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Sabine Tschäppeler, Sabine Gresch u.a. (Hrsg.): brachland. urbane Freiflächen neu entdecken

Cover Sabine Tschäppeler, Sabine Gresch, Martin Beutler (Hrsg.): brachland. urbane Freiflächen neu entdecken. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2007. 128 Seiten. ISBN 978-3-258-07151-0. D: 19,00 EUR, A: 19,60 EUR, CH: 29,00 sFr.
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Thema

Aufgelassene Gewerbeflächen, nicht zu vermietende Ladenlokale, Baulücken, leer stehende Wohnungen - es gibt viele Arten von Brachen im Siedlungsgefüge. In punkto Lage, Größe und Zustand sind sie sehr verschieden, und sie unterliegen auch in ganz unterschiedlichem Maße einem ökonomischen Verwertungsdruck. Eine wesentliche Gemeinsamkeit besteht darin, dass ihre ursprüngliche Nutzung passé und eine neue vorerst nicht in Sicht ist. Solche Brachen, entstanden im Zuge der einschneidenden ökonomischen Umstrukturierungsprozesse der jüngeren Vergangenheit, gibt es in jeder Stadt, und es werden wohl auf absehbare Zeit stetig mehr. Das macht sie zum Problem. Wie damit umzugehen ist, ist noch weitgehend offen, sicher ist immerhin, dass herkömmliche Mittel der Stadtplanung nicht weiterhelfen. Gleichzeitig sind rasch Lösungen gefragt, denn Brachen gelten als Ausweis von Niedergang und Verfall, ihre Ausbreitung schadet dem Image und belastet so eine Stadt als ganze. Deshalb entstand die Idee, zunächst nach Interimslösungen zu suchen und so genannte temporäre Nutzungen oder Zwischennutzungen zuzulassen. Daran ist nicht selten die Hoffnung geknüpft, dass daraus ökonomisch sinnvolle Dauernutzungen entstehen mögen. Daher werden mancherorts, wo innerstädtische Brachen besonders problematisch erscheinen, Zwischennutzungen mittlerweile von Seiten der städtischen Verwaltung organisiert, beispielsweise in Leipzig, wo bereits vor Jahren eine entsprechende Stelle im Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung eingerichtet wurde. Doch in den meisten Kommunen steht die Zwischennutzung von Brachen nicht oben auf der Agenda, insofern besteht noch eine Menge Spielraum für Experimente - auch für Experimente mit Zwischennutzungen, die nicht im Verdacht stehen, womöglich ertragreiche Dauernutzungen zu werden und damit eine verdeckte Wirtschaftsförderungsmaßnahme zu sein. Das ruft nicht nur die üblichen Verdächtigen auf den Plan, sondern eröffnet auch anderen einen Zugang. Davon handelt das vorliegende Buch. Dabei werden Brachen verstanden als Orte "abseits der Kontrolle des Privatgartens und jenseits der Ordnung öffentlicher Grün- und Freiflächen", wie es im Klappentext heißt. Mit dem Buch ist die Aufforderung verbunden, solche Orte selbst zu entdecken und gemeinsam mit anderen zu erschließen. 

HerausgeberInnen

  • Sabine Tschäppeler ist Biologin, bei der Stadtgärtnerei Bern für die Bereiche Natur und Ökologie verantwortlich und außerdem selbständig tätig in Gestaltungs- und Kommunikationsprojekten.
  • Sabine Gresch ist Geografin und als Raum- und Landschaftsplanerin bei der Firma naturaqua PBK in Bern beschäftigt.
  • Martin Beutler ist Kulturmanager und Inhaber der "Firma für soziale PLASTIK", mit der er Projekte im kulturellen, städtebaulichen und sozialen Bereich entwickelt, leitet und betreut.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist Ergebnis eines unter anderen vom Schweizer Bundesamt für Naturschutz unterstützten Projektes, das 2005 "im Wissen um das soziale und ökologische Potenzial, aber auch um die Schönheit und Attraktivität von Brachflächen" mit dem Ziel ins Leben gerufen wurde, die Möglichkeit und das Potenzial von Zwischennutzungen einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. "Das vorliegende Buch ist in diesem Sinn als Sensibilisierungsinstrument gedacht" (56).

Aufbau und Inhalt

Was die LeserInnen erwartet, wird in der Einleitung prägnant vorgestellt und ließe sich mit anderen Worten nicht besser sagen: "Das vorliegende Buch versteht sich als Einladung, Plädoyer, Lust- und Mutmacher, Siedlungsbrachflächen als Freiräume zu erobern und zu nutzen, so lange sie brachliegen. Es beleuchtet zum einen soziale, planerische, organisatorische und ökologische Aspekte solcher Zwischennutzungen. Es erzählt zum anderen aber auch ganz konkret Geschichten von Siedlungsbrachen, auf denen nicht nur ökologisch wertvolle Pionierpflanzen, sondern auch der soziale Austausch zwischen Quartierbewohnerinnen und -bewohnern (wieder) zum Blühen gekommen ist. Soweit diese Erfahrungen verallgemeinert und weitergegeben werden können, geschieht dies zum Dritten in einem leitfadenartigen Teil, der Tipps, Anregungen und Vorgehensvorschläge für künftige Brachennutzerinnen und -nutzer enthält" (14). Das Buch ist sehr üppig bebildert, so dass sich, was den Seitenumfang angeht, die überwiegend schwarzweißen Fotos und die flüssig geschriebenen Texte ungefähr die Waage halten. Insgesamt entsteht so ein anschaulicher Eindruck von dem, worüber geschrieben wird.

  1. Der erste der vier thematischen Abschnitte, in die der Text zwischen Einleitung und Schluss unterteilt wird, ist mit "freiraum brachland" überschrieben. Darin werden kritisch einige Aspekte aktueller Stadtentwicklung beziehungsweise deren soziale Implikationen benannt, etwa der "Rückzug des Soziallebens ins Private" (13). Vor allem wird auf die Gruppe der Kinder abgestellt. Dazu heißt es beispielsweise: "Wo die Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist und spontaner sozialer Austausch im öffentlichen Raum, Elixier jeder lebendigen Quartier- oder Siedlungsgemeinschaft, fehlt, leidet das physische und psychische Wohlbefinden. Besonders augenfällig - und wissenschaftlich vielfach belegt - sind die Folgen für die Kinder. Sie bewegen sich zu wenig und zu wenig selbständig, erhalten kaum Gelegenheit, mal auf einen Baum zu klettern oder ein Feuer zu machen. Orientierungsvermögen und Motorik sind beeinträchtigt, was eine Hypothek fürs Leben ist: Denn was Hänschen auf dem Baum oder am Feuer nicht erfährt und erlebt, wird später auch Hans verschlossen bleiben" (13). Nun ist diese Diagnose zwar sicher richtig, doch lässt sich durchaus darüber diskutieren, inwiefern heute genau solche Erfahrungen erforderlich sind und ob nötige Fähigkeiten und Fertigkeiten auch auf andere Weise zu vermitteln wären. Die diesbezüglich im Buch vertretene Position ist allerdings klar und findet in der Kritik an dem für Kinder organisierten "Daueranimationsprogramm" (29) Ausdruck. "Was Kinder brauchen, sind unstrukturierte Freiräume - im zeitlichen wie im räumlichen Sinne. Schon im Vorschulalter brauchen sie Zeit für sich, ohne ständige Aufsicht. Mit dem Älterwerden nimmt das Autonomiebedürfnis zu. Den Umgang mit Risiken lernen, die eigenen Grenzen kennenlernen, Selbstvertrauen aufbauen: Dies alles ist in einem dauerbehüteten, durchstrukturierten Tagesablauf kaum möglich" (26). Deshalb werden Orte gefordert, "an denen Kinder frei und in naturnaher Umgebung spielen können" (13), und die lassen sich, so die Überzeugung, auf Siedlungsbrachen finden respektive schaffen.
  2. Im mit "naturraum brachland" betitelten zweiten Abschnitt wird knapp und dennoch lehrreich ausgeführt, welchen Wert Brachen für Flora und Fauna haben und zwar keineswegs nur für heimische Arten. Hier wird zunächst der typische Verlauf der Vegetationsentwicklung ohne gärtnerisches Zutun geschildert. Als Hilfestellung für eigene Beobachtungen findet sich auch eine Art kleine Kräuterkunde zu den üblicherweise auf Brachen anzutreffenden Pioniergewächsen, inklusive kulturhistorischer Informationen und einiger Rezepte zum Gebrauch solcher gemeinhin als Unkraut bezeichneten Ruderalpflanzen in der Küche oder als Arznei.
  3. Unter der Überschrift "fallbeispiele" werden fünf ebensolche porträtiert. Dabei handelt es sich um drei Beispiele in Bern, eins in Basel und ein weiteres in Berlin. Diese unterscheiden sich nicht nur in Hinblick auf Lage, Größe und Zustand erheblich voneinander, es wurden beziehungsweise werden dort auch verschiedene Zwischennutzungen praktiziert. Auf Ausführungen zu Einzel- und Besonderheiten sei hier verzichtet, die sollten interessierte LeserInnen selbst entdecken.
  4. Dem Titel "leitfaden" entsprechend, werden im vierten Abschnitt auf der Grundlage einer differenzierten Typologie dezidierte Handlungsanleitungen präsentiert, gedacht als "Mutmacher für alle, die das Abenteuer Brachfläche anpacken wollen" (86). Diese Typologie mit den Kategorien "Hausbrache", "Nachbarschaftsbrache" und "Quartierbrache" resultiert aus Erfahrungen, die im Rahmen des Projektes, aus dem das Buch hervorging, gesammelt wurden, und trägt dem Umstand Rechnung, dass je nach Brache unterschiedliche Aspekte zu beachten sind. Die Leichtfüßigkeit der Empfehlungen zur Überwindung nahe liegender Hürden einer Zwischennutzung solcher Brachen ist allerdings erstaunlich. Durch die Übernahme der Kosten der Grundstückshaftpflichtversicherung durch ZwischennutzerInnen und die vertragliche Vereinbarung zur Einhaltung bestimmter Nutzungsregeln mögen sich manche GrundstückseigentümerInnen zur Gestattung von Zwischennutzungen bewegen lassen. Wer jedoch Flächen der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben oder von Unternehmen wie der Deutschen Bahn oder ThyssenKrupp vor Augen hat, wird vermutlich geneigt sein, entsprechende Verhandlungen als von vornherein aussichtslos zu betrachten. Aber vielleicht braucht es gerade die Begeisterung, solche Hürden überwinden zu wollen, und den Optimismus, das auch erreichen zu können, um Brachen zum Zweck der Zwischennutzung zu erschließen. Ergänzt wird der Leitfaden um einer Palette von "ideen für aktivitäten".

Abgerundet wird das Buch durch einen "anhang", der neben einem profunden Verzeichnis weiterführender Literatur auch eine Reihe hilfreicher Internetadressen enthält. 

Zielgruppen

Entsprechend dem Verständnis, mit dem Buch ein Sensibilisierungsinstrument vorzulegen und Interessierte zum Selbermachen einzuladen, ist das Buch an keine bestimmte Zielgruppe gerichtet, sondern geht im Prinzip uns alle an. Speziell angesprochen fühlen sollte sich aber, wer sich in der eigenen Wohnumgebung gelegentlich fragt, was wohl aus diesem Gewerbegelände da werden soll, wo schon lange niemand mehr arbeitet, oder dem freien Grundstück dort, auf dem scheinbar immer noch niemand bauen will. 

Fazit

Dass Brachen nicht als Problem betrachtet werden, dem stadtplanerisch zu Leibe gerückt werden muss, sondern als potentielle Erlebnisräume, die sich in eigener Regie gestalten lassen, ist nicht nur eine andere als die übliche Perspektive und als solche sympathisch. Da sie zu einem offeneren Umgang und zu mehr Gelassenheit animiert, ist sie vermutlich auch wesentlich tragfähiger als die Hoffnung und das Bemühen, Brachen wieder wie zuvor in einen ökonomischen Verwertungszusammenhang einzupassen. Diese Gelassenheit wird auch darin deutlich, dass von vornherein nur auf eine temporäre Nutzung spekuliert wird und Veränderungen nicht beklagt werden, selbst wenn sie das Ende der Zwischennutzung bedeuten. Es geht einfach darum, das Beste draus zu machen.


Rezensent
Prof. Dr. Thomas Wüst
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Zitiervorschlag
Thomas Wüst. Rezension vom 14.11.2007 zu: Sabine Tschäppeler, Sabine Gresch, Martin Beutler (Hrsg.): brachland. urbane Freiflächen neu entdecken. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2007. ISBN 978-3-258-07151-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4428.php, Datum des Zugriffs 12.12.2018.


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