socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Andreas Hillert, Michael Marwitz: Die Burnout-Epidemie oder [..]

Cover Andreas Hillert, Michael Marwitz: Die Burnout-Epidemie oder brennt die Leistungsgesellschaft aus? Verlag C.H. Beck (München) 2006. 336 Seiten. ISBN 978-3-406-53589-5. 19,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Zielsetzung und Autoren

Andreas Hillert und Michael Marwitz wollen mit ihrem Buch die Komplexität des Phänomens "Burnout" nachvollziehbar machen "und die Selbstverständlichkeit, mit der heute über Burnout gesprochen wird, auf ihre Stimmigkeit und Tragfähigkeit abklopfen". Dazu bieten sie den Lesern eine "Reise" an, "die durch historische, naturwissenschaftliche, medizinische, psychotherapeutische und politische Gegenden führt". Beide Autoren arbeiten in einer psychosomatischen Klinik mit vielen von Burnout betroffenen Patienten, A. Hillert als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und M. Marwitz als psychologischer Psychotherapeut.

Inhalt

  • Im Kapitel “Betroffene haben das Wort" schildern sechs Patienten (eine Lehrerin, ein leitender Angestellter, eine Verwaltungsbeamtin, ein Allgemeinmediziner, eine Hausfrau und ein Gymnasiast) ihre subjektiv als Burnout erlebte Symptomatik. Der lebensgeschichtliche Hintergrund der jeweiligen Beschwerden wird durch einfühlsame Texte der Autoren ergänzt. Die Betroffenen unterscheiden sich erheblich hinsichtlich Alter, beruflichem Erfolg und erlittenen Schicksalsschlägen. Dabei berichten sie von verschiedenen psychischen und körperlichen Symptomen (z.B. Kraftlosigkeit, mangelnde Konzentrationsfähigkeit, Tinnitus, Schwindel). Alle führen ihre Symptome auf Konstellationen zurück, in denen das Verhältnis zwischen persönlichen Leistungen und sozialer Anerkennung aus dem Gleichgewicht kam.
    Bei einer - von den Autoren durchgeführten - Befragung von Lehrern, die in einer psychosomatischen Klinik behandelt wurden, geben fast 80 % von ihnen an, sich ausgebrannt zu fühlen. Burnout wird als sozial einigermaßen akzeptable Erkrankung angesehen, zumindest wird Burnout weder bei den erkrankten, noch bei zusätzlich interviewten gesunden Lehrern tabuisiert. Als Gründe für ihr Burnout  nennen die erkrankten Lehrern vor allem berufliche Sorgen und Stress, Überarbeitung, Abgrenzungsschwierigkeiten, zu ausgeprägte Gewissenhaftigkeit und Belastungen durch schwierige Schüler. Es gibt Symptome, bei denen ein relativ hoher Konsens besteht, dass hier Aspekte von Burnout vorliegen (z.B. Erschöpfung, Kraftlosigkeit, Schlafstörungen), es gibt aber auch viele Symptome, bei denen von Patient zu Patient sehr unterschiedliche Einschätzungen vorliegen (z.B. Schmerzen vielerlei Art, Verdauungsprobleme, Schwindel, Tinnitus, Übelkeit, Atemlosigkeit, Gewichtsverlust oder -zunahme). Sowohl bei den ausführlichen Einzelfallschilderungen als auch aus den gröberen Befragungen wird deutlich, dass jeder Betroffene eine sehr persönliche Vorstellung davon hat, was Burnout eigentlich ist.
  • "Burnout wird entdeckt." In diesem Kapitel  gehen die Autoren auf Herbert Freudenberger ein, der den Begriff Burnout in den 70er Jahren zum ersten Mal so benutzte, wie wir es heute gewohnt sind. Freudenberger war Psychoanalytiker in New York und engagierte sich jahrelang ehrenamtlich bei der medizinischen Betreuung von Drogenabhängigen und Prostituierten. Er selbst und viele seiner Kollegen fühlten sich psychisch und physisch schwer erschöpft, was sie selbst  "ausgebrannt" nannten. Für Freudenberger war Burnout keine seelische Erkrankung, sondern kam eindeutig durch Überlastungen bei sozialen Tätigkeiten zustande.
  • "Burnout macht Karriere." Hier schildern die Autoren u.a., wie es zur Entwicklung des Maslach-Burnout-Inventars (MBI) kommt. Dieser aus 25 Items bestehende Fragebogen misst die drei Dimensionen "emotionale Erschöpfung", "reduzierte persönliche Leistungsfähigkeit" und "Depersonalisierung" (damit ist eine distanzierte bis zynische Haltung gegenüber Schülern, Patienten, Klienten etc. gemeint). Das MBI hat sich inzwischen weltweit verbreitet und kann als Standardinstrument der Burnoutforschung angesehen werden. Die schwierigen Fragen nach der für Burnout charakteristischen Symptomatik, nach Abgrenzungen zwischen Gesundheit und Burnout als Krankheit und nach typischen Burnoutphasen oder -prozessen kann aber auch ein oft verwendeter Fragebogen nicht beantworten. 
  • Im Kapitel "Burnout wird gemessen" erfolgt - nach einer "kleinen psychologischen Methodenkunde" - eine kritische Würdigung des MBI und der Überdruss-Skala (Tedium-Measure). Die Autoren diskutieren, ob Burnout als eigenständiges Konstrukt erfassbar ist oder von anderen psychologischen Konstrukten überdeckt wird (z.B. Depression, Arbeitszufriedenheit und Stress).
  • "Noch im Stress oder schon im Burnout." Die Autoren geben einen Überblick über die Stresskonzepte von Selye und von Lazarus und zeigen den engen Zusammenhang zu Burnout. Danach stellt sich Burnout als Folge von länger anhaltendem Stress ein, und zwar dann, wenn den Betroffenen eine erfolgreiche Bewältigung der Belastungen nicht gelingt. Diesem subjektiven Bewältigungsprozess (Coping), also dem persönlichen Umgang mit Stressoren, wird in der interaktionalen Stresstheorie deutlich mehr Raum gegeben als im Burnoutkonzept von Freudenberger.
  • "Burnout: Krankheit, Störung, Diagnose, Prädiktor oder was?" Hinsichtlich Symptomatik und Verlauf gibt es für Burnout bisher keine eindeutigen Diagnosekriterien. Daraus folgt, dass Burnout nach den Kriterien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zurzeit nicht als eine Krankheit angesehen wird.  Aus der Sicht von Burnout-Betroffenen ist das völlig unverständlich. Dass sich diese spannungsvolle Situation in naher Zukunft ändern wird, ist nicht zu erwarten. Als weiterführend könnten sich die Forschungen von Schaarschmidt (2005) erweisen, der zentrale Aspekte des Coping bei beruflichen Belastungen erfasst und verschiedenen Verhaltensmustern zuordnet. Sein Risikomuster B (wie Burnout) hängt eng mit Resignation, verminderter Belastbarkeit und reduziertem Arbeitsengagement zusammen.
  • "Arbeit und Gesundheit: Die Zeit vor Burnout." Die Autoren untersuchen hier den Einfluss von Arbeitsbelastungen auf die individuelle Befindlichkeit aus einer historischen Perspektive. Dabei decken sie die Verwandtschaft des ehemals populären Neurasthenie-Konzepts zu Burnout auf. Sie zeigen, dass Burnout und ähnliche Störungsbilder auch soziale Konstrukte sind, deren Erleben in historisch-gesellschaftliche Kontexte einzuordnen ist.
  • "Burnout: Psychsomatische Nebenwirkung der postmodernen Arbeitswelt." Aktuelle Veränderungen der Arbeitswelt (z.B. Controlling, Benchmarking) wirken sich vermutlich auf das  Burnout-Erleben aus. Repräsentative Untersuchungen zur  betrieblichen Gesundheitsförderung belegen, dass fast die Hälfte der Befragten unter Rückenschmerzen, muskulären Verspannungen  wie Müdigkeit und Abgeschlagenheit leiden. Einerseits überraschend, andererseits durch Arbeitsplatzunsicherheiten verständlich, ist ein deutlicher Rückgang krankheitsbedingter Fehlzeiten, wobei sich allerdings der Anteil psychischer Erkrankungen in den letzten Jahren deutlich erhöht hat. Längsschnittliche Studien weisen auf mangelnde soziale Unterstützung (auch Konflikte am Arbeitsplatz und Mobbing) und auf zu geringe Kontrollmöglichkeiten (mangelnde Autonomie) hinsichtlich der Arbeitsabläufe hin, die zu einer Zunahme psychischer Erkrankungen führen. Dieser Abschnitt wird m.E. dem Titel des vorliegenden Buches am offensichtlichsten gerecht.
  • "Burnout wird behandelt." Wissenschaftlich überzeugende Studien  belegen die Wirksamkeit von Stressbewältigungsansätzen zur Burnout-Prophylaxe. Dabei werden die Betroffenen für die Wahrnehmung von Stressoren sensibilisiert und ihre Aufmerksamkeit wird auf passende Strategien in kritischen Situationen gelenkt. Für die längerfristige Stressreduktion werden zahlreiche bewährte, teilweise auch komplexe Strategien vorgeschlagen (z.B. die soziale Einbindung nicht zu vernachlässigen, perfektionistische oder idealistische Einstellungen zu erkennen und ggf. zu hinterfragen, sich abzugrenzen und an passender Stelle "nein" zu sagen). Danach wird das Vorgehen bei tiefenpsychologischen Psychotherapien bei Burnout-Symptomen kurz angerissen, wo der Prozess von Übertragung und Gegenübertragung zwischen Therapeut und Patient im Mittelpunkt der Behandlung steht. Anschaulich dargestellt wird der verhaltenstherapeutische Ansatz durch die Beschreibung der Burnout-Behandlung bei den vorne bereits vorgestellten sechs Personen. Abschließend wird Burnout als Anwendungsfeld der traditionellen chinesischen Medizin besprochen. Hier fehlt allerdings noch eine Evaluation nach wissenschaftlichen Standards, die besonders bei den verhaltenstherapeutischen Interventionen viel weiter fortgeschritten ist.
  • "Burnout: Behandlung und Prävention am Arbeitsplatz." Stress kann durch die Reduzierung des Lärmpegels in Fabrikhallen und durch eine Flexibilisierung von Bandlaufgeschwindigkeiten deutlich reduziert werden. Aber durch organisatorische Maßnahmen die Stressbelastung im zwischenmenschlichen Bereich zu begrenzen, scheint nur sehr schwer möglich zu sein. Nach Einschätzung der Autoren sind diese Fragen "hochindividuell", "hochkomplex" und "konzeptuell kaum auflösbar". Stressprävention im betrieblichen Kontext hat wegen der Interessenkonflikte von Vorgesetzten/Arbeitgebern und Mitarbeitern einen ambivalenten Charakter, das ist z.B. deutlich spürbar bei der Frage, wann sich ein Mitarbeiter den überzogenen Forderungen eines Vorgesetzten widersetzen sollte. Die Angst vor Arbeitslosigkeit wird selbst den berechtigten und angemessenen Widerstand erschweren. Auch bei Berufsgruppen, wo Zukunftsängste auf den ersten Blick eine weniger große Rolle spielen (z.B. bei Verwaltungsbeamten und Lehrern), gibt es zahlreiche Verunsicherungen. Eine Fülle von sich verschlechternden Arbeitsbedingungen kann dazu führen, dass sich auch Mitarbeiter mit sicherem Arbeitsplatz immer wieder ausgenutzt, im Stich gelassen und letztlich ausgebrannt fühlen.

Diskussion

Gute Bücher führen zu weiteren Fragen. So ging es auch mir bei der Lektüre:

(1) Persönlich hätte ich mir eine noch intensivere Diskussion und Bewertung der Arbeiten von Uwe Schaarschmidt gewünscht (Schaarschmidt, 2005). Schaarschmidt bezieht sich nur am Rande auf das Burnout-Konzept, er findet andere, vielleicht viel versprechendere Wege, psychische Belastungen im Beruf zu konzeptualisieren.

(2) Leider kommen die Präventions- und Behandlungsmöglichkeiten in psychotherapeutisch orientierten Gruppen für meinen Geschmack zu kurz. Durch intensive und sozial unterstützende Reflexionsprozesse innerhalb von Gruppen und durch stetiges Feedback von Seiten der anderen Gruppenmitglieder dürften sich Chancen zur persönlichen Weiterentwicklung ergeben, z.B. können festgefahrene, prekäre Sichtweisen auf diese Weise wirksam hinterfragt werden. Dadurch wiederum könnten Burnout-Symptome aufgefangen werden. Hier hatte ich mir mehr Informationen und Einschätzungen aus den reichhaltigen Erfahrungen der Autoren erhofft.

Fazit

Der Erstautor Andreas Hillert ist bereits als Mit-Herausgeber eines wissenschaftlichen Werkes zum Thema Burnout (Hillert & Schmitz, 2004) und eines lesenswerten Burnout-Ratgebers für Lehrer (Hillert, 2004) hervorgetreten. Hier hat er nun gemeinsam mit Michael Marwitz ein sprachlich geschliffenes, oft amüsant, manchmal ironisch formuliertes Buch vorgelegt (s. Titel und Kapitelüberschriften), das den Standpunkt der Autoren zum Burnout-Konzept gut nachvollziehbar aufarbeitet und deutlich werden lässt. Dabei zeigen die Autoren immer wieder, dass sie das Leid von Burnout-Betroffenen sehr ernst nehmen und engagiert über passende Präventions- und Behandlungskonzepte nachdenken. Andererseits wird eine wissenschaftlich-anspruchsvolle Perspektive eingenommen, die eine Vielzahl von ernsthaften Problemen des Burnout-Konzeptes und der empirischen Burnout-Studien offen legt. Besonders erfreulich ist, dass sich die Autoren durchgehend an wichtigen und aktuellen empirischen Forschungsarbeiten orientieren.

Die Aktualität das Thema Burnout steht außer Frage. Besonders intensiv wird Burnout zurzeit im pädagogischen Bereich diskutiert, einerseits im Hinblick auf die Gesundheit von Lehrern und Erziehern, andererseits um die Qualität von Unterricht und Erziehung zu sichern. Insgesamt möchte ich das besprochene Buch uneingeschränkt weiterempfehlen, und zwar sowohl an interessierte fachfremde Leser als auch an Psychotherapeuten und Fachwissenschaftler. Die Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven, aus der das Burnout-Konzept betrachtet wird, ist bereichernd und eindeutig mit Gewinn zu lesen.

Literatur

  • Hillert, A. (2004) Das Anti-Burnoutbuch für Lehrer. München: Kösel
  • Hillert, A. & Schmitz, E. (2004). Psychosomatische Erkrankungen bei Lehrerinnen und Lehrern. Stuttgart: Schatthauer.
  • Schaarschmidt, U. (2005). Halbtagsjobber? Psychische Gesundheit im Lehrerberuf - Analyse eines veränderungsbedürftigen Zustandes. Weinheim: Beltz.

Rezension von
Prof. Dr. Harald Uhlendorff
Psychologischer Psychotherapeut
apl. Prof. am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Potsdam
Tätigkeitsfelder: Gleichaltrigenbeziehungen von Kindern und Jugendlichen, Erziehung in Schule und Familie, Entwicklung im höheren Erwachsenalter, psychische Belastungen im Beruf


Alle 10 Rezensionen von Harald Uhlendorff anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Harald Uhlendorff. Rezension vom 14.01.2007 zu: Andreas Hillert, Michael Marwitz: Die Burnout-Epidemie oder brennt die Leistungsgesellschaft aus? Verlag C.H. Beck (München) 2006. ISBN 978-3-406-53589-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4415.php, Datum des Zugriffs 19.04.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht