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Roger Schaller: Wege, an sie ranzukommen (gewaltbereite Kinder u. Jugendliche)

Cover Roger Schaller: Wege, an sie ranzukommen. Selbstmanagement- und Psychodrama-Training mit gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen. Juventa Verlag (Weinheim) 2005. 192 Seiten. ISBN 978-3-7799-2062-5. 13,00 EUR.

Reihe: Edition Sozial.
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Thema

Wie es möglich ist, an gewaltbereite Kinder und Jugendliche heranzukommen, ist immer wieder, und momentan besonders, von gesellschaftlichem Interesse. Das Thema beschäftigt Roger Schaller, der als Psychotherapeut und Psychodramatiker in der Schweiz mit diesen Kindern und Jugendlichen arbeitet, seit mehr als 20 Jahren.

In seinem Buch zeigt er ganz konkrete Wege dazu.

Respekt, Kontinuität, Geduld und Flexibilität, verbunden mit der angemessenen Methode und die Bereitstellung der notwendigen Mittel, sind die notwendigen Zutaten. Zu benennen was gebraucht wird um an diese Kinder und Jugendlichen heranzukommen, ist die politische Ebene dieses Buches. Denn ohne erfahrene Menschen, die die Arbeit tun und die notwendigen Mittel dazu, wird sich wenig ändern.

Der Autor nennt die Kinder und Jugendlichen, Opfer-Täter, die selbst sowohl in der einen wie in der anderen Rolle, Erfahrungen gesammelt haben. Seine Arbeit zeigt, dass Menschen, die beide Positionen erlebt haben, noch härter gegen sich und andere vorgehen, als solche, die nur eine der beiden Seiten erlebt haben.

Als Einzelkämpfer passen sie sich ungern den Regeln anderer an. Durch ihre starke Selbstbezogenheit sind sie nicht in der Lage, die Vorleistung, Gruppenregeln zu akzeptieren, aufzubringen. Sie sind dadurch nicht für Programme und Gruppen geeignet, die auf kognitiv-verhaltenstherapeutische Techniken bauen. Das jedoch tun die meisten Präventionsprogramme und Anti-Gewalt-Trainings.

Das psychodramatisch orientierte Selbstmanagement Training für gewaltbereite Kinder und Jugendliche versteht sich nicht als festes Verhaltensrezept. Es ist ein Angebot von Bausteinen, das den jeweiligen Bedürfnissen und Voraussetzungen der Anwender angepasst werden kann. Der Leser bekommt hierzu eine Reihe erprobter Spiel- und Trainingsformate mit konkreten Anweisungen für die Praxis zur Hand. Fallbeispiele zeigen abschließend mögliche Zielsetzungen und den erzielbaren Wirkungsrahmen der Methode.

Aufbau und Inhalt

Der Autor positioniert zunächst das hier vorgestellte Selbstmanagement- und Psychodama-Training mit gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen gegenüber anderen Präventionsprogrammen. Eine Übersicht mit Quellenangaben zu bestehenden Programmen, informiert und ermöglicht eigenes Recherchieren.

Die Zielgruppe seiner Arbeit beschreibt der Autor als verhaltensauffällige, gewaltbereite, in der Regel männliche Kinder und Jugendliche ab dem 10. Lebensjahr mit bedeutenden Lebensbelastungen, die fortgesetzt gewaltbereit sind, trotz laufender sozialpädagogischer und therapeutischer Interventionen. Er nennt sie Täter-Opfer weil sie beide Seiten dieser Beziehungskonstellation erfahren haben und deshalb besonders hart gegen sich und andere vorgehen.

Die Zielgruppe des Buches sind alle Verhaltenstrainer, die in Gruppen mit gewalttätigen Kindern und Jugendlichen arbeiten. Es wird eine Trainingsmethode beschrieben, die z.B. in Beratungsstellen, Schulen, Heimen und Kliniken eingesetzt werden kann. Die Trainer sollten eine gruppentherapeutische Aus- und Fortbildung, Erfahrung mit Gruppenarbeit sowie die Möglichkeit der Supervision für ihre Arbeit haben. Sie müssen keine Psychodramatiker/innen sein. Es sind idealer Weise zwei Trainer, Vertreter beider Geschlechter, mit der Gruppe beschäftigt.

Das Vorgehen der Trainer verlangt Respekt vor den Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen. Ihre erste Aufgabe besteht in der Schaffung eines sicheren Begegnungsraumes, in dem gewaltfreie Beziehungen ausprobiert werden können. In einer wohlwollenden, nicht strafenden Atmosphäre, wird, mittels deutlicher Grenzziehung, auch mittels körperlichen Einsatzes der Trainer, gewaltfreies Verhalten kennen gelernt und geübt. Es gibt keine Strafen außer Auszeiten oder Abbruch des Trainings wegen Vertragsbruches.

Die Gruppenregeln zur Unversehrtheit der Psyche und Körperlichkeit der Teilnehmer, werden vor Beginn der Gruppenarbeit mittels eines Vertrages geklärt. Ihre Befolgung ist unabdingbar und wird konsequent überwacht. Die Anzahl der Sitzungen ist begrenzt, die Lernziele werden vorher zwischen den beteiligten Erziehungspersonen, Trainern und Teilnehmern vereinbart oder erläutert. Die Gruppengröße wird mit 5 bis 8 Kindern angegeben, der Altersunterschied sollte nicht mehr als 4 Jahre betragen. Die Zahl der Ausschlüsse aus der Gruppe wegen Regelverstößen liegt unter 10%.

Die Lernziele werden für alle Teilnehmer auf drei wesentliche Bereiche fokussiert:

  1. Selbstwirksamkeitserwartung. Das bedeutet, zu lernen, Situationen selbst zu gestalten. Also die Erfahrung zu machen, nicht ausgeliefert zu sein und immer wieder Opfer zu werden.
  2. Stressbewältigung. Sie hilft das hohe Spannungspotential, das die Teilnehmer gemeinsam haben und das sie schnell als Spannungsabfuhr zu Tätern werden lässt, in den Griff zu bekommen.
  3. Den Aufbau moralischer Urteilsfähigkeit. Denn wer kein Mitgefühl kennt, kennt auch kein Mitleid.

Die methodische Grundlage des Trainings ist das Psychodrama. Erkennbar in der Haltung der Trainer, setzt die Methode da an, wo die Teilnehmer stehen. Im Hier und Jetzt ihrer Lebenswelten forschen sie selbst, unterstützt durch psychodramatische Techniken und die beschriebene Haltung der Leiter, nach Möglichkeiten, ihre Ressourcen positiv zu nutzen.

Ganz an den praktischen Bedürfnissen orientiert, werden Material- und Raumanforderungen, bis zur Bestelladresse für Tierfiguren für die Symbolarbeit, dargestellt. Es werden Vertrags-, Fragebogen- und  Interviewmuster gezeigt. Die Durchführung aller Übungen wird nach einem Muster vermittelt: Anfangs- und Schlussrunde, Lernziel bestimmen, Bezug zum Thema Gewalt herstellen, Rahmenbedingungen schaffen, Anleitung und Durchführung. Zwei Drittel des Buches enthalten diese, für die Praxis nützlichen Anleitungen.

Die darauf folgenden Praxisbeispiele vermitteln abschließend einen Eindruck von erfolgten Interventionen mit der vorgestellten Methode. Übersichtlich werden Fragestellungen, Zielformulierungen, Durchführung und Ergebnis dargestellt.

Der theoretische Hintergrund des Buches ist vielfältig. Er folgt dem inneren Auftrag des Praktikers an sie ranzukommen. Roger Schaller hat ein Potential an Ansätzen aus Philosophie, Psychologie und Verhaltensforschung, Neurologie, Erlebnispädagogik und Verhaltensforschung zusammengetragen und genutzt, um dieses Ziel zu erreichen. So überlappen im Buch von Anfang an Beispiele und Bilder aus der Praxis die theoretischen Sichtweisen und umgekehrt. Was zunächst verwirrend wirken kann, ist bereichernd, wenn man die Potentiale, die darin stecken, nutzt. Es setzt allerdings, genau wie die Arbeit, die in diesem Buch beschrieben wird, ein hohes Maß an Flexibilität und Erfahrung beim Leser, wie auch bei den Trainern der Selbstmanagement- und Psychodrama - Trainings, voraus.

Fazit und Einschätzung

Roger Schallers Buch ist ein Handbuch für die Praxis. Durch die vielen angeführten inneren Bilder, Zitate und Beispiele aus der Praxis des Autors ist es unterhaltsam, interessant und flüssig lesbar. Praktiker werden sich oft an selbst erlebte Szenen aus der Gruppenarbeit erinnert fühlen.

Die theoretischen Brücken, die zeigen, wodurch die Methode funktioniert, laden zu disziplinübergreifenden Überlegungen ein und verdeutlichen, dass der schwierige Auftrag an gewaltbereite Kinder und Jugendliche heranzukommen, alle Erfahrungs- und Wissensschätze, die zur Verfügung stehen, braucht. Sie bereichern, wecken Kreativität und die Lust, an das Thema heranzugehen.

Die genutzten Trainingsmethoden sind Techniken aus dem Psychodrama.

Verbunden mit der inneren Haltung, die diese Methode beinhaltet, sind sie besonders geeignet für die Arbeit mit gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen. Sie macht diesen besonders handlungsorientierten Menschen, direkt, visuell sichtbar und emotional erfahrbar, was geschieht und geschehen ist. Und sie befähigt die Teilnehmer mit den eigenen Ressourcen zu arbeiten um ihren eigenen Weg zu finden. Die ausgesuchten Übungen sind dafür gut geeignet.

Für gewaltbereite Kinder und Jugendliche ist ein klar strukturierter Rahmen für die Gruppenarbeit und die Durchschaubarkeit der Inhalte, um die es geht, wesentlich. Für die Trainer ist ein gut strukturierter Rahmen, innerhalb dessen sie sehr flexibel agieren können, unabdingbar. Die klaren Handlungsanweisungen im Buch helfen bei der Umsetzung.

Für Trainer, die sich schon um ähnliche oder gleich gelagerte Problemgruppen bemüht haben, ist das Buch eine Bestätigung für die Komplexität der Schwierigkeiten, mit denen sie in dieser Arbeit  konfrontiert sind und eine sinnvolle praktische Unterstützung.


Rezensentin
Dipl.-Soz.Päd. Dagmar Fiebiger
Psychodramaleiterin.
Jugendgerichtshilfe in versch. berliner Bezirken, KoLeiterin der Jugendarrestanstalt Berlin, soziale Gruppenarbeit mit gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen in verschiedenen berliner Schulen, Regionaler Sozialdienst und Einrichtungsmanagement im Jugendamt Berlin, Tempelhof/Schöneberg
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Zitiervorschlag
Dagmar Fiebiger. Rezension vom 02.02.2008 zu: Roger Schaller: Wege, an sie ranzukommen. Selbstmanagement- und Psychodrama-Training mit gewaltbereiten Kindern und Jugendlichen. Juventa Verlag (Weinheim) 2005. ISBN 978-3-7799-2062-5. Reihe: Edition Sozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4476.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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