen Yogi, der in seiner Kindheit aus eigenem Antrieb beschlossen hat, freiwillig nicht mehr zu sprechen.

Fazit

Insgesamt handelt es sich also um einen spannenden und interessanten Reader für alle, die weiteres Fachwissen bzw. praktische Anregungen im Bereich unterstützte Kommunikation suchen. Für Anfänger/innen auf dem Gebiet ist das Buch jedoch nicht zu empfehlen, denn es setzt Grundlagen und Detailkenntnisse voraus.


Rezension von
Dr. Ursula Braun


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Zitiervorschlag
Ursula Braun. Rezension vom 01.03.2001 zu: ISAAC (Hrsg.): Unterstützte Kommunikation mit nichtsprechenden Menschen. von Loeper Verlag (Karlsruhe) 2000. 2. ergänzte und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-86059-141-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/44.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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