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C. Wolfgang Müller: Wie Helfen zum Beruf wurde

Rezensiert von Prof. Dr. Heino Hollstein-Brinkmann, 25.03.2008

Cover C. Wolfgang Müller: Wie Helfen zum Beruf wurde ISBN 978-3-7799-2066-3

C. Wolfgang Müller: Wie Helfen zum Beruf wurde. Eine Methodengeschichte der sozialen Arbeit. Juventa Verlag (Weinheim ) 2006. 4., erweiterte und aktualisierte Auflage. 336 Seiten. ISBN 978-3-7799-2066-3. 23,00 EUR. CH: 40,30 sFr.
Reihe: Edition Sozial
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Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-2097-7 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.

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Thema

Methoden sind für die Soziale Arbeit sowohl als handlungswissenschaftliche Disziplin wie auch als Profession eine Kernfrage der Entwicklung. Außerdem ist das Wissen um die eigene Entstehungsgeschichte sowohl als Berufstradition wie auch als eigenständige Disziplin ein Merkmal der Identität für die Beteiligten. C.W. Müller, dessen Buch in der ersten Auflage auf das Jahr 1982 bzw. 1988 (für den zweiten Teil) zurückgeht, beschreibt die Methodenentwicklung als ein solches Zentrum der Sozialen Arbeit in historischer Perspektive und lässt dabei die jeweilige Zeit und ihre sozialen Bewegungen  als Entstehungs- und Bedingungsgefüge für unterschiedliche Formen beruflichen helfenden Handelns und damit für Soziale Arbeit  deutlich werden.

Autor

Dr. Dr. h.c. C. Wolfgang Müller, war bis zu seiner Emeritierung 1997 als Professor für Erziehungswissenschaft/Sozialpädagogik  an der Pädagogischen Hochschule und ab 1980 an der Technischen Universität Berlin tätig. Zahlreiche Veröffentlichungen zum methodischen Handeln in der Sozialen Arbeit, u.a. zu Gruppenpädagogik, Gemeinwesenarbeit, Beratung, Organisationsentwicklung und Evaluation. Mitarbeit in zahlreichen Gremien und Organisationen der Pädagogik und Sozialen Arbeit, u.a. der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft.

Inhalt

Vom barmherzigen Samariter aus dem Lukas-Evangelium bis zu den neuen Steuerungsmodellen der Jugendhilfe und Qualitätsmanagement-Systemen spannt sich der historische Bogen, in dem C.W. Müller wichtige Etappen und Personen vorstellt, die Handlungsverständnis und Handlungsmodi der Sozialen Arbeit in ihrem Wandel geprägt haben.

Das Almosenwesen im Mittelalter, die Armen- und Arbeitshäuser der 17. und 18. Jahrhunderts und das sog.  Elberfelder System als organisierte kommunale Armenhilfe stellen dabei nur eine in großen Schritten skizzierte Einleitung dar, um dann mit dem Wechsel vom 19. auf das 20. Jahrhundert und damit dem Übergang von der ehrenamtlichen Tätigkeit zum fürsorgerischen Beruf die folgenden Etappen bis zur Jahrtausendwende näher zu betrachten.

Von Mary Richmonds Konzept der Einzelfallhilfe und einem ersten Blick auf die amerikanischen Vorstellungen von sozialer Hilfe, führt eine enge Verbindung zu Alice Salomon, der Begründerin der ersten Sozialen Frauenschule in Berlin 1908 und ihren methodischen Erwägungen zur Sozialen Diagnose und Orientierungen im Hilfeprozess, die auch heute noch mit Gewinn zu lesen sind.

Jane Addams und die Gründung des Nachbarschaftshauses "Hull House" 1899 in Chicago werden als exemplarisches Beispiel der Gemeinwesenorientierung vorgestellt. (Allerdings sind die Darstellungen bis zu diesem Punkt gegenüber den älteren Auflagen deutlich gekürzt; so findet etwa die Settlementbewegung in England nur kurz Erwähnung und auch eine Reihe der Fotos aus diesen Pioniertagen Sozialer Arbeit, die einen hohen Anschaulichkeitswert besitzen, sind in der neuen Auflage nicht mehr zu finden.)

Im chronologischen Fortschreiten werden – nach kurzen Rückverweisen auf Pestalozzi, Fröbel und Wichern - Wandervogel und Jugendbewegung als frühe Formen der Gruppenarbeit vorgestellt und die Unterschiede zwischen bürgerlicher und proletarischer Jugendbewegung – Selbsterziehung durch Gemeinschaftserlebnisse hier und politischer Kampf für bessere Arbeitsbedingungen und gesellschaftliche Veränderung dort – herausgearbeitet.

Die Weimarer Republik wird mit der Einführung des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes, der Etablierung der Jugendämter, der Einführung der Familienfürsorge und der Weiterentwicklung der fürsorgerischen Methodenlehre durch Siddy Wronsky vorgestellt.

Die Zeit des Nationalsozialismus (Titel: "Das Dritte Reich und der Rückfall in die Barbarei") erörtert die nationalsozialistische Volkswohlfahrt und insbesondere die Bedeutung des Gesundheitsamtes für die faschistische Rassehygiene und damit der Verfolgung und Tötung von Menschen.

Die Nachkriegsjahre des Wiederaufbaus mit ihren Re-education-Programmen der Alliierten, und der Entwicklung von Jugendbegegnungsstätten stellt die Entwicklung der Gruppenpädagogik (z.B. durch Magda Kelber im Haus Schwalbach) und der Sozialen Gruppenarbeit (durch Gisela Konopka) in den Mittelpunkt. Aber auch die Weiterentwicklung der Einzelhilfe durch die Rezeption des amerikanischen Case-work und die Entwicklung der Gemeinwesenarbeit, die ihre Impulse von Konzepten der amerikanischen "community organization" bezieht, werden geschildert.

Die Studentenbewegung der Sechziger Jahre hatte der Sozialen Arbeit spürbare Impulse gegeben und die Frage  nach der gesellschaftsintegrativen Funktion und sozialistischen Alternativen aufgeworfen. Die Methodenkritik dieser Jahre richtete sich besonders gegen die Individualisierung, wie sie in der Einzelhilfe gesehen wurde und gegen dominante Formen der Heimerziehung. Kinderladenbewegung und die Einführung des Projektstudiums in der Sozialarbeiterausbildung sind weitere markante Entwicklungen, die Müller aufzeigt.

Gruppendynamik, die Ende der Siebziger Jahre einsetzende Therapie-Bewegung und die wachsende Bedeutung der Selbsthilfegruppen sind weitere Themen dieser Zeit. Müller bindet  auch hier die Entwicklung der Sozialen Arbeit – wenn auch nur knapp – in die globaleren gesellschaftlichen Trends der Zeit wie Friedensbewegung, Frauenbewegung und der Suche nach alternativen Lebensformen ein.

Diese die Nachkriegszeit betreffenden Kapitel sind relativ unverändert aus der früheren Auflage übernommen worden. Das letzte Kapitel des Bandes "Postmoderne Verwerfungen" wurde für die jetzt vorliegende Neuausgabe geschrieben und versucht, nach der "pathetischen Gebärde der Siebziger" und der "sensiblen Innenschau der Achtziger" (S. 309) Charakteristika Sozialer Arbeit der Neunziger Jahre zu benennen. Das Kapitel hat einmal zusammenfassenden Charakter in Bezug auf das Buch insgesamt und nennt andererseits drei neue Entwicklungen: Professionalisierung der Gesprächsführung (insbesondere mit Bezug auf die personenzentrierte Gesprächsführung und auf Kommunikationstheorie), Systemische Beratung und Organisationsentwicklung (mit Themen wie Output-orientierte Steuerung, personenbezogene Dienstleistungen, Qualitätsmanagement, Effizienz) als methodische Innovationen.

Diskussion

1988 habe ich die 2. Auflage des damaligen Bandes 1 und den gerade neu erschienen Band 2 gelesen, die jetzt in der Neuausgabe zu einem Buch zusammengefasst wurden. Schon damals hat mich der erzählende und zugleich über das Wichtige gut informierende Stil von C.W. Müller beeindruckt. Müllers Orientierung an den LeserInnen ist deutlich spürbar; ebenso, dass er im zweiten Teil des Buches als Zeitgenosse schreibt und die Lektüre dadurch besonders lebendig wird. Es ist ein Buch, dass vom Standpunkt der Sozialen Arbeit her entwickelt ist und nicht aus einer soziologischen oder psychologischen Außenperspektive, wie es in den Achtziger Jahren noch üblich war.

Die reiche Tradition Sozialer Arbeit, ihre gesellschaftliche Relevanz und ihre Verknüpfung mit sozialen Bewegungen werden gut deutlich; wohl u.a. auch deshalb, weil Soziale Arbeit hier nicht als Ideengeschichte, sondern als realer geschichtlicher Prozess geschildert wird. Es treten Personen auf, die für Soziale Arbeit Bedeutendes geleistet haben und die Protagonisten neuer Entwicklungen wurden. Gleichzeitig wird immer deutlich, unter welchen politischen und sozialen Bedingungen Soziale Arbeit eine spezifische Hilfeform einnimmt. Das Buch ist eine Methodengeschichte und doch mehr: eine Einführung in die Profession Soziale Arbeit und ihre gesellschaftliche Bedeutung.

Der Text ist fraglos als studentische Lektüre und auch als Einführung in das Studium geeignet, die den Studierenden Tradition und einen Begriff von der Vielfalt und der Wandelbarkeit der Sozialen Arbeit zur Verfügung stellt. Gerade die unprätentiöse und - wenn diese Charakterisierung bei der Rezension eines wissenschaftlichen Textes erlaubt ist – spannende Erzählweise von Geschichten, wie sich Soziale Arbeit entwickelt hat, qualifiziert den Text ganz besonders.

Durch zahlreiche Fotos und Auszüge aus Originaldokumenten der jeweiligen Zeit wird das Buch anschaulich und abwechslungsreich. Müller gibt in jedem Kapitel zahlreiche Hinweise auf weiterführende bzw. ein Thema stärker systematisierende Literatur.

Die Methodenentwicklung der letzten 20 Jahre im letzten Kapitel auf dreißig Seiten darzulegen, ist keine leichte Aufgabe und kritische Anmerkungen hierzu setzen sich dem Vorwurf aus, leichtfertig und unnötig mehr desselben zu fordern. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass die Darstellung der Systemischen Beratung nicht ganz auf der Höhe der Zeit ist und weitgehend nur die Entwicklungen bis Ende der Achtziger Jahre beschreibt. Schade finde ich auch, dass die  Soziale Arbeit in der DDR so gut wie keine Erwähnung findet. Wo doch gerade das in ihr auffindbare Verhältnis von staatlicher Ideologie und realer Hilfetätigkeit ein Thema sein könnte, dass dem Autor nicht fern steht. Schließlich scheint mir die Kapitelüberschrift "Postmoderne Verwerfungen" ein wenig missverständlich so zu klingen, als laufe gerade jetzt etwas besonders schief. Aber  "Verwerfungen" gibt es in jeder historischen Periode und Soziale Arbeit muss mit ihren Methoden stets Sorge dafür tragen, die eigene professionelle Linie zu halten und zu Instrumentalisierungen Distanz zu wahren.

Fazit

"Wie Helfen zum Beruf wurde" ist ein Klassiker der Methodenliteratur Sozialer Arbeit, der (nicht nur) Studierende gekonnt in Traditionslinien und Handlungsformen Sozialer Arbeit einführt, sondern auch Verständnis für das enge Verhältnis von sozialen Verhältnissen und Sozialer Arbeit erzeugt. Ich empfehle es nach wie vor als Standardwerk für das Studium.

Rezension von
Prof. Dr. Heino Hollstein-Brinkmann
Professor für Sozialarbeitswissenschaft an der Evangelischen Fachhochschule Darmstadt, (Universitiy of Applied Sciences), Sozialarbeiter, Dipl.-Pädagoge, Supervisor (DGSv), Leiter der Weiterbildung Systemische Beratung der EFHD
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Es gibt 3 Rezensionen von Heino Hollstein-Brinkmann.

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Zitiervorschlag
Heino Hollstein-Brinkmann. Rezension vom 25.03.2008 zu: C. Wolfgang Müller: Wie Helfen zum Beruf wurde. Eine Methodengeschichte der sozialen Arbeit. Juventa Verlag (Weinheim ) 2006. 4., erweiterte und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-7799-2066-3. Reihe: Edition Sozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4449.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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