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Jörg M. Fegert, Karin Jeschke u.a. (Hrsg.): Sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Gewalt

Cover Jörg M. Fegert, Karin Jeschke, Helgard Thomas, Ulrike Lehmkuhl (Hrsg.): Sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Gewalt. Ein Modellprojekt in Wohneinrichtungen für junge Menschen mit geistiger Behinderung. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. 544 Seiten. ISBN 978-3-7799-1883-7. 37,00 EUR, CH: 63,70 sFr.

Reihe: Votum.
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Thema

Ein hartes Stück Arbeit liegt da vor uns. Insgesamt 544 Seiten wissenschaftliche Auseinandersetzung, klein und eng geschrieben, mit differenzierten Tabellen.  Aber warum soll es uns besser gehen als dem Forscherteam, das sich im Jahre 2000 darangemacht hatte, eine der wenigen wissenschaftlichen Erhebungen zu erstellen, die es zur Lebenssituation geistig Behinderter gibt? Dazu waren sie auch noch bereit, ein bundesfinanziertes Modellprojekt zur sexuellen Selbstbestimmung und zur sexuellen Gewalt durchzuführen Das sind zwei schon je für sich genommen äußerst schwierig zu erfassende Intimthemen. Noch dazu ging es um Geistigbehinderte, die eine zur Wissenschaft diametral unterschiedliche Sprache sprechen. Zur Krönung hatte das Forschungsteam es mit Wohngruppen in traditionellen Wohneinrichtungen Behinderter zu tun. Weiterhin - damit es nicht zu einfach wird - kam das Forschungsteam mit westlicher Denktradition in eine Praxis mit ostdeutscher Tradition. Letztlich - und das setzt den I-Punkt - wollten sie dem Zeitgeist entsprechend eine auf die Behinderten bezogene parteiliche Forschung angehen.

Für Leserin und Leser bringt das eine Spannung fördernde Lesemotivation. Man wartet drauf, wann genau das Modellprojekt dem Forscherteam um die Ohren fliegt. Es fliegt, aber ich verrate nicht wann und wo. Vielleicht ein wenig.

Ausgangspunkt des forschen und forschenden Teams ist die moderne Sonderpädagogik nach den Professoren Sporken, Specht und Joachim Walter, gepaart mit Ideen der Disability Studies Disziplin. Ginge es nach diesen Vordenkenden und ginge es nach der Gesetzeslage, dann wäre die sexuelle Selbstbestimmung Behinderter schon lange pädagogischer Alltag. Ist sie aber nicht, im Gegenteil. Die Gründe dafür aufgespürt und dingfest zu bekommen, das dürfen die Leseinteressierten nach den Vorworten erwarten.

Aufbau

Nach Vorwort und Einleitung wird die wissenschaftliche Methode gründlich beschrieben.

Es folgen vier Abhandlungen, die wie in einem Reader für sich aber doch im Zusammenhang stehen:

  1. Die Sicht der Bewohnerinnen und Bewohner zu sexueller Selbstbestimmung und sexueller Gewalt
  2. Die Sicht des Fachpersonals auf sexuelle Selbstbestimmung
  3. Die Sicht des Fachpersonals auf Homosexualität
  4. Die Sicht des Fachpersonals auf sexuelle Gewalt

Den Höhepunkt für die Dramatikliebhaber bildet das dann folgende Kapitel zur "Reflexion des Forschungsprozesses"

Zum Schluss rundet das Kapitel "Resümee und Ausblick" das Buch ab.

Es folgt, wie sich das für ein erstzunehmendes wissenschaftliches Werk gehört, ein sehr umfangreicher Anhang mit Dokumenten und Verweisen, mit Literaturverzeichnis und Sach- wie Namensregistern. 

Erhebungsprozess

Die Daten wurden per Interviews erhoben. Dabei teilte sich das Forschungsteam auf und arbeitete getrennt mit den Behinderten und dem Fachpersonal und dazu noch aufgeteilt auf die beiden Einrichtungen in Berlin und Rostock. Es wurden 38 qualitative  leitfadengestützte Interviews mit dem Fachpersonal durchgeführt, 21 mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der beiden kooperierenden Einrichtungen  und zehn Interviews mit Expertinnen und Experten. Dazu kamen 40 aufgezeichnete Gruppensitzungen mit dem Personal bzw. den geistig Behinderten. Alle Aussagen wurden als Text nach bewährten wissenschaftlichen Methoden ausgewertet. Die Verfahren werden im Buch ausführlich beschrieben.

Die Leitungen und das Personal der beiden beteiligten Einrichtungen versprachen sich Arbeitsgrundlagen und Informationen und waren so zur Zusammenarbeit bereit. Es war durchaus nicht einfach die Zustimmung der befragten Behinderten und die Bereitschaft der Eltern und gesetzlichen Betreuer zu bekommen, aber auch das gelang. Die beteiligten Behinderten sprachen zunächst freimütig und motiviert zu ihrer Situation. Doch sehr schnell bemerkten sie, dass ihre Betreuerinnen und Betreuer, die parallel dazu befragt wurden, Vorbehalte gegen die Veränderungen des Alltages hegten und gegen das Forscherteam. Denn eine wissenschaftliche Untersuchung bringt auch immer einen Auseinandersetzungsprozess im Alltag mit sich. Die erhöhte Aufmerksamkeit für Sexualität erzeugte verstörend viele und neue pädagogische Anforderungen. Mit den zunehmenden Vorbehalten des Personals verstummten die Behinderten der Einrichtungen ebenfalls zunehmend. (Seite 429) Das Forscherteam vermutet eine bewusste Beeinflussung durch das Personal. Jedenfalls fielen die Aussagen der Behinderten deutlich geringer aus. Zum Schluss blieben keine sicheren Forschungsdaten übrig sondern lediglich "eine Fülle von Beiträgen (É) für das Thema Sexualität".

Das wesentlich redegewandtere Fachpersonal konnte erheblich besser mit den auf Verbalisierungen setzenden Methoden umgehen und produzierte eine Fülle von Aussagen. Doch erlebten sie sich plötzlich nicht befragt, sondern angeklagt. Die Wiedergabe ihrer Auswertungen liest sich wie ein Prozessprotokoll der "Heiligen Inquisition der reinen sexuellen Selbstbestimmung". Das Forschungsteam tritt dabei in einer Doppelrolle auf. Zunächst ist da die Anklage, in deren Fängen das hilflose Personal zappelt und eine pädagogische Verfehlung nach der anderen beschreibt. Manchmal tritt die Verteidigung auf und äußert mildernde Umstände, die in den Rahmenbedingungen zu suchen sind. Glücklicherweise gewinnt die Verteidigung die Oberhand und die Angeklagten kommen nicht auf den Scheiterhaufen. Sie bleiben jedoch bis zum Schluss des Buches schuldig, zu ihren Verfehlungen nicht einsichtig zu sein. "Ich will ja, aber ich kann nicht", sagen sie immer wieder.  "Ich bin doch offen der Sexualität Behinderter gegenüber, aber die anderen, die Leitung, die Eltern, die Öffentlichkeit, die Einschränkungen der Behinderten selberÉ. und es ist doch nur zu ihrem Schutz." "Bekenne, dass du nicht offen bist!", schreit die Inquisition und führt akribisch die Beweise.

Selbstverständlich will das Forscherteam nur das Beste: "Ziel dieser Darstellung ist, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Gelegenheit zu geben zu überprüfen, inwiefern sie ihre Strukturen wieder erkennen. Dies könnte (É.) ein Ansatzpunkt zur Reflexion der persönlichen Praxis seinÉ"

Nun leben wir heute und selbstverständlich lässt sich das Personal das nicht lange gefallen. Die Kritik führt letztlich zu Konflikten auch im Forscherteam. Doch halt - nicht mehr verraten.

Kritische Einschätzung

Die Erhebung des Forscherteams bestätigt die Aussagen der fortschrittlichen Sonderpädagogik. Sie kommt zu ganz wesentlichen Forderungen, wie etwa nach mehr Fortbildung sowohl für die Betreuten bzw. für die Betreuenden, nach einem psychotherapeutischen Angebot für geistig Behinderte oder nach mehr Anleitung für das Personal.

Das alles zu benennen ist richtig und wichtig. Die beschriebene Erhebung liefert anschauliche Praxisbeispiele. Bei aller Kritik an der Dynamik und Auswertung des Forschungsprozesses hat er doch etwas Gutes. Er gibt Hinweise, wie es bei zukünftigen Untersuchungen besser gemacht werden könnte.

Geistigbehinderte sind ja in der Regel nicht zwangsweise in den Institutionen. Sie bekommen von den Institutionen und dem Personal dort Lebenssicherheit. Dafür geben sie ihre reine Selbstbestimmung auf. Sie binden sich an das Personal. Sie spüren, dass das Leben mit seiner für sie übermächtigen Vielfalt sich durch sie nicht managen lässt. Darum delegieren sie diese Lebensaufgabe an Nichtbehinderte und binden diese zugleich an sie. Bindung herstellen und bewahren, das können sie, besser als die meisten Nichtbehinderten. Sie bilden daher eine Einheit mit den von ihnen ausgewählten Betreuern. Sie spüren genau, was die wollen und was nicht. Der Erhebungsprozess belegt das wunderbar. Zukünftige Forschungen sollten also den Selbstbestimmungsbegriff für Geistigbehinderte anders fassen. Sie bestimmen sich selber auch über einen anderen Menschen. Dem gegenüber sind sie loyal. Damit bekommt das Personal eine hohe pädagogische Verantwortung, der nicht alle Pädagogen entsprechen. Aber dafür brauchen die Hilfen. Hilfen, die das Buch über den Weg der Literaturanalyse auch beschreibt. Parteilichkeit für die Behinderten bedeutet dann Parteilichkeit für sie und ihre Betreuer.

Zukünftige Forschungen sollten die originäre Sprache geistig Behinderter berücksichtigen. Die ist vorrangig nonverbal. Sie drücken sich aus in Inszenierungen. Das können sie besser als Nichtbehinderte. Erhebungen, die auf Verbalisierungen via Interviews setzen, sprechen eine andere Sprache. Es kommt zu Verständigungsschwierigkeiten. 

Zukünftige Forschungen sollten die Rolle des Personals in den Institutionen berücksichtigen. Sie werden leider nicht von den Behinderten bezahlt sondern von dem Träger der Institution, der wiederum vom Staat. Der Träger weiß um die Wichtigkeit der Eltern und gesetzlichen Betreuer, die einen Behinderten auch in eine andere Einrichtung lenken kann. Damit würden Einnahmen verloren gehen. Das Betreuungspersonal ist wiederum an seiner eigenen Sicherheit interessiert und will seinen Job nicht verlieren. Also tut er das, was Staat, Träger und Eltern wollen. Personal kümmert sich leider nicht sehr darum, was die ferne wissenschaftliche Sonderpädagogik will. Die bezahlt nicht das Personal. Die öffentliche Meinung will die Illusion behalten, die Behinderten seien in den Heimen gut versorgt. Ruhe, Ordnung, keine Presse, keine Polizei im Haus, keine Schwangerschaft, das will der Träger, ganz egal was er in die Leitbilder schreibt.

Empfehlung

Bei aller Kritik an dem Werk: Es gibt zurzeit keine bessere Zusammenfassung fortschrittlicher Sonderpädagogik. Die Forderungen - aus der Literaturschau geborgen - an Staat, Träger, Öffentlichkeit und Eltern sind ausgezeichnet. Die Beschreibungen zur Selbstbestimmung, zur Sexualität behinderter Menschen sind modern und mutig. Das Team entscheidet sich zum Beispiel, gut begründet, ihre Zielgruppe weiterhin geistig behindert zu nennen, gegen die lächerliche Wortkosmetik vom "Menschen mit geistiger Behinderung". Sie tut das gegen den sonstigen sonderpädagogischen Konsens. Auch die Beschreibungen, wie unterstützendes Personal sein sollte, sind hilfreich.

Das Personal nicht nur in den kooperierenden Einrichtungen braucht Hilfe. Es ist durch die vielfältigen und sich widersprechenden Anforderungen, bei gleichzeitigem Abbau von Quantität und Qualität völlig überfordert. Es braucht mehr Ressourcen, Fortbildungen, Supervision. Viele wollen ja, aber sie können nicht. Viele von ihnen sind offen gegenüber der sexuellen Selbstbestimmung, aber ihre eigene Sicherheit ist ihnen wichtiger. Sie haben Vorbehalte aus eigener sexueller Unsicherheit. Aber sie brauchen dabei Unterstützung nicht Überführung. Es braucht bessere Ausbildung und bessere Anleitung. 

Fazit

Ein sehr lesenswertes Buch für alle Fachinteressierten. Eine wissenschaftliche Abhandlung zur Sexualität geistig Behinderter, zu Gewalt, zu Homosexualität, die gerade durch den Widerspruch, den der Versuchsprozess erzeugt, spannend bleibt. Die Ehrlichkeit des Autorenteams bezüglich der Konflikte macht es sympathisch.  Ein lehrreiches Modellprojekt.


Rezensent
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor und Coach für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 27.12.2007 zu: Jörg M. Fegert, Karin Jeschke, Helgard Thomas, Ulrike Lehmkuhl (Hrsg.): Sexuelle Selbstbestimmung und sexuelle Gewalt. Ein Modellprojekt in Wohneinrichtungen für junge Menschen mit geistiger Behinderung. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-7799-1883-7. Reihe: Votum. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4459.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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