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Thomas Rauschenbach: Zukunftchance Bildung. Familie, Jugendhilfe und Schule in neuer Allianz

Cover Thomas Rauschenbach: Zukunftchance Bildung. Familie, Jugendhilfe und Schule in neuer Allianz. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. 208 Seiten. ISBN 978-3-7799-1731-1.
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Thema

In diesem Buch, das der Autor selbst als „Essay“ bezeichnet, „erfindet“ Thomas Rauschenbach „die Zukunft des Aufwachsens“. Die Zukunftschancen junger Menschen seien weitgehend von ihrer Bildung abhängig. Die derzeitige Bildungsdiskussion müsse erweitert werden: hinsichtlich des Lebenslaufs (vom Fokus auf Schul- und Ausbildungszeit hin zur Einbeziehung der frühen Kindheit), der Bildungsorte (vom Fokus auf Schule und Hochschule hin zur Berücksichtigung anderer Orte und Gelegenheiten zur „Weltaneignung“), der Zertifizierung (vom Fokus auf Schul-, Ausbildung- und Hochschulabschlüsse hin zu einer kompetenzorientierten Sichtweise), der Inhalte (vom Fokus auf den „klassischen“ Schulfächern und Kernthemen hin zu einem breiter angelegten, „ganzheitlichen“ Bildungsbegriff) und der gesellschaftspolitischen Ausrichtung (vom Fokus auf dem Mittelschichtskind hin zur Chancengleichheit).

Autor

Thomas Rauschenbach, Jg. 1952, ist Direktor des Deutschen Jugendinstituts in München und Professor für Sozialpädagogik an der Technischen Universität Dortmund. Er hat am 11. und 12. Kinder- und Jugendbericht mitgewirkt.

Aufbau

Das Buch besteht aus zwei langen Teilen und einem kurzen Teil:

  1. Bildung als Zukunftschance (84 Seiten),
  2. Orte des Aufwachsens (110 Seiten),
  3. Familie, Schule und Jugendhilfe in neuer Allianz (15 Seiten).

Hinzu kommen Vorwort, Einleitung, Abbildungs- und Literaturverzeichnis.

Einleitung

In der Einleitung konstatiert Thomas Rauschenbach, dass die Bildungsmisere trotz einer sich schon über viele Jahre erstreckenden öffentlichen Diskussion fortbestehen würde. Er verweist auf die gesellschaftspolitische Dimension: Das Bildungssystem sei „zu einer zentralen Chancenzuteilungsinstanz“ geworden, zu einem „Nadelöhr, das den Weg in eine erfolgreiche Zukunft weist – oder versperrt“ (S. 12). Somit würde insbesondere bei Kindern und Jugendlichen „Bildung zu einer Schlüsselfrage ihrer eigenen Zukunft“ (S. 13).

Dann skizziert Rauschenbach politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklungstendenzen und ihre Konsequenzen für Familie und Bildung: eine „Neuformatierung des Aufwachsens“, gekennzeichnet durch „eine Institutionalisierung der Kindheit in öffentlichen Bildungs-, Betreuungs- und Erziehungseinrichtungen“ und die „Ergänzung der privaten durch eine öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen“ (S. 24 f.). Viele für das Leben wichtige Kompetenzen würden aber in der Schule nicht gelernt, und besonders benachteiligt seien Kinder, deren Begabungen und Interessen jenseits von „auserwählten Fachgebieten schulischer Anerkennung“ liegen (S. 26). So sollte es in Zukunft „zu einer gezielteren Einbeziehung der sozialen Lebenszusammenhänge in die Bildungsprozesse der Menschen“ kommen (S. 27).

(1) Bildung als Zukunftschance

Im ersten Teil seines Buches zeigt Rauschenbach auf, dass die Begriffe Bildung, Familie, Schule und Jugendhilfe „dabei sind, einen neuen Bedeutungshorizont zu erlangen“ (S. 36). Im Gegensatz zu juristischen, ökonomischen und ökologischen Interventionen sei die pädagogische „auf die unmittelbare Verbesserung der individuellen Handlungskompetenz gerichtet“ (S. 44). Bildung ist somit personengebunden: Die Bildungsbiographie des einzelnen Menschen umfasst das Durchlaufen „vielfältiger Anlässe, Orte und Gelegenheiten der impliziten und der expliziten Bildung“ (S. 46) – und dies sind nicht nur die traditionellen Bildungseinrichtungen, sondern auch viele andere Lebensorte. Im Lichte eines lebenslauforientierten Blicks kann prinzipiell „jeder Anlass, jede Situation, jeder Augenblick Element eines Bildungsprozesses sein“ (S. 47). Zugleich hat Bildung aber auch eine sozialpolitische Bedeutung: Durch sie könnten „soziale Herkunft und individuelle Zukunft voneinander entkoppelt werden“ (S. 75), könnten aus Migrationsstatus und Armut resultierende Benachteiligungen abgemildert werden.

Dann widmet sich Rauschenbach der verkannten Bedeutung der Alltagsbildung, von „non-formaler und informeller Bildung“ (S. 83): Vermutlich lernen Menschen „das meiste – nicht unbedingt das Wichtigste – … im Alltag, ungeplant, nebenher …: beim Zeitung lesen, auf der Straße, im Gespräch oder bei der Verrichtung alltäglicher Dinge“ (S. 84) bzw. in der Familie, im Freundeskreis, im Verein, durch die Medien usw. Hier erfolgt Bildung nicht durch curricular gestaltete Lehr-Lernprozesse, sondern ungeplant, indirekt, im Vollzug, durch konkretes Handeln mit Ernstcharakter. Dabei werden nicht nur soziale und personale Kompetenzen erworben, die in den „offiziellen Plänen des Bildungswesens“ nur eine Nebenrolle spielen, sondern auch die in der Schule ausgesparten Lerninhalte: „Computer, Recht, Medizin, Erziehung, Ökonomie, um nur einige Beispiele zu nennen“ (S. 86). Insbesondere für Dienstleistungsberufe wichtige Kompetenzen würden außerhalb der Schule erworben.

So fordert Rauschenbach, die „Ko-Produzenten“ der Bildung ins Blickfeld zu rücken. „In seiner Konsequenz heißt das aber auch: Erhebliche Teile der in Schule identifizierten Probleme müssen gar keine schulimmanenten Probleme sein, sind vielmehr Ausdruck bislang erbrachter Leistungen der Alltagsbildung gegenüber dem formalen Bildungsort Schule, die offenbar immer weniger selbstverständlich für alle Heranwachsenden … sichergestellt werden können“ (S. 87). Es könnte sogar sein, dass „die bisher kaum beachtete Alltagsbildung die Kluft zwischen den Privilegierten und den sozial Benachteiligten, zwischen den Bildungsgewinnern und den Bildungsverlierern erzeugt“ (S. 89). Im Falle gravierender Mängel in der Alltagsbildung sei dann „ersatzweise ein wirkungsvolles Surrogat in Form öffentlicher Bildungsangebote bereitzustellen“ (S. 93).

Bildung ist somit mehr als Schule. Sie beinhaltet den Erwerb kultureller, instrumenteller, sozialer und personaler Kompetenzen in ganz unterschiedlichen Settings. In Zukunft müssten laut Rauschenbach die Bildungsorte und Lernwelten miteinander verbunden und aufeinander abgestimmt werden, sodass sie sich in ihrer Wirkung wechselseitig verstärken. Zugleich müsse die Trennung zwischen Betreuung, Erziehung und Bildung überwunden werden. In einer Art „zweiten bildungspolitischen Revolution“ – die erste war die Verbreitung der Schule und die Einführung der Schulpflicht – müsse nun die „grundlegende Herausforderung der Rehabilitierung und Neuformatierung der Alltagsbildung“ geleistet werden; dies sei die „Bildungsfrage der reflexiven oder zweiten Moderne“ (S. 110).

(2) Bildungsorte

Im zweiten Teil des Buches nimmt Rauschenbach die „Orte des Aufwachsens“ nacheinander in den Blick, die Bildung „ko-produzieren“ und dabei Kinder und Jugendliche als Akteure aktiv einbeziehen. Er beginnt mit der Familie, zumal die Zukunftschancen von Kindern „in erheblichem Maße von familiären Bindungs- und Bildungsprozessen“ abhängen (S. 123), und beklagt, dass sowohl Forschung als auch Politik die „Familie als Bildungsort“ lange vernachlässigt haben. Der Autor konstatiert Betreuungs-, Erziehungs- und Bildungsdefizite bei Familien, die z.B. durch Kindertageseinrichtungen, Familienzentren und andere familienfreundliche Infrastrukturangebote kompensiert werden könnten, und fordert eine enge Kooperation zwischen Familien und Einrichtungen.

Dann widmet sich Rauschenbach der Kindertagesbetreuung, die zu einer „neuen Selbstverständlichkeit“ und damit zu einem wesentlichen Bestandteil des Aufwachsens geworden sei. Er referiert Studien, nach denen Kindertageseinrichtungen zumindest teilweise herkunftsbedingte Benachteiligungen kompensieren, und arbeitet Bestandteile frühkindlichen Lernens heraus. Schließlich fordert er eine Verbesserung der Bildungsqualität durch eine Akademisierung der Fachkräfteausbildung, einen Ausbau von Betreuungsangeboten für unter Dreijährige und der Tagespflege, ein zukunftsweisendes frühkindliches Bildungskonzept und Maßnahmen zur Qualitätssicherung.

Hinsichtlich des Bildungsortes „Schule“ arbeitet Rauschenbach bildungspolitische Herausforderungen wie das Dilemma der „kognitiven Engführung“, die Problematik der Selektion, den mangelnden Lebensweltbezug, den unzureichenden praktischen Nutzwert schulischer Inhalte, die fehlende Ernsthaftigkeit des Lernens und die zu geringen Möglichkeiten der Verantwortungsübernahme durch Schüler/innen heraus. Die Ganztagsschule wird als Zukunftschance gesehen, falls neben kognitiven auch andere Bildungsinhalte und Formen des Lernens berücksichtigt würden (also alle Kompetenzen gefördert würden), mit Familien und Jugendhilfe kooperiert werde, Gelegenheiten zur Übernahme sozialer Verantwortung eröffnet und andere Lernwelten der kommunalen Bildungslandschaft einbezogen würden.

Trotz fehlenden empirischen Datenmaterials betont Rauschenbach dann die Bedeutung des Bildungsortes „Jugendarbeit“. Er skizziert die Vielfalt (und Unübersichtlichkeit) der Angebote und Angebotsformen, deren zeitweilige Nutzung durch nur 20 bis 30 Prozent der Kinder und Jugendlichen (ohne Berücksichtigung der Angebote von Sportvereinen), die geringen Ausgaben für diesen Bereich (knapp 1,5 Mrd. Euro/Jahr) und den massiven Stellenabbau. Trotz des Bedeutungsverlustes habe Jugendarbeit „als ein ergänzendes Projekt im Prozess des Aufwachsens“ (S. 193) eine große Relevanz, die in den kommenden Jahren zunehmen könnte: Zum einen würde Jugendarbeit zunehmend als Kooperationspartner von Ganztagsschulen nachgefragt, zum anderen würde sie sich immer mehr der durch sie initiierten Bildungsprozesse bewusst (Erwerb personaler, sozialer und praktischer Kompetenzen, Werteerziehung, selbstorganisiertes Lernen usw.). Dieses Leistungspotenzial der Jugendhilfe müsse stärker in der Öffentlichkeit sichtbar gemacht werden.

Schließlich widmet sich Rauschenbach den „Bildungsorten der zweiten Chance“, nämlich der Jugendsozialarbeit und den stationären Hilfen zur Erziehung. Er beschreibt die Arbeitsfelder und geht der Frage nach, inwieweit hier Bildungsprozesse thematisiert, angezielt und belegt werden. Dann zieht er Bilanz: In Deutschland muss „das Augenmerk stärker auf die Frage des Zusammenspiels und des Zusammenwirkens der unterschiedlichen Bildungsakteure – allen voran die Schule, die Familie sowie die Kinder- und Jugendhilfe – im Prozess der Aufwachsens gerichtet“ (S. 222) und dabei immer Betreuung, Erziehung und Bildung als Eckpfeiler berücksichtigt werden.

(3) Zukunftsprojekt Bildung

Im dritten Teil des Buches proklamiert Rauschenbach: „Bildung ist nicht alles, aber ohne Bildung ist alles nichts“ (S. 224). Bildung wird als „zentrale Antwort auf die Herausforderungen einer globalisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts angesehen“ (S. 224), aber auch als Mittel zur Reduzierung herkunftsbedingter Unterschiede. Dann setzt sich Rauschenbach mit acht Aspekten des „Zukunftsprojekts Bildung“ auseinander: der Omnipräsenz von Bildung, Bildung als Hegemonialbegriff, Grenzen der formalen Bildung, Ambivalenzen der Alltagsbildung, Potenziale der anderen Seite der Bildung, Bildung als Kooperationsprojekt, Bildung von Anfang an und das Nicht-Wissen über Bildung, dem z.B. das Nationale Bildungspanel abhelfen soll.

Fazit

„Im Ergebnis wird ein Vorschlag zur konzeptionellen Neuausrichtung in Sachen Bildung vorgelegt, der für eine stärkere Beachtung der Alltagsbildung sowie für eine bessere Verzahnung der unterschiedlichen Bildungsorte und Lernwelten zwischen Familie, Schule und Jugendhilfe plädiert“, heißt es auf dem Einband des Buches – und dem ist nichts mehr hinzuzufügen.


Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 26.02.2010 zu: Thomas Rauschenbach: Zukunftchance Bildung. Familie, Jugendhilfe und Schule in neuer Allianz. Juventa Verlag (Weinheim) 2009. ISBN 978-3-7799-1731-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4419.php, Datum des Zugriffs 24.10.2020.


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