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Günther Anfang (Hrsg.): Handy. Eine Herausforderung für die Pädagogik

Rezensiert von Dipl.-Soz. Päd. Richard Janz, 22.07.2007

Cover Günther Anfang (Hrsg.): Handy. Eine Herausforderung für die Pädagogik ISBN 978-3-938028-82-7

Günther Anfang (Hrsg.): Handy. Eine Herausforderung für die Pädagogik. kopaed verlagsgmbh (München) 2006. 134 Seiten. ISBN 978-3-938028-82-7. 10,00 EUR.
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Thema

Eine Studie aus dem Jahr 2005 stellt fest, dass rund 90 % der Jugendlichen in Deutschland über ein Handy verfügen. Dabei wird das Handy nicht mehr nur zum verschicken von SMS und zum Telefonieren benutzt, sondern "[a]ls Kommunikationsgerät strukturiert es das tägliche Leben und dient zur Organisation des Alltags" (S. 7). Die mobile Kommunikation führt zu Veränderungen des Alltags(er-)lebens. Das Handy birgt in seiner Multifunktionalität kreatives Potential, aber auch gewisse Probleme, die dem gesellschaftlichen Diskurs zugeführt werden müssen. Das Mobiltelefon wird immer stärker in den normalen Medienumgang integriert und bietet neben den bisher stark individualisierten kommunikativen Funktionen mittlerweile auch Schnittstellen zu den Funktionen, die bisher nur den anderen Massenmedien vorbehalten waren. Daher muss das Handy im Verbund mit anderen Medien, besonders dem Internet, betrachtet werden (vgl. ebd.). "Für die pädagogische Arbeit ist zentral, Reflexionsprozesse bei Jugendlichen anzustoßen, ihr Unrechtsbewusstsein zu fördern, sie für Ursachen von Gewalt zu sensibilisieren und ihnen positive, kreative und aktive Zugänge zu den Medien zu erschließen" (ebd.). Die aktive Medienarbeit offeriert Anknüpfungspunkte, das Handy nicht nur als Konsumartikel zu nutzen, sondern einen selbstbestimmten Umgang mit dem Medium zu erlernen. Die aktuelle Diskussion zwischen kreativen Möglichkeiten und gefahrvollen Grenzen versachlichend, sowie die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen fokussierend, will dieses Buch für eine Auseinandersetzung auf Basis der Suche nach medienpädagogischen Konzepten zum Umgang mit dem Handy anregen.

HerausgeberInnen

  • Günther Anfang, Medienpädagoge, studierte Pädagogik und Erziehungswissenschaften (M.A.) und für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen. Er ist Leiter der Abteilung Praxis am JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis. Ferner ist er Autor und Herausgeber zahlreicher medienpädagogischer Fachliteratur sowie Redaktionsmitglied der Zeitschrift medien + erziehung.
  • Kathrin Demmler, Medienpädagogin, studierte für das Lehramt an Grundschulen an der Universität Augsburg. Sie ist medienpädagogische Referentin am JFF - Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis in München mit den Schwerpunkten Neue Medien und Internet.
  • Jürgen Ertelt ist Projektkoordinator Webredaktion im Projekt Jugend online des IJAB e.V. Als Medienpädagoge konzipiert er Kommunikationskompetenz stärkende Partizipationsangebote im Internet und als Web-Architekt entwirft er adäquate Software.
  • Ulrike Schmidt ist Projektleiterin von LizzyNet - der Onlineplattform für Mädchen und junge Frauen von Schulen ans Netz e.V. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Konzepte/Modelle für die Förderung von Medienkompetenz von Jugendlichen im Internet, gendergerechtes Lernen im Netz und Communitybuilding.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in vier relevante Abschnitte, die sich wiederum insgesamt in 25 Einzelartikeln von 23 AutorInnen aufteilen.

  1. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit den theoretischen Grundlagen zum Jugendmedium Handy. Hier werden Daten und Fakten sowie Ergebnisse von Befragungsstudien vorgestellt und einerseits mit der Bedeutung des Handys für den Jugendalltag verknüpft sowie andererseits im Zusammenhang mit den Motiven und Problemlagen im Kontext der Nutzung illegaler Inhalte auf dem Handy dargelegt und diskutiert. Letzteres wird sehr umfassend aus Sicht der jugendlichen Motivation, aus Sicht des Jugendschutzes, aus Sicht der Mobilfunkbranche sowie aus Sicht des Verbraucherschutzes veranschaulicht.
  2. Der zweite Abschnitt thematisiert unter der Überschrift "Medienpraxis mit dem Handy" vor allem medienpädagogisch aktive und kreative Auseinandersetzungsmöglichkeiten unter anderem auch unter dem Bezug der "Kostenfalle" und der "Gewalt auf dem Handy" und nicht nur - wie zu erwarten - unter audiovisuellen Aspekten.
  3. Der dritte Abschnitt stellt die Verbindung zwischen Handy und dem Internet insofern her als dass in diesem Zusammenhang u. a. sechs Internet-Jugendportale vorgestellt werden, die sich sehr unterschiedlich mit spezifischen Gesichtspunkten des Handys (z.B. Mädchenarbeit, europäisches Jugendforum, Lernsoftware für Grundschulkinder, Sicherheit, Wettbewerb u.a.) auseinandersetzen und im Zusammenhang mit den im vorangegangenen Abschnitt dargelegten Praxisbeispielen eine sinnvolle Ergänzung bilden.
  4. Der vierte und letzte Abschnitt besteht einerseits aus dem AutorInnenverzeichnis der VerfasserInnen dieses Buches und darüber hinaus aus weiterführenden sehr relevanten Internetlinks zum Thema Handy und Pädagogik sowie aus weiterführender Literatur zum Themenkomplex.

Diskussion

"[M]edienpädagogische Konzepte zum Umgang mit dem Handy sind aufgrund der aktuellen Debatte mehr denn je gefragt. Wenn wir zur Versachlichung der Diskussion und zur Stärkung von Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen beitragen, würde uns das sehr freuen" (Vorwort, S. 8). Mit diesem als Wunsch formulierten Anspruch der HerausgeberInnen für ihr Buch sind die beiden großen Herausforderungen für die Pädagogik in Bezug auf das Thema Handys und Jugendliche genannt: Das durchaus vorhandene Gefahrenpotential für Kinder und Jugendliche im Umgang mit dem Handy nicht wegzudiskutieren, sondern sachlich anzuerkennen, aber gleichzeitig das immense Potential herauszuarbeiten, was das Handy in Bezug auf eine Förderung der Medienkompetenz für den einzelnen Jugendlichen bedeuten kann als das darüber geordnete Ziel anzuvisieren und sich darauf zu konzentrieren.

Die von Ulrike Wagner aus der KIM-Studie (Kinder und Medien) und JIM-Studie (Jugend, Information und Multimedia) des medienpädagogischen Forschungsverbandes Südwest dargestellten Daten und Fakten zum Jugendmedium Handy bilden eine gute und verständliche Grundlage für die Untersuchung der jugendlichen Alltagswelt. . Diese wird im anschließenden Beitrag von Tully und Zerle unter den Teilaspekten einer geforderten Mobilität innerhalb unserer Gesellschaft, der Einbettung Jugendlicher in soziale Netze, den Kinder und Jugendliche gleichermaßen betreffenden spielerischen Umgang, den Lerneffekt bezogen auf das Handy und die Bedürfnisse moderner Jugendlicher durchgeführt. Darin demonstrieren die beiden Autoren deutlich, wie das Handy viel mehr als nur Ausdruck einer Kommunikationstechnik in besonderem Maße das Leben in einer mobilen Gesellschaft widerspiegelt. Mitherausgeber Ertelt beschreibt im Anschluss anschaulich, wie sich das Mobiltelefon schon jetzt zum universellen Kommunikationsgerät entwickelt hat und mit einem Blick in die Zukunft zählt er bezeichnend auf, dass das Handy bald zum kompletten PC-Ersatz und in Verbindung damit sich zum "Immer-Überall-Online"-Gerät verändern wird, dass immer ein verfügbares Netz findet. Dies führt dazu, dass der Trend zur Handykommunikation nicht nur unter Jugendlichen nicht aufzuhalten sein wird, sondern vielmehr alle Gesellschaftsmitglieder sich dieser technischen Entwicklung nicht entziehen können. Damit begründet Ertelt die Relevanz, sich dem Thema Handy an sich zu widmen und hebt die Wichtigkeit hervor, dabei "pädagogisches Handlungswissen [zu] stützen und nicht verzweifelte Befürchtungen zu schüren" (S. 30). Die weiteren (und letzten) fünf Artikel der "Theoretischen Grundlagen" behandeln ausgiebig das Gefahrenpotential des Handyumgangs für Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Perspektiven: Gewaltvideos (z.B. "Happy-Slapping" oder so genannte "Snuff-Videos") und die Kostenfalle werden einerseits vor dem Hintergrund jugendlicher Motiv- und Problemlagen untersucht und dargelegt sowie andererseits als Aufgabenbereich des Jugendschutzes (rechtliche Grundlagen) thematisiert und nicht zuletzt aus der Sicht der Mobilfunkbranche und des Verbraucherschutzes beleuchtet. Auch die Gesundheitsgefahr durch Strahlenbelastung und die Angst der Verkümmerung der sprachlichen und orthografischen Fähigkeiten der Kinder und Jugendlichen findet im Kontext der Befürchtungen im Handyumgang an dieser Stelle des Buches seinen Platz. Damit wird dem Gefährdungspotential des Handyumgangs viel Raum gegeben. Für diese Aspekte, die im Grunde gut aus der medienpädagogischen Sichtweise erarbeitet werden und innerhalb dieser fortwährend betont wird, dass Schutz einerseits immer auch nur mit der Förderung der Medienkompetenz andererseits zusammen gesehen werden kann, hätte genau dies deutlicher gemacht werden müssen: Der gewünschte Zusammenhang hätte durch den explizit wissenschaftlichen Bezug zum konkreten Verständnis von Medienkompetenz (z.B. nach Definitionen von Baacke, Aufenanger, Schorb, Pöttinger etc.) aufgegriffen und in Relation gebracht werden können. Von (Förderung der) Medienkompetenz wird ständig gesprochen, ohne konkret zu werden oder zu machen, was genau damit eigentlich gemeint ist und wie sich das im Verhältnis der Jugendlichen zur heutigen Gesellschaft, in der sie aufwachsen, darstellt. Hier hätte den theoretischen Grundlagen eine (stärker wissenschaftliche) theoretische Grundlegung hinzugefügt werden können. Die theoretischen Grundlagen füllen insgesamt die Hälfte des gesamten Buches.

Der zweite Abschnitt "Medienpraxis mit dem Handy" enthält sechs 'bunt gemischte' Artikel, die zwar alle mit der konkreten Praxis auf gewisse Art und Weise verbunden sind, aber nur der Artikel "Ein eigener Handy-Clip" von Pöllinger und der Mitherausgeberin Demmler widmet sich einer konkreten handlungsorientierten praktischen Anwendung in Form eines Tutorials als Anleitung zum Erstellen eigener Handyclips. Die anderen fünf Artikel geben praktische Tipps und Anregungen sowie theoretische Anstöße zur praktischen Umsetzung von Projekten und Unterrichtsinhalten zum Thema Handy oder stellen Erfahrungen und Ergebnisse aus durchgeführten Projekten vor. Positiv fällt dabei auf, dass sehr unterschiedliche mögliche Themenbereiche einer praktischen Handy(projekt)arbeit mit Kindern und Jugendlichen aufgegriffen werden (z.B. Kostenfalle, Gewalt, thematische Clips etc.).

Der dritte Abschnitt beschreibt detailliert unterschiedlichste Jugendinternetportale und Angebote zum Thema Handy, die sich zum größten Teil durchaus eignen, sie in eigene Projektideen zu integrieren oder sich zumindest als Orientierung von ihnen leiten oder sogar innerhalb eines eigenen Projekts durch Infos auf den Internetseiten unterstützen zu lassen. Auch hier werden wieder sehr unterschiedliche Portale beschrieben (u.a. ein Mädchenprojekt, ein europäisches Diskussionsforum für Jugendliche, Online-Lernsoftware für Grundschulkinder, ein Schulprojekt, ein bundesweiter Handyclipwettbewerb etc.), die deutlich machen, wie vielfältig die pädagogische Arbeit rund ums Handy aussehen kann.

Im letzten Abschnitt finden sich für die pädagogische Fachkraft noch einmal übersichtliche, mit Kurzbeschreibungen versehene weiterführende Links, die Angaben zu den AutorInnen des Buches und Kontaktadressen der herausgebenden Institute sowie weiterführende Literatur. Dies sind sinnvolle Angaben, die einen Einstieg in die Handyprojektarbeit - egal ob an Schulen oder in außerschulischen Einrichtungen - deutlich erleichtern können und das im Buch fixierte Wissen insgesamt unterstützen.

Fazit

Dieses Buch will nicht nur einen Einblick in die aktuelle pädagogische Diskussion rund um das Thema Handy geben, sondern versucht auch, diesbezügliche Herausforderungen anzunehmen und Fragen zu beantworten. Die Forschung rund um das pädagogisch relevante Thema "Handys und Kinder & Jugendliche" ist noch jung und dementsprechend sind wenig erwiesene Erkenntnisse dazu wissenschaftlich gesichert. Die beiden auffälligsten Standpunkte der aktuellen Diskussion - kreatives, medienkompetenzförderndes Potential als positiver Ansatz einerseits sowie die Gefahren durch z. B. die so genannte Kostenfalle oder der Konsum, die Produktion und Verbreitung illegaler Inhalte (z. B. Gewalt, Stichwort: Happy-Slapping; und Pornographie) als negativ orientierter Ausgangspunkt andererseits werden umfassend dargestellt und in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht. Dieses Buch schafft es auf Basis der theoretischen Grundlegung, die Gefahren der Handynutzung von Kindern und Jugendlichen nicht zu verharmlosen, aber den Handyumgang eben auch nicht zu kriminalisieren, sondern das Handy vielmehr als jugendrelevantes Medium ernst zu nehmen und in diesem Sinne zu thematisieren. In diesem Kontext gelingt es den HerausgeberInnen, ein breites Verständnis für die jugendliche Orientierung auf das Handy - nicht nur für die pädagogische Fachkraft, sondern im Allgemeinen - herzustellen. Echte, wissenschaftlich fundierte medienpädagogische Konzepte in Bezug auf das Thema hält dieses Buch zwar nicht bereit, aber pädagogisch relevante Anstöße, Beispiele und Vorschläge sowie Erfahrungen für eine handlungsorientierte, relativ konkrete praktische Umsetzung mit Kindern und Jugendlichen werden gegeben. Deshalb ist das Buch sowohl LehrerInnen als auch außerschulischen pädagogischen Fachkräften als Grundwissen zum Themenkomplex "Handys und Jugendliche" sehr zu empfehlen.

Rezension von
Dipl.-Soz. Päd. Richard Janz
Dipl.-Soz. Päd. und Medienpädagoge. Dozent an der Hochschule Düsseldorf (HSD) im Modul „Kultur-Ästhetik-Medien“ für das Teillehrgebiet „Neue Medien/Digitale Medien“
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Es gibt 9 Rezensionen von Richard Janz.

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Zitiervorschlag
Richard Janz. Rezension vom 22.07.2007 zu: Günther Anfang (Hrsg.): Handy. Eine Herausforderung für die Pädagogik. kopaed verlagsgmbh (München) 2006. ISBN 978-3-938028-82-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4420.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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