socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Gregor Hensen (Hrsg.): Markt und Wettbewerb in der Jugendhilfe

Cover Gregor Hensen (Hrsg.): Markt und Wettbewerb in der Jugendhilfe. Ökonomisierung im Kontext von Zukunftorientierung und fachlicher Notwendigkeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 188 Seiten. ISBN 978-3-7799-1767-0. 18,00 EUR, CH: 31,90 sFr.

Reihe: Soziale Praxis.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Zielsetzung und Aufbau

Die Jugendhilfe ist in den letzten Jahren ohne Zweifel unter enormen wirtschaftlichen Druck geraten. Diese Entwicklung, die bereits im Titel mit den Begriffen "Markt", "Wettbewerb" und "Ökonomisierung" in Verbindung gebracht wird ist Inhalt des Buches von Gregor Hensen. Es verfolgt das Ziel, "über den tatsächlichen Stand der Ökonomisierung" Aufschluss zu geben und "jenseits einer ideologisch geführten Debatte um Markt und Wettbewerb" (S. 8) Zukunftsperspektiven aufzuzeigen – so der Herausgeber in der Einleitung.

Die zehn Beiträge von Christoph Butterwegge, Gregor Hensen (ist mit zwei Beiträgen vertreten), Karl-Heinz Boeßenecker, Heinz-Jürgen Dahme und Norbert Wohlfahrt, Gaby Flösser und Matthias Vollhase, Werner Schipmann, Jens Pothmann, Johannes Schnurr sowie Arne von Boetticher sind in vier Schwerpunkte gegliedert. 

1. Markt- und Wettbewerbsstrategien in der Kinder- und Jugendhilfe

Ein erster Schwerpunkt behandelt Markt- und Wettbewerbsstrategien in der Kinder- und Jugendhilfe.

  • Hier zeichnet Christoph Buttewegge zunächst einige Argumente nach, die sich aus dem Neoliberalismus als Wirtschaftstheorie, Sozialphilosophie und Zivilreligion speisen und gleichzeitig eine Kritik am Wohlfahrtsstaat darstellen. Butterwegge bezieht dabei klar Position: "Die neoliberale Wohlfahrtsstaatskritik verwechselt Ursache und Wirkung, indem sie das angebliche Übermaß sozialer Sicherheit zum Krisenauslöser erklärt" (S. 14). Er belegt, dass die weitgehende und medial inszenierte Kritik am Sozialstaat als Bremsklotz des wirtschaftlichen Erfolgs in einer globalisierten Gesellschaft, die Schwächung des "Standorts D" und die daraus folgende Gefahr für die Wohlstandsentwicklung nicht – wie vielleicht zu erwarten – zu einer grundsätzlichen Akzeptanzkrise in der Gesellschaft führt. Vielmehr zeigt sich trotz herrschender öffentlicher Meinung "[d]ass sich der Wohlfahrtsstaat trotz seines medialen Dauerbeschusses besonders unter früheren DDR-Büger(inne)n nach wie vor sehr großer Wertschätzung erfreut" (S. 20).
  • Gregor Hensen geht in seinem ersten Beitrag "Markt und Wettbewerb als neue Ordnungsprinzipien"  auf die Situation der Kinder- und Jugendhilfe ein. Im Kontext eines gesamtgesellschaftlichen Veränderungsprozesses entsteht die Forderung, auch an den Bereich der Wohlfahrtsproduktion ökonomische Prinzipien und Kritierien anzulegen. "Dieser unter der Formel „Ökonomisierung der sozialen Arbeit“ subsumierbare Prozess zielt auf die Implementierung marktanaloger und wettbewerbsorientierter Organisationsprinzipien, um die öffentlichen Sozialausgaben in Zukunft nach Effektivitäts- und Effizienzkriterien auszurichten" (S. 26). Für die Kinder- und Jugendhilfe konstatiert Hensen seit Beginn der 1990er einen solchen Prozess, dessen Modernisierungsanforderungen gegenüber die Jugendhilfe mangels eigener Innovationsfähigkeit in die Defensive gerät. Verknüpft ist diese Entwicklung mit dem Dienstleistungs- und Kundenbegriff, die trotz "deutlicher Reibungspunkte mit der spezifischen Struktur der Kinder- und Jugendhilfe" (S. 36) als maßgeblich gesetzt werden und neoliberale Denk- und Organsiationsstrukturen etablieren. Hensen resümiert, dass eine Übertragung des freien Marktmodells auf die Kinder- und Jugendhilfe aufgrund dieser "Reibungspunkte" nicht möglich ist und letztlich scheitern wird.
  • Die Seite der Leistungsanbieter – in Form der Wohlfahrtsverbände und frei-gewerblichen Träger – nimmt Karl-Heinz Boeßenecker in den Blick. Er beschreibt die Auflösung eines bis dahin gültigen Konsens zwischen Wohlfahrtsverbänden und Staat. "Was hierbei langsam entsteht, ist ein neues korporatistisches Beziehungsgeflecht, das auf der Basis von Leistungs-, Entgelt-, Qualitäts- und Dokumentationsvereinbarungen nunmehr einen erweiterten Anbieterkreis umfasst und die bisher praktizierte Ausgrenzung privatrechtlicher Akteure beendet" (S. 46). Am Beispiel des Gesundheitswesen wird eine mögliche Entwicklung für die Jugendhilfe vorgezeichnet: "Die neuen gewerblichen Anbieter sind Großbetriebe, die einer gemeinsamen und strategisch ausgerichteten Geschäftspolitik unterliegen und klare Zielvorgaben formulieren" (S. 52). Boeßenecker zieht als vorläufiges Fazit den Schluss, dass die in der Wohlfahrtspflege begonnene Entwicklung sich weiter vollziehen wird und fordert, diese Tatsache anzunehmen und so zu gestalten, dass die AdressatInnen der Angebote in die Lage versetzt werden, ihre weitgehend fehlende Klienten- und Kundensouveränität zu realisieren. 

2. "Trägerstrukturen unter Wettbewerbsdruck"

Im zweiten Schwerpunkt "Trägerstrukturen unter Wettbewerbsdruck" wird die Situation der öffentlichen Träger, der freien Wohlfahrtspflege und hier nochmals besonders die der privat-wirtschaftlichen Leistungsanbieter untersucht.

  • Den Auftakt machen Heinz-Jürgen Dahme und Norbert Wohlfahrt mit einer Beschreibung zentraler Konzepte einer Verwaltungsmodernisierung. Unter Anwendung des "Neuen Steuerungsmodells" – Bezüge zum "New Public Management" und zu Schumpeters Modernisierungstheorie werden hergestellt – soll sich die Verwaltung von einer Behörde zu einem Dienstleistungsunternehmen wandeln. Kurz beschrieben werden dabei aus der Privatwirtschaft entlehnte und mittlerweile auch in der Jugendhilfe gegenwärtige Begriffe wie zum Beispiel "Kontraktmanagement", "Budgetierung", "Qualitätsmanagement" und "Kundenorientierung". Eingebettet ist dieser Umbauprozess der Verwaltung in eine wohlfahrtsstaatliche Ab- und Umbaustrategie – als Beispiel wird die Hartz-Gesetzgebung angeführt – mit Auswirkungen auch auf die Mesoebene der Jugendhilfe in Form der Wohlfahrtsverbände und auf die Mikroebene der Leistungserbringung im unmittelbaren Kontakt der Professionellen mit den AdressatInnen. Rückblickend auf 15 Jahre Verwaltungsmodernisierung kommen Wohlfahrt und Dahme zu folgendem Ergebnis: "Die Verwaltungsmodernisierung hat zwar vieles verändert, sie hat aber weder marktähnliche Strukturen in die Administration gebracht noch die Bürokratie und die ihr eigenen Verfahren abgeschafft, sondern sie auf eine neue, höhere Stufe gehoben" (S. 75).
  • Gaby Flösser und Matthias Vollhase befassen sich in ihrem Beitrag mit der Situation der freien Träger und ihrer Verbände. Ein kurzer historischer Abriss nimmt Bezug auf zwei zentrale und gestaltende Prinzipien im Verhältnis des Staates zur Freien Wohlfahrtspflege: das Subsidiaritätsprinzip und der Korporatismus. "Die hierdurch gesicherte Mitwirkung der Freien Wohlfahrtspflege manifestiert sich in den Einflusschancen, die freie Träger in der sozialpolitischen Gesetzgebung und Programmgestaltung genutzt haben" (S. 80). Die Kritik an diesem Modell und von außen attestierte fehlende konzeptionelle Selbsterneuerungskapazitäten bei den öffentlichen und freien Dienstleistungsunternehmen führen zur Forderung nach mehr Wettbewerb zur Lösung des Reformstaus. Wettbewerb ist allerdings nur möglich, wenn es einen funktionierenden Markt gibt und das bedeutet wiederum eine Neudefinition der Rolle und Funktion des Staates. Dieser zieht sich aus der Leistungserbringung weitgehend zurück, besitzt aber durch die Steuerung von Markt und Wettbewerb umfassende Kontrollmechanismen. Während bis in die 90er Jahre hinein die Pluralität der freien Träger ein Wert an sich darstellte, müssen sich die Leistungsanbieter nun über Effektivität, Effizienz, Qualität und Wirksamkeit legitimieren und auf einem politisch initiierten Markt bestehen. Eingebettet in die politische Programmatik des Workfare erhält das Subsidiaritätsprinzip eine neue Ausrichtung: "In den Vordergrund gedrängt wird die Gestaltungswilligkeit des Individuums, in den Hintergrund tritt die Bereitschaft der Nutzung von Gestaltungsmöglichkeiten durch den Staat" (S. 86). Subsidiarität bedeutet dann auch eine verstärkte (Selbst)Regulation der örtlichen Angelegenheiten durch die Zivilgesellschaft. Der Staat beschränkt sich auf "die Initiation, Befähigung und Aktivierung seiner sich selbst disziplinierenden Bürgerinnen und Bürger und ihrer freien, privater Träger" (ebd.), und in eben diesem Bereich sehen Flösser und Vollhase Potenziale für die Anbieter sozialer Dienstleistungen zur Erschließung neuer Märkte.
  • Aus Sicht der privat-wirtschaftlichen Leistungsanbieter beschreibt Werner Schipmann die Entwicklungen in der Kinder- und Jugendhilfe. Ökonomisierungstendenzen in der Sozialen Arbeit – und damit auch in der Jugendhilfe – sind für Schipmann zunächst legitim, um (neo)koporatistische und gleichzeitig entwicklungsfeindliche Strukturen aufzulösen und eine grundsätzliche Gleichbehandlung von frei-gemeinnützigen und frei-gewerblichen Trägern zu fördern. Dem stehen zwar ein modernisierungsbedürftiges Gemeinnützigkeitsrecht und die Macht der Wohlfahrtsverbände im Wege, aber die grundsätzlichen Rahmenbedingungen sind mit der Abkehr des Selbstkostendeckungsprinzips und den §§ 78 a ff. SGB VIII geschaffen. Wirtschaftlicher Wettbewerb im Dienstleistungsbereich ist ausdrücklich erwünscht und zielführend. "Er kann als ein Garant für die Bereitstellung qualitativ hochwertiger und finanziell attraktiver Dienstleistungen angesehen werden und als Lösung für gegebene Problemstellungen dienen" (S. 95). Als Grundprobleme erwähnt Schipmann – und führt dafür einige Gründe an – , dass es sich im Kontext der Jugendhilfe nur um einen eingeschränkten Markt handelt, dem es zusätzlich an der notwendigen Kundensouveränität fehlt. Die Situation der privat-wirtschaftlichen Träger in diesem eingeschränkten Markt ist gekennzeichnet durch "gravierende Benachteiligungen durch einseitige Privilegierungen für frei-gemeinnützige Träger" (S. 99). Schipmanns in Thesen formulierte Forderungen bestehen unter anderem darin, sozialstaatliche Dienstleistungen verstärkt auf private Unternehmen zu übertragen, die Position der anspruchsberechtigten Bürger zu stärken – zum Beispiel durch einen sozialen Verbraucherschutz – und vorhandene Wettbewerbsverzerrungen zwischen den unterschiedlichen Anbietern abzubauen.

3. "Moderne Steuerungsformen und Wettbewerbsmethoden in der Praxis"

Im dritten und letzten Schwerpunkt "Moderne Steuerungsformen und Wettbewerbsmethoden in der Praxis" wird die Kinder- und Jugendhilfe mit Benchmarkingsprozessen, der Sozialraumbudgetierung und dem Europäischen Wettbewerbsrecht in Verbindung gebracht.

  • Zum Auftakt erörtert Jens Pothmann die Frage, ob Kennzahlenvergleiche – als aus der Ökonomie importierte Informations- und Steuerungsinstrumente – sinnvoll in der Jugendhilfe eingesetzt werden können. Zunächst setzt er dazu die Verwendung von Kennzahlen mit einer evidenten Ökonomisierung des Sozialen ins Verhältnis und kommt zu dem Ergebnis, dass die Verwendung von Kennzahlen zwar nicht allein auf Ökonomisierungsprozesse zurückzuführen ist, jedoch "vor dem Hintergrund einer zunehmenden Markt- und Wettbewerbsorientierung sowie der Priorisierung des Ökonomischen im Denken und Handeln der Akteure diese Art von Messinstrumenten in ihrer Bedeutung erheblich aufgewertet worden sind" (S. 114). Anhand von interkommunalen Vergleichen im Bereich der Hilfen zur Erziehung (HzE) veranschaulicht Pothmann die Chancen, die sich aus dem Benchmarking ergeben können: Im Idealfall werden zum Beispiel organisatorische Lernprozesse initiiert und Erkenntnisse über die Veränderung hinsichtlich der Gewährungs- und Inanspruchnahme von Leistungen oder der Infrastruktur Sozialer Dienste gewonnen. Risiken bestehen dagegen in Form von Wirklichkeitsausblendungen, dem Objektivitätsmythos und einer Instrumentalisierung: Kennzahlen stellen immer eine Reduktion der Komplexität sozialer Wirklichkeit dar, benötigen deshalb eine Kontextualisierung und führen nicht zu objektiv ableitbaren Handlungsautomatismen. Je nachdem, welche Zielsetzung verfolgt wird, ist es deshalb möglich, Kennzahlenvergleiche dadurch zu manipulieren, dass falsche oder unvollständige Angaben für die Zielerreichung eingesetzt werden.
  • Dem Thema Sozialraumbudgets widmet sich Johannes Schnurr. Er identifiziert diese Form der Finanzierung von Jugendhilfeleistungen als ein Versuch der öffentlichen Jugendhilfe eigene Schwächen in der Ausgabensteuerung zu umgehen. "Diese neue „Ökonomisierung sozialer Arbeit“ wurde den freien Trägern aufgetragen, weil die öffentlichen Träger anscheinend nicht in der Lage waren, sie umzusetzen" (S. 129). Gleichzeitig handelt es sich um einen rechtswidrigen Versuch, denn bei Jugendhilfeleistungen in Form von subjektfinanzierten Rechtsansprüchen darf der öffentliche Träger die gesetzlich vorgeschriebene Einzelfallprüfung nicht an freie Träger abgeben. Zudem werden bei der Vergabe von Sozialraumbudgets an Träger oder Trägerverbünde andere Träger von der Leistungserbringung ausgeschlossen. Diese haben sich bereits per Klage erfolgreich gegen eine solche Benachteiligung gewehrt. Schnurr betont im Gegenzug die Notwendigkeit der Ressourcensteuerung durch die Jugendämter und macht hierzu konkrete Vorschläge.
  • Arne von Boetticher untersucht den Zusammenhang von Kinder- und Jugendhilfe als Dienstleistungen und dem Europäischen Wettbewerbsrecht. Durch die Einführung wettbewerblich organisierter Strukturen im Bereich der Jugendhilfe müssen auch hier Regelungen des europäischen Gemeinschaftsrechts berücksichtigt werden. Relevant sind in diesem Zusammenhang die Dienstleistungsrichtlinie, Gemeinnützigkeitsprivilegien als potenzielles Hemmnis für den EG-Binnenmarkt und das europäische Wettbewerbsrecht. Letzteres schützt den Wettbewerb unter anderem durch das Verbot von Absprachen, Kartellen und staatlichen Beihilfen. Durch die Einführung des § 78a ff. SBG VIII unterliegt die Jugendhilfe prinzipiell auch diesen Regelungen. Problematisch vor diesem Hintergrund könnte deshalb zum Beispiel die Beteiligung der freien Träger am Jugendhilfeauschuss sein oder eine Abstimmung des Wettbewerbsverhaltens im Rahmen der Arbeitsgemeinschaften nach § 78 SGB VIII. Ausnahmen von der Anwendung des Wettbewerbsrechts bestehen jedoch für Dienstleistungen von allgemeinem Interesse. Als solche gelten Leistungen, auf die die Allgemeinheit angewiesen ist. Zwar obliegt es den Nationalstaaten, festzulegen, welche Dienstleistungen hierunter zu fassen sind, aber es gibt Bestrebungen auf europäischer Ebene, diese Definition möglichst einheitlich zu gestalten. Die Frage, inwieweit Dienstleistungen im Bereich der Jugendhilfe europäischem Wettbewerbsrecht unterliegen ist damit noch weitgehend ungeklärt. Trotzdem empfiehlt von Boetticher abschließend, dass "die Leistungsanbieter in der Kinder- und Jugendhilfe in Deutschland gut beraten [sind], sich mit dessen Spielregeln bestens vertraut zu machen" (S. 157).

Resümee des Herausgebers

In seinem abschließenden Beitrag übernimmt der Herausgeber Gregor Hensen die Aufgabe, die Befunde der vorangegangenen Texte zu rekonstruieren, zu systematisieren und ein Resümee zu ziehen.  Zunächst werden hierzu Thesen formuliert und erläutert. Hensen konstatiert dabei einen Prozess neoliberaler Modernisierungsbestrebungen im sozialen Sektor und bezeichnet diesen als "Ökonomisierung des Sozialen". Eingebettet ist diese Ökonomisierung in gesamtgesellschaftliche Veränderungsprozesse. Er plädiert weiterhin für eine trennscharfe Verwendung der Begriffe "Markt" und "Wettbewerb". Ersterer steht für ein makrostrukturelles Organsiationsprinzip, das zum Beispiel die Neugestaltung des Verhältnisses von öffentlicher und freier Jugendhilfe in Form eines "Quasi-Marktes" regelt. Wettbewerb übernimmt dagegen steuernde Funktionen in diesem simulierten Markt. Ausdruck dieser Umgestaltung sind die Neuordnung des Finanzierungssystems und die damit einhergehende Trägerkonkurrenz auf Seiten der Leistungsanbieter sowie moderne Steuerungsformen in Form von Leistungsvereinbarungen, Sozialraumorientierung und persönlicher Budgets. Diese und andere Wettbewerbsmethoden sind bereits fester Bestandteil der Jugendhilfepraxis und werden auch in Zukunft – vor allem in Verbindung mit europäischen Einigungsprozessen – eine zentrale Rolle spielen.

Eine theoretisch-systematische Untersuchung von Ökomomisierungsprozessen gliedert Hensen anschließend in drei Dimensionen. Ökonomisierung wird in den Kontext einer gesellschaftstheoretischen Betrachtung gestellt. Thematisiert werden hierbei die Krise des fordistischen Geellschaftstyps, ein zunehmender Flexibilitätskult und die Auflösung sozialstaatlicher Leitvorstellungen wie Solidarität und sozialer Ausgleich. Hauptsächlich vollzieht sich die Ökonomisierung der Kinder- und Jugendhilfe jedoch im Kontext von Organsationen. Ausgehend von der öffentlichen Verwaltung ist eine Entwicklung im Gange, die neben den internen Strukturen der Jugendämter auch die freien Träger erfasst und sowohl deren Strukturen als auch das Verhältnis von öffentlicher und freier Jugendhilfe an den Forderungen von Markt und Wettbewerb ausrichtet. Eine subjekttheoretische Betrachtung beschließt die systematische Untersuchung von Ökonomisierungsprozessen. Hier werden Aspekte zunehmender Individualisierung und die damit einhergehenden Forderungen nach Selbstorganisation angeführt. Das "autonome Selbst" (S. 170) wird damit zum Kunden sozialer Dienstleistungen und ist potenziell vielfältigen Disziplinierungstechniken ausgesetzt, mit dem Ziel sozialstrukturelle Probleme in Eigenverantwortung umzuwandeln. Hensen kommt hier zum Ergebnis, "dass es sich bei dem mit Marktmacht ausgestatteten Nachfrager zum großen Teil um einen Mythos handelt, der sowohl von einem Modell des sozialdarwinistischen Neoliberalismus und Neokonservatismus ableitbar als auch in Zeiten knapper Kassen sozialpolitisch funktional intendiert ist" (S. 172).

Wie sieht nun der Weg zu einer zukunftsorientierten Jugendhilfe aus? Besteht überhaupt die Notwendigkeit der Modernisierung und welche Entwicklungen sind abzusehen? Mit der Erörterung dieser Fragen schließt das Buch. Hensen plädiert hier für eine ideologiefreie, an sozialpädagogischen Strukturmaximen und sozialpolitischen Grundsätzen angelehnte Übernahme von Wettbewerb als Koordinierungsinstrument. Abschließend verweist er auf das Potenzial der Jugendhilfe in einer zukünftig weiter zunehmenden Auseinandersetzung mit Markt- und Wettbewerbsmodellen.

Fazit

Das Buch bietet eine in Aufbau und Inhalt überzeugende Auseinandersetzung mit Ökonomisierungsprozessen in der Kinder- und Jugendhilfe. Das Thema wird in den einzelnen Beiträgen vielschichtig und von unterschiedlichen Ausgangspunkten ausgehend betrachtet. Dabei überwiegt die kritische Auseinandersetzung. Der Herausgeber selbst sorgt mit seinen Beiträgen für eine begriffliche Klärung und eine systematisch-theoretische Zusammenfassung der Ergebnisse.

Was fehlt ist eine konsequente und die konkrete Praxis berücksichtigende Betrachtung der Auswirkungen auf die Professionellen und die AdressatInnen in der Kinder- und Jugendhilfe. Während erstere mit zunehmend prekär werdenden Arbeitsbedingungen – befristete Arbeitsverträge und schlechte Bezahlung bei tendenziell zunehmender Arbeitsbelastung – konfrontiert werden, sind Letztere häufig die Hauptleidtragenden in einem Umstrukturierungsprozess, der stärker auf Markt und Wettbewerb setzt. Im Buch wird zwar die Forderung nach einem sozialen Verbraucherschutz geäußert (vgl. Beiträge von Werner Schipmann und Karl-Heinz Boeßenecker), es wird aber nicht deutlich, mit welchen zusätzlichen Schwierigkeiten Hilfesuchende beim Jugendamt immer häufiger konfrontiert werden, wenn sie Unterstützung benötigen, worin also die konkrete Notwendigkeit einer Stärkung der AdressatInnen der Jugendhilfe besteht. Eine Kritik an der (Neu)Ausrichtung des Sozialstaates und der Jugendhilfe sollte sich nicht wiederum der Kritik aussetzen, nur professionseigene Pfründe sichern zu wollen. Eine Kritik ist vor diesem Hintergrund erst dann wirklich überzeugend, wenn deutlich wird, dass der eigentliche Sinn der Jugendhilfe – die Unterstützung junger Menschen und deren Familien – durch die aktuellen Umstrukturierungsprozesse in Frage gestellt wird. Diese Perspektive kommt meines Erachtens in dem sonst sehr guten, informativen und sorgfältig editierten Buch etwas zu kurz.  


Rezensent
Manuel Arnegger
E-Mail Mailformular


Alle 3 Rezensionen von Manuel Arnegger anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Manuel Arnegger. Rezension vom 16.04.2008 zu: Gregor Hensen (Hrsg.): Markt und Wettbewerb in der Jugendhilfe. Ökonomisierung im Kontext von Zukunftorientierung und fachlicher Notwendigkeit. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-7799-1767-0. Reihe: Soziale Praxis. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4455.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung