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Deutscher Studienpreis (Hrsg.): Mythos Markt?

Cover Deutscher Studienpreis (Hrsg.): Mythos Markt? Die ökonomische, rechtliche und soziale Gestaltung der Arbeitswelt. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 279 Seiten. ISBN 978-3-531-14991-2. 29,90 EUR.
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Herausgeber und Autoren

Der Deutsche Studienpreis ist ein Wettbewerb für junge Forschung und wird jährlich von der Körber-Stiftung vergeben. Er widmet sich Themen von aktueller gesellschaftlicher Bedeutung. Bei den insgesamt 15 Autoren handelt es sich um Nachwuchsforscher, deren Beiträge im Rahmen einer öffentlichen Tagung in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften im Jahr 2005 mit Spitzenpreisen ausgezeichnet wurden.

Aufbau

Unter dem Ausschreibungsmotto "Mythos Markt" wurden junge Forschende von der Stiftung eingeladen, sich mit der aktuellen und zukünftigen Gestaltung der Arbeitswelt zu beschäftigen. Die einzelnen Beiträge sind unter den vier Überschriften

  1. "Regeln für den Arbeitsmarkt",
  2. "Übergang von der Ausbildung in den Arbeitsmarkt",
  3. "Arbeitsmarkt im Wandel" und
  4. "Grenzen des Arbeitsmarkts"

thematisch zusammengefasst.

Inhalt

In der ersten Rubrik beschäftigt sich der Beitrag der beiden Volkswirte Pieter De Vos und Heiner Schumacher mit den Folgen einer Arbeitszeitverlängerung aus wettbewerbstheoretischer Sicht auf Basis der gegenteiligen Annahmen von Arbeitgebern, die Arbeitszeitverlängerungen als notwendig für die Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen erachten und der gewerkschaftlichen Position, die anführt, dass durch derartige Verlängerungen das bestehende Arbeitsvolumen auf weniger Beschäftigte verteilt würde und damit die Arbeitslosigkeit weiter ansteigt. Die Analyse bezieht sowohl theoretische Studien als auch empirische Ergebnisse zur Arbeitszeitverkürzung mit ein und kommt auf Basis eines mikroökonomischen Wettbewerbsmodells zum Ergebnis, dass 1) die Annahme, dass Arbeitszeitverkürzungen das bestehende Arbeitsvolumen auf weniger Schultern verteilt "oftmals nicht angemessen" (S. 30) sei; 2) der Annahme zuzustimmen ist, dass einer Arbeitszeitverlängerung unter bestimmten Bedingungen zu mehr Beschäftigung führen könne, wobei allerdings die jeweiligen Effekte bei einzelnen Unternehmen und Branchen stark variieren würden. Daraus leiten sie die Forderungen nach dezentralen Verhandlungen über Lohn und Arbeitszeit sowie der Arbeitszeitverlängerung als primärer Maßnahme zur Senkung der Produktionskosten ab.

Dr. jur. Heike Opitz beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit der "Gestaltung und Behandlung der Teilzeit- und Verlängerungsansprüche im niederländischen und deutschen Recht". In beiden Ländernwurden allgemeine rechtliche Ansprüche auf Anpassung der Arbeitszeit geschaffen, sodass Arbeitnehmer sowohl ihre vertraglich vereinbarte Arbeitszeit verringern als auch verlängern können. Die Autorin schildert in der Folge gesellschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen der Entwicklung von Teilzeitarbeit sowie die historische Herausbildung und die konkreten Inhalte der jeweiligen Rechtsansprüche in Deutschland und in den Niederlanden. Sie resümiert, dass ähnliche gesellschaftliche Probleme zu einem vergleichbaren Regelinstrumentarium im Arbeitsrecht geführt haben, wobei - von unterschiedlichen inhaltlichen Schwerpunktsetzungen abgesehen - in Deutschland insgesamt stärker die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit im Vordergrund stand, wohingegen in den Niederlanden insbesondere die Vereinbarkeit von Beruf und Familie und die Gleichstellung von Männern und Frauen gefördert werden sollten. Das Teilzeitbefristungsgesetz in Deutschland stelle insofern zumindest einen Schritt zu einer Neudefinition der Arbeitsbeziehungen dar. Außerdem wird erwartet, dass das Gesetz in Zukunft zu einer noch stärkeren Verbreitung und Akzeptanz von Teilzeitarbeit beitragen wird.

Die Rechtsanwältin Karen Ullmann stellt in ihrem Beitrag "Gesetzgebung um jeden Preis? Ein Plädoyer für eine Versachlichung der Diskussion um das Arbeitsrecht" den gängigen Annahmen über die Wirkung des Kündigungsschutzrechts auf die Arbeitslosigkeit in der öffentlichen Debatte die Ergebnisse der Analyse des empirischen Datenmaterials gegenüber. Sie stellt außerdem die Frage, inwieweit der Gesetzgeber (im Arbeits- bzw. Kündigungsschutzrecht) die Ergebnisse der empirischen Arbeitsmarktforschung zur Kenntnis nimmt, was offenbar nicht im ausreichenden Maße geschieht. Schließlich werden die Auswirkungen dieser Außerachtlassung der einschlägigen empirischen Forschung auf die Qualität des demokratischen Prozesses diskutiert. Die Autorin kommt dabei zu dem Schluss, dass "die aktuelle Debatte um den Arbeitsmarkt als Empirie-resistent bezeichnet werden muss. Die gängigen Annahmen der Diskussion erweisen sich bei einer sachlichen Überprüfung als falsch [É] es dominiert der "Mythos Markt", also (unbelegte bzw. widerlegte) ökonomische Argumente gegen eine Regulierung des Arbeitsmarktes." (S.68).

Im letzten Beitrag des ersten Abschnitts thematisiert der Volkswirtschaftler Tim Lohse die "Sozial- und arbeitsmarktpolitischen Reformen im Zuge von Hartz IV und ihre Chancen auf mehr Beschäftigung". Dazu schildert er die wesentlichen Veränderungen der sozialen Leistungsgesetze und versucht auf Basis eines optimalsteuertheoretischen Modells das volkswirtschaftlich bzw. beschäftigungspolitisch optimale Verhältnis von Arbeitslosengeld II und Sozialhilfe zu ermitteln und mit dem Status quo zu vergleichen. Dabei sind für ihn neben der Höhe der Leistungstransfers auch die Regelungen über die Zumutbarkeit von besonderem Interesse. Auf Basis seiner Modellannahmen kommt der Autor dabei zu einem durchaus kritikablen Schluss: So konzediert er immerhin, dass "die Absenkung des Niveaus staatlicher Transfers für Erwerbsfähige von der ehemals sehr komfortablen Arbeitslosenhilfe zum ALG II im Einzelfall eine monetäre Zäsur bedeuten mag" (S.85). An der volkswirtschaftlichen Rechtfertigung fehle es dieser Maßnahme indes nicht: "Der Vorwurf eines unsozialen Reformschritts zielt ins Leere, da staatlicherseits die Schwachen, d. h. die Erwerbsunfähigen protegiert werden. Damit ist eine Absenkung der De-facto-Lohnuntergrenze realisiert worden, was einer Beschäftigungssteigung zuträglich ist" (S. 85). Man erkennt in dieser Darstellung unschwer die Kernaussagen des klassische Arbeitsmarkt- und Lohnmodells wieder, in dem die Lohnhöhe den wesentlichen, wenn nicht einzigen Faktor einer Zu- oder Abnahme von Beschäftigung darstellt, weshalb der Lohn und in seiner Folge das soziale Sicherungsniveau insgesamt (Stichwort: Abstandsgebot) sinken müsse. Verständlich ist - zumindest aus dieser Sicht -, dass der Autor es deshalb auch für "fatal" hält, "wenn das arbeitsmarktpolitische Schreckgespenst eines gesetzlichen Mindestlohns bittere Realität werden würde" (S. 85).

Den Auftakt der zweiten Rubrik bildet der Beitrag der Psychologin Elke Schröder, in dem ein "Trainingsprogramm zur Förderung unternehmerischer Potenziale im Jugendalter - Dagobert Duck im Klassenzimmer" vorgestellt wird. Das Programm greift die - besonders von Unternehmerseite postulierte - These vom "mangelnden Unternehmergeist" in Deutschland auf und hat sich die Aufgabe gestellt, bereits im Jugendalter für die berufliche Selbstständigkeit als alternative Beschäftigungsform zu sensibilisieren: "Beharrlichkeit, die richtige Spürnase für eine Marktnische und Leistungsbereitschaft sind unternehmerische Eigenschaften, die uns bereits aus der Welt des Dagobert Duck bekannt sind" (S. 91). Das Ziel des neuen Programms soll allerdings nicht darin liegen, "zu vermitteln wie man möglichst viele "Geldberge anhäuft"" (S. 91). Der Zweck bestehe vielmehr in einer Art "unternehmerischer Selbstreflexion". Dazu biete das Programm "bereits jungen Personen die Gelegenheit, sich in wichtigen unternehmerischen Eigenschaften und Fertigkeit zu erproben und ihren unternehmerischen Potenzialen nachzuspüren" (S. 91-92). Nach einer kurzen Erläuterung der Inhalte des Programms (Leitfrage: "Wer hat das Zeug zum Unternehmer?"), werden die Ergebnisse einer Evaluationsstudie vorgestellt. Ihr wenig überraschendes Ergebnis: Mit dem Programm stehe ein effektives, einfach zu handhabendes und dabei wissenschaftlich abgesichertes Verfahren zur Verfügung, um unter Berücksichtigung der persönlichen Potenziale frühzeitig für die Selbstständigkeit als Beschäftigungsform zu werben. Das Vorhandensein weiterer (externer) Bedingungen und sachlicher Voraussetzungen über den richtigen "Unternehmergeist" hinaus - im Wesentlichen die Existenz eines Startkapitals, das einen überhaupt erst in die Lage versetzt, "unternehmerisch" zu wirken - werden in der psychologisierenden und damit stark personalisierenden, z.T. an gängige Bewerbungs- und Beratungsliteratur zur Selbstständigkeit erinnernde Ausführungen dagegen naturgemäß eher marginal thematisiert.

Die Betriebswirte Christian Mück und Karen Mühlenbein fragen in ihrer Untersuchung der Einkommensentwicklung von Akademikern in Deutschland seit Anfang der 90er Jahre danach, ob die Verdienstaussichten trotz steigender Zahlen von Arbeit suchenden Akademikern hoch bleiben oder die gute Verwertbarkeit eines akademischen Abschlusses auf dem Arbeitsmarkt als Mythos betrachtet werden muss? Im Ergebnis stellen sie fest, "dass Hochschulbildung zwar das Risiko von Arbeitslosigkeit verringert, ein bildungsadäquater Einkommensvorteil für die Absolventen jedoch zunehmend nicht mehr gegeben ist" (S. 109). Arbeitslosigkeit treffe Akademiker in der Regel weniger stark als Nichtakademiker. Jedoch habe die Ausweitung der Bildungsbeteiligung zu einer Verdrängung weniger Qualifizierter aus ihren angestammten Tätigkeitsbereichen geführt. Die Einkommen von Hochschulabsolventen seien deshalb signifikant gefallen, und für das untere Viertel der Akademiker sei hinsichtlich der Einkommen kein wesentlicher Vorteil gegenüber den Absolventen einer beruflichen Bildung auszumachen: "Innovation und wirtschaftliche Umbruchsituationen führen oft dazu, dass der Bedarf an Akademikern stärker ansteigt als die Nachfrage [É] Sinkende Einkommensprämien weisen zudem daraufhin, dass Hochschulabsolventen zunehmend in Tätigkeitsfeldern arbeiten, für die sie eigentlich überqualifiziert sind" (S. 120-121).

Der Beitrag der beiden Kunsthistorikerinnen Jana Lucas und Anne-Kathrin Winkler setzt sich mit der "Notwendigkeit eines Wandels der universitären Kunstgeschichte" auseinander. Den Ausgangspunkt der Darstellung bildet die Überlegung, dass neben den klassischen Kompetenzen im Umgang mit Kunstwerken mittlerweile auch berufspraktische Qualifikationen vermittelt und erworben werden müssen, um den Einstieg ins Berufsleben erfolgversprechend zu gestalten. Auf dieser Grundlage entwickelten die Autorinnen ein sich über mehrere Semester erstreckendes neues Ausbildungsmodul, das neben fachwissenschaftlichen Kursen zusätzliche Projekteinheiten (z. B. in den Bereichen Kulturfinanzierung, Lektorat, Marketing und Öffentlichkeitsarbeit) enthält, in denen vor allem die öffentliche Vermittelbarkeit und Präsentation kunsthistorischer Inhalte thematisiert wird: "Damit untermauern wir unsere These, dass die moderne Arbeitswelt im Kultursektor, aber auch der zunehmende Diskurs über die Finanzierung respektive die Finanzierbarkeit von Kultur neue Wege im Studium der Kunstgeschichte verlangt" (S. 133).

Den dritten Abschnitt ("Arbeitsmarkt im Wandel") eröffnet die Wirtschaftswissenschaftlerin Doris Ruth Eikhof mit ihrem Beitrag zu "Transorganisationaler Arbeit am Theater: eine empirische Untersuchung marktvermittelter Arbeitsformen". Die zentrale Veränderung der Erwerbsarbeit erblickt die Autorin darin, "dass Arbeit immer häufiger in befristeten Kooperationskonstellationen erbracht wird, die über die Grenzen einzelner Organisationen hinweg operieren und über Marktmechanismen koordiniert werden. Das wesentliche Merkmal dieser Form von Arbeit aber ist ihr transorganisationaler Bezug, der sie von bisherigen Arbeitsformen der Moderne unterscheidet" (S. 139). Unter transorganisationaler Arbeit werden dabei solche Formen verstanden, in denen Arbeitsleistungen im Rahmen befristeter Kooperationskonstellationen erbracht werden und die Beteiligung an diesen Konstellationen sowie die Mitgliedschaft in Organisationen nur lose gekoppelt sind. Anders als in der organisationalen Arbeit, die einer Handlungslogik unterliege, deren wesentliche Merkmale von der Idee des arbeitsteiligen, hierarchisch strukturierten Handelns in einer auf Dauer angelegten Mitgliedschaft gebildet werden, sind für transorganisationale Arbeit "die Leitideen Flexibilität und akteursspezifische Kapitalakkumulation charakteristisch. Die zeitliche Befristung der Kooperationen gilt nicht als bedrohlich, sondern als Garantie für Entwicklungschancen und gegen Stillstand" (S. 142). Diese Merkmale werden im zweiten Teil der Untersuchung auf die "Arbeitswelt Theater" als Teil der "Creative Industries" angewendet, weil hier schon seit Langem in Strukturen gearbeitet werde, die von den typischen Prozessen der Industrie- und Dienstleistungsproduktion stark abweichen. Dabei funktioniere dieser Form der Arbeit letztlich nur deshalb, "weil die Arbeitenden gewillt sind, ihr Leben um die Anforderungen ihres vereinnahmenden Berufs herum zu organisieren. Eine derartige Bereitschaft ist sicherlich nicht in allen Berufsfeldern vorstellbar" (S. 151). Den Schauspielern mache ihre Selbstwahrnehmung als Boheme die Arbeit in derartig "unsicheren Kooperationen" erträglich, in dem sie Leidensfähigkeit erhöht und Nachteile eher in Kauf nehmen lässt. Eine ähnliche "Work-life"-Selbstwahrnehmung sei in vielen kreativen Berufen zu beobachten. Insgesamt zeige sich damit ein Trend zu einer weiteren "Verbetrieblichung der Lebensführung", in deren Rahmen Privat- und Arbeitsleben noch stärker miteinander verwoben sind und "vormals Privates von der ökonomischen Logik der Arbeitswelt erfasst wird" (S. 153).

Auch der Soziologe Till Westermayer beschäftigt sich in seinem Beitrag "Ich-AG im Walde: ländliche Arbeit in der postindustriellen Gesellschaft" mit den gegenwärtigen Wandlungsprozessen der Erwerbsarbeit. Für die Forstwirtschaft, in der sich in den letzten Dekaden durch Auslagerung von Arbeit und sinkenden Waldarbeiterzahlen ein Unternehmertum entwickelt habe, konstatiert der Autor die Entstehung von Erwerbsformen, die er als "kleinststrukturierter Selbstständigkeit" bezeichnet. Dabei werde deutlich, dass die Arbeitsbedingungen "forstlicher Dienstleistungsunternehmen" sich nicht alleine mit dem Ansatz postindustriellen Arbeit erklären lassen, da länger zurückliegende Traditionslinien ländlicher Arbeit in Kleinstunternehmen in der Reaktion auf Globalisierung und verstärkter Vermarktlichung auch heute noch wirksam seien. Westermayer gibt in der Folge einen kurzen Überblick über die Arbeit in der postindustriellen Gesellschaft und ihre Bewertung aus Sicht der Industriesoziologie, um dann auf die Besonderheiten der Arbeit in forstlichen Dienstleistungsunternehmen einzugehen. In der Makroperspektive erscheint vor allem die Etablierung der forstlichen Arbeitswissenschaft nach dem Vorbild der tayloristischen wissenschaftlichen Betriebsführung (d. h. die Rationalisierung durch Einführung der Motorsägentechnik - besonders in Gestalt von Großmaschinen - sowie die Etablierung tariflich abgesicherter Stammarbeitsbelegschaften mit fast ganzjähriger Beschäftigung) von Bedeutung. Dies habe insgesamt zu einem Abbau der Waldarbeiterzahlen bei gleichzeitiger Herausbildung zahlenmäßig verringerter, verschlankter, das heißt auf ihre Kernkompetenzen reduzierter forstlicher Dienstleistungsunternehmen geführt, von denen über ein Drittel nur aus einer Person bestehe. Nur jedes zehnte Unternehmen beschäftige dagegen mehr als fünf Personen. In der Mikroperspektive geht der Autor auf die branchenspezifischen, teils stark variierenden Beschäftigungsgegebenheiten ein. Auffällig ist, dass sich in der forstwirtschaftlichen Arbeit häufig nicht die Beruflichkeit widerspiegelt: Die Berufshintergründe reichten vom Maurer bis zum Landwirtschaftstechniker und es werde wenig ausgebildet und wenn, dann eher als "training on the job". Die Dienstleister sind zudem in ihrer Arbeit in die Arbeitsabläufe - oft wechselnder - Forstbetriebe eingebunden, d.h., die Arbeit findet entgrenzt statt, wozu einerseits die Überschreitung beruflicher und betrieblicher Grenzen andererseits eine weitgehende Aufhebung der Trennung von Arbeit und Leben und damit ein entsprechendes Zeitregime gehöre: "Neu - und über die Forstwirtschaft hinausreichend - ist der Abbau betrieblich geregelter Normalarbeit, die zu einer Wiederbelebung vormoderner Arbeitsformen führt, jetzt allerdings unter den wirtschaftlichen Bedingungen eines globalen Marktes. Damit verteilt die Auslagerung von Arbeit vor allem die Last des Scheiterns neu" (S. 171).

Die Psychologin Dr. Claudia Gerhardt geht in ihrem Beitrag "Verzicht auf Vollzeitarbeit? Die Rolle von Moral, Eigeninteressen und Trittbrettfahrern" der Frage nach, in wieweit Arbeitnehmer, die in Vollzeit beschäftigt sind, eine Arbeitszeitverkürzung zugunsten der Schaffung neuer Arbeitsplätze akzeptieren würden, ohne dafür einen entsprechenden Lohnausgleich zu erhalten. Dabei soll insbesondere das Spannungsfeld zwischen moralischen und eigeninteressenbezogenen Motiven solcher Verzichtsleistungen beleuchtet werden. Die theoretische Grundlage bilden dabei so genannte "Rational-Choice-Modelle", die davon ausgehen, dass Individuen sich grundsätzlich eigennützig verhalten, das heißt bei Entscheidungen die Alternative wählen, von der sie den größten Nutzen für ihre eigenen Anliegen erwarten. Im Ergebnis "zeige sich im Vergleich von Selbst- und Fremdzuschreibungen entsprechende Tendenzen zu Überschätzung von Eigennutz und zu Unterschätzung gemeinsinniger Motive bei anderen" (S. 191).

Die Soziologin Susanne Strauß geht in ihrem Beitrag mit dem Titel "Durch das Ehrenamt zurück in den Arbeitsmarkt?" auf die Bedeutung des Ehrenamtes und der Freiwilligenarbeit bzw. der Bürgerarbeit als Mittel der Bekämpfung von Arbeitslosigkeit ein: "Diese soll den Ehrenamtlichen nicht nur eine sinnvolle Tätigkeit ermöglichen, sondern auch ihre Chancen bei der Wiedereingliederung in den Arbeitsmarkt erhöhen. Durch eine aktive Beteiligung in Freiwilligenorganisationen, so die zugrunde liegende Vermutung, bekommen die Arbeitslosen Kontakte, die ihnen bei der Jobsuche helfen können, und erwerben wertvolle Qualifikationen, die denen im Erwerbsarbeitsleben vergleichbar sind" (S. 195). Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass bestimmte ehrenamtliche Tätigkeiten ein entsprechendes Potenzial besitzen, das Ehrenamt insgesamt aber keine einfache Lösung für das Problem sozialer Ausgrenzung durch Arbeitslosigkeit biete. Wichtigen Erfolgsfaktoren stellten darüber hinaus Aufbau und inhaltliche Ausrichtung der Freiwilligenorganisationen dar (Homogenität ihrer Mitglieder, Qualifikationsanforderungen an die ehrenamtlichen Mitarbeiter, Qualifikationspotenziale). Unterschiede im Ehrenamtsverhalten von Männern und Frauen machten einschränkend deutlich, "dass auf dem "Ehrenarbeitsmarkt" ähnliche Anforderungsmechanismen gelten und es vergleichbare Diskriminierungsmechanismen gibt wie auf dem Erwerbsarbeitsmarkt" (S. 206-207).

Den letzten Themenabschnitt ("Grenzen des Arbeitsmarktes") eröffnen Anne Giebel und Christian Apfelbacher mit ihrem Beitrag "Who cares? Pflegearbeit, Individuum und Gesellschaft. Eine interdisziplinäre Spurensuche in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft". Der Beitrag beleuchtet dazu die gegenwärtige Situation im Pflegesektor (Stichworte: steigende Nachfrage nach Pflegearbeit und spezifische physische und psychische Belastungen der Pflegenden bei geringerer Verweildauer im Beruf). Ein historischer Rückblick zeige, dass sich die Problematik des Pflegeberufs aus gewachsenen Strukturen und festgeschriebenen Leitbildern erklären lasse, die den Pflegeberuf als weiblich konnotierten, semiprofessionellen Beruf mit niedriger Entlohnung und hoher Arbeitsbelastung hervorgebracht haben, dessen Umstände sich zugleich bis heute nur zögerlich modernisiert und modifiziert hätten. Verbesserungsmöglichkeiten sehen die Autoren vor allem in einem größeren Tätigkeitspielraum für die Pflegekräfte im Rahmen eines Systems ganzheitlicher Pflege: "Erst eine nicht fragmentierte, kontinuierliche Pflegearbeit erlaubt eine umfassende Unterstützung und Förderung der Pflegebedürftigen, was wiederum positive Rückkopplungseffekte auf die Arbeitszufriedenheit hat. Erforderlich sind eine individuelle Pflegeplanung und ausreichende Zeitsouveränität, kurz: ein hoher Tätigkeitsspielraum" (S. 224). Als bedeutsam für die Aufwertung des Arbeitsbereichs "Pflege" innerhalb des Gesundheitssystems müsse zudem die Professionalisierung dieses Berufs betrachtet werden, beispielsweise durch die Einführung einer akademischen Qualifikation im Bereich der Pflege. Davon allein sei jedoch nicht zu erwarten, einen durch den demografischen Wandel bedingten steigenden Bedarf an Pflegekräften zu decken. Dies sei nur durch die Aktivierung sozialer Netzwerke zu erreichen, "die einerseits familiale, berufliche und gesellschaftliche Beiträge zur Bewältigung der Pflegearbeit miteinander verbinden und andererseits Alte bzw. Kranke in ihrer Rolle als aktive Ko-Produzenten in ihrer Lebensqualität ernst nehmen" (S. 227). Dies gelte insbesondere, weil bis heute die in Privathaushalten geleistete Pflegearbeit - obwohl Leistungen der Familie die wichtigste Ressourcen für Pflege im Alter darstellten - faktisch und normativ marginialisiert würden.

Die Psychologin Christin-Melanie Fuchs widmet sich in ihrem Beitrag "Brasilianische Spielregeln - Kulturelle Unterschiede als "„Störvariable" der Frage, wie sich vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Globalisierung "kulturelle Unterschiede" auf das Arbeits- und Konsumverhalten auswirken: "Es wird die Frage diskutiert, ob die Firmenleitungen entsprechend einem Mythos eine inadäquate Vorstellung vom ausländischen Absatzmarkt haben, wenn sie ihn als eine reine Tauschbeziehung zwischen Anbieter und Nachfrager betrachten, die auf der ganzen Welt den gleichen Regeln unterliegt und somit unabhängig von kulturellen Einflüssen ist" (S. 231). Demgegenüber betont die Autorin, dass die fremde Kultur - d. h. latente kulturelle Werte, die Arbeits- und Konsumverhalten beeinflussen - nicht nur in der zwischenmenschlichen Zusammenarbeit, sondern auch in der Produktpolitik eines Unternehmens Berücksichtigung finden muss, weil sonst nicht nur das Arbeitsklima, sondern u. U. auch der Fortbestand des Unternehmens gefährdet sein könne. Dies habe sich etwa bei der Fehleinschätzung von kulturell bedingten Kundenbedürfnissen und den folgenden Absatzproblemen bei VW in Brasilien gezeigt. Es lohne sich danach wirtschaftlich, auf dem jeweiligen ausländischen Markt kulturelle Unterschiede als wirtschaftliche (Miß-)Erfolgsfaktoren stärker zu berücksichtigen.

Im letzten Beitrag des Bandes mit dem Titel "Insolvenz - Alles muss raus. Eine fotografische Auseinandersetzung mit Räumen insolventer Betriebe in Deutschland" dokumentiert die Kommunikationsdesignerin Susanne Ludwig die Räume insolventer Betriebe und den Wandel, der sich während des Insolvenzprozesses in ihnen vollzieht. Mittels des Rückgriffs auf die Theorie einer "Bildästhetik der Ruine" und den Grundlagen der Industriefotografie entwickelt sie ein "Phasenmodell der Räume in der Insolvenz", das sie im Bildkatalog mit einer Vielzahl entsprechende Fotos zu belegen versucht.

Fazit

Die Besprechungen der einzelnen, auf den ersten Blick inhaltlich sehr disparaten Beiträge belegen das weite und zugleich facettenreiche Spektrum des Themas "Gestaltung und Veränderung der Arbeitswelt". Interessant erscheint besonders die Kombination von eher theoretisch angelegten Abhandlungen mit solchen, die eine stärker wirtschafts- bzw. berufspraktische Perspektive einnehmen. Diese Zusammenstellung sowie die Anzahl der Beiträge, die wegen ihrer Kompaktheit und eines vergleichbaren Aufbaus gut zu lesen sind, hebt den Band positiv von anderen Veröffentlichungen zum Thema ab und macht ihn zugleich für ein weiten Kreis von Lesern interessant.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Buestrich
Evangelische Fachhochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
Homepage www.buestrich.net


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Zitiervorschlag
Michael Buestrich. Rezension vom 24.04.2007 zu: Deutscher Studienpreis (Hrsg.): Mythos Markt? Die ökonomische, rechtliche und soziale Gestaltung der Arbeitswelt. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. ISBN 978-3-531-14991-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4421.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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