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Elsbett Flüeler (Hrsg.): Wildnis. Ein Wegbegleiter durchs Gebirge

Cover Elsbett Flüeler (Hrsg.): Wildnis. Ein Wegbegleiter durchs Gebirge. Rotpunktverlag 2004. 272 Seiten. ISBN 978-3-85869-276-4. 24,00 EUR, CH: 42,00 sFr.

Mit einem Vorwort von Franz Hohler.
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Entstehungshintergrund und Thema

Das Buch ist zum zehnjährigen Jubiläum der Umweltorganisation Mountain Wilderness Schweiz herausgegeben worden. Die Wildnis, die in diesem Buch behandelt wird, gilt vor allem der Felsregion der Alpen, andere Orte der Wildnis in Tundra und Taiga, in Wüste und Dschungel sind hier nicht gemeint. Der erste Eindruck könnte kaum besser sein. Ein buntes Potpourri von spannenden Themen, kurze Interviews mit Expertinnen und Experten ("Was ist Wildnis? 31 Ansichten"), eindrucksvolle Fotos und eine sehr ansprechende Gestaltung steigern die Neugier und die Lesefreude.

Inhalt

  • Den Einstieg  schaffen die Herausgeber durch 27 Fotos, Karikaturen und Gemälde. Neben wilden Bildern wie dem "Glacier de Freney" oder dem "Aqcue Palü", stößt man beim Schauen auf unwirkliche Ansichten wie z. B. dem Fußballfeld auf dem Grimselfeld, das ungeachtet der alpinen Verhältnisse einfach in die Landschaft gemalt wurde. Der Leseappetit steigt.
  • Im ersten Beitrag versucht sich Wenzel Doppler (S. 64 - 67) an einer Etymologie des Wortes "wild". Den Worten auf den Grund zu gehen, ist immer lohnend. Dass "wild" und "Wald" nicht nur ähnlich klingen, sondern auch auf den gleichen Wortstamm zurückzuführen sind, ist einsichtbar. Verlockender ist die Analyse, dass "wild" etwas mit dem Willen zu tun habe, mit dem eigenen Willen leben, ungezähmt sein Das klingt gut, ist aber letztlich etymologisch nicht beweisbar. Das englische "Wilderness" ist der Ort, wo die wilden Tiere wohnen. Schon hier zeigt sich, dass die Herausgeber die Leser nicht mit ellenlangen Erörterungen langweilen wollen, sondern kurze und präzise Aufsätze ausgewählt haben.
  • Sehr luzide sind auch Marco Volkens Ausführungen (S. 70 -73) über das Verhältnis von Mensch und Wildnis. Der Steinschlag kann für die Menschen eine Katastrophe sein, für die Natur ist er lediglich eine Korrektur. Primär, so Volken, ist Wildnis eine Machtfrage. Was wir Menschen nicht mehr beherrschen können, bezeichnen wir als wild. Haben wir ein GPS und ein Handy dabei, nimmt die Wildheit ab. Natürlich liegt einer der Ursprünge von Ritualen in diesem Ausgeliefertsein; man will sich die Gunst der Berge sichern. Und wenn etwas nicht erklärt werden kann, dann schafft die Phantasie meist magische Begründungen. Bergromantik dagegen ist städtischen Ursprungs.
  • Der nächste Beitrag beschreibt solche "wilden Gesellen" der Berge, die "Butzis". Diesem spannenden Thema der Märchen, Mythen und Sagen hätte durchaus noch mehr Raum gegeben werden können. Peter von Matt, der fulminante Germanist, setzt sich am Beispiel von Voltaire und Rousseau mit unserer barbarischen Natur auseinander. Rousseau hatte ja einst geschwärmt von der "Lust, auf allen Vieren zu kriechen" und zu den nordamerikanischen Huronen auszuwandern. Voltaire antwortete in einem bissigen Brief, dass er nicht folgen werde, weil er mit zunehmendem Alter auf seinen Leibarzt angewiesen sei, den er einem Schamanen vorziehe. Kultur ist ein Abstandsphänomen (S. 79). Rousseau und Herder jedoch sahen den Ursprung als gut und richtig an, als unbedingten Wert. Die Menschen pendeln zwischen Wildnis und Zivilisation und heben diesen Abstand gelegentlich auf, wie in der Malerei, dem Tanz, dem Erzählen, wo wilde, archaische Energien benötigt werden, um den Dingen auf den Grund zu kommen.

Diskussion

Es reicht der Platz nicht, um auf alle Beiträge einzugehen; auch soll der Leseappetit nicht gestillt werden, denn dieses Buch bietet zahlreiche genussreiche Happen an. Wildnis ist ja letztlich eine Projektion, eine Seelenlandschaft, die uns Überzivilisierte bereichern kann. Letztlich dürften die Erlebnispädagogen die Meinung von Steven Haper (S. 92) teilen: "Unsere Bereitschaft, draußen in Schlamm und Regen zu sein, gibt unsere Bereitschaft wieder, sich Schmutz und Unbilden in unserem Inneren zu stellen." Die Wildnis nötigt uns also dazu, sich unserer Innenwelt zu stellen. Neben der Regeneration, dem Fun, dem Grenzerlebnis spricht Wildnis immer auch folgende drei Ebenen an (S. 90 ff):

  1. Körperliche Bewährung: Modernisierung bedeutet weitgehende Entkörperlichung. Der Zusammenhang zwischen unseren Handlungen und deren Wirkungen wird immer indirekter. Wildnis konfrontiert uns mit unserem Körper, zeigt uns, ob wir uns auf unseren Körper noch verlassen können.
  2. Sensorische Reintegration: Beschleunigung ist das Markenzeichen der Moderne. Wildnis nötigt uns zur Verlangsamung und hebt die "Anästhesie" der Moderne auf. Beruhigung, Kontemplation, Stille werden möglich und verändern unsere Wahrnehmung.
  3. Symbolische Selbstvergewisserung: Wildnis zeichnet sich aus durch Selbstorganisation und Unverfügbarkeit. Die Dinge, die wir ihr mit einfachen Mitteln abringen, bleiben haften als eigene Eroberungen. Mit Angst auf die Wildnis reagiert, so Rolf Haubl, der "Typus des modernen Menschen, der sich ausschließlich als Homo faber versteht." (S. 91)

Nur noch einige Anmerkungen! "Das Recht auf Risiko", für das Hans-Heini Utelli, plädiert (S. 140), ist wohltuend provokant: "Was ist ein Klettertour mit Bohrhaken alle zwei Meter? Alpine Outdoorsportler (vermutlich gibt"s da schönere Begriffe! W. M.) haben ein Recht auf Risiko. Dieses Risiko ist untrennbar Bestandteil der unerschlossenen Bergwelt der Wilderness, damit umgehen zu können, ist die große Kunst und schließlich auch das wahre Erlebnis." Gelegentlich wird die Schweizer Sprache manche Leser vor Rätsel stellen: was heißt "bräteln" (S. 145), oder "Krete" (S.150) - der "Gänger", ja das lässt sich erschließen. Hier hätte ein kleines Glossar gut getan. Vielleicht hätte diese lesenswerte Buch durch Gedichte und Textpassagen aus der Literatur noch einen gewissen Feinschliff bekommen. Man übersieht, wie viele Philosophen, Künstler und Schriftsteller ihre Inspirationen in der Wildnis der Berge gesucht haben.

Fazit

Schluss mit den Mäkeleien, hier liegt ein Buch vor, das zum Lesen und Schauen verführt, das in jede Bücherei von berg- und wildnisbegeisterten Menschen gehört.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Michl
Homepage www.wernermichl.de
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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 21.01.2007 zu: Elsbett Flüeler (Hrsg.): Wildnis. Ein Wegbegleiter durchs Gebirge. Rotpunktverlag 2004. ISBN 978-3-85869-276-4. Mit einem Vorwort von Franz Hohler. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4490.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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