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Maria Pfluger-Jakob: Kinder mit Wahrnehmungsstörungen. Erkennen- Verstehen - Fördern

Rezensiert von Prof. Dr. Eva-Mia Coenen, 27.09.2007

Cover Maria Pfluger-Jakob: Kinder mit Wahrnehmungsstörungen. Erkennen- Verstehen - Fördern ISBN 978-3-451-32062-0

Maria Pfluger-Jakob: Kinder mit Wahrnehmungsstörungen. Erkennen- Verstehen - Fördern. Verlag Herder GmbH (Freiburg, Basel, Wien) 2007. 176 Seiten. ISBN 978-3-451-32062-0. 14,90 EUR.

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Autorin

Maria Pfluger-Jacob arbeitet als Diplompsychologin und Psychotherapeutin in freier Praxis für Kinder, Jugendliche und Erwachsene sowie als Dozentin, Kursleiterin und Autorin.

Thema und Zielgruppen

In der Praxis fallen Kinder mit Wahrnehmungsstörungen auf eine höchst individuelle Art und Weise auf. Das Spektrum reicht von unruhig-reizbar über geringe Aufmerksamkeit und Belastbarkeit, Gedächtnisprobleme, Tollpatschigkeit, Wagehalsigkeit und Ängstlichkeit bis hin zu grob- und /oder feinmotorischen Defiziten. Diese Kinder sind manchmal besonders scheu und sprechen bisweilen undeutlich oder grammatikalisch fehlerhaft. Oftmals wird dies fehlgedeutet und als Unerzogenheit, Disziplinlosigkeit oder Minderbegabung interpretiert, wodurch das Wahrnehmungsproblem unerkannt bleibt und keine angemessene Förderung in Betracht kommt. Deshalb wendet sich das Buch insbesondere an Studierende und Pädagogen im Elementar- und Grundschulbereich, Mitarbeiter in Ämtern und Erziehungsberatungsstellen sowie an interessierte Eltern, um diesen Personenkreis für Wahrnehmungsstörungen und diverse Fördermöglichkeiten zu sensibilisieren. 

Aufbau

Das Buch hat neben der Einleitung vier Kapitel und ein Glossar.

Einleitung

Pfluger-Jacob stellt in der Einleitung folgende Fragen, auf die sie Antworten geben möchte:

  • Welche Bedeutung kommt der Wahrnehmungsentwicklung und -leistung für die Gesamtentwicklung des Kindes zu?
  • Welche Auffälligkeiten im Erleben, Fühlen, Denken und Verhalten ergeben sich bei Störungen der Wahrnehmungsentwicklung?
  • Welche Umweltbedingungen beeinflussen die Wahrnehmungsentwicklung günstig, so dass ein möglichst gesundes Wachstum an Leib und Seele zu erwarten ist?
  • Und im Gegensatz dazu, welche Umweltbedingungen stören oder blockieren die Wahrnehmungsentwicklung, so dass Auffälligkeiten der integrativen Wahrnehmungsfunktionen auftreten können?
  • Wie kann eine Störung der Wahrnehmungsentwicklung verhindert werden?
  • Wie können Bezugspersonen im normalen Alltagsgeschehen die Wahrnehmungsentwicklung anregen und bei drohendem Fehlverlauf kompensieren oder korrigieren?

Sehr anschaulich werden an dem Praxisbeispiel Kai (5,3), das idealtypisch für viele Kinder mit Wahrnehmungsstörungen steht und den Leser durch das Buch begleitet, die theoretischen Darstellungen mit Leben erfüllt.

1. Auffälligkeiten in der Wahrnehmungsentwicklung: Grundlagenwissen

Anspruchsvoll - aber trotzdem gut verständlich - werden an dieser Stelle die Begriffe Wahrnehmung, Wahrnehmungsentwicklung und -störung neurophysiologisch und entwicklungspsychologisch dargestellt, wobei das Bedingungsgefüge zwischen den biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren in seiner Vielfalt und Bedeutung für die Individuation und Sozialisation des Menschen deutlich und auch für den Laien nachvollziehbar wird. Ganz klar kommt zum Ausdruck, dass die Neugier und das Bindungsvermögen die Basis aller Wahrnehmungsprozesse sind, was insbesondere im elementarpädagogischen Bereich von entscheidender Bedeutung ist und darüber hinaus auch einem Aspekt der neuen Sichtweise des Kindes entspricht.

2. Wahrnehmungsstörungen: Wie erkennen - wie verstehen?

In diesem und dem folgenden Kapitel 3 stehen diagnostische Überlegungen im Vordergrund. Dabei kommt der Verhaltensbeobachtung weiterhin die Priorität zu, weil selbst modernste bildgebende Verfahren lediglich erkennen lassen, welche Hirnareale bei welchen Wahrnehmungsprozessen miteinander agieren, nicht aber, wie das Gehirn motivationale und emotionale Komponenten bewertet und die Verarbeitungsprozesse danach steuert. Pädagogen sind also nach wie vor auf ihre eigene Wahrnehmungs- und Beobachtungsfähigkeit angewiesen, ein Sachverhalt, dem das Buch dadurch besonders Rechnung trägt, dass die Bedeutung der Beobachtungsergebnisse  und der Umgang damit ausführlich beleuchtet werden.

3. Verhaltensbeobachtungen zu Wahrnehmungs- und Entwicklungsbereichen

Sehr breiten Raum nehmen in diesem Kapitel die Verhaltensbeobachtungen einzelner Wahrnehmungs- und Entwicklungsbereiche ein, wie die Beobachtung: der taktil-kinästhetischen Wahrnehmung und Motorik, der Wahrnehmung und des Körperbewusstseins, der Wahrnehmung und Spielentwicklung, der auditiven Wahrnehmung und Sprachentwicklung, der visuellen Wahrnehmung und visuo-motorischen Leistungen sowie die Beobachtung der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit/Konzentration. Dabei werden die Bereiche nicht nur theoretisch, sondern auch anhand von sogenannten Beobachtungsbögen behandelt, die das beobachtete Phänomen nach folgender Struktur zu erfassen gestatten:

  1. Situation/Tätigkeit des Kindes
  2. Beobachtungen (Wie tut es das Kind? Wie verhält es sich?)
  3. Interpretationen (z. B. Hinweise auf Störungen in …)

Diese speziellen Bögen erhellen die jeweiligen Zusammenhänge und bieten eine gezielte Anleitung und Übungsmöglichkeit zur Beobachtung der entsprechenden Wahrnehmungsleistungen. Besonders wertvoll ist diese Diagnostik für die Praktiker der Elementarpädagogik bei der Umsetzung der Dokumentationsrichtlinien (z. B. Portfoliomappen), wie sie in den verschiedenen Bildungsplänen der Länder vorgeschrieben sind.

4. Entwicklungsanregende Aktivitäten und Beziehungsangebote zur Förderung der Wahrnehmung

Hier wird das breite Spektrum entwicklungsanregender Aktivitäten zur Förderung der

Wahrnehmung umrissen, wobei das Gewicht besonders darauf liegt, positive emotionale Beziehungen zu gestalten, die Interessen des Kindes zu wecken sowie "offene" Spielwelten, Bewegung, Musik, Rhythmus und Tanz anzubieten. Grundsätzlich geht es darum, Kinder nicht zu "bespielen", sondern zum Mitspielen zu motivieren. Es gilt also, eine anregende, emotional positive und angstfreie Umwelt zu schaffen, die es den Kindern erlaubt,  Selbstbildungsprozesse in Gang zu setzen. Abschließend wird anhand des Beispiels Kai der Fall einer gelungenen, entwicklungsanregenden Aktivierung mit dem Schwerpunkt sozialer Interaktionsmuster gezeigt.

Glossar

Im Glossar werden einige wichtige Begriffe wie z. B. emotionale Kompetenz, Bindung, Habituation, Exploration, Containment, Neurotransmitter, Spiegelneuron und Vulnerabilität verständlich erläutert.

Fazit

Der Autorin gelingt es, ihre vielfältigen praktischen Erfahrungen im elementarpädagogischen und psychotherapeutischen Bereich mit dem nötigen theoretischen Anspruch zu verknüpfen und ein Buch vorzulegen, dass sowohl inhaltlich als auch stilistisch für die pädagogische Arbeit von hohem Wert ist. Es werden Einblicke in Wahrnehmungsprozesse geboten und Fördermöglichkeiten gezeigt, die für professionell Tätige und auch für die Eltern betroffener Kinder sehr hilfreich sein können.

Rezension von
Prof. Dr. Eva-Mia Coenen
Studienrichtungsleiterin Hilfen für Erziehung an der Staatlichen Studienakademie Breitenbrunn
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Es gibt 19 Rezensionen von Eva-Mia Coenen.

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ISSN 2190-9245