Verena Hafner: Politik aus Kindersicht. Eine Studie über Interesse, Wissen und Einstellungen von Kindern
Rezensiert von Gerd Schneider, 31.10.2007
Verena Hafner: Politik aus Kindersicht. Eine Studie über Interesse, Wissen und Einstellungen von Kindern. ibidem-Verlag (Hannover) 2006. 200 Seiten. ISBN 978-3-89821-680-7. 29,90 EUR.
Autorin
Verena Hafner, Jahrgang 1980, studierte Medienpädagogik, Kommunikationswissenschaft und Psychologie an der Universität Augsburg. Nach Mitarbeit am Münchner Institut für Medienpädagogik in Forschung Praxis arbeitet die Autorin zurzeit in der Medienforschung des Disney Channel (Ismaning).
Thema
Die Schlagworte "Politik - nein danke?", "Politik ist ätzend" oder "Politik interessiert mich überhaupt nicht" werden meist mit Jugendlichen und ihrer Beziehung zu Politik und politischen Themen in Verbindung gebracht (auch wenn, wie die jüngste Shell-Studie zeigte, das politische Desinteresse der Jugendlichen nicht ganz so groß war wie vermutet). Nur sehr selten hat sich die Forschung in den letzten Jahrzehnten mit dem Thema Kinder und Politik befasst. Dieses Paar schien und scheint auf den ersten Blick gar nicht zueinander zu passen, die Politik scheint viel zu weit von der kindlichen Erfahrungswelt zu liegen. Empirische Studien jedoch würden belegen, so betont die Autorin in der Einleitung ihrer Arbeit, dass Kinder bereits politisiert seien. Schon ab dem Vorschulalter finde politisches Lernen statt und die politische Persönlichkeit beginne sich zu formen.
Bei Kindern handelt es sich schließlich um die Bürger von morgen, und insofern ist es wichtig zu verstehen, welche Einflüsse politische Persönlichkeiten bereits in der frühen Jugend prägen und wie ein kindliches Weltbild im Hinblick auf spätere politische Orientierungen entsteht. Daher wird als Ziel der vorliegenden Studien formuliert: "Wie nehmen Kinder Politik wahr und wie bewerten sie diese?"
Theoretische Konzepte/Überlegungen zur politischen Sozialisation
Zunächst stellt die Autorin theoretische Konzepte vor, die dem späteren empirischen Teil mit Befragung von Schülern und Auswertung der Antworten zugrunde liegen. Dabei werden politisches Interesse, politisches Wissen und politische Einstellungen definiert, um dann auf die Entstehung der politischen Persönlichkeit einzugehen. Die ist nicht angeboren, wie es in den angeführten Auszügen aus Untersuchungen heißt, denn "niemand wird als gesellschafsfähiges Wesen geborgen, wird von heute auf morgen Demokrat, Faschist oder Terrorist". Diese Persönlichkeit entwickelt sich allmählich im Laufe der Zeit in einem lebenslangen Prozess, der schon in der Kindheit seinen Ursprung hat.
Dieser Prozess, die "politische Sozialisation" durch Familie, Schule und Massenmedien (das sind, wie es in der Fachsprache heißt, die "Sozialagenten") bildet in seinen unterschiedlichen Formen einen weiteren Abschnitt des Buches.
Wie bekannt kommt der Familie eine wesentliche Funktion bei der Formung der kindlichen Persönlichkeit zu und das betrifft natürlich auch die politische Sozialisation. Einfach ausgedrückt, wenn zu Hause über Politik gesprochen wird, wenn Meinungen ausgetauscht und Bezüge des Alltags zum politischen Geschehen hergestellt werden, wird das natürlich auch auf das Kind Eindruck machen und möglicherweise ermuntern, eigene begründete Meinungen zu vertreten.
Allerdings findet, wie in der Arbeit von Verena Hafner festgestellt wird, in der Regel eine bewusste und gezielte politische Erziehung in den Familien nur wenig statt, denn das wird von den Eltern nicht als zentrales Erziehungsziel angesehen.
In diesem Punkt (wie auch bei anderen, die hier nicht alle aufgeführt werden können) zeigt sich, wie die Autorin untersucht hat bzw. wie aus den von ihr zugrunde gelegten Studien hervorgeht (Geißler 1966, Wasmund 1982, Kuhn 2000, u. a.), dass Eltern höherer sozialer Schichten eher zur politischen Erziehung bereit sind als Eltern unterer Schichten.
Politikunterricht wird meist ab der 5. Klasse gegeben. Nach der Mehrheit der Studien, die es zum Thema gibt, erfüllt der Politikunterricht, wie die Autorin feststellt, nicht die hohen Erwartungen, die man an ihn stellt, sondern ist eher unzureichend wirksam. Warum das so ist und inwieweit Politikunterricht überhaupt politische Einstellungen und Meinung der Schüler formen und verändern kann, ist bislang nicht hinreichend geklärt.
Ein wichtiges Thema ist die politische Sozialisation durch die Massenmedien und da in erster Linie das Fernsehen als - wie überspitzt, aber nicht unzutreffend formuliert wird - "neue Eltern" beim politischen Lernen. Der reine politische Wissenserwerb findet offenbar bei Kindern und Jugendlichen über Medieninhalte statt. Das ist nachzuvollziehen, wenn man an die zahlreichen Quizshows und Wissenssendungen denkt, mit denen alle Programme inzwischen Quote machen. Diese informative Mediennutzung kann Interesse wecken und Wissen fördern. Allerdings stammen Forschungsergebnisse zum politischen Sozialisationseffekt von unterhaltender Mediennutzung aus Studien mit Erwachsenen und es sei fraglich, so die Autorin, ob sie auf Kinder übertragbar seien. Daher müsse bezweifelt werden, ob das durch das Fernsehen erworbene Wissen etwas mit der politischen Einstellung von Kindern und Jugendlichen zu tun habe oder sie gar in irgendeiner Weise gestalte.
Dafür sind eher die Gespräche und das Verhalten in der Familie verantwortlich ist (nur einen kleinen Teil dazu, wie oben angedeutet, trägt der Politikunterricht in der Schule bei).
Empirische Untersuchung
Die wenigen deutschen Untersuchungen, die sich mit dem Politikbild und dem politischen Lernen von Kindern befassen, sind veraltet. Amerikanische Daten lassen sich nicht auf die deutschen Kindern übertragen. So ist der zentrale Teil des Buches von Verena Hafner die Beschreibung ihrer eigenen empirischen Untersuchung zur Politiksicht von Kindern des vierten und siebten Schuljahres, um eine Forschungslücke zumindest in Ansätzen, wie sie betont, zu schließen.
Insgesamt wurde eine quantitative schriftliche Befragung mit 149 Kindern an Grund- und Hauptschulen sowie Gymnasien in Schwaben durchgeführt. Exemplarisch ausgewählte Fragen zu drei Bereichen (politisches Interesse, politisches Wissen und politische Einstellung von Kindern) wurden in halb standardisierten Fragebögen den Klassen geschlossen vorgelegt und dabei wurden die Fragen (nicht zu anspruchsvoll für die jüngeren und nicht unterfordernd für die älteren) laut vorgelesen, etwa: "Interessierst du dich für Politik?" "Welche Politiker kennst du?" "Wer ist Bundeskanzler?" (die Befragung war 2004). Oder Fragen zu den Themen Arbeitslosigkeit, Wahlkampf, Umweltschutz, Terror und andere. Die Befragungen gingen zeitlich nicht über eine Schulstunde hinaus, um die Kinder nicht zu überfordern.
An dieser Stelle eine kurze Übersicht über die von der Autorin ausführlich in mehreren Abschnitten dargestellten Ergebnisse ihrer Untersuchung:
- Das Interesse der Kinder für Politik, fragt man sie ganz allgemein danach, ist eher gering. Sie sehen es als ein "erwachsenes" Thema, das sie nichts angeht;
- Es gibt politische Themen wie Terror, Krieg, aber auch Umweltschutz und Geschichte, mit denen man das Interesse auch derjenigen Kinder wecken kann, die sich nicht für Politik interessieren;
- Kinder der vierten und siebten Klassen erwerben ein eher fragmentarisches und oberflächliches Politikwissen und dabei muss noch unterschieden werden zwischen Hauptschülern und Gymnasiasten;
- Kinder entwickeln ein höheres Interesse und Verständnis, wenn zu Hause über Politik gesprochen wird und dabei die Kinder mit einbezogen werden. Auch eine häufige politische Mediennutzung hängt bei Kindern mit höherem politischen Interesse und Wissen zusammen;
- gezielte Fragen ergeben, dass die Kinder die deutsche Politik und Politiker im Allgemeinen eher negativ bewerten und wenig Vertrauen in die Politik allgemein haben. Dieses negative Politikbild wird durch häufige elterliche Politikgespräche unter Umständen noch verstärkt. Hingegen kann eine Mediennutzung (Zeitungsberichte, Fernsehnachrichten) mit positiveren Politikeinstellungen verbunden sein. Etwas negativer wiederum wirkt sich Nutzung von Hörfunknachrichten aus.
Fazit
Diese wissenschaftliche Arbeit - gut lesbar und klar gegliedert - von Verena Hafner sei Eltern und Lehrern und allen anderen empfohlen, denen am Herzen liegt, dass aus Kindern auch "mündige Bürger" werden. Sie könnten verschiedene Schlussfolgerungen aus dem dargebotenen Material ziehen, insbesondere aus dem Ergebnis, dass Kinder zwar oft Politik langweilig finden, aber durchaus politische Orientierungen haben. Diese können einen Ansatz bieten, ihr politisches Interesse zu wecken und durch die Gespräche in der Familie oder im Unterricht die Aufmerksamkeit auf politische Fragen und Zusammenhänge zu lenken und sie so ganz direkt an politische Themen heran zu führen. Schließlich hat sehr vieles auch im Lebensumfeld von Kindern mit Politik und politischen Entscheidungen zu tun, die nicht jenseits unserer Wirklichkeit getroffen werden, sondern - so sollte es jedenfalls im demokratischen Staatswesen sein - von Menschen, die wahlberechtigte Erwachsene gewählt haben und die sie auch jederzeit wieder abwählen können.
In ihre Forschungsergebnisse fügt die Autorin - und das ist auch ein positiver Aspekt des Buches - immer wieder kurz gefasste Schlussfolgerungen für die politische Bildung ein. Beispiel: "Bei den Kindern, die glauben, gar nichts über Politik zu wissen, müsste versucht werden, einen Bezug zu politischen Themen herzustellen". Das klingt ziemlich allgemein, doch es dürfte nicht schwer sein, etwa in einem Gespräch zu Hause die politischen Bezüge zum Lehrermangel an der Schule des Kindes oder zur Demonstration gegen eine Müllverbrennungsanlage in der Nachbarschaft herzustellen. Anschauungsmaterial gibt es im täglichen Leben eine Menge und keiner entkommt den Auswirkungen der Politik auf sein Leben. Es sei denn, man hieße Robinson und lebte auf einer einsamen Insel. Aber das gibt es heute in der globalisierten Welt ja nicht mehr.
Verena Hafner lädt dazu ein, ihre aufgestellten Thesen in weiteren Untersuchungen zu überprüfen. Kinder und Politik ist jedenfalls ein großes und noch weitgehend unbearbeitetes Forschungsfeld.
Rezension von
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor
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