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Meinrad Armbruster: Eltern-AG. Das Empowermentprogramm für mehr Elternkompetenz in Problemfamilien

Rezensiert von Michael Schnabel, 25.09.2007

Cover Meinrad Armbruster: Eltern-AG. Das Empowermentprogramm für mehr Elternkompetenz in Problemfamilien ISBN 978-3-89670-561-7

Meinrad Armbruster: Eltern-AG. Das Empowermentprogramm für mehr Elternkompetenz in Problemfamilien. Carl-Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. 256 Seiten. ISBN 978-3-89670-561-7. 24,95 EUR. CH: 44,00 sFr.
Mit einem Vorwort von Anna Katharina Braun. Mit einem Geleitwort von Helm Stierlin.

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Thema

Es ist eine allseits bekannte Tatsache: Die vielen unkontrollierbaren Einflüsse, denen Familien heute ausgesetzt sind, tragen entscheidend dazu bei, dass die Erziehung von Kindern größere Anstrengungen und umfassendes Wissen verlangt. Daher suchen viele Eltern Rat und Unterstützung in Erziehungsratgebern und in Weiterbildungsmöglichkeiten. Gerade auf diesem Gebiet hat sich in den letzten Jahren das Angebot vervielfältigt. Elternbildungsprogramme existieren schon zuhauf: Warum dann noch ein Zusatzangebot durch eine "Eltern-AG"?

Untersuchungen zeigen, dass nur ein Teil der Eltern Bildungsveranstaltungen annimmt und somit von der Vielfalt der Angebote profitiert. Daher kritisieren viele Experten herkömmliche Angebote, weil sie gerade diejenigen Eltern nicht erreichen, die durch zusätzliche Belastungen und Risiken dringend Anregungen bräuchten. Diesen Unzulänglichkeiten stellt sich das vorliegende Konzept der Eltern-AG. Es wurde ganz gezielt für Risiko-Eltern entwickelt: "Adressaten von Eltern-AG sind grundsätzlich alle Menschen, die in ihrem Alltag mit Kindern zusammenleben, sie erziehen und beruflich mit Eltern zusammenarbeiten. Der Ansatz eignet sich besonders gut für die Zusammenarbeit mit Eltern, die ärmer und weniger gebildet sind als der Durchschnitt der Bevölkerung, die häufiger in beengten Wohnverhältnissen leben, denen weniger Ressourcen zur Verfügung stehen und deren Kinder öfter Entwicklungsrückstände und Auffälligkeiten im Verhalten aufweisen: Eltern, die unter Risikobedingungen leben." (S. 32) Ein Vorhaben, das bisher in dieser Konsequenz noch nicht angegangen wurde.

Aufbau und Inhalte

Die Darstellung des Projekts der Eltern-AG, das an der Magdeburger Akademie für Praxisorientierte Psychologie erarbeitet wurde, gliedert sich übersichtlich und konsequent durch folgende drei Abschnitte:

1.    Die Praxis

2.    Die Grundlagen

3.    Theorie und Empirie

Der Abschnitt "Praxis" enthält alles Wissenswerte zur Eltern-AG: Umfassend wird das Bildungskonzept der Eltern-AG mit all seinen Strukturelementen beschrieben; beispielsweise die Rolle der Mentoren, die Abgrenzung der Adressaten, der Aufbau der Treffen, Grundsätze der Durchführung und Prinzipien der Qualitätsanforderungen.

Im "Praxisbuch" wird ein konkretes Treffen von den Anfängen bis zur Abschlussveranstaltung geschildert. Dadurch wird den Lesern/innen nochmals konkret und anschaulich vorgeführt, wie die konzeptuellen Vorgaben umgesetzt werden können.

Das Kapitel "Werkzeugkiste" stellt Übungen und Spiele für einzelne Phasen der Treffen bereit; beispielsweise finden sich darin Übungen zum Ankommen und Kennenlernen, zum Wissens- und Erfahrungsaustausch, zur Entspannung und zum Abschluss der Zusammenkünfte.

Nun die Frage: Was brauchen die Gruppenbegleiter und wie werden sie auf die Praxis vorbereitet? Das Kapitel "Schulung und Praxisbegleitung der Mentoren" gibt differenziert Auskunft zu all den einschlägigen Fragen, wie zum Beispiel Inhalt, Dauer, Praxis und Methode der Ausbildung, Abschluss und Begleitung der Mentoren durch Supervision. Nach diesem Abschnitt sind die Leser/innen umfassend über die Eltern-AG informiert. Die weiteren Abschnitte liefern theoretische Ergänzungen zum Konzept.

Der Abschnitt "Grundlagen" stellt Erkenntnisse aus den Sozialwissenschaften bereit, die den Ansatz der Eltern-AG wissenschaftlich absichern sollten. Es werden die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Risiko-Eltern skizziert und die Lebensbedingungen beschrieben, mit denen Risiko-Eltern zurecht kommen müssen. Weiterhin wurden die philosophisch-psychologischen und pädagogischen Hintergründe dargelegt, die zur Formulierung des Konzepts beigetragen haben. Ein theoretisches Kernstück der Eltern-AG ist der Empowerment-Ansatz. Anschaulich wird gezeigt, wie Menschen wieder zum aktiven Gestalter ihrer Lebensumstände werden können - ein durchgängiges Ziel der Eltern-AG.

Der Abschnitt "Theorie und Empirie" erläutert verschiedene Aspekte der Bedürfnispsychologischen Grundlagen. Sie sind das zentrale Erklärungsmodell der Vorgänge in der Elterngruppe. Weiterhin werden Ergebnisse der Begleituntersuchung präsentiert. Sie machen deutlich, dass durch die bisher durchgeführten Gruppen tatsächlich Risiko-Eltern erreicht wurden.

Zielgruppe

Wer soll die Publikation zur Hand nehmen und durcharbeiten? Im oben angeführten Zitat werden mehrere Adressatengruppen genannt:

  • Alle Menschen, die mit Kindern zusammenleben.
  • Alle, die mit Eltern zusammenarbeiten.
  • Alle, die mit Risiko-Eltern zusammenarbeiten.

Wahrscheinlich werden sehr vereinzelt Nur-Eltern dieses Buch zur Hand nehmen, denn für die konkreten Belange von Erziehung in der Familie können sie nur indirekte Anregungen finden. Aber ganz sicher profitieren alle diejenigen von dieser Publikation, die in jedweder Form mit Eltern zusammenarbeiten. Geradezu einmalig und lobenswert ist die grundsätzliche Zielsetzung, ein Konzept der Weiterbildung von Risiko-Eltern vorzulegen. Sehr überzeugend sind die damit verbundenen Maßnahmen der Akquirierung von Eltern und die ansprechenden Praktiken zur Durchführung der Zusammenkünfte. Die Bildungseinheiten zeichnen sich durch klare Strukturen und durch viele Beteiligungsmöglichkeiten der Eltern aus. Vorbildlich wird somit die Forderung eingelöst, die Teilnehmer/innen bei ihren Erfahrungen und Lebensbedingungen abzuholen. Deshalb gibt die Publikation nicht nur den Multiplikatoren, die eine  Eltern-AG gründen wollen, entscheidende Hinweise, vielmehr machen die Ausführungen allen Elternbildnern bewusst, wie sie ihre Vorhaben auf die Erlebniswelt der Eltern ausrichten können.

Etwas befremdlich ist die Forderung, in die Eltern-AG nur Risiko-Eltern zuzulassen und andere interessierte Eltern wegzuschicken. Die einleitenden Teile sind äußerst schwungvoll, spannend und humorvoll geschrieben, sodass die Lektüre - ungewöhnlich stark für ein Fachbuch - fesselt. Leider konnte dieser Schwung nicht durchgehalten werden.

Fazit

Die Veröffentlichung "Eltern-AG" beschreibt ein Spezialkonzept zur Bildung von Risiko-Eltern, das viele kreative Anregungen für alle, die in der Elternbildung tätig sind, bereithält. Die konsequente Ausrichtung auf die Bedürfnisse und Voraussetzung bei den Eltern ist mustergültig.

Rezension von
Michael Schnabel
Staatsinstitut für Frühpädagogik, München

Es gibt 45 Rezensionen von Michael Schnabel.

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ISSN 2190-9245