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Tilmann Moser: Supervision als Rollenspiel. Kommentierte Beispiele aus der psychotherapeutischen Praxis

Cover Tilmann Moser: Supervision als Rollenspiel. Kommentierte Beispiele aus der psychotherapeutischen Praxis. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2007. 157 Seiten. ISBN 978-3-608-89043-3. 19,00 EUR, CH: 34,00 sFr.
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Thema, Autor, Entstehungshintergrund

Supervision ist ein Professionalisierungsinstrument in unterschiedlichen Kontexten, und sowohl die Sozialarbeit als auch die Psychologie streiten um die Ehre, dieses Instrument entwickelt zu haben. Die Sozialarbeit verweist auf das Case-work von Mary Richmond Anfang des 20. Jahrhunderts, in dem die Arbeit der ehrenamtlichen "visitors" durch "Supervision" begleitet wurde. Die Psychologie andererseits verweist darauf, dass im Zusammenhang mit der Etablierung psychotherapeutischer Ausbildungsgänge begleitende Lehr- und Kontrolltherapien die Professionalität therapeutischen Handelns sicherstellen sollten. Beiden sind in der Tat Quellen dessen, was wir heute unter Supervision verstehen, und nach wie vor ist diese Methode sowohl in der Sozialarbeit als auch im therapeutischen Kontext zuhause.

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um Beispiele aus dem Bereich der begleitenden Supervision von Psychotherapeuten. Therapeuten lassen ihr eigenes professionelles Handeln von einem erfahrenen Kollegen supervidieren, um eigene blinde Flecken zu entdecken, Übertragungen und Gegenübertragungsreaktionen zu durchschauen, Verwicklungen zu vermeiden etc. Der Autor Tilmann Moser (geb. 1938) hat zunächst Literaturwissenschaft studiert, dann nach einer journalistischen Ausbildung auch Soziologie und Politologie. Am Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt wurde er zum Psychoanalytiker ausgebildet. Er war Dozent für Psychoanalyse und Kriminologie an der Universität Frankfurt und arbeitet seit 1978 in privater Praxis in Freiburg/Br. (Vgl. seine Homepage www.tilmannmoser.de) Er ist Autor zahlreicher (und berühmt gewordener) Bücher, eine Liste seiner Buchpublikationen findet sich auf seiner Homepage.

Eine szenische Arbeit ist nicht die Urdomäne der psychoanalytischen Therapieform. Traditionell setzte sie eher auf den therapeutischen Dialog, den Zugang zu Tiefenschichten des Unbewussten suchte sie eher auf dem Weg der Hypnose. Therapeutische Inszenierungen sind vertraut aus der Gestalttherapie, des Psychodramas und verschiedener integrativer Therapieformen. Im Dialog mit solchen szenischen Arbeitsformen, aber auch in der Weiterentwicklung eigener therapeutischer Traditionen und vor allem in der Aufnahme eines ganzheitlichen Menschenbildes hat sich auch die Analyse einer szenischen Arbeit zugewandt und damit die Möglichkeit gewonnen, handeln zu lassen, was bis dahin nur verstanden und nachgefühlt werden konnte. Moser schreibt: "Während meiner analytischen Ausbildung wäre es undenkbar gewesen, sich aktiv in die Rolle eines Patienten zu versetzen oder die Rolle einer seiner wichtigen Bezugspersonen zu übernehmen, geschweige denn eines verborgenen Introjekts, der lähmend über sein Leben herrschte. Man hat brav berichtet über die Therapie: Stockend, verschämt, unsicher oder stolz, und der analytische Supervisor tat sein Bestes, um aus der beobachtenden und zugleich mitfühlenden Position Einblick zu nehmen in eine verschlungene Beziehung." (S. 7)

Aufbau und Inhalt

Der Überblick über Aufbau und Inhalt ist schnell gegeben, denn es handelt sich vor allem um Protokolle von Supervisionssequenzen aus der Praxis des Autors. Vorangestellt ist eine Einführung in das Konzept szenischer Supervision, wie Moser es seiner Arbeit zugrunde legt. Diese theoretische Einführung ist denkbar kurz. Moser verweist auf Quellen des eigenen Konzeptes, die in der Gestalttherapie, dem Psychodrama, der familientherapeutischen Supervision und der in der psychoanalytischen Supervision entwickelten Arbeit mit "induzierten Spontanphänomenen" in der Supervisionsgruppe sprudeln. Dann aber beginnt Moser auch schon mit Beispielen. Alles, was sich theoretisch noch weiter sagen ließe, lässt sich an Beispielen besser zeigen. So vollzieht Moser im Buch nach, was er in der Supervision tut: statt "drüber zu reden" setzt er in Szene. Nach den beiden Beispielen in der Einführung schildert er weitere dreizehn. In mehreren Beispielen ist der Supervisand derselbe Therapeut, mit dem Moser an unterschiedlichen Fällen arbeitet. Ich zitiere einige Beispiele, um das Themenspektrum zu verdeutlichen:

  • "Vernichtungswünsche gegen das eigene Kind",
  • der Fall einer Mutter, die nach der Entbindung Wut und Vernichtungswünsche empfindet und in Depressionen fällt.
  • "Ein Vater kann sich nicht trennen": eine Pianistin hat bereits 50 Therapiestunden absolviert, der Therapeut ist in eine "Gegenübertragungsverstrickung" geraten.
  • "Eine Migrationsdepression": die Arbeit mit einer Frau aus Serbien.
  • "Ein Mann sabotiert sich selbst": die Therapie geht nach 225 Stunden nicht recht voran, der Therapeut empfindet Gefühle von Resignation und Wut.

Alle Bespiele werden kurz eingeführt und am Ende ausführlicher kommentiert.

Das abschließende Kapitel ist mit "Weitere szenische Möglichkeiten" überschrieben. dabei fehlt nicht eine kritische Abgrenzung zur Aufstellungsarbeit Bert Hellingers: "Während Bert Hellinger die Figuren nach seiner eigenen Intuition stumm verschiebt und dirigiert, habe ich es mir angewöhnt, die Teilnehmer auch durch sprachliche Interaktion herausfinden zu lassen, was an Spannungen, Anziehung und Abstoßung latent vorhanden ist und langsam zum Vorschein kommt." (S. 152). Die aufstellende Inszenierung, mit der Moser arbeitet, wird kurz umrissen. Schwerpunkt der Arbeit ist, auch in der Aufnahme von Arbeiten der Analytikerin und Körpertherapeutin Gisela Worm, die Inszenierung affektiver Konstellationen. In solchen Inszenierungen werden die in der Ursprungsszene vorhandenen Emotionen gespiegelt, was weniger mit einem leicht mystischen "wissenden Feld" (Hellinger) als vielmehr mit hirnphysiologischen Gegebenheiten zu tun hat. Der Supervisand (= Therapeut) bekommt die Möglichkeit, das Feld, in dem er therapeutisch agiert, distanziert anzuschauen, sich aus seinen Verstrickungen zu lösen und neue diagnostische Erkenntnisse zu gewinnen.

Diskussion

Praxisberichte bringen, wenn sie gut sind, einen hohen Gewinn für die eigene Praxis mit sich. Mosers Berichte sind gut: er konzentriert sich auf das Wesentliche, er vermeidet eigene Eitelkeiten, er strukturiert gut und fokussiert, seine Einführungen und Kommentare sind instruktiv und gut nachvollziehbar. Szenische Arbeit in der Supervision lässt sich dennoch nicht aus Büchern lernen, man muss sie erleben - Moser bietet solche Fortbildungen an. Ein Buch wie das vorliegende verstehe ich mehr als einen Einblick in die supervisorische "Werkstatt" des Autors. Einem Meister seines Faches über die Schulter schauen zu dürfen, bringt allein schon wichtige Erkenntnisse. Und es macht, was noch wichtiger ist, Lust auf eigene Erfahrungen mit den vorgestellten Methoden. Insofern ein wichtiges und gelungenes Buch.

Aber für wen? Ich glaube: in erster Linie für psychotherapeutisch ausgebildete SupervisorInnen, die selber supervisorisch mit TherapeutenkollegInnen arbeiten. Denn das ist das Arbeitsfeld, das in diesem Band beschrieben wird. Die vorgestellte Arbeitsweise fußt auf der psychoanalytischen Theorietradition, und ihre Anwendung setzt eine gute Kenntnis und einen sicheren Umgang damit voraus. Dieser therapeutische Hintergrund ist nicht bei allen SupervisorInnen gegeben. Wer etwa im Bereich der Sozialen Arbeit als Supervisor arbeitet, kommt häufig aus entsprechenden Ausbildungsgängen und Berufsfeldern und hat die Qualifikation als Supervisor durch entsprechende Weiterbildungen erworben. Es gibt, darauf weist ja auch Moser mehrfach hin, andere "inszenierende" Supervisionsformen aus der Tradition der Gestalttherapie, des Psychodramas, die mit diesem Arbeitsfeld möglicherweise eher kompatibel sind. Wer aber als SupervisorIn hinreichend vertraut ist mit psychoanalytischen Konzepten, der wird unabhängig von seiner/ihrer Grundprofession das Buch mit Interesse und Gewinn lesen.

Ich bin mir nicht ganz sicher: Vielleicht ist es gut, dass Moser dieses Buch mit seinen praxisnahen Darstellungen veröffentlicht hat - und Schluss. Ich merke aber dennoch: bei mir bleibt ein Wunsch offen. Nämlich der, Moser würde irgendwann ein weiteres Buch folgen lassen, in dem er sein Konzept systematisch darstellt. Das könnte Supervisoren helfen, das Vorgestellte in ihr eigenes Konzept zu integrieren. Und es könnte ein gutes Gegengewicht bilden zu anderen Inszenierungs- und Aufstellungskonzepten, die bei weitem nicht immer gleich solide begründet sind. Moser bietet viel an, und deshalb möchte man gern noch mehr. Aber auch das ließe sich gewiss analytisch hinterfragen...

Fazit

Spannend und instruktiv!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 20.08.2007 zu: Tilmann Moser: Supervision als Rollenspiel. Kommentierte Beispiele aus der psychotherapeutischen Praxis. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2007. ISBN 978-3-608-89043-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4437.php, Datum des Zugriffs 16.07.2019.


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