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Bernd Dolle-Weinkauff, Hans H. Ewers u.a. (Hrsg.): Gewalt in aktuellen Kinder- und Jugendmedien

Cover Bernd Dolle-Weinkauff, Hans H. Ewers, Regina Jaekel (Hrsg.): Gewalt in aktuellen Kinder- und Jugendmedien. Von der Verherrlichung bis zur Ächtung eines gesellschaftlichen Phänomens. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-7799-0452-6. 19,50 EUR, CH: 34,30 sFr.

Reihe: Jugendliteratur.
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Thema

Inzwischen kann man Kinder- und Jugendliche als die postmodernen Sündenböcke der Gesellschaft bezeichnen, wenn von der Gewalt die Rede ist. Gegen eine "Dämonisierung der Gewalt"(7) spricht sich der Sammelband der Herausgeber Bernd Dolle-Weinkauff, Hans-Heino Ewers und Regina Jaekel zur Gewalt in aktuellen Kinder- und Jugendmedien aus. Der Aufschrei, der durch die Öffentlichkeit und die Medien bei Gewalttaten von Kindern und Jugendlichen geht, verdrängt das Problem einer gewalttätigen Gesellschaft, die eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung auf dem Rücken der Kindern- und Jugendlichen auszutragen versucht. Der Sammelband untersucht Kinder- und Jugendmedien vor dem Hintergrund einer "grundsätzlichen Einschätzung der Legitimität von gewalthaltigen Medienangeboten"(9).

Überblick

Die Gewaltthematik wird in diesem Band anhand verschiedener Medienangebote für Kinder- und Jugendliche diskutiert. Hierbei werden vorrangig in der Literatur für Kinder- und  Jugendliche in den Vordergrund gerückt. Gewalt wird in der Literatur für Kinder- und Jugendliche als ein gesellschaftlich Gegebenes beschrieben und weniger als Grundproblematik in Frage gestellt. Aktuelle gesellschaftliche oder medienbezogene Debatten finden ihren Niederschlag in diesem traditionellen Medium und werden nicht selten ähnlich moralisierend und belehrend wie in den Massenmedien diskutiert. Die Gewaltdarstellung in Comics als einer Spezialform der Kinder- und Jugendliteratur und die Auseinandersetzung mit Computerspielen, die in der Gewaltdiskussion zumeist am kritischsten betrachtet werden, finden sich zusätzlich in diesem Band, der sich vorrangig an Literaturvermittler richtet, die jedoch, nach Ansicht der Autoren, besonders den Zusammenhang von Literatur und neueren Medien in ihre Überlegungen und Arbeit mit einbeziehen müssen, da Literatur nicht gesondert, sondern im Medienverbund von Kinder- und Jugendlichen rezipiert wird.

Inhalte im Einzelnen

  • Hans-Heino Ewers & Sibylle Nagel Rechtsradikalismus in der Kinder- und Jugendliteratur. In beiden Beiträgen werden die Zusammenhänge von Rechtsradikalität und Jugendmedien beschrieben. Verschiedene Beispiele aus der Kinder- und Jugendliteratur der 90er Jahre (H.-H. Ewers) und aktueller Publikationen bis 2004 (S. Nagel) geben ein differenziertes Bild einer Verflechtung von Massenmedien und Literatur einerseits und einer Varianz unterschiedlicher literarischer Formvorbilder andererseits. Feststellen lässt sich, dass eine Prägung der Bilder durch die Massenmedien ebenso im Mittelpunkt der literarischen Texte steht, jedoch mit einer vertiefenden Einsicht. Dass von der Literatur zu dieser Thematik nicht eine Art Prophylaxe erwartet werden kann, wird von beiden Autoren betont. Die Zahl der zu diesem Themenspektrum erscheinenden Titel im Kinder- und Jugendbereich steigt seit 2000 jedoch weiter an.
  • Hans-Heino Ewers Die kritische Form der Gewaltthematisierung in der Kinder- und Jugendliteratur führt zu einer Domestikation und Diskursivierung von Gewalt. Auch die empathische Auseinandersetzung mit eigenen und fremden Gewalterfahrungen wird durch die Verarbeitung von Gewalt in der Literatur laut Ewers angeleitet.
  • Sibylle Nagel Am Beispiel des Adolszensromans "Wir sind alle Fremde hier" (2002) von Frederik Hetmann wird exemplarisch die Thematisierung von Heimat und Fremdheit in der Gewaltdiskussion betrachtet, wobei das "Fremdsein als Metapher" (79) auf das Fremdsein in der eigenen und fremden Kultur bezogen wird.
  • Florian Michael Gürtler/Timm Oliver Weber. Die Autoren schreiben in ihrer Studie über "misslungene Zivilisierung" anhand von Texten zu Amokläufen und ähnlichen Extremen jugendlicher Gewalt. Auch diese Thematik erhielt längst Einzug in die Jugendliteratur. Die Verfasser untersuchen die Fiktionalisierung des Gewaltphänomens. Ihr Resultat zeigt an, dass fiktive Gewaltereignisse als dokumentarisch und realistisch dargestellt werden und auch literarisch nah an der Realität geführt werden.
  • Judith Hoffmann: Mobbing, Gewalt und Revolte sind die Schwerpunkte der subversiveren Elemente der Gewalt. Auch diese Formen von Gewalt finden sowohl im Alltag von Kindern- und Jugendlichen, als auch in der Kinder- und Jugendliteratur Einzug.
  • Bernd Dolle-Weinkauff: Den Gewaltdesign in Comics widmet sich eine weitere Studien, die die Sonderform der pictorialen Darstellung und Rezeption von Gewalt diskutiert.
  • Claudia Heberer/Jennifer Höhler/Holger Müller untersuchen verschiedenen Typen von Ego-Shootern, der Art von Computerspielen, die den schlechtesten Ruf haben. Die Autorinnen stellen eine "deutlich […] ansteigende Tendenz von virtuell inszenierter Gewalt und detaillierter Gewaltdarstellung" (165). Sie warnen jedoch davor, sich der umsichtigen Auseinandersetzung mit diesen Medientrends vollständig zu entziehen, sondern sie eher als reale Gegebenheit im Alltag von jungen Menschen zu betrachten.
  • Simone Greyl/Lucie Höhler/Katja Knieriem Die "Bad Boys" des Popbusiness Eminem, Marylin Manson, Rammstein und Slipknot zeigen auf, dass Gewalt in der Popkultur auch ein Element der Ästhetik und der Selbstinszenierung sind, die Aufmerksamkeit erregt und damit markttauglich wird.

Fazit

Das breit angelegte Themenspektrum zu dieser virulenten Thematik trägt in jedem Fall zu einer weiteren Diskursivierung des Gewaltbegriffs bei, was der gesamten Debatte nur zuträglich sein kann. Die vielseitige Ausrichtung und der offene Blick in neuere Entwicklungen der Jugendmedien setzen an einer wichtigen Stelle an, die von der Auseinandersetzung mit einer Gegebenheit spricht. Eine Perspektivierung oder die Darstellung einer neuen Sichtweise kann auch dieser Band nicht liefern. Das jedoch wäre von einer so abwechslungsreichen Übersicht über den aktuellen Stand der Diskussion und die exemplarische Darstellung in den Medien auch ein wenig zu viel verlangt.


Rezension von
Prof. Dr. Swantje Lichtenstein


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Zitiervorschlag
Swantje Lichtenstein. Rezension vom 09.05.2008 zu: Bernd Dolle-Weinkauff, Hans H. Ewers, Regina Jaekel (Hrsg.): Gewalt in aktuellen Kinder- und Jugendmedien. Von der Verherrlichung bis zur Ächtung eines gesellschaftlichen Phänomens. Juventa Verlag (Weinheim) 2006. ISBN 978-3-7799-0452-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4461.php, Datum des Zugriffs 24.01.2021.


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