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Ursula Walser-Biffiger: Vom schöpferischen Umgang mit Orten der Kraft

Cover Ursula Walser-Biffiger: Vom schöpferischen Umgang mit Orten der Kraft. Ein Praxisbuch mit Übungen und Ritualen. AT Verlag (München) 2006. 216 Seiten. ISBN 978-3-03800-263-5. 23,90 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Als die Hexen verbrannt und Teufel gebannt waren, wurden die menschlichen Abgründe entdeckt. Von Büchner, von Nietzsche, von den Dichtern und Denkern. Und die Dämonen wurden auch nach der Aufklärung entfesselt; seit der Französischen Revolution wurden nicht weniger Menschen gemeuchelt als in den vorherigen so genannten dunkleren Zeitaltern. Die Entzauberung der Welt, das rationale Denken und der kritische Diskurs haben nicht davor geschützt. Heute leben wir in Mitteleuropa in relativ stabilen Demokratien, eingebettet in der Tradition des Christentums. Und doch erfasst viele Menschen das Bedürfnis nach einer Wiederverzauberung der Welt, werden Mythen wiederentdeckt, Rituale erfunden, Visionssuchen angepriesen, Initiationsriten gefeiert und Kraftplätze gesucht. Kurzum: die Wiederverzauberung der Welt ist angesagt.

Aufbau

Das Buch von Ursula Walser-Biffiger setzt sich mit Kraftorten in der Natur auseinander, bietet Rituale an und tritt in Austausch mit "den Wesen, die solche wundervollen Orte bewohnen", was sie in der Danksagung am Beginn des Buches festhält. Das Buch ist in drei große Kapitel geteilt.

  • Im ersten geht es darum, sich auf Kraftorte vorzubereiten,
  • der zweite Abschnitt befasst sich mit "Qualitäten und Wirkungsweisen von Kraftorten" und
  • drittens schließlich geht es darum, "Mit dem Ort im Austausch" zu sein.

Dem "Nachklang" folgt ein kurzer Anhang. Das Buch enthält zahlreiche ansprechende farbige Bilder.

Inhalt

Zu Beginn versucht die Autorin zu klären, was Orte der Kraft sind. Natürlich fühlen wir uns in der Natur angesprochen von besonderen Orten - der Berggipfel, die Waldlichtung, ein alter Baum und kräftige Wurzeln, große Felsen, der liebliche Bach und der reißende Fluss, der einsame See, der Höhleneingang und die Felswand, die tiefe Schlucht oder natürlich auch kleine Details wie Moos und Flechten, Blumen und Pilze, Laub und Steine. Das sind Orte an denen wir verweilen, die uns ansprechen, die uns nachdenklich machen, die für unsere innere Befindlichkeit sprechen. Niemand, der sich nur einen Rest von Sensibilität für die Natur bewahrt hat, wird leugnen, dass es diese Orte gibt. Andererseits kann man heftig darüber diskutieren, ob diese Orte uns "unumgänglich verwandeln" (S. 10), ob diese Kraftplätze tatsächlich von besonderen Wesenheiten besetzt sind oder ob es nicht immer wir mit unseren Projektionen und unserer Fantasie sind, die diese Anderswelt erzeugen. Sind es die Kraftplätze an sich oder unser Nachdenken, unsere Stimmungen, unsere Gedanken und Fantasie, die uns aus diesen Orten Kraft schöpfen lassen? Und brauchen wir dazu eine "zeitgemäße schamanische Arbeit" (S. 13)? Und was wäre darunter zu verstehen? Ohne Zweifel gibt es heute den Wunsch nach Wiederverzauberung, was das Interesse an "Schamanismus, an indianischer oder keltischer Kultur, an Naturmystik, an geomantischem Wissen, an matriarchalischen Lebensmöglichkeiten" (S. 17) zeigt. Nur sind all diese zuhöchst sinnschwangere Begriffe von der Perspektive der ethnologischen Wissenschaft sehr bezweifelbar. Die Ethnologie kann weltweit kein Matriarchat nachweisen, auch der Begriff indianische Kultur ist so unscharf, dass er zwar Gefühle weckt, aber eigentlich nichts sagend ist.  Und auch die heute allzu häufige Verwendung des Begriffs Schamanismus würde bei einem seriösen Ethnologen Protest auslösen. Nichtsdestotrotz zeigen diese Schlagworte und Sehnsüchte, dass hier ein Weltbild zu Grunde liegt, das man mit magisch-mystisch-matriarchalisch umschreiben kann. Im schlechtesten Falle trifft sich an der Eiche der Kraftortsuchende mit dem Förster, der sie pflegt, dem Naturschützer, der sie schützt und dem Neonazi, der sie verehrt. Wer hört dann noch die Vögel singen? Wer zu lange aus dem Bauch lebt und von Kraftplatz zu Kraftplatz schwebt, muss beim Erwachen aufpassen, wo er gelandet ist.

Walser-Biffiger setzt sich mit der Gaiatheorie auseinander und setzt sich für sie ein. Die Erde, so diese Theorie, ist ein einziger großer, sich selbst regelnder und erhaltender Organismus. Die Lebewesen bilden somit zusammen mit den nichtlebendigen Teilen der Erde ein dynamisches System, welches die gesamte Biosphäre durch Rückkoppelung stabil hält. So weit ist das nachvollziehbar. Aber diese Theorie, so die Autorin, greift weiter aus in den metaphysischen Raum und behauptet, dass "wir Menschen mit unserem Bewusstsein und unserer Seele ebenso mit Gaia und all ihren anderen Wesen verbunden" sind (S. 20). Diese  Hypothese der "magische Verbundenheit" macht es für zu rationale Leser schwer, das Buch zu akzeptieren.

Aber wo sind die eindeutigen Stärken dieses Buches? Natürlich macht es sensibel für besondere Orte in der Natur - und auch in der Zivilisation, wie das Beispiel der Autorin von der Kathedrale in Chartre zeigt. Immer dort, wo sie volkskundliche Fäden aufgreift, sei es in der Schweiz oder in der Bretagne, liest man mit gespannter Aufmerksamkeit. Selten habe ich auch ein Buch gefunden, in dem Text und Bild so stimmig und harmonisch zusammen passen. Alle Bilder ergänzen  - einzige Ausnahme das dubiose Bild "Die Stunde der Feen" (S. 77) - den Text, regen an zum Weiterdenken, sind ein Augenschmaus. Die Bilder mit passenden Zitaten, ohne die magischen Weltbilder, die vergeistigten Wesen, die Feen und Trolle, die zu ernst genommen werden, die Projektionen in die keltische Kultur, könnten zusammen mit der volkskundlichen Spurensuche und den ganz persönlichen Eindrucken der Autorin an ihren besonderen Orten ein Buch formen, das man nach dem Lesen liegen lässt und sich auf die Suche nach den Orten der Natur begibt, an denen man sich selbst finden kann. So verbleiben bei den zu skeptischen Lesern eine große Distanz, zu große Zweifel, ja womöglich Ablehnung zu einer Sache, die schon wert ist, gelebt zu werden. Neben dem lachenden Auge bleibt beim Rezensenten also auch ein weinendes zurück.

Fazit

Wie so oft hat der AT-Verlag ein Buch auf den Markt gebracht, das so ansprechend in Bild und Wort  - und zudem preiswert - ist, dass einem die Leselust packt. Mehr Bild und weniger Text, ein klarere Gliederung und weniger Magie hätten diesem Buch allerdings gut getan.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Michl
Homepage www.wernermichl.de
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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 25.01.2007 zu: Ursula Walser-Biffiger: Vom schöpferischen Umgang mit Orten der Kraft. Ein Praxisbuch mit Übungen und Ritualen. AT Verlag (München) 2006. ISBN 978-3-03800-263-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4492.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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