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Helmut M. Niegemann, Steffi Domagk u.a.: Kompendium Multimediales Lernen

Cover Helmut M. Niegemann, Steffi Domagk, Silvia Hessel, Alexandra Hein, Matthias Hupfer u.a.: Kompendium Multimediales Lernen. Springer (Wiesbaden) 2008. 680 Seiten. ISBN 978-3-540-37225-7. 59,95 EUR, CH: 99,00 sFr.

Reihe: X.media.press.
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Thema

E-Learning sei die "neue Kultur des Lehrens und Lernens in der Informations- und Wissensgesellschaft", so ließ es die Bundeszentrale für Politische Bildung im Jahre 2003 verlauten. Dieser Eindruck bestätigt sich auch fünf Jahre später:

Für Hochschulen geht es scheinbar gar nicht mehr um das "Ob", sondern nur um das "Wie" der onlineunterstützten Lehre. Auch in der betrieblichen Aus- und Weiterbildung fasst der Ansatz des E-Learnings Fuß und wird mit der rasanten Verbreitung leistungsfähiger Internetzugänge und preiswerter Computertechnik immer populärer. Dagegen sehen Experten das Potenzial des E-Learnings noch nicht annähernd ausgeschöpft, vielmehr entdecken sie konzeptuelle Defizite und sehen gewisse Zielgruppen wie Kinder und Senioren noch unterrepräsentiert.

Keine Frage also, dass das Thema E-Learning bzw. multimediales Lernen zu einem ernstzunehmenden Fachgebiet mit eigenen Fragestellungen und Forschungsinteressen avanciert ist. Angesichts seiner facettenreichen Thematik sind Grundlagenwerke gefragt, die sich fundiert mit den interdisziplinären Fragestellungen auseinandersetzen. So wie das Buch des Autor/innen-Teams um Helmut Niegemann: Es ist der Nachfolger des 2004 veröffentlichten "Kompendium E-Learning", welches inhaltlich und konzeptuell überarbeitet in Form des vorliegenden Bandes neu erscheint.

Das Autor/innen-Team

Prof. Dr. Helmut Niegemann, Dr. Steffi Domagk, Silvia Hessel, M.A. und Alexandra Hein, M.A. beschäftigen sich am Lehrstuhl "Lernen und Neue Medien" der Universität Erfurt mit der Erforschung des multimedialen Lernens und Lehrens. Die Diplom-Informatiker/in Matthias Hupfer und Annett Zobel sind die Geschäftsführer des Weimarer Software­unternehmens "metaVentis", einer Ausgründung aus einem universitären Projekt um das Open Source Learning Management System "metacoon", welches auch an der Universität Erfurt eingesetzt wird.

Aufbau und Inhalt

Einleitend sei angemerkt, dass die Autor/innen unter ihrem Konzept des multimedialen Lernens eine Form des Lernens verstehen, bei der die Information in mehreren Symbolsystemen codiert ist bzw. über mehrere Sinneskanäle aufgenommen wird (Vorwort, S. V). In der Hauptsache ist aber computergestütztes Lernen gemeint.

Das "Kompendium multimediales Lernen" umfasst auf rund 700 Seiten 33 Kapitel, verteilt auf 9 thematische Teile. Diese einzeln darzustellen, würde die Möglichkeiten und den Zweck dieser Rezension übersteigen. Die Gliederung des Kompendiums orientiert sich jedoch weitestgehend an einem überschaubaren Modell: dem Decisional Oriented Instructional Design Modell oder abgekürzt: "DO ID - Modell". Es wird von Niegemann entwickelt als "ein Instrument zur Systematisierung und Begründung von Designentscheidungen bei der Konzeption multimedialer Lernumgebungen" (S. 88).

Unter den "Rahmenbedingungen" Qualitätssicherung/Projektmanagement und Evaluation werden zunächst Ziele und Analysen für multimediale Lernarrangements abgeleitet. Daraufhin ergeben sich sechs Entscheidungsfelder zur Realisierung des multimedialen Lernangebotes. Mit diesem Modell wird ein theoretischer Leitfaden zur strukturierten Darstellung des Fachgebietes an die Hand gegeben, nach dem sich auch der weit überwiegende Teil des Buches richtet.

  1. Die erste Ausnahme von dieser Systematik ist der erste Teil über "Geschichte und Grundlagen": In einem kurzen Abriss der historischen Entwicklung wird die Geschichte des multimedialen Lernens von Programmierter Instruktion und Lernmaschinen bis hin zu computergestütztem Lernen dargestellt. Das folgende Kapitel beschäftigt sich dann mit verschiedenen Theorien des "Instruktionsdesigns", die insbesondere für das Arrangement multimedialer Lernumgebungen grundlegend sind. Anschließend umreißt die Autorin eine multimediale Lerntheorie, die sie eng an empirischen Forschungsergebnissen entwickelt. Sinnvoll ist auch die Darstellung der Thematik "selbstreguliertes Lernen", da sie eine Kernkompetenz beim E-Learning ist.
  2. Den eigentlichen Einstieg in das DO ID - Modell macht dann der zweite Teil: "Planung und Analyse": Hier wird das Modell zunächst vorgestellt, woran sich jeweils kurze Kapitel über didaktische Planungsmuster, Zielentscheidungsfragen und Lehrzielspezifizierung anschließen. Breiteren Raum nimmt dann die Analyse der Bedingungsfaktoren des multimedialen Lernens ein, wie Adressaten, Aufgaben, Ressourcen und Einsatzkontext.
  3. Mit den "Formaten multimedialen Lernens" ist der dritte Teil einem Entscheidungsfeld des DO ID – Modells gewidmet: Die Formate bilden so etwas wie Inszenierungsmuster multimedialer Lernarrangements ab. Dabei unterscheidet der Autor direkte Instruktion, fallbasiertes und aufgabengeleitetes Lernen, Produkttraining (ein Sonderfall) oder hybride Formate, d.h. Kombinationen aus den erstgenannten wie das multimedial gesteuerte Selbstlernen.
  4. Teil IV, "Contentstrukturierung", beschäftigt sich dann mit der Einteilung, Sequenzierung und Strukturierung der Lerninhalte, wobei die Autor/innen wiederum Wert legen auf die empirisch-psychologische Untermauerung ihrer Empfehlungen. Bemerkenswert, dass hier auch Strukturierungsvorschläge auf Basis von Wissenserwerbmodellen an Lehrzieltypen orientiert werden.
  5. "Multimedia-Design" in Teil V erörtert - empirisch fundiert - die lernspezifischen Charakteristika des Einsatzes textlicher und bildlicher Medien sowie von Audiomedien und Animationen/Videosequenzen. Die Besonderheiten in Bezug auf die kognitive Verarbeitung und geeignete Einsatzmöglichkeiten werden jeweils ausführlich dargestellt.
  6. Mit dem vierten Entscheidungsfeld des DO ID - Modells befasst sich Teil VI: "Interaktionsdesign". Das Adjektiv "interaktiv" wird in der Multimedia-Branche zurzeit inflationär gebraucht. Es ist daher sinnvoll, dass der Autor die Computer-Mensch-Interaktion in ihren fachlichen Aspekten und Zielsetzungen erläutert. Zur Interaktivität gehören auch das Design von Test- und Übungsaufgaben sowie Möglichkeiten des Feedback-Gebens und des kooperativen Lernens, die in jeweils eigenen Kapiteln erläutert werden.
  7. "Motivationsdesign" bildet mit dem VII. Teil eine eigene Thematik, die in einem Grundlagenkapitel zur Motivation und einem folgenden Abschnitt zum Motivationsdesign für multimediale Lernsituationen aufgearbeitet wird.
  8. "Qualitätssicherung" ist der Schwerpunkt in Teil VIII, worunter ganz verschiedene Themenstellungen gefasst werden: Dabei geht es zum einen um das "Storyboard", d.h. um eine Art "Drehbuch" für multimediale Lernarrangements. Des Weiteren bietet dieser Teil ein Prozessmodell zur Evaluation multimedialer Lernangebote und ein eigenes Kapitel zu den Möglichkeiten des Usability-Testens: Damit ist die Überprüfung des benutzerfreundlichen Designs (Stichwort: intuitive Bedienung) dieser Lernangebote gemeint.
  9. Der IX. Teil: "Technische Umsetzung" ist mit seinen rund 150 Seiten der umfangreichste Teil des Buches und stammt aus der Feder der Informatiker im Autor/innenteam. Mit diesem Teil wird die Systematik des DO ID – Modells wieder verlassen und auf technische Grundlagen und Fragestellungen eingegangen. Obwohl Autor und Autorin aus der "metacoon-Szene" stammen, verstehen sie die Prinzipien weitestgehend unabhängig von bestimmten Lernmanagementsystemen darzustellen: Dazu gehören zum einen die Auswahlkriterien für die Systemarchitektur (Server und Clients) von Lernplattformen und Learning Management Systemen. Ferner die Rechteverwaltung, Autorenwerkzeuge sowie Tools und Anregungen zur multimedialen Kursgestaltung, wobei einige Aspekte aus dem Teil "Multimedia-Design" wieder aufgegriffen werden. Erzeugen und Rendern von XML-Inhalten, Standardisierung von E-Learning-Inhalten und die Implementation in vorhandene Strukturen ist dann schon etwas für technisch versiertere Leserinnen und Leser.  
  10. Ein etwa 40seitiges Glossar zu rund 300 Fachbegriffen sowie ein ausführliches Stichwortverzeichnis ergänzen den Textteil.

Zielgruppe

Aufgrund seiner interdisziplinären Thematik ist das Buch für einen breiten Kreis von Personen geeignet, die sich berufsmäßig, wissenschaftlich oder in der Ausbildung mit dem multimedialen Lernen auseinandersetzen. Dazu gehören Studierende und Lehrende in der Erziehungs-, Medien- und Kommunikationswissenschaft, der Informatik und der Psychologie. Ferner werden alle, die an der professionellen Konzeptualisierung, Gestaltung und Realisierung von E-Learning-Projekten teilhaben oder hier beratend tätig sind, Nutzen aus dem Buch ziehen.

Diskussion

Um es vorwegzunehmen: Das Kompendium multimediales Lernen ist kein kurzgefasster Leitfaden, der einen schnellen Einstieg in das E-Learning ermöglicht. Auch wird man das Buch wohl kaum in einem Zug lesen, eher schwerpunktorientiert die Teile, die für das praktische Interesse relevant sind.

Das tut dem Werk aber keinen Abbruch: Bietet das Buch doch eine wissenschaftlich fundierte Systematik von Modellen und Ansätzen, multimediale Lernarrangements fundiert zu planen, zu realisieren und zu evaluieren. Damit setzt es schon einen gewissen Praxisbezug voraus. Das Werk bietet ferner keine konkreten Aussagen zu Lernmanagementsystemen, diese werden nachrangig behandelt. Aus gutem Grund: Erstens ist die Auswahl aus dem mittlerweile großen Angebot schwierig. Zweitens würde die technische Entwicklung das Geschriebene schon kurz nach Veröffentlichung obsolet werden lassen. Dies wäre sehr zum Nachteil der theoretischen Modelle, welche die Autor/innen liefern. Im Übrigen liegt ein Praxis-Leitfaden auch gar nicht im Horizont der Autor/innen, die von einem theoriegeleiteten Konzept Entscheidungen für das multimediale Lernen deduktiv ableiten wollen. Hierin liegt gerade die Stärke dieses Buches: Es strukturiert das neue Fachgebiet des multimedialen Lernens zugleich.

Nach meiner Ansicht hätte allerdings die Verzahnung von Präsenzveranstaltungen und E-Learning, das so genannte "Blended Learning" noch eine gesonderte Erörterung unter den Formaten finden können. Eventuell wäre auch eine besondere Darstellung des Medien-/Lernverhaltens von Kindern, Erwachsenen, Senioren oder Menschen mit Beeinträchtigungen überlegenswert. Wobei sich das Kompendium dann wohl unweigerlich zu einer Enzyklopädie entwickeln würde.   

Positiv zu vermerken ist aber generell, dass die Autor/innen sowohl Bezug auf aktuelle Veröffentlichungen nehmen als auch in psychologischen Fragestellungen vielfach empirische Forschungsergebnisse heranziehen. Mit dieser präzisen, theoriegeleiteten Perspektive auf das Thema erfüllt das Buch einen hohen wissenschaftlichen Anspruch bei zugleich großer Aktualität.

Besonders hervorzuheben ist auch der gut strukturierte, straffe Aufbau des Textes: Neben "Advanced Organizern", die geschickt in die Thematik einführen, informieren die Autor/innen stets über die beabsichtigten Lernziele der Textlektüre. Stichwörter am Seitenrand sorgen dafür, dass wichtige Informationen schnell auffindbar sind. Die übersichtliche Gliederung der Kapitel, ein umfangreiches Glossar und der Stichwort-Index ermöglichen eine schnelle Orientierung und machen das Buch damit zu einem praktischen Nachschlagewerk und einem empfehlenswerten Lehr- und Arbeitsbuch, auch für das Selbststudium.

Fazit

Mit dem "Kompendium multimediales Lernen" liegt ein theoriegeleitetes, wissenschaftlich fundiertes und zugleich aktuelles Grundlagenwerk zum E-Learning vor. Es wird aufgrund seiner Umfassendheit und klaren Systematik für alle hilfreich sein, die mit der professionellen Konzeption, Realisierung und Evaluation von multimedialen Lernangeboten sowie deren wissenschaftlicher Erforschung befasst sind.


Rezensent
Dr. Stefan Anderssohn
Sonderschullehrer an einer Internatsschule für Körperbehinderte. In der Aus- und Fortbildung tätig. Weitere Informationen auf der Homepage.
Homepage www.anderssohn.info
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Zitiervorschlag
Stefan Anderssohn. Rezension vom 13.10.2008 zu: Helmut M. Niegemann, Steffi Domagk, Silvia Hessel, Alexandra Hein, Matthias Hupfer u.a.: Kompendium Multimediales Lernen. Springer (Wiesbaden) 2008. ISBN 978-3-540-37225-7. Reihe: X.media.press. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4479.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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