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Matthias D. Witte, Uwe Sander (Hrsg.): Intensivpädagogische Auslandsprojekte in der Diskussion

Cover Matthias D. Witte, Uwe Sander (Hrsg.): Intensivpädagogische Auslandsprojekte in der Diskussion. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2006. 142 Seiten. ISBN 978-3-8340-0033-0. 13,00 EUR.

Reihe: Soziale Arbeit aktuell - Band 4.
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Thema

Die Diskussion um die intensivpädagogischen Auslandsprojekte wird mit harten Bandagen geführt, und beide Seiten haben sich eher durch Gerüchte, Vermutungen, Projektionen als durch unterschiedliche Interpretation von Fakten ineinander verbissen. Die Datenlage ist schlecht, wenngleich einige Bücher und Beiträge in Fachzeitschriften vorliegen. Eines der ersten Bücher, ein Schnellschuss, wurde von Ullrich Gintzel und Christian Schrapper 1991 im Votum-Verlag herausgegeben. Steffi Jöst und Michael Geist haben in Tagebuchform ein erlebnispädagogisches Reiseprojekt festgehalten (1996 veröffentlicht im BE). Monika Flückiger hat mit "Die Wildnis in mir" (1998 Alling; jetzt: Ziel Verlag) ein wirklich lesenswertes Buch verfasst. Schließlich folgte eine erste empirische Studie von Willy Klawe und Wolfgang Bräuer (1998 Weinheim). Nun liegt ein weiteres Buch vor.

Die Einleitung der beiden Herausgeber lässt auf eine Versachlichung des Themas hoffen. Zu Recht weisen sie darauf hin, dass sich manche Träger der Kontrolle entziehen, weil ihr Dienstsitz im Ausland ist. Allerdings läge es sehr wohl in der Macht der Jugendämter, solche Träger nicht mehr in Anspruch zu nehmen, bzw. öfter eine Kontrolle vor Ort zu wagen. An den Reisekosten kann es nicht liegen. Eine wirkliche Herausforderung ist es aber, die richtige Pädagogin für solche Auslandsprojekte zu finden. Nimmt man das Anforderungsprofil ernst, dann müssten solche Pädagoginnen und Pädagogen Mangelware sein. Warum die Forschung in den Kinderschuhen steckt und sich die Wissenschaft nur vorsichtig in die Diskussion begeben soll (S. 11), kann man nicht nachvollziehen. Es wäre allerhöchste Zeit für umfangreiche empirische Forschung, um dann einen dezidierten Standpunkt entwickeln zu können. Dem Vorschlag der Autoren, diese Bemühungen mit "Intensivpädagogik" zu bezeichnen (S. 13) kann man nur zustimmen. Abenteuer- oder Erlebnispädagogik ist das nicht, und dieser Terminus bringt nur unheilvolle Verwirrungen

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwei Teile.

  1. vier Beiträge setzen sich mit  "Theorie und Empirie Intensivpädagogischer Auslandsprojekte" auseinander und
  2. weitere vier Beiträge beschreiben die "Praxis Intensivpädagogischer Auslandsprojekte." Nebenbei: Warum wird "Intensivpädagogisch" groß geschrieben?

1 Theorie und Empirie intensivpädagogischer Auslandsprojekte

  • Der Auftakt von Christian Schrapper fasst die Diskussion mit einigen historischen Exkursen gut zusammen, und Schrapper versucht sich an einer holzschnittartigen Zuspitzung, wenn er für gestern und heute feststellt, dass Jugendfürsorge und Heimerziehung vor allem Abstellgleise und Versuchslabore sind (S. 18 ff).
  • Dirk Villányi und Matthias D. Witte stellen dann einige Überlegungen zur wissenschaftlichen Fundierung der Intensivpädagogik an. Wir wissen zwar wenig über das, was im Ausland geschieht, aber neben den oben erwähnten Büchern gibt es doch eine Vielzahl von Fachartikeln, so dass die "Blackbox", von der die Autoren sprechen, ganz so dunkel auch wieder nicht ist. Den wenig informierten Leser erwartet hier eine kurze und systematische Übersicht mit einigen wenigen Zahlen, die aber doch zum besseren Überblick beitragen.
  • Ein Beitrag, der zu Diskussionen führen kann, ist "Die Zähmung des Wilden..." von Christian Kohner-Kahler. Ohne Zweifel ist der Autor belesen, liefert blitzgescheite Analysen und provokante Thesen,  und doch geht ihm manchmal der philosophische Gaul durch. Leider spricht er von  "erlebnispädagogischen Langzeitmaßnahmen" (S. 49), obwohl in der Einleitung ein weit besserer Terminus von den Herausgebern vorgeschlagen wurde. Natürlich gibt es auch in der Erlebnispädagogik Romantiker, die vom "Leben im Einklang mit der Natur" träumen und vom einfachen indianischen Leben, aber dies als Mainstream der Erlebnispädagogik zu bezeichnen, ist einfach abwegig. Und natürlich mag es esoterische Strömungen in der Erlebnispädagogik geben, mit Schamanen und Scharlatanen, mit tibetischer und anderer tiefer Weisheit, mit Heilsvorstellungen und heidnischen Ritualen, aber diese Strömungen sind auch innerhalb der Erlebnispädagogik marginal und seriöse Experten/innen distanzieren sich deutlich davon. Diese Schräglage wird dann auch dazu benützt, seriöse Projekte, wie z. B. jenes von Peter Alberter als Extremsituation abzutun. Wer die Hintergründe und die Erfolge dieses Projekts kennt,  fühlt sich literarisch missbraucht. Die suggestive Schlussfrage lautet denn, dass "die Verschickung einer antisozialen Jugend in gar ferne Kontinente ... der Deportation von Sträflingen ... nicht bereits gefährlich nahe kommt." Mein Fazit: weder Freud, noch Foucault konnten eine solche Analyse verhindern.
  • Der nächste Beitrag von Petra Tautoreit ist sozusagen die Quintessenz ihrer Dissertation. Gerne hätte man hier mehr empirische Daten aufgesogen, was aber den Leser erwartet, ist eine doch etwas gestelzte wissenschaftliche Sprache in deren Mittelpunkt die Analyse der jugendlichen Szenesprache steht.

2 Praxis Intensivpädagogischer Auslandsprojekte

Insofern freut man sich jetzt auf die Praxis der Intensivpädagogik.

  • Gleich der erste Beitrag von Heike Lorenz versöhnt mit einigem, was man vorher lesen musste. Hier schreibt die erfahrene Praktikern, die weiß wovon sie spricht. Hier werden keine scheinwissenschaftlichen Gefechte geführt, sondern Zahlen, endlich Zahlen (S. 93) vorgelegt und wichtige Fragen gestellt. Die Leselust steigt, vor allem bei den Hinweisen zur "Ausbildung und Qualifikation von Betreuern" (S. 96 f) und den "Schwerpunkten zur Weiterentwicklung" (S. 97 - 100).
  • Bernd Klippstein legt die Rechtsgrundlagen aus und beschäftigt sich mit möglichen Rechtsproblemen bei einem Aufenthalt im Ausland (S. 102 - 118).
  • Die letzten beiden Artikel zeichnen sich durch solide Argumente, nachvollziehbare Gedankengänge, flüssige Sprache und pfiffige Ideen aus, auch wenn manche Argumente auch zwischen den Autoren des Bandes umstritten sind.

Fazit

Licht und Schatten sind bunt gemischt in diesem Buch. Schöngeistiger Essay, wissenschaftlicher Beitrag, kämpferisches Pamphlet, wissensschwangere Promotionsschreibe und gut lesbare, klare analytische Beiträge erwarten die Leserin und den Leser. Es sind vor allem die Autoren/innen des Praxisteils, die das Buch lesenswert machen. Und natürlich wird es Zeit, dass sich Universitäten noch mehr der empirischen Untersuchung der Intensivpädagogik widmen.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Michl
Homepage www.wernermichl.de
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Zitiervorschlag
Werner Michl. Rezension vom 27.01.2007 zu: Matthias D. Witte, Uwe Sander (Hrsg.): Intensivpädagogische Auslandsprojekte in der Diskussion. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2006. ISBN 978-3-8340-0033-0. Reihe: Soziale Arbeit aktuell - Band 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4494.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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