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Rosmarie Welter-Enderlin, Bruno Hildenbrand (Hrsg.): Resilienz. Gedeihen trotz widriger Umstände

Cover Rosmarie Welter-Enderlin, Bruno Hildenbrand (Hrsg.): Resilienz. Gedeihen trotz widriger Umstände. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. 271 Seiten. ISBN 978-3-89670-511-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 52,00 sFr.

Reihe: Paar- und Familientherapie.
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Das Thema

In dieser Tagungsschrift zum internationalen Kongress "Resilienz - Gedeihen trotz widriger Umstände" (Zürich Frühjahr 2005) werden die Grundlagen des Konzeptes der Resilienz vorgestellt und auf therapeutische und beraterische Handlungsfelder übertragen. Zentral steht die Frage, wie Widerstandsfähigkeit unter widrigen Lebensumständen, in Lebenskrisen oder bei Schicksalsschlägen sich äußert, entsteht, sich entwickelt und befördert werden kann. So widmet sich die Resilienzforschung den Fragen, wie Menschen widerstandsfähig und krisenfest gemacht werden können. Entscheidend für die Entwicklung von Resilienz ist das Vertrauen in die eigene Selbstwirksamkeit, die Fähigkeit sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Das Vertrauen basiert auf 7 Säulen, die innere Stärke befördern: Optimismus, Bewältigungsorientierung, Verlassen der Opferrolle, Akzeptanz, Verantwortung, aktive Zukunftsplanung, Netzwerke und Freundschaften.

Die AutorInnen/der Hintergrund

  • Rosmarie Welter-Enderlin ist Paar-, Familien- und Organisationsberaterin und Lehrbeauftragte der Universität Zürich. 2003 erhielt sie den "American Family Therapy Academy Award" für herausragende Beiträge zur Familientherapie (u.a. "Wie aus Familiengeschichten Zukunft entsteht"). Mit der Festschrift "Erhalten und Verändern" wurde 2006 ihr Beitrag zur Entwicklung der systemischen Therapie und Beratung gewürdigt.
  • Bruno Hildenbrand, Professor für Soziologie an der Universität Jena, arbeitet als Dozent und Supervisor. Auch er hat bereits zahlreiche Bücher verfasst, u.a. "Einführung in die Genogrammarbeit".

Die beiden AutorInnen haben inzwischen gemeinsam die Bände "Gefühle und Systeme" (1998) sowie "Rituale - Vielfalt in Alltag und Therapie" (2004) herausgegeben.

Aufbau

Insgesamt gliedert sich das Buch in 3 Hauptteile:

  1. Grundlagen und Konzepte,
  2. menschliche Problemlagen und
  3. Handlungsfelder in Therapie und Beratung.

Inhalt

  • In ihrer Einleitung beschreibt Rosmarie Welter-Enderlin Resilienz aus der Sicht von Beratung und Therapie. Dabei bemüht sie sich um eine Abgrenzung vom Konzept der Ressourcenorientierung. Anders als im Konzept der Ressourcenorientierung soll im Resilienzkonzept eine Auseinandersetzung mit Krisen stattfinden, die die Widerstandsfähigkeit gegen destruktive Muster stärkt.
  • Bruno Hildenbrand beleuchtet Resilienz in sozialwissenschaftlicher Perspektive. Wann ein Orientierungs- und Handlungsmuster als Resilienz- oder als Risikofaktor zu bezeichnen sei, kann nur in Relation zu dem spezifischen Kontext von Krisenbewältigung entschieden werden. Für die Wahl der Forschungsmethode heißt dies, dass eine einzelfallbezogene, fallrekonstruktive Herangehensweise notwendig ist.
  • Emmy E. Werner beschreibt in ihrem Beitrag "Wenn Menschen trotz widriger Umstände gedeihen - und was man daraus lernen kann" die Ergebnisse ihrer Kauai-Längsschnittstudie, in der eine Kohorte von 698 Kindern über einen Zeitraum von 40 Jahren begleitet wurden. Zentral steht die Frage, wie sich unterschiedliche biologische und psychosoziale Risikofaktoren, belastende Lebensereignisse und Schutzfaktoren auf die Probanden auswirken. Kauai ist eine hawaiische Insel, deren Bevölkerung eine geringe Mobilität aufweist und deren Infrastruktur im Bereich des Gesundheits-, Bildungswesen und Gemeinwesen auf US-amerikanischen Niveau angesiedelt ist. 30% der untersuchten Kinder, die aus verschiedenen Ethnien stammen, haben ihre schwierigen Lebensumstände unerwartet gut überstanden und stehen im Fokus von Werners Aufmerksamkeit. In den Folgestudien spezifiziert sie einzelne förderliche Bedingungsfaktoren wie beispielsweise eine kontinuierliche Ausbildung, eine stabile Partnerschaft oder eine Glaubensgemeinschaft, die auch im Erwachsenenalter noch eine Wende zum Positiven und Erholung trotz einer problematischen Jugend ermöglichen. Professionelle Hilfen, wie Psychotherapie, spielen dabei eine eher untergeordnete Rolle. Werner betont zum Schluss, dass die Resilienzforschung noch weitestgehend terra incognita sei. So sind die Bewältigungsreserven von älteren Menschen sowie geschlechts- und kulturspezifische Unterschiede noch unerforscht.
  • Froma Walsh beschreibt ein Modell familialer Resilienz und seine klinische Bedeutung, indem es vorrangig um die Entwicklung familialer Resilienz geht und in dem die Ressourcen im familialen Beziehungsnetz erschlossen werden. Ein Ergebnis ihrer Studien ist, dass signifikante Beziehungen zu anderen Menschen (Verwandten, Freunden, Bezugspersonen) zentral für die Entwicklung von Resilienz ist. Sie identifiziert Schlüsselprozesse der Resilienz in drei Bereichen der familialen Funktionsweise: Überzeugungen der Familie, organisatorische Muster und kommunikative Prozesse. Wenn durch gezielte Interventionen diese Schlüsselprozesse gestärkt werden, können Familien Krisen und Belastungen besser bewältigen.
  • In ihrem Beitrag zu Resilienz bei Paaren beschreibt R. Welter Enderlin, wie sich erst in der Langzeitperspektive bisweilen erstaunliche Entwicklungen zeigen, die in der akuten Therapiephase nicht erwartet werden.
  • Evan Imber-Black spricht sich in ihrem Beitrag über Resilienz angesichts lebensbedrohlicher Krankheit für Rituale aus, die dann zum Einsatz kommen, wenn Worte nicht mehr ausreichen.
  • Silvia Dinkel-Sieber beschreibt Resilienz in Familien, bei denen Eltern, auch wenn sie durch eine schwere Krankheit oder ein kritisches Lebensereignis belastet sind, ihren Kindern eine positive Entwicklung ermöglichen. Kinder erfahren dann Schutz, wenn in der Familie ein emotional warmes Klima herrscht und die Erziehung der Eltern offen und strukturiert gehandhabt wird. Auch andere Bezugspersonen können dabei bedeutsam sein. Die in schwierigen Lebenssituationen zu Tage tretenden Ressourcen der Kinder, ihre Coping-Strategien und ihre Alltagsbewältigung beschreibt Dinkel-Sieber als beeindruckend.
  • Andrea Lanfranchi widmet sich in ihrem Beitrag der Resilienzförderung von Kindern bei Migration und Flucht. Sie bezieht sich dabei, wie beinahe alle Autoren dieses Tagungsbandes auf die bahnbrechenden Forschungsarbeiten von Emmy Werner. Kinder aus Multiproblemmilieus, wie sie bei psychosozial belasteten Migrationsfamilien anzutreffen sind, erleben häufig Kindergarten, Schule und familien- und schulergänzende Institutionen der Kinderbetreuung als für ihre Widerstandskräfte förderlich. Hier können sie im optimalen Falle eine "strukturelle zweite Heimat finden", die als starker protektiver Faktor wirkt. Lanfranchi spricht sich für ein Zusammenspiel von risikozentrierten, ressourcenorientierten  und prozessgesteuerten Angeboten im Zusammenspiel von Familie und sozialen Institutionen aus.
  • Urs Hepp beschreibt in seinem Beitrag "Trauma und Resilienz - Nicht jedes Trauma traumatisiert" wie traumatische Erfahrungen nicht nur Leid und psychische Störungen, sondern auch einen Reifungsprozess auslösen können. Dies beschreibt er in drei Bereichen: Veränderung der Selbstwahrnehmung, Veränderung interpersoneller Beziehungen und Veränderung der Lebenseinstellung. Hierbei können sich jeweils neue therapeutische Zugänge eröffnen. Gleichzeitig betont er, dass nicht alle Traumata einer professionellen Intervention bedürfen. In vielen Fällen verschwinden die Symptome auch spontan ohne psychotherapeutische Interventionen. Allein die Information und Erklärung im Sinne der Psychoedukation werden in einigen Fällen bereits als hilfreich und symptomlindernd wahrgenommen. Sofortige Interventionen hingegen seien nicht immer indiziert.
  • John S. Rolland beschreibt in seinem Beitrag "Resilienz von Familien mit kranken und behinderten Angehörigen: ein integratives Modell" ein familiensystemisches Krankheitsmodell, das die Arbeit in den Bereichen Psychoedukation und Einschätzung von Familien, die mit chronischer Krankheit oder Behinderung konfrontiert sind, strukturiert. Eine mehrgenerationale und  lebenszyklische Perspektive sowie familiale Überzeugungen erweisen sich als fruchtbar für die Erschließung von Resilienzpotentialen im Sinne einer kreativen Problemlösung und Erhöhung der Lebensqualität.
  • Ulrike Borst beschreibt in ihrem Beitrag "Psychische Krisen und Krankheiten, Resilienz und „Sollbruchstellen„", wie die Psychiatrie aus der Resilienzforschung lernen kann. Das Resilienzkonzept geht mit seinem Fokus auf Transformation über die Ansätze der Sekundär- und Tertiärprävention hinaus und beleuchtet, unter welchen Umständen auch psychiatrisch behandlungsbedürftige Krisen noch das Potential für einen Transformationsprozess bergen können. In zwei Fallbeispielen mit psychopathologischer Symptomatik schildert sie, wie eine Krisensituation genutzt wird, um Resilienz (wieder) zu entdecken und zu stärken, die Krise zu bewältigen und einen Wandel herbeizuführen. Konkrete Methoden und Haltungen werden herausgearbeitet, aber auch die Grenzen des Ansatzes thematisiert.
  • Bruno Hildenbrand beschreibt in seinem Beitrag "Resilienz, Krise und Krisenbewältigung" Resilienz sowohl als spezifisches Handlungs- und Orientierungsmuster der Krisenbewältigung als auch als "Entwicklung in immer neuen Erfahrungen der Bewältigung von Krisen". Für die Autonomie der Lebenspraxis seien Krisen konstitutiv. Im Rahmen eines Fallbeispiels aus der Kinder- und Jugendhilfe untersucht er, ob und wie im Besonderen die Methode des Fallverstehens zur Förderung von Resilienz in Beratung und Therapie beitragen könnte.
  • Tom Levold eröffnet durch die Untersuchung von Metaphern der Resilienz in sozialpsychologischen und klinischen Diskursen einen metaphernanalytischen Zugang zum Konzept der Resilienz. Seine These ist, dass eine veränderte Wahrnehmung von Problemen häufig mit einer veränderten metaphorischen Strukturierung des Problemfeldes verbunden sei. Auch der Begriff der Resilienz existiere nicht an sich, sondern stelle eine Beobachtungskategorie dar, die aus ihrem sprachlichen Gebrauch erschlossen werden müsse und in unterschiedlichen Kontexten benutzt würde. Metaphern strukturierten oft implizit das Denken und eröffneten damit auch Möglichkeiten von Hilfsangeboten.
  • Im letzten Beitrag schildert Marie-Luise Conen die Ratlosigkeit von Helfern als Ressource. Die Frage nach Sinnhaftigkeit und Funktionalität von Ratlosigkeit bei Helfenden könne u. a. eine alternative Sichtweise auf Helferdynamik, Klientendynamik, institutionelle Dynamik und die Eigenwilligkeit der Klienten eröffnen. Ratlosigkeit von Helfenden sei eine Herausforderung, die davor bewahre in Aktionismus zu verfallen und helfe, "gut zu resignieren", indem auch Nichtveränderungen eine Wertschätzung erfahren. Offen mit der eigenen Ratlosigkeit umzugehen, könne die Klienten dazu motivieren, wieder Zugang zu ihren eigenen Problemlösungsideen zu finden und konstruktive Veränderungen herbeizuführen.

Zielgruppen

Lehrende und Forschende, Studierende und Praktikerinnen, die sich für den aktuellen Stand des Resilienzdiskurses und der Resilienzforschung interessieren. Mit dem Tagungsband wird der Diskurs und Forschungsstand für Theoretikerinnen und Praktikerinnen transparent. Zudem bietet er Anregungen für weitere Untersuchungen beispielsweise im Bereich der Altenhilfe oder der geschlechterdifferenzierenden Arbeit. Praktikerinnen lernen im Rahmen von Fallschilderungen konkrete Handlungsansätze für ihre (psycho-)soziale Praxis in Beratung und Therapie kennen.

Fazit

Ein facettenreiches und sehr empfehlenswertes Werk, das den aktuellen Stand der Diskussion und Forschung zum Konzept der Resilienz in lebendiger und praxisnaher Weise wiedergibt. Es sind nicht die bahnbrechenden neuen Erkenntnisse, die den Reiz dieses Buches ausmachen, sondern die multiperspektivische und praxisforschungsorientierte Herangehensweise und die konkrete und praxisnahe Darstellung einer resilienzorientierten Arbeitsweise, die der Leserin das bisher noch etwas diffuse Resilienzkonzept und seine Abgrenzung zu verwandten Konzepten (Ressourcenorientierung, Salutogenese) näher bringen. Allerdings gelingt diese Abgrenzung nicht immer ganz überzeugend, da ein eher verkürztes Konzept der Ressourcenorientierung vertreten wird. Hier wäre statt Abgrenzung eine Integration der Konzepte wahrscheinlich fruchtbarer. Sehr nützlich für eine weitere Vertiefung sind die umfassenden Literaturhinweise am Ende jedes Beitrags.


Rezension von
Prof. Dr. Annette Clauß
Duale Hochschule Baden-Württtemberg, Villingen-Schwenningen, Fakultät Sozialwesen


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Zitiervorschlag
Annette Clauß. Rezension vom 23.02.2007 zu: Rosmarie Welter-Enderlin, Bruno Hildenbrand (Hrsg.): Resilienz. Gedeihen trotz widriger Umstände. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2006. ISBN 978-3-89670-511-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4517.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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