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Johann Schneider: Gut und Böse - Falsch und Richtig

Cover Johann Schneider: Gut und Böse - Falsch und Richtig. Zu Ethik und Moral der sozialen Berufe. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 1999. 220 Seiten. ISBN 978-3-931297-51-0. 15,00 EUR.
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Voraussetzungen

Entgegen der allgemeinen Konjunktur ethischer Themen sieht der Autor in Sozialpädagogik und Sozialarbeit eine tief verwurzelte Distanz gegen die ethische Reflexion. Moral werde als unpolitisch oder unprofessionell angesehen. Als weitere Gründe für die "Verweigerung ethischer Reflexion" vermutet Schneider das Beharren auf gesellschaftskritischen Entgegensetzungen, das Misstrauen gegen Markt und Profit sowie die Gefährdung der Eigeninteressen der Profession, die durch eine ethische Relexion hinterfragt werden könnten. (12) Den "Nachholbedarf" soll der Versuch bedienen, "die fachethische Diskussion für das Alltagsverständnis der Angehörigen sozialer Berufe und ihrer Klienten fruchtbar zu machen."(9) Als sozial im engeren Sinn gelten hierbei Berufe, die es mit sozialen Beziehungen zu tun haben, d.h. Beziehungsarbeit leisten. (12)

Inhalt und Aufbau

Der an eine Einführung sich anschließende Hauptteil des Buches enthält drei Teile.

Im ersten Teil werden ethische Grundlagen behandelt, wobei sich der Autor an Argumentationstypen orientiert. Vorgeführt werden "klassische Ethik" (Platon/Aristoteles), Utilitarismus, Kantianische und "nihilistische" Ethik (Schopenhauer/Nietzsche) sowie die Diskursethik (Apel/Habermas). Der Autor nimmt Stellung zur Frage einer weiblichen Ethik, zum Kritischen Rationalismus und zu der unter dem Stichwort Kommunitarismus geführten Debatte über das Verhältnis von Gemeinschaft und Gerechtigkeit.

Noch im ersten Teil werden verschiedene Fragen der politischen und der Wirtschaftsethik diskutiert. Im Zentrum steht dabei die utilitaristische Rechtfertigung des Kapitalismus als freier Marktwirtschaft – sie "dient dem Kunden, der das, was er will, möglichst billig bekommen soll"(72) – und die diskursethische Rechtfertigung des Sozialstaats als notwendiger Bedingung, um allen Menschen die Teilnahme an politischen Entscheidungsprozessen zu ermöglichen. (75) Soziale Beziehungen werden heute, Schneider zufolge, "durch die formalen Kriterien des Tausches im gesellschaftlichen Bereich und der am Ideal des herrschaftsfreien Diskurses orientierten Willensbildung im politischen Bereich strukturiert." (73)

Gegenstand des zweiten Teils sind moralische Probleme der für soziale Berufe relevanten Wissenschaften: Technik- und Naturwissenschaften, Soziologie, Psychologie, Pädagogik und Rechtswissenschaft. Anschließend werden ethische Implikationen verschiedener Theorien abweichenden Verhaltens thematisiert.

Im dritten Teil wird die fachethischen Diskussion auf soziale Berufe bezogen. Zunächst geht es um die Organisation im Profit- wie im Non-Profit-Bereich, wobei Fragen der Effizienz eine Hauptrolle spielen. Auf Ausführungen zur Motivation, einen sozialen Beruf zu ergreifen, folgt ein drittes Kapitel zu den ethischen Implikationen sozialarbeiterischer Methoden. Sie gelten als "generalisierte kommunikative Verfahrensweisen".(148) Jedoch liegt der "Kern aller methodischen Ausrichtung" (...) in der kontrollierten Selbstreflexion und Selbstbeschränkung." Die "Schlüsselqualifiktion der sozialen Berufe und der Kern ihrer Qualifikation" liegt nach Schneider darin, "die Grenzen zu finden zwischen der generellen Nichtbewertung (...) gegenüber dem Klienten und dem (...) ggf. bewertenden Einklagen der Regeln des Arrangements."(155) Im abschließenden vierten Kapitel wird berufsethischen Kodizes die Aufgabe zugewiesen, Verfahren zur Klärung konkreter Moralfragen anzubieten.

Der Anhang enthält mehrere Ethik-Kodizes für soziale Berufe sowie, in Übersetzung, einen längeren Auszug aus dem Arbeitspapier Human Rights and Social Work.

Schwerpunkte der Kritik

Die Darstellung der Grundtypen ethischer Argumentation ist nicht unproblematisch. Es wird zu sehr von philosophiegeschichtlichen Konstruktionen heutiger Richtungen ausgegangen statt von den charakterisierten Theorien selbst. Die Behauptung, dass klassische Ethiken nicht argumentieren würden (24,42) ist vollkommen abwegig. Auch der Einwand gegen Kant, es würden keine positiven Pflichten formuliert, (29) kann nur aus schlecht informierten Sekundärquellen stammen. Dass der Kern der Menschenrechte – um ein letztes Beispiel zu geben – in den Regeln ernstgemeinter Diskussion bestünde, darf zumindest als umstritten gelten. Übrigens ist es auch nicht richtig, dass der Schutz der Menschenwürde und die Grundrechtsverbürgungen nur Staatsangehörigen zukommen; (135, 54) vielmehr muss zwischen Jedermann- und Staatsbürgerrrechten differenziert und die Verbindlichkeit internationaler Verträge berücksichtigt werden.

Auch die Ausführungen zur Wirtschaftsethik provozieren Gegenrede; sie sind getragen von der Abneigung gegen "die Moralapostel sozialer Gerechtigkeit", deren gutes Gewissen darauf beruhe, dass "sie nicht reich werden wollen". (64) Schneider verteidigt demgegenüber die Moral des Marktes. Sie besteht einerseits in der Einhaltung spezifischer Normen (Gewalt- und Betrugsverbot, Vertragstreue u.a.), andererseits in dem Zweck, dem die Profitlogik diene: dem gegenseitigen Nutzen (56) oder: "dass alles angeboten werden soll, was nachgefragt wird."(58) Psychische und gesundheitliche Kosten der Konkurrenz interessieren den Autor nicht. Wenn der Anbieter nach seinem Profit strebt, ist der Kunde König. Und alle sind Kunden und alle können produzieren: "Eine gerechte Verteilung, Wachstum oder Vollbeschäftigung sind Ziele, die nicht der einzelne anstreben kann oder soll, sondern die durch die Wirtschaftsordnung selbst garantiert werden." (58) Dass die verteidigte Profitlogik und Konkurrenz die Freisetzung von Arbeitskräften erzeugt, wird keiner Erwähnung gewürdigt.

Schneider räumt ein, dass die Nachfrage von der Zahlungsfähigkeit abhängt. Aber deren Ungleichheit sei selbst gerecht, wenn sie vom Markt erzeugt wurde. (60) Demnach sind das Steigen der Aktionärsgewinne und das Sinken der Kaufkraft eines wegrationalisierten Arbeiters gerecht, weil dieser eben keine Nachfrage mehr bedient. Hinter der marktliberalen Blauäugigkeit verbirgt sich rabenschwarzer Zynismus: "Gerechtigkeit im marktwirtschaftlichen Sinn bedeutet, daß jeder das bekommt, was er anderen auf dem Markt wert ist..."(59) M.a.W. Jedem steht zu, was er bekommt. Eine umwerfende Ethik!

In der berufsethischen Anwendung konkretisiert sich die Kapitalismusapologie als Plädoyer für die "Ökonomisierung und Rationalisierung der sozialen Arbeit". Der konkurrenzvermittelte Zwang zur Kostensenkung, der zeigt, dass Effizienz und Nutzen der Kunden bzw. der Klienten in einem unaufhebbaren Spannungsverhältnis stehen, wird nicht bedacht. Schneider leugnet auch den Widerspruch zwischen betirebswirtschaftlicher Effizienzberechnung und den qualitativen Charakteren sozialer Arbeiten; sie seien nur schwerer messbar. Hinter der Abwehr der geforderten Ökonomisierung vermutet er eine falsche Zielbestimmung der sozialen Arbeit: Es gehe nicht um die Schaffung von Glück und Zufriedenheit, sondern darum, die Kunden in die Lage zu versetzen, die Verantwortung für ihr Glück und ihre Zufriedenheit selbst zu übernehmen.(139) In dieser Ausschließlichkeit wird die gegebenenfalls vernünftige Zielsetzung unsinnig und zum Instrument der Bereinigung von Statistiken. Verkannt wird, dass Verantwortung für sein Glück nur der übernehmen kann, der Glück erfahren hat. Verkannt wird ferner, dass die Zuweisung von Selbstverantwortung in Terror umschlägt, wenn sie ein gewisses Maß übersteigt oder äußere Mittel fehlen. Vor allem ist darauf hinzuweisen, dass von dieser Zielsetzung große Gruppen von Hilfsbedürftigen gar nicht betroffen sein können. Das ist auch dem Autor bekannt, veranlasst ihn aber nur zu den einschlägigen Reflexionen über die Problematik der Helfermotivation.

Allgemeiner ist die Bestimmung von Sozialer Arbeit als "Entwicklung und Förderung personaler und sozialer Fähigkeiten". (118) Ihr kann ebenso zugestimmt werden wie dem folgenden Prinzip: "Die Sicherung der Menschenwürde muß von den psychischen und materiellen Bedingungen her gesehen so extensiv wie möglich interpretiert werden, wie umgekehrt die öffentliche Verantwortung für die Inhalte der Lebensführung ebenso restriktiv wie möglich gefaßt werden muß." (136)

Adressaten

Schneiders Buch ist keine leichte Lektüre, was nicht nur an dem engen Satzbild liegt. Es beansprucht nicht, als Einführung zu dienen. Thematische Weite und lexikalische Dichte der Darstellung verlangen Leser, die mit ethischen Theorien schon vertraut sind. Leider fehlt ein Literaturverzeichnis. Der Anhang empfiehlt sich für eine Anwendung im (intersdisziplinären) Unterricht.


Rezensent
Prof.em. Dr. Hans-Ernst Schiller
Vormals Professor für Sozialphilosophie und -ethik
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.philosophie-schiller.de
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Zitiervorschlag
Hans-Ernst Schiller. Rezension vom 01.03.2001 zu: Johann Schneider: Gut und Böse - Falsch und Richtig. Zu Ethik und Moral der sozialen Berufe. Fachhochschulverlag (Frankfurt am Main) 1999. ISBN 978-3-931297-51-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/45.php, Datum des Zugriffs 13.12.2018.


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