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Astrid Woog: Soziale Arbeit in Familien. Theoretische und empirische Ansätze zur Entwicklung einer pädagogischen Handlungslehre

Cover Astrid Woog: Soziale Arbeit in Familien. Theoretische und empirische Ansätze zur Entwicklung einer pädagogischen Handlungslehre. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 3. Auflage. 216 Seiten. ISBN 978-3-7799-1208-8. 16,50 EUR.

Reihe: Edition soziale Arbeit.
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Thema

Das Buch von Astrid Woog kommt all den Professionellen in der Familienhilfe entgegen, die nach guten Praxiskonzepten und -berichten suchen. Das erklärt sicherlich auch die Nachfrage, die zu der seit 2006 vorliegenden dritten Auflage geführt hat.

Aufbau

Die Berichte aus der Praxis nehmen den zweiten, konzeptionelle Überlegungen den dritten Teil des Buches ein. Im ersten Teil geht es einleitend um Überlegungen zu einer Theorie und einem Forschungskonzept für die sozialpädagogische Familienarbeit.

Ausgewählte Inhalte

Der zweite Teil bildet das Herzstück des Buches und ist für mich auch der überzeugenste Teil. Die Autorin stellt 3 Familien und die von ihr selbst durchgeführte Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) nach § 31 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG - SGB VIII) dar. Zu dessen Beginn werden Rahmen  und Leitlinien vorgestellt, die das Stuttgarter SPFH-Team 1994 unter Einschluss der Autorin für die eigene Arbeit entwickelt hat (Kap. 7), anschließend das Schema, nach dem die 3 Fallbeispiele strukturiert wurden. (Kap. 8)

In den Kapiteln 9 - 11 werden dann drei Familien unter einer besonderen Zuordnung vorgestellt:

  • Familie Sacca - die annehmende sogenannte hilflose Familie,
  • Familie Burger - die zögerliche, sogenannte isolierte Familie,
  • Familie Said - die einnehmende, sogenannte eigensinnige Familie.

Das "sogenannte" bezieht sich dabei auf die Vorinformationen seitens der fallzuständigen und die Familienhelferin beauftragenden Bezirkssozialarbeiterin im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), die erste Zuordnung (annehmend, zögerlich, eigensinnig) stammt von der Autorin selbst.

Zunächst geht es bei jeder Falldarstellung um die "Beschaffenheit des Stadtteils, in dem die Familie lebt", dann die "Erfassung des Alltagsgeschehens" der Familie, im dritten Unterkapitel wird die "Förderung und Begleitung im Alltag der Familie" durch die Familienhelferin beschrieben und das vierte Unterkapitel enthält eine nachträgliche Bilanzierung der Zusammenarbeit und der dabei entstandenen familiären Veränderungen/Nichtveränderungen. (S. 53)

Das dabei entstehende Bild der Familie und der Arbeit der Familienhelferin wird mir immer eindrücklich im Gedächtnis bleiben. Hier werden liebevoll, engagiert aber dennoch mit der notwendigen professionellen Distanz die Familien, ihr Alltag, ihre Biographie, die handelnden Personen und ihre Beziehungsmuster, Familienereignisse, gemeinsame Situationen mit der Familienhelferin und deren Überlegungen hinsichtlich des Fallverstehens und des sozialpädagogisch reflektierten Handelns beschrieben. Dabei wird deutlich, dass es in dieser Arbeit so viele Unwägbarkeiten und Unbestimmbarkeiten gibt, dass es neben der theoretischen und methodischen Kompetenz auch viel Intuition und Flexibilität braucht, um in prekären Situationen angemessen reagieren zu können - und eben nicht nur zu reagieren, sondern kommunikativ, d.h. mit wechselseitiger  Perspektive zu handeln. Und, es wird deutlich, wie wichtig, ja entscheidend die Haltung der Familienhelferin ist. Nur in der Verbindung von Haltung (in der die professionelle Ethik enthalten ist), Methodenkompetenz, theoretischem Wissen und Intuition kann von der Seite der Fachkraft her ein tragfähiges "Arbeitsbündnis" (Stierlin) und ein hilfreicher Prozess der Kooperation zwischen Familie und Familienhelferin gestaltet werden. Von der Seite der Familie her geht es bei dieser Herstellung des Arbeitsbündnisses vorrangig um Vertrauen in die Person der Fachkraft und ihre professionelle Kompetenz, sowie um Interesse und Motivation für Veränderungen, die Störungen, Auffälligkeiten und soziale Ausgrenzungen mindern oder gänzlich überflüssig machen.

Das alles wir in diesem Buch eindrücklich dargestellt, und macht es zu einem sehr interessanten Leseerlebnis. Die Fallbeschreibungen  sind so lebendig, lebensnah und spannend, dass ich sie in einem Zug durchgelesen habe, weil ich immer wissen wollte, wie es nun weitergegangen ist. Am Ende befindet man sich selbst in einer große Nähe zu diesen Familien, ihrem Alltag und der warmherzigen, kongruenten und einfühlsamen Familienhelferin, die es dennoch immer wieder schafft, in eine reflektierende Metaposition zu kommen. Sie realisiert das, was Minuchin mit dem Konzept des "joining" und Stierlin mit dem Konzept des "Arbeitsbündnisses" in die Diskussion gebracht haben.

Deutlich wird auch, dass man von  der Familienhilfe kein Wunder erwarten kann, dass Veränderungen ihre Zeit brauchen und letztlich immer der familiäre und persönliche "Eigensinn" (Thiersch) der Familie darüber entscheidet, wohin die Reise geht und welche Veränderungen dabei entstehen. Und dass es dabei auch zu Weigerungen kommen kann, Problemlösungen im Sinne der Zielsetzungen und Eigenaufträge der Fachkräfte anzustreben, weil diese eben nicht zur Struktur, Mentalität und Identitätsselbstbeschreibung der Familie passen. Aber auch hier kommt die ruhige und akzeptierende Grundhaltung von Frau Woog zum Tragen, die allen ihre Zeit, ihren Rhythmus und auch ihren "Eigensinn" lässt und deshalb keinen Druck erzeugt, in einer bestimmten Zeit bestimmt Veränderungen produzieren zu müssen. Damit unterscheidet sie sich sehr wohltuend von den auch im sozialpädagogischen Feld immer zahlreicher werdenden technologischen - oder sollte man sagen technokratischen - Konzepten, die nach der Losung "Diagnose - Therapie - Effizienz" stromlinienförmige, schnelle und billige Lösungen fordern. Und Frau Woog demonstriert hier praktisch das, was sie auf S. 52 als Standards der SPFH dargestellt hat.   

Letztlich gab es in allen drei Familien positive Veränderungen, d.h., Veränderungen, die den Alltag bewältigbarer machten, die Beziehungen verbesserten und das Lebensgefühl der Beteiligten im guten Sinne verändern konnten. Keine der drei Familienhilfen war also vergeblich. Ich kann dass selbst hinsichtlich des allgemeinen Nutzens der SPFH für alle Familienhilfen bestätigen, die ich im Verlauf meiner zwanzigjährigen Tätigkeit als Supervisor kennen gelernt habe.

Im dritten Teil arbeitet Frau Woog die eigenen Erfahrungen in der Familienhilfe auf und entwirft "Dimensionen pädagogischen Handelns" für die SPFH. Zunächst stellt sie metatheoretisch eine Verbindung zu den pädagogischen Klassikern an. Das gefällt mir gut, weil damit deutlich wird, wie vieles von dem, was heute als neueste Erkenntnis auf dem Markt der publizistischen Eitelkeiten verkauft wird, schon lange vor unserer Zeit gedacht und getan wurde. Danach werden die Dimensionen des pädagogischen Handelns dargestellt: unter 15.1. für die "Vorbereitung des Arbeitsfeldes" - "Beobachten" und "Gewinnen von Vertrauen", unter 15.2. für das "Pädagogische Handeln im Arbeitsfeld" - "Wahren von Gegenseitigkeit", "Setzen von Grenzen", "Anknüpfen an Möglichkeiten", "Wecken von Interesse", "Öffnen und Erweitern des Raumes", "Angehen von Konflikten", "Stabilisieren von Stärken". Diese Dimensionen werden mit Erfahrungen aus der Arbeit mit den drei Familien unterlegt, aber wie die Autorin methodisch zu diesen Dimensionen kommt - z.B. durch hermeneutische Analyse, Inhaltsanalyse oder Faktorenanalyse, wird nicht deutlich. Die Wahl der Dimensionen erscheint eher dezisionistisch als methodisch begründet. Schade finde ich auch, dass Frau Woog überhaupt nicht auf systemische Konzepte der Familienarbeit eingeht - viele der von ihr verwendeten Methoden lassen sich nämlich auch in diesem Kontext begründen. Das Konzept der positiven und negativen Gegenseitigkeit z.B. wurde von Helm Stierlin schon 1972 in seinem wegweisenden Buch "Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen" mit Rekurs auf Hegels "Phänomenologie des Geistes" in die Familiendynamik eingeführt und begründet. Man merkt hier, dass es zwischen der universitären Sozialpädagogik und der Familien- und Systemtherapie/-beratung bislang nur wenig Berührungspunkte und Austausch gibt.

Zum ersten Teil "Theorie sozialpädagogischer Familienarbeit" habe ich ganz ähnliche Anmerkungen. Zunächst werden soziologische Zugänge zu familiären Wirklichkeiten dargestellt, z.B. die Arbeit von Hans Bertram. Dann werden das Konzept der sozialpädagogischen Familienhilfe und mögliche Kritikpunkte beschrieben. Im 6. Kapitel wird das Forschungskonzept erarbeitet, auf dessen Basis theoretische Erkenntnisse für die Familienhilfe gewonnen werden können. Auch hier stellt Frau Woog keinerlei Bezug zu Konzepten der Familiendynamik her, wie sie seit den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entwickelt wurden und meines Erachtens für die Soziale Arbeit mit Familien und die zugehörige Theoriebildung sehr wertvoll sind.

Natürlich findet man immer das am besten, was man selbst vertritt, und möglicherweise fällt mir, einem Vertreter der systemischen Therapie und Sozialen Arbeit dieses Manko deshalb ganz besonders auf. Aber es ist einfach schade, wenn in unserem Theorie- und Praxisfeld so wenig gegenseitige Aufmerksamkeit für die Konzepte der anderen vorhanden ist.

Fazit

Diese kritischen Bemerkungen sollten aber nicht die Sicht auf ein im Praxisteil bemerkenswertes Buch trüben, dessen Lektüre allen PraktikerInnen, und auch denen, die sich z.B. als Jugendamtleitungskräfte, JugendhilfeplanerInnen und KommunalpolitikerInnen für Familienhilfe interessieren, sehr zu empfehlen ist.


Rezension von
Prof. Dr. Wolf Ritscher
Dr. phil., M.A., Dipl. Psych., Prof. em. an der Hochschule für Sozialwesen, Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege mit Schwerpunkt klinische Psychologie, systemische Soziale Arbeit und Familienberatung, „Erziehung nach Auschwitz“. Systemischer Therapeut und Familientherapeut, Lehrtherapeut (DGSF) und Supervisor, Mitherausgeber des „Kontext“, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Carl Auer Verlages und von FoBis Holzgerlingen. Autor zahlreicher Fachveröffentlichungen


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Zitiervorschlag
Wolf Ritscher. Rezension vom 06.12.2007 zu: Astrid Woog: Soziale Arbeit in Familien. Theoretische und empirische Ansätze zur Entwicklung einer pädagogischen Handlungslehre. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 3. Auflage. ISBN 978-3-7799-1208-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4450.php, Datum des Zugriffs 22.10.2021.


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