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Martin Doehlemann: Die 30jährigen. Lebenslust und Lebensfragen

Cover Martin Doehlemann: Die 30jährigen. Lebenslust und Lebensfragen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2006. 178 Seiten. ISBN 978-3-8309-1653-6. 14,90 EUR.
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Autor

Der Soziologe Martin Doehlemann, bis 2006 Professor am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Münster, ist ausgewiesen unter anderem durch originelle alltagssozio­logische Studien zum Phänomen der Langeweile, zum selbstgewählten sozialen Abstieg, zur Kreativität der Kinder und ihrem eigensinnigen Denkstil und zu Sinnsystemen der Dummheit. [1] Er fragt in „Die Dreißigjährigen“ (2006) nach der Sicht der heute Dreißigjährigen auf ihr Leben und danach, wie dieses Lebensalter von Jüngeren und Älteren gesehen wurde und wird.

Aufbau und Inhalte

Doehlemann nimmt den Leser nach einer kurzen Einleitung zunächst mit auf einen Streifzug durch die Religions-, Philosophie- und Literaturgeschichte (Kap. 2).  Dreißig Jahre – das ist ein ganz besonderes, ein beispielsweise in Märchen und Mythen beliebtes Lebens­alter. Lange galt es als Scheitel- und Höhepunkt des menschlichen Lebens. Im Grimmschen Märchen „Die Lebenszeit“ sind dreißig Jahre die Lebensdauer, die Gott dem Esel, dem Hund und dem Affen zuteilen will – und auch dem Menschen. Die Tiere bitten um Erlass, ihnen ist diese Zeit für ihr mühevolles Leben zu lang. Dem Esel werden achtzehn Jahre erlassen, dem Hund zwölf, dem Affen zehn. Dem Menschen aber sind dreißig Jahre natürlich bei weitem nicht genug. So bekommt er noch die überzähligen Jahre des Esels, des Hundes und des Affen dazu, und ist immer noch nicht zufrieden. Aber nur „die ersten dreißig sind seine menschlichen Jahre“, sagt das Märchen (S. 8 f.).

Mit dreißig Jahren wird Joseph vom Pharao „zum Herrn über ganz Ägypten“ gemacht (Gn 41, 46). Mit dreißig Jahren beginnt das öffentliche Wirken von Moses oder Jesus (Lk 3, 23). Als Dreißigjähriger malte z. B. Dürer ein berühmtes Selbstbildnis; dieses und einige andere von etwa dreißigjährigen Künstlern sind dem Buch als Illustrationen beigefügt, ebenso wie geistreiche Cartoons des Zeichners Sondermüller. Als etwa Dreißigjähriger schreibt Goethe den „Urfaust“, und der alt gewordene Goethe lässt im zweiten Teil des „Faust“ seinen Bakkalaureus, den Bachelor des 16. Jahrhunderts, wenig respektvoll sagen: „Hat einer dreißig Jahr“ vorüber, / So ist er schon so gut wie tot. / Am besten wär„s, euch zeitig totzuschlagen.“ (S. 9) Das „Trau keinem über dreißig!“ der 68er hat also schon eine altehrwürdige Tradition.

Der 32-jährige Hölderlin gibt einem berühmt gewordenen autobiographischen Gedicht den Titel „Hälfte des Lebens“. Doehlemann findet darin den „unvermittelte[n] Ausblick über die Hälfte des Lebens hinaus ins Exil der Beziehungs- und Wortlosigkeit.“ (S. 16)

Insgesamt bestätigen seine kulturgeschichtlichen Funde zur Einschätzung des dreißigsten Jahres immer wieder die These: Die Zeit um das dreißigste Jahr galt traditionell als ein Höhe- und vielleicht Wendepunkt menschlicher Existenz. Gilt das auch noch für die Dreißigjährigen von heute, die nicht mehr zu Herren Ägyptens erhoben werden wie Joseph, nicht mehr öffentlich predigen wie Jesus und sehr wahrscheinlich noch mehr als die „Hälfte des Lebens“ vor sich haben? Früher sahen sich die Menschen mit dreißig auf dem Gipfel ihres Lebens. Heute glauben die Dreißigjährigen ihre Lebens­gipfel noch vor sich zu haben. Das zeigen neuere wissenschaftliche Lebenslaufmodelle (Kap. 3), darauf deuten auch statistische Hinweise zum Heirats- und Familiengründungs­verhalten hin (Kap. 4). 

Mit wachem Blick für gewandelte Lebenschancen und -risiken heute vergleicht Doehlemann die Selbstdeutungen der  Dreißigjährigen von damals mit denen derer von heute, und in Bezug auf die von heute vergleicht er das Selbstbild der kinderlosen mit dem derer, die Kinder haben. Der Status des beruflich etablierten, in einer von ihm selbst gegründeten Familie angekommenen Erwachsenen ist heute offenbar nicht mehr so einfach zu erreichen. Zeiten der Ausbildung und der Abhängigkeit von der älteren Generation dauern heute länger als früher, und es braucht mehr und schwierigere Entscheidungen, um das eigene Leben eigenen Konzepten entsprechend zu gestalten. Doehlemann bringt damit einhergehende Unsicherheiten auf die Formel „Einsteigen schon, aber Furcht davor, anzukommen“ (Kap. 5, S. 47). Reichliches Material dazu findet er in Bekanntschafts- und Heiratsanzeigen, Befindlichkeitserklärungen von Journalist(inn)en  und Autor(inn)en  und in sonstigen „medialen Verlautbarungen“ von Dreißigjährigen und über sie. Das Spektrum reicht von „endlich 30“ über „schon 30“ bis zu „o je – 30!“ Auffällig an den neueren Äußerungen und typisch für sie ist Doehlemann zufolge „eine krisenverdächtige Furcht vor dem Ankommen, Endstation Aufbruch, erhöhter, geradezu berauschender Bezug zu sich selbst.“ (S. 61) Das Pathos des sich selbst Verwirklichen-Wollens findet sich vor dem Paradox, dass das zu verwirklichende Selbst immer auf die anderen angewiesen bleibt. Entsprechend sieht Doehlemann  für die heute Dreißigjährigen einen Trend zur „Selbstverwirklichung zweiter Ordnung“ (Kap. 8, S. 168). Schwer zu beantworten ist die Frage, ob diese Altersgruppe heute als Generation in Erscheinung tritt, ähnlich wie die Generationen der „68er“ oder der „89er“ (Kap. 6, S. 63 ff.). Doehlemann antwortet nur indirekt: Die „Generation der Ratlosen“ habe zumindest keine eigene entschiedene Botschaft (S. 76 f.). 

 Die Monographie ist, was ihre empirische Seite betrifft, hervorgegangen aus einer vom Autor  mit Studierenden des Fachbereichs Sozialwesen der Fachhochschule Münster durchgeführten Studie. Das Kernstück des Buches bildet darum eine Untersuchung der „Lebensfragen von Menschen zwischen 28 und 32 ohne Kinder und mit Kindern“ anhand von Gesprächen mit 234 jungen Erwachsenen am Leitfaden eines Fragebogens (Kap. 7, S. 78 ff.). Der Leser gewinnt ein konkretes Bild davon, wie die heute Dreißigjährigen ihre Identität definieren, was sie unter sinnvollem Leben verstehen, welche Konzepte sie von Partnerschaft und dem Leben mit Kindern  entwerfen, was ihre Ziele und Maßstäbe sind und wie es mit ihrer Lebenszuversicht steht. Deutlich wird, dass die Jahrhunderte alte Vorstellung vom dreißigsten Jahr als einem Scheitel- und Gipfelpunkt des Lebens, als „Zenit der Lebensbahn“,  heute verblasst ist (S. 165). Die jungen Menschen von heute wollen mit dreißig noch nicht fertig sein, sie sehen sich noch auf der Suche nach sich selbst, auch wenn diese fortdauernde unabge­schlossene und vielleicht unabschließbare Suche nach sich selbst das Festhalten von Lebenspartnern erschwert.  Das gilt in besonderem Maße für die Singles. Aber auch die aus dieser Altersgruppe, die schon Väter und Mütter sind, wollen nicht allein “für die Ihren leben, sondern ein eigenes Leben mit ihnen führen“ (S. 165).

Aus Doehlemanns Interviews und Analysen ergeben sich neue Antworten auf Fragen nach Gründen für die vermehrte Kinderlosigkeit von Paaren, nach Ursachen der geringeren Stabilität von Partnerschaften, nach Kosten der Selbstbestimmung im sich beschleunigt verändern­den Lebenswandel. „LebensWandel“ ist auch der doppelsinnige Titel eines vom selben Autor herausgegebenen Sammelbandes (2003), in dem er in (im besten Sinn) essayistischer Form bereits viele Motive seiner neuen Studie vorausnimmt. [2]

Kommentar

Schon in seinen Büchern zur Kreativität von Kindern (2001) und zu Absteigern (1996) hat Doehlemann großen Wert auf die Wiedergabe von authentischen Äußerungen der jeweiligen Gruppe gelegt. Auch in der neuen Studie wird der metho­di­sche Wert dieses Vorgehens wieder sichtbar. In der präzisen Dokumentation und ungeschönten Analyse der konkreten Identitäts- und Lebensentwürfe von Dreißigjährigen heute werden die Schwierigkeiten einer von vielen und oft unvereinbaren Ansprüchen umgetriebenen (um nicht zu sagen gebeutelten) Gene­ration deutlich. Es sind oft weniger äußere Schwierigkeiten als innere, nicht zuletzt solche, die diese Generation sich selber macht. Alles ist möglich für die Kinder der Postmoderne, und gerade darum scheint für manche von ihnen nichts mehr zu gehen. Die „bewegliche Lebens­gestaltung in offener Selbsterkundung“, die sich die Dreißigjährigen von heute vornehmen (S. 167), bleibt ein riskantes Projekt. Die alten Sicherheiten und Selbstverständlichkeiten sind für viele verloren, neue nicht in Sicht.

Fazit             

Doehlemanns Mentalitätsanalyse der Dreißigjährigen zu lesen, ist eine Freude – keine Spur von verrufenem Soziologendeutsch, nicht selten funkelnde Aphorismen. Zu wünschen wären vergleichbar sachlich erhellende und stilistisch durchgefeilte Studien zum Beispiel über die Selbstbilder von Zwanzig- oder Sechzigjährigen. Man würde dann genauer sehen, inwiefern die Generationskohorten von heute sich von denen früherer Jahrhunderte unterscheiden, und was sie mit ihnen verbindet.


[1]   M. Doehlemann: „Langeweile? Deutung eines verbreiteten Phänomens“, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1991; „Absteiger. Die Kunst des Verlierens“, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1996; „Dummes Zeug. Zur kulturellen Konstruktion von Unsinn“, Münster: Waxmann, 2001; „Die Kreativität der Kinder. Anregungen für Erwachsene“, Münster: Waxmann, 2001.

[2] M. Doehlemann (Hg.): „LebensWandel. Streifzüge durch spätmoderne Beziehungslandschaften“, Münster: Waxmann, 2003.


Rezensent
Prof. Dr. Norbert Rath
Professor für Sozialphilosophie an der Fachhochschule Münster, Fachbereich Sozialwesen
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Zitiervorschlag
Norbert Rath. Rezension vom 30.09.2007 zu: Martin Doehlemann: Die 30jährigen. Lebenslust und Lebensfragen. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2006. ISBN 978-3-8309-1653-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4403.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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