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Dagmar Orthmann Bless: Lebensentwürfe benachteiligter Jugendlicher

Rezensiert von Dr. Antje Ginnold, 28.06.2007

Cover Dagmar Orthmann Bless: Lebensentwürfe benachteiligter Jugendlicher ISBN 978-3-7815-1477-5

Dagmar Orthmann Bless: Lebensentwürfe benachteiligter Jugendlicher. Theoretische Betrachtungen und Ergebnisse einer empirischen Untersuchung bei Mädchen mit Lernbehinderung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2006. 331 Seiten. ISBN 978-3-7815-1477-5. 32,00 EUR.
Reihe: Klinkhardt Forschung.

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Allgemeine Informationen zur Reihe finden sich unter Reihe: Basiswissen Sonderpädagogik.

Thema

Mit den Lebenswegen benachteiligter und vor allem lernbehinderter Jugendlicher befassen sich nur relativ wenige Forscherinnen und Forscher. Die besondere Lebens- und Bildungssituation von Jugendlichen mit Lernbehinderung, die Sonder- oder Integrationsschulen besuchten, wird in der Benachteiligtenforschung häufig nicht wahrgenommen oder lediglich als eine Form der Benachteiligung gesehen.

Die Forschung im Bereich der beruflichen Integration und Rehabilitation bezogen auf dieses Thema ist insgesamt unterrepräsentiert bzw. wird von nur einigen wenigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vorangetrieben. Dagmar Orthmann Bless trägt mit ihrer Forschungsarbeit zu einem fundierten Fachdiskurs bei. Ihr besonderes Augenmerk legt sie auf die Situation benachteiligter und lernbehinderter Mädchen. Sie untersucht dabei nicht nur berufliche Planungen und Karrieren der Mädchen, sondern betrachtet ihre gesamte Lebenssituation und -perspektive.

Autorin

Dr. Dagmar Orthmann Bless arbeitet seit mehreren Jahren in Forschung und Lehre zum Thema Lebensentwürfe von benachteiligten und lernbehinderten Jugendlichen, zuletzt als Akademische Oberrätin am Institut für Sonderpädagogik der Universität Koblenz-Landau (Campus Landau). Dagmar Ortmann Bless legte bereits zahlreiche Veröffentlichungen zu diesem Thema vor.

Entstehungshintergrund

Grundlage dieser Veröffentlichung bildet ein Forschungsprojekt, in dessen Rahmen die Autorin Lebensentwürfe lernbehinderter Mädchen analysierte. Ziel war es zum einen, die wichtigsten Antizipationsinhalte bezogen auf die zentralen Entwicklungsaufgaben in der Jugendphase für einzelne Bereiche zu analysieren. Zum anderen sollte der Prozess der produktiven Realitätsverarbeitung unter den erschwerten Bedingungen, die mit einer Lernbehinderung und/oder dem Sonderschulbesuch verbunden sind, untersucht werden. Die Autorin leistet damit einen Beitrag zur Wahrnehmung und zum Verständnis von Handlungsstrategien der lernbehinderten Mädchen und zur wissenschaftlichen Überprüfung von Alltagstheorien. Auf der Basis empirischer Daten entwickelt Dagmar Orthmann Bless einen Theorieentwurf zur produktiven Realitätsverarbeitung unter erschwerten Bedingungen.

Die Arbeit ist der sonderpädagogischen Grundlagenforschung zuzuordnen. Das Buch erschien in der Reihe "Forschung" des Klinkhardt-Verlages.

Aufbau und Inhalt

Die Autorin baut ihr Buch sehr übersichtlich auf und gliedert es - neben der Einleitung (Kapitel 1) und den diversen Anhängen (Kapitel 7 und 8) - in fünf große Kapitel.

  • Zunächst erarbeitet die Autorin die theoretischen Grundlagen und den aktuellen Forschungsstand (Kapitel 2) bezogen auf die Lebensphase Jugend und das Phänomen Lernbehinderung im gesellschaftlichen Kontext. Sie wählt das Konzept der produktiven Realitätsverarbeitung von Hurrelmann als Bezugstheorie. Für die Jugendphase werden typische Entwicklungsaufgaben bezogen auf die anstehenden Statusübergänge benannt. Sie beziehen sich auf die Entwicklungsbereiche Berufliche Eingliederung, Familie - Partnerschaft und Elternschaft, Freizeit sowie Wohnen. Mit einer einheitlichen Systematik werden die einzelnen Bereiche und die mit ihnen verbundenen Aufgaben charakterisiert. Die Autorin beschreibt jeweils die gesellschaftlichen Bedingungen für Jugendliche mit Lernbehinderung in diesem Bereich, die bereichsspezifischen Anforderungen bezüglich der produktiven Realitätsverarbeitung an sie und ihre bereichsspezifischen Antizipationen. Es wird deutlich, dass sich lernbehinderte Jugendliche in einer Situation mit erhöhter Planungsnotwendigkeit bei gleichzeitig größeren Planungserschwernissen befinden. Mit dem Kapitel 2 schafft die Autorin die theoretische Grundlage für die systematische Analyse der von ihr erhobenen Lebensentwürfe.
  • Im Kapitel 3 umreißt die Autorin kurz das Forschungsdesign. Es wurde hypothesengenerierend und qualitativ-explorativ angelegt. Das Ziel der Studie besteht in der Analyse der Lebensentwürfe lernbehinderter Mädchen zum Ende der obligatorischen Schulzeit. Insbesondere sind die Bereiche Ausbildung/Beruf, familiäre Lebensformen, Freizeit und Wohnen von Interesse. Zum einen werden die Inhalte der Antizipationen in den einzelnen Lebensbereichen analysiert. Zum anderen werden die Prozesse der produktiven Realitätsverarbeitung betrachtet. Es geht darum, wie die Mädchen sich mit der inneren und äußeren Realität auseinandersetzen, ob und wie sie ein Passungsverhältnis von beidem herstellen und welche Strategien sie für den Umgang mit Divergenzen zwischen innerer und äußerer Realität entwickeln. Es soll außerdem geprüft werden, ob sich innerhalb der Gruppe der lernbehinderten Mädchen diesbezüglich verschiedene Typen identifizieren und welche Zusammenhänge sich zwischen der bisherigen produktiven Realitätsverarbeitung und den individuellen Kontextbedingungen aufdecken lassen.
  • Die Stichprobe bezieht sich auf Sonderschulen (Schulen mit dem Förderschwerpunkt Lernen) in der Region Rheinhessen-Pfalz im Bundesland Rheinland-Pfalz. Sie umfasst 113 Schülerinnen mit deutscher Staatsbürgerschaft, die in absehbarer Zeit die Schule mit dem Förderschwerpunkt Lernen beenden, d.h. zum Untersuchungszeitpunkt (Schuljahr 1999/2000) die neunte oder zehnte Klasse besuchten. Zur Datenerhebung wurden halbstrukturierte Interviews und ergänzend standardisierte Dokumentationsbögen in Interviewform verwendet. Die Datenaufbereitung und -auswertung erfolgten in neun Schritten von der Transkription über die Kodierung, bereichsspezifische quantitative und qualitative Themenanalyse mittels deskriptiver Statistik, Typenbildung mittels Cluster- und Diskriminanzanalysen bis hin zur Ableitung eines Theorieentwurfes.
  • Im Anhang des Buches befinden sich der Leitfaden für die halbstrukturierten Interviews und die Dokumentationsbögen mit Angaben zum Interview, zur interviewten Person, ihrer aktuellen Situation bezüglich der privaten Lebensform und der beruflichen Pläne sowie Hinweise zum Postscript.
  • Die Darstellung der Ergebnisse der empirischen Untersuchung (im Kapitel 4) trennt die Autorin von deren Diskussion und Interpretation (Kapitel 5). Beide Kapitel weisen jedoch dieselbe Struktur auf und erleichtern so das Verständnis. Die Ergebnisse werden jeweils bezogen auf die im Kapitel 2 identifizierten Entwicklungsbereiche Beruf, familiäre Lebensformen, Freizeit und Wohnen dargestellt und interpretiert. Beide Kapitel schließen mit einer bereichsübergreifenden Analyse der produktiven Realitätsverarbeitung, die sich auf die Prozessqualität bezieht und verschiedene Typen herausarbeitet. Die Diskussion und Interpretation der Ergebnisse erfolgt mit Bezügen zur einschlägigen Forschungsliteratur.
  • Im Kapitel 6 stellt die Autorin ihren Theorieentwurf zur produktiven Realitätsverarbeitung bei lernbehinderten Mädchen vor.

Diskussion

Dagmar Orthmann Bless zeichnet mit diesem Forschungsbericht ein eindrückliches und fassettenreiches Bild von der Situation und den Vorstellungen lernbehinderter Mädchen in der Statuspassage Jugend - Erwachsen-Sein. Es werden keine Personengeschichten bzw. Einzelbiografien rekonstruiert, sondern themenbezogen die gesamte Stichprobe ausgewertet.

Die fundierte Darstellung überzeugt ebenso wie die differenzierte Auswertung bezogen auf die Themen sowie auf die für jeden Bereich identifizierten Typen und Strategien zur Passungsherstellung. Die Ergebnisse werden jeweils quantifiziert dargestellt und gleichzeitig mit Beispielen aus den Interviews gekoppelt.

Lediglich die Cluster- und Diskriminanzanalyse mittels statistischer Verfahren (im Kapitel 4.5) erscheint bei einer Stichprobe von 113 Mädchen etwas aufgesetzt. Es stellt sich die Frage, ob die angestrebte Typenbildung nur durch diese quantitativen statistischen Verfahren zu erreichen war oder nicht auch durch die qualitative Typenbildung möglich gewesen wäre.

Zielgruppe

Das Buch ist in anspruchsvoller Sprache und mit umfangreicher Statistik in der Auswertung verfasst. Es eignet sich daher für den Einsatz in Forschung und Lehre an Universitäten oder Fachhochschulen.

Fazit

Der von Dagmar Orthmann Bless vorgelegte Forschungsbericht zeichnet sich durch sehr systematisches Arbeiten aus und ist theoretisch anspruchsvoll. Er ist zwar kein Lehrbuch, mit dem man einen schnellen Überblick über das Thema gewinnen kann, aber eine sehr empfehlenswerte Lektüre, wenn man tiefer in fachspezifische Fragestellungen einsteigen möchte.

Rezension von
Dr. Antje Ginnold
Dipl. Pädagogin.
Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt berufliche Integration von Menschen mit Behinderung, langjährig tätig in den Bereichen Fort- und Weiterbildung, Lehre und Forschung sowie als Integrationsberaterin für Jugendliche mit Lernbehinderung im Übergang Schule – Beruf in Berlin
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Es gibt 13 Rezensionen von Antje Ginnold.

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Zitiervorschlag
Antje Ginnold. Rezension vom 28.06.2007 zu: Dagmar Orthmann Bless: Lebensentwürfe benachteiligter Jugendlicher. Theoretische Betrachtungen und Ergebnisse einer empirischen Untersuchung bei Mädchen mit Lernbehinderung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2006. ISBN 978-3-7815-1477-5. Reihe: Klinkhardt Forschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4473.php, Datum des Zugriffs 04.02.2023.


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