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Ulrich Herrmann: [...] Der Wandervogel in der deutschen Jugendbewegung

Rezensiert von Dipl. Pädagogin Lorena Rautenberg, 04.05.2007

Cover Ulrich Herrmann: [...] Der Wandervogel in der deutschen Jugendbewegung ISBN 978-3-7799-1133-3

Ulrich Herrmann: "Mit uns zieht die neue Zeit . . .". Der Wandervogel in der deutschen Jugendbewegung. Juventa Verlag (Weinheim ) 2006. 405 Seiten. ISBN 978-3-7799-1133-3. 35,00 EUR.
Reihe: Materialien zur Historischen Jugendforschung
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Thema

Karl Fischer war in den 1890er Jahren Schüler am Gymnasium Steglitz (heute: Berlin) und rief dort eine Wanderbewegung für Jugendliche ins Leben. 1901 gründete er im Ratskeller des Steglitzer Rathauses den "Wandervogel-Ausschuß für Schülerfahrten e.V."

Bald nach seiner Entstehung zerfiel der Wandervogel in verschiedene Gruppen, die jedoch ein Gefühl der Zusammengehörigkeit bewahrten. Die verschiedenen Ortsgruppen organisierten sich in verschiedenen Wandervogelbünden. Diese waren zunächst der männlichen Jugend vorbehalten, bald aber entdeckte auch der weibliche Teil der Jugend die Wandervogelbewegung für sich; auch die Mädchen organisierten sich in Gruppen, aber auch gemischt geschlechtliche Gruppen existierten.

Am 11. und 12. Oktober 1913 fand auf dem Hohen Meißner bei Kassel der Erste Freideutsche Jugendtag statt. Dieser war als Protestveranstaltung gegen die patriotischen Veranstaltungen des Kaiserreiches zur Hundertjahrfeier der Völkerschlacht bei Leipzig gedacht. In der Meißner-Formel wurde das Ideal aller Beteiligten in Worten festgelegt. In Zusammenhang mit Kontroversen um 1912-1913 über Sexualität bzw. den Umgang mit Sexualität in den Gruppen der Wandervogelbewegung kam es bald nach dem Meißner Jugendtag zu einer "moralischen Panik" und zu öffentlichen Angriffen auf die Jugendbewegung (vgl. John A. Williams, "„Ecstasies of the Young„" in: Central European History 2001).

Insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer immer stärkeren Vermischung von Wandervogel und Pfadfindern, aus denen die bündische Jugend hervorging. In diesem Sinne versteht man den Wandervogel als die erste Phase der deutschen Jugendbewegung, während man die Bündische Jugend als ihre zweite und die Jungenschaft als ihre dritte Phase ansieht. Während bei der bündischen Jugend (beispielsweise Pfadfinder) auch gesellschaftliches und politisches Engagement immer stärker wurden, lag der Schwerpunkt bei den Wandervögeln auf der Fahrt, dem Naturerleben und einer romantisch verklärten Rückbesinnung auf die als ursprünglich empfundene Volkskultur.

Entstehungshintergrund

Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um eine Sammlung von Aufsätzen und Reden, die von verschiedenen Autoren vorgelegt worden sind und zusammengefasst in diesem Buch veröffentlich wurden. Anlass war das Symposium vom 1. bis 3. November 2001 im Steglitzer Gymnasium, welches von der Gesellschaft für Geistesgeschichte veranstaltet wurde.

Inhalt

Der Schwerpunkt der Beiträge liegt ausdrücklich auf der Darstellung von Entstehungshintergrund, Herkunft und Kontext des Wandervogels und auf der Darstellung seines Selbstverständnisses als eine Rebellion der Jugend gegen die bürgerlich-liberale Kultur des Wilhelminischen Deutschland. Zugleich wird herausgestellt, dass der Wandervogel die erste jugendeigene Kultur ist, welche sich als Gegenpol zu den moralischen Vorstellungen der Gesellschaft und den Reglementierungen durch die Erwachsenen behauptete. Obwohl die Wandervogelbewegung mit dem Ersten Weltkrieg endet, setzte sie eine Wirkungsgeschichte in Gang, welche die deutsche Jugendbewegung erst möglich machte und bis heute die Jugendkultur beeinflusst.

Was ausdrücklich nicht Thema der Schriften dieses Buches ist, ist der Gedankengang, dass der Wandervogel den Nährboden darstellte für den Antisemitismus, die völkische Weltanschauung und die nationalsozialistische Ideologie, welche in den militarisierten Jugendgruppen des Hitler-Deutschlands gepflegt wurden. Auf diese Problematik wird von anderen Autoren an anderer Stelle ausführlich eingegangen (vgl. z.B. Norbert Kampe: "Studenten und "Judenfrage" im Deutschen Kaiserreich", Göttingen 1988, oder Hans-Ulrich Wehler: "Deutsche Gesellschaftsgeschichte", 3. Bd. München 1995, S 1097ff.)

Nach dem Vorwort und der Einführung, einem Originaltext aus der Festschrift "Freideutsche Jugend. Zur Jahrhundertfeier auf dem Hohen Meißner 1913" folgt eine Darstellung des Wandervogels von Ulrich Herrmann. Er stellt eine frühe Selbstdeutung des Wandervogels vor. Die folgenden Beiträge werden in drei große Themenbereiche unterteilt.

  1. Der erste Bereich befasst sich mit den zeitgeschichtlichen Voraussetzungen für den Wandervogel und die deutsche Jugendbewegung beschäftigt. Der kulturgeschichtliche Kontext vor dem Ersten Weltkrieg wird von Ulrich Herrmann vorgestellt, Justus H. Ulbricht beleuchtet die Rolle Nietzsches für die Jugendbewegung, während Diethart Kerbs die Ästhetische Reformbewegung um 1900 beleuchtet und Harald Scholtz schließlich den Wandervogel in den Kontext der Jugendpolitik des Wilhelminischen Kaiserreichs einordnet.
  2. Der zweite Bereich zeichnet das eigene Wollen der Jugendlichen nach und zeigt den "neuen Menschen" und seinen Lebensstil. Bernd Wedemeyer-Kolwe beschreibt Jugendbewegung und Körperkultur, Irmgard Klönne befasst sich mit dem Geschlechterverhältnis in der Jugendbewegung und Meike G. Werner stellt die Ideen der Jenenser Freistudentenschaft und des Serakreises vor. Ulbrich Linse stellt die Frage, ob es sich um einen neuen, freien (zügellosen) Lebensstil der Mitglieder der Jugendbewegung handelt oder vielmehr um eine Lebensreform, Helmut König untersucht drei Phasen der Jugendbewegung anhand von repräsentativen Liederbüchern wie dem Zupfgeigenhansel. Der Beitrag von Stefan Krolle folgt dieser Untersuchung und stellt den Geist der bürgerlichen Jugendbewegung an Hand ihrer Lieder heraus.
  3. Der dritte Bereich beschäftigt sich mit der Frage nach Utopie und Gesellschaft. Roland Eckert betrachtet den Wandervogel als Utopie der Jugend, Jürgen Reulecke sicht darin die Suche der jungen Generation nach ihrer Zukunft und Hans-Ulrich Wipf beschreibt  den freistudentischen Aufbruch an den Hochschulen und Universitäten. Norbert Schwarte rückt die Kameradschaftlichkeit als Leitbild der Jugendbewegung ins Bilckfeld und Heiner Ullrich schließlich betrachtet den Hamburger Wendekreis als aus der Jugendbewegung entstandene Schulreform.

Zielgruppe und Anwendungsmöglichkeiten

Das Buch befasst sich mit einem sehr speziellen Thema und hier sehr detailliert mit Hintergründen und Zusammenhängen, die ein breites Wissen voraussetzen. Somit richtet es sich an entsprechend vorgebildete Fachleute mit entsprechendem Interesse am Thema. Es liefert höchst fundiert und auf breiter Ebene eine Diskussion der wichtigsten Aspekte des Wandervogels.

Fazit

Im Bereich der Fachliteratur ist das Buch ein wesentlicher Beitrag zur Würdigung der Wandervogelbewegung und ihrer Auswirkungen auch auf die heutige Jugendkultur. Besonders wichtig wird der Band dadurch, dass er den ursprünglichen Charakter des Wandervogels herausarbeitet und nicht so sehr auf seine Vorbereitung des Nationalsozialismus verweist. Damit bekommt die Jugendbewegung einen neuen Stellenwert zuerkannt und neue Bedeutung verliehen.

Die Darstellungen der verschiedenen Autoren geben ein breites Bild und vielfältige Diskussionsbasis und Denkanstöße.

Rezension von
Dipl. Pädagogin Lorena Rautenberg
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Es gibt 32 Rezensionen von Lorena Rautenberg.

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Zitiervorschlag
Lorena Rautenberg. Rezension vom 04.05.2007 zu: Ulrich Herrmann: "Mit uns zieht die neue Zeit . . .". Der Wandervogel in der deutschen Jugendbewegung. Juventa Verlag (Weinheim ) 2006. ISBN 978-3-7799-1133-3. Reihe: Materialien zur Historischen Jugendforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4513.php, Datum des Zugriffs 04.07.2022.


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