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Jutta Jäger, Ralf Kuckhermann (Hrsg.): Ästhetische Praxis in der Sozialen Arbeit

Cover Jutta Jäger, Ralf Kuckhermann (Hrsg.): Ästhetische Praxis in der Sozialen Arbeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 304 Seiten. ISBN 978-3-7799-1943-8. 19,00 EUR.
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Thema

"Rhythm is it" heißt ein Dokumentarfilm, der im Sommer 2005 in den deutschen Kinos zu sehen war. Sir Simon Rattle und sein Berliner Orchester studieren Strawinskys "Sacre du Printemps" ein; dazu tanzen unter der Anleitung eines professionellen Choreographen Kinder und Jugendliche aus der Heimerziehung. Ein fantastisches Projekt, ganz im Sinne des ästhetischen Lernens in der Sozialen Arbeit. Spätestens seit Friedrich Schillers Abhandlungen über die ästhetische Erziehung ist deren Bedeutung für Praxis und Theorie in der Pädagogik und Sozialen Arbeit unbestritten. Letztlich aber mangelt es dennoch am nötigen Respekt vor diesen kreativen und körperbetonten Ansätzen in der Ausbildung zur Sozialarbeiterin bzw. Sozialpädagogen. Diese Kulturtechniken werden offen oder verdeckt unterschätzt, als Bastelarbeiten abgetan oder als netter Ausgleich zu theorieschwangeren Veranstaltungen gesehen. Andererseits sind diese Veranstaltungen in Zeiten von Corporate Identity, Total Quality Management und Zielvereinbarungsgesprächen eine der letzten pädagogischen Oasen, die die Fachhochschulen pflegen sollten. Trocknen diese aus, so suhlen wir uns in praxisfernen Theorien, begleitet von den zahlreichen Worthülsen, die zunehmend aus der Betriebswirtschaft übernommen werden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch von Jäger und Kuckhermann, eines der wenigen, das sich tiefgründig und ernsthaft mit allen Implikationen des ästhetischen Lernens auseinandersetzt, füllt somit eine klaffende Lücke in diesem Theoriegebäude aus. Es gliedert sich in vier Hauptkapitel.

  1. Zunächst werden von den Herausgebern die Grundlagen von "Ästhetik und Sozialer Arbeit" definiert. Auf ansprechendem theoretischem Niveau gehen die beiden Autoren den Worten immer auf den Grund und schöpfen so den Eigensinn dieser Begriffe zu Tage. Die Ästhetik entsteht erst im Prozess der Auseinandersetzung des schöpferischen Menschen mit der Welt, und zwar durch Mimesis - Nachahmung bzw. Nachbildung - und durch Poiesis - schöpferische Neugestaltung. Nicht nur in diesem Beitrag, sondern im gesamten Buch kommen die Körperkünste etwas zu kurz (S. 24). Neben dem Tanz gibt es sicherlich auch eine Ästhetik des Sports. Wenngleich etwas diffamiert durch den Körperkult von Diktaturen, bieten Bewegung und Körper unzählige Anlässe für ästhetisches Lernen. Aber das mag ein ausuferndes Thema für eine weitere Buchpublikation sein. "Ästhetisches Lernen ist immer auch Wahrnehmungslernen" (S. 33) und unterscheidet sich so von streng kognitiven Ansätzen des Lernens. Es ist gekennzeichnet durch Deutungen, Symbole, Interpretationen, aber auch von "Umdeutungen, Regelüberschreitungen, und der Verletzung von Tabus" (S, 34). Was sich auf der seelischen Leinwand eindrückt, soll wieder mit kreativen Techniken zum Ausdruck gebracht und präsentiert werden. Wenn die Worte nicht reichen, brauchen wir Symbole und Metaphern. Wir kommen so dem Kern der Dinge oft näher. Wozu aber brauchen der Sozialarbeiter und die Sozialpädagogin diese ästhetischen Techniken? Welche Ziele verbergen sich im ästhetischen Lernen? (S. 41) Die Liste ist lang, daher nur einige Hinweise: Wer von kreativen Problemlösetechniken redet, sollte diese auch einüben. Viele Erfindungen hätten nicht stattgefunden ohne spielerische und künstlerische Ansätze. Das Jahrtausendgenie Leonardo da Vinci ist ein gutes Beispiel dafür. Und natürlich können die oft beschwafelten Schlüsselqualifikationen besser handlungs- und erlebnisorientiert im Sinne des ästhetischen Lernens gefördert werden als durch Sonntagsreden im Hörsaal. Bei der Übersicht zur "Eigen-Art der Medien" (S. 42 - 46), wo durchaus noch mehr Möglichkeiten genannt werden könnten, überrascht doch der Stellenwert, den die Autoren den "Neuen Medien" zumessen. Nüchtern betrachtet sind sie Medien, die uns in gleicher Weise bereichern wie die Tafel im Unterricht, die Kamera in der Natur, der Gedichtband zur Vertiefung von Stimmungen. Wenngleich sie das Spektrum der Handlungsmöglichkeiten bereichern, bleiben sie zunächst charakterlose Werkzeuge.
  2. Im zweiten Hauptkapitel folgen verschiedene Kulturtechniken, wie Bildende Kunst, Literatur und Schreiben, Musik, Neue Medien, Spiel, Tanz und Theater. Einige der Autoren/innen sind Lehrende an Hochschulen, und das ist nicht immer zum Vorteil der Beiträge. Denn nach den spannenden Ausführungen von Jäger und Kuckhermann täte ein voller Sprung ins Wildwasser der Praxis ganz gut. Einige Autoren aber bleiben am Beckenrand stehen und erklären etwas zu ausführlich, wann, warum und wie sie springen werden. (z. B.: Scheiner, S. 103 ff oder Hill, S. 121 ff) Statt theoretischer Erörterungen würde man sich noch mehr Beschreibungen von Projekten ästhetischer Praxis wünschen - wenngleich auch diese beiden Autoren eine Fülle von Praxisbeispielen bringen. Auch gibt es in diesen behandelten Kulturtechniken bewährte Methoden und Techniken, wie z. B. das Haiku, ein japanisches Kurzgedicht, das sich bestens zur kurzen Auswertung von Seminareinheiten eignet, ebenso wie ein Hip-hop-Sänger, der die Ereignisse, Erlebnisse und Ergebnisse einer Tagung zusammenfasst. Wohltuend praktisch sind dagegen die Beiträge zu den "neuen Medien" (Grosse, S. 157 - 184), zu "Spiel" (Ehm, S. 185 - 202), "Tanz" (Mayer, S. 203 - 221) und - besonders inspirierend - zu "Theater" (Matzke, S. 223 - 247).
  3. Mit ihrem Beitrag zu "Ästhetische Praxis im gesellschaftlichen Kontext" (III. Hauptkapitel) bilden Jäger und Kuckhermann sozusagen eine Klammer um die Praxis der Kulturtechniken, in der sie sich mit der "Entdeckung des Ästhetischen im gesellschaftstheoretischen Denken" auseinandersetzen. Dabei werden zentrale Begriffe wie Lebenswelt, Lebensstil, Milieu, Lebenskunst erörtert. Den Grenzverschiebungen zwischen Kunst, Öffentlichkeit und Alltag ist ein weiterer, anregender Diskurs gewidmet. 
  4. Den Schlusspunkt setzt ein kreativer, pfiffiger und provozierender Essay von Alfons Limbrunner, der uns verschmitzt und charmant die Tatsache erklären will, "Warum Soziale Arbeit eine Kunst ist."

Fazit


Rezensent
Prof. Dr. Werner Michl
Homepage www.wernermichl.de
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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 15.01.2007 zu: Jutta Jäger, Ralf Kuckhermann (Hrsg.): Ästhetische Praxis in der Sozialen Arbeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. ISBN 978-3-7799-1943-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4427.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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