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Walter Häfele (Hrsg.): OE-Prozesse initiieren und gestalten. Ein Handbuch für Führungskrafte, Berater/innen und Projektleiter/innen

Cover Walter Häfele (Hrsg.): OE-Prozesse initiieren und gestalten. Ein Handbuch für Führungskrafte, Berater/innen und Projektleiter/innen. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2007. 350 Seiten. ISBN 978-3-258-07152-7. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 48,00 sFr.
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Hintergrund und Zielsetzung

In Organisationen, ob profit- oder nonprofitorientiert, finden in allen westlichen Volkswirtschaften ständige Veränderungen statt. Organisationsentwicklung (OE) bezeichnet als zusammenfassender Begriff die Prozesse solcher Veränderungen, die heute häufig bei Führungskräften und Organisationsberatern angesiedelt sind. Der Herausgeber Walter Häfele zielt mit seiner neuen Publikation darauf ab, an das in 7 Auflagen erschienene Aktionshandbuch "OE-Prozesse - Die Prinzipien systemischer OE des MCV" anzuknüpfen. Dabei geht es um ein spezifisches Verständnis von Organisationsentwicklung des Management- und Organisations.Entwicklung I www.mcv.at (MCV), das sich auf firmeneigene Projekte und persönlichen Erfahrungen der Autoren/innen mit OE aus der Zusammenarbeit mit ihren Kunden stützt. Es beschreibt systemische OE als entwicklungsorientierte Form der Gestaltung und Veränderung von Organisationen bei unterschiedlichsten Anlässen. Dem in dem Buch entwickelten Ansatz einer systemischen OE liegt ein ganzheitliches Organisationsverständnis zugrunde.

Der Herausgeber bringt hierfür die richtigen Voraussetzungen mit: Nach dem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in Linz umfassende Weiterbildungen in Bioenergetik und systemischer Beratung, dann mehrjährige Tätigkeit in einem großen Chemie- und Pharmakonzern. Anschließend wurde er 1978  Mitglied im MCV, seit 1991 ist er dessen Gesellschafter. Außerdem nimmt er Aufgaben als Organisationsberater, Coach und Supervisor wahr. Die Neuerscheinung entstand aus vielen gemeinsamen OE-Projekten und Seminaren zum Thema OE des Herausgebers. Die Autoren/innen der einzelnen Beiträge haben als Berater zahlreiche OE-Projekte durchgeführt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in sechs Teile untergliedert, zusätzlich gibt es  Literaturhinweise und ein Sachregister als Anlage. Darüber hinaus werden am Schluss des Buches vier Topmanager genannt, die ihre Erfahrungen mit OE in Unternehmen zur Verfügung gestellt haben. Schließlich sind Hintergründe und Erfahrungen der Autoren/innen beschrieben.

  1. Nach dem Vorwort werden im Teil 1 zunächst die Theorien und Modelle der OE dargestellt. Dabei nimmt die Beantwortung der zentralen Frage, was systemische OE ist, breiten Raum ein. Das setzt voraus, dass die Autoren/innen die verschiedenen Prinzipien der systemischen OE, deren Ziele, Menschen- und Organisationsbilder erläutern. Ausgehend von einigen zentralen Theorien, die starken Einfluss auf die systemische OE-Beratung genommen haben, werden die einzelnen Bausteine dieses Ansatzes in kleinen, nachvollziehbaren Schritten vorgestellt und mit praktischen Beispielen unterlegt. Deutlich schwieriger, und hier zeigen sich die breiten berufspraktischen Kenntnisse und Erfahrungen der Autoren/innen, ist eine Abhandlung der Strukturen und Modelle systemischer OE. Der anwendungsorientierte Praktiker scheitert hier meistens und wundert sich über die Erfolglosigkeit seiner Vorschläge. Den Autoren/innen ist es gelungen, die praxisbewährten Typologien von Organisationen deutlich herauszuarbeiten und deren Nützlichkeit für OE-Prozesse anhand von Checklisten zu untermauern. Dies ist der "starke" Teil 1 des Buches.
    Der "schwache" Teil 1 ist jedoch die Beschreibung der Entwicklungskulturen in Organisationen (vgl. S. 70 ff.). Einerseits erscheint die angenommene Erweiterung linearer Entwicklungsphasen zu systemischen Entwicklungskulturen zu modellhaft. Das Buch entfernt sich hier vom betrieblichen Alltag von Organisationen. Für Leser, die bisher nicht oder nur kurz mit der OE in Berührung gekommen sind, ist die Sprache an dieser Stelle nicht leicht verständlich und nicht immer exakt. Hilfreich ist dagegen - darauf aufbauend -  die Unterscheidung in vier praxisbezogene Veränderungsstrategien, zumal deren Chancen und Risiken gegeneinander abgewogen werden. Des Weiteren werden im Teil 1 die Prinzipien für die Steuerung von Organisationen auf Basis des sog. Viable System Models  von Stafford Beer referiert, mit dem im MCV seit Jahren gearbeitet wird (vg. S. 99 ff.). Die einzelnen, auf der systemischen OE fußenden Prinzipien werden ausführlich herausgearbeitet und dargestellt. Daran schließen sich zwei "Landkarten" als methodische Hilfen zur Strukturierung von Organisationen an, ergänzt um ein in der Praxis erprobtes "Leitbild" für Führungskräfte und Beraterinnen.
  2. Im Teil 2 "OE-Prozesse in der Praxis" steht nach einer Einleitung  das Phasenmodell in der OE und dessen Gestaltung im Mittelpunkt der Betrachtung. Wie schon im vorherigen Teil wird versucht, ein Vorverständnis dafür zu entwickeln, worum es in den einzelnen Phasen geht, was erreicht und beachtet werden soll. Hier erhält der Leser wichtige Einsichten über die schwierigen Herausforderungen, vor denen Berater oder Begleiter von OE-Prozessen stehen (vgl. S. 124). Außerdem machen die Autoren/innen deutlich, dass und warum OE "intervenieren" in Organisationen bedeutet. Dazu wird das Beratungssystem anschaulich skizziert, und zwar als Interventionsebene mit entsprechender Interventionsarchitektur, -design, -methode und -techniken (vgl. S. 131 ff.). Anregend sind auch die illustrativen Hinweise auf die Gestaltung von Metaphern und Ritualen in der Beratungsarbeit. Schließlich werden die Leser eingeladen, die Beziehungsphänomene Kontakt - Konflikt - Konkurrenz  zu erfassen und auf die eigene Erfahrung und Anwendung hin zu reflektieren (vgl. S. 159). Dies dürfte auch für den Interventionsalltag von Beratern und Führungskräften eine nützliche methodische Hilfe sein.
  3. Noch ausführlicher widmen sich die Autoren/innen der konkreten Gestaltung des OE-Prozesses im Teil 3. Hier zeigt sich, dass für den Erfolg von Entwicklungsprozessen in Organisationen die Parameter Entwicklungsbedarf, Entwicklungsbereitschaft, Entwicklungsfähigkeit und Entwicklungsziele von zentraler Bedeutung sind. Der Verdienst des Buches liegt hier einerseits darin, die einzelnen Phasen anschaulich und nachvollziehbar darzustellen, andererseits aber auch die persönlichen Lern- und Reflexionsprozesse anhand von Praxisbeispielen transparent zu machen, die durch die systemische OE ausgelöst werden. Für die Steuerung und Gestaltung von OE-Prozessen aus der Sicht des Managements spielen dagegen die von den Autoren/innen entwickelten Kriterien eine große Rolle: Daraus lassen sich bei Bedarf konkrete Handlungsanweisungen und Arbeitsabläufe für die betriebliche Praxis ableiten. Für den praxisorientierten Leser reicht es sicherlich, sich mit der konkreten Gestaltung des OE-Prozesses auseinander zu setzen, für Führungskräfte, Berater/innen und Projektleiter/innen sind auch die nachfolgenden Anregungen zum Bearbeiten von Zielen (in Teilprojekten) und das Absichern des OE-Prozesses durch Supervision, Führungskräfteentwicklung und Coaching von Interesse.
  4. Teil 4 beleuchtet den praktischen Fall eines OE-Prozesse in einer Anwaltssozietät. Die zuvor dezidiert erläuterten Gestaltungsschritte werden hier auf ein praktisches, konkret abgrenzbares Fallbeispiel übertragen. Im Mittelpunkt des Interesses der Autoren/innen steht also die Übertragbarkeit ihrer Aussagen im Sinne von "Good Practice".
  5. Teil 5 enthält eine Auflistung von Gesprächen mit Topmanagern  über ihre Erfahrungen mit OE. Mit den Erfahrungsberichten wird die praktische Relevanz und Bedeutung der Ausführungen für das Management von Unternehmen unter sich dramatisch ändernden Markt- und Wettbewerbsbedingungen unterstrichen. Dabei werden unterschiedliche Aspekte der OE für die Unternehmensführung beleuchtet. An manchen Stellen hätten die kompetenten Stellungnahmen durchaus hinterfragt werden können.
  6. Das Buch schließt mit Teil 6 (Anhang), der in der Praxis häufig verwendete "Interventionsdesigns" enthält. Hierbei handelt es sich um Vorschläge für zentrale Veranstaltungen im Rahmen des Phasenmodells von OE-Prozessen. Dies dürfte für viele Verantwortliche in der Praxis hilfreich sein. Fast beiläufig wird dann aber auch richtigerweise davor gewarnt, die vorgeschlagenen Zeitangaben oder Abläufe 1: 1 auf den OE-Prozess zu übertragen. So lautet die Devise der Autoren/innen: "Jeder OE-Prozess ist anders!" ( S. 319).

Zielgruppen

Das neue Handbuch wendet sich an Führungskräfte, Berater/innen und Projektleiter/innen. Es spricht in der Tat solche Leser an, bei denen OE-Prozesse heute etabliert sind. Ein weiterer Nutzerkreis dürften fortgeschrittene Studierende sein, die bereits eine Vielzahl von Instrumenten kennen gelernt haben oder zumindest wissen, wo sie nachschlagen können und sollten. Die Publikation führt die Zielgruppen in die besondere Problematik der Initiierung und Gestaltung von OE-Prozessen ein und verdeutlicht, wie wichtig Werte, Prinzipien und Methoden der OE sind. Diese erhalten fundiertes Basiswissen und methodische Hilfen, die mit Praxisbeispielen versehen sind.

Fazit

Den Autoren/innen ist es gelungen, die Nutzer der Neuerscheinung mit praxisbewährten Theorien, Modellen und Methoden bei ihrer OE-Arbeit handlungsorientiert zu unterstützen. Dies ergibt sich einerseits daraus, dass die komplexe Thematik theoretisch fundiert bearbeitet wird. An wesentlichen Aspekten sind zum anderen Bezüge zur Praxis hergestellt.

Der von den Autoren/innen entwickelte Ansatz ganzheitlicher, systemischer OE-Prozesse widerlegt die verschiedentlich geäußerte These, Veränderungsprozesse seien jederzeit kurzfristig beherrschbar, steuerbar und machbar. Unstrittig ist, dass in jeder Organisation die Probleme anders gelagert sind, deshalb gibt es keine standardisierten Programme für Problemlösungen und Erneuerungsprozesse. Die in dem Werk vorgestellte Konzeption trägt diesem Umstand Rechnung, weil sie anregt, anstiftet und neugierig macht für OE in ihrem Umfeld. Gleichzeitig hätte an manchen Stellen eine eher pragmatische Vorgehensweise gut getan, zumal die ganzheitliche, vernetzte Betrachtungsweise erfahrungsgemäß manchmal den Blick für einfache Lösungen  verstellt. Denn es geht bei der OE auch um praktische Umsetzungen im Unternehmensalltag. Nichtsdestoweniger bleibt festzustellen, dass hier ein grundlegendes Handbuch über OE-Prozesse in Unternehmen geschrieben wurde.


Rezensent
Prof. Dr. Frank N. Loges
lehrt seit 2007 Sozialwirtschaft und Sozialmanagement an der Hochschule Darmstadt. Er war mehrere Jahre Geschäftsführer bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Bonn und Berlin und wirkte beim Aufbau der Freien Wohlfahrtspflege bei der Europäischen Union in Brüssel mit. Außerdem war er einige Jahre in der Beratung von sozialen Organisationen tätig.
Homepage www.h-da.de

Rezensent
Dipl.-Soz.Wiss. Lothar Susok
Unternehmensberater und Dozent
Homepage www.cmc-susok.de
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Zitiervorschlag
Frank N. Loges/Lothar Susok. Rezension vom 22.10.2007 zu: Walter Häfele (Hrsg.): OE-Prozesse initiieren und gestalten. Ein Handbuch für Führungskrafte, Berater/innen und Projektleiter/innen. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2007. ISBN 978-3-258-07152-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4430.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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