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Dorothea Jansen: Einführung in die Netzwerkanalyse

Cover Dorothea Jansen: Einführung in die Netzwerkanalyse. Grundlagen, Methoden, Forschungsbeispiele. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 3., überarbeitete Auflage. 312 Seiten. ISBN 978-3-531-15054-3. 26,90 EUR.

Reihe: Lehrbuch.
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Hintergrund und Thema des Buches

"Der Netzwerkbegriff hat in der Diagnose von modernen Gesellschaften durch Soziologen, Politikwissenschaftler und Ökonomen Hochkonjunktur" (S. 11). Fokussiert wird in dieser breiten Diskussion beispielsweise der Nutzen, welchen Personen im Sinne sozialer Unterstützung aus Netzwerken ziehen, oder die Funktion von Sozialem Kapital als Voraussetzung funktionierender Gemeinwesen. Ergebnisse der so genannten Policy-Forschung geben Aufschluss über die politische Steuerbarkeit moderner Gesellschaften. Netzwerkförmig organisierte Unternehmen scheinen höhere Leistungspotentiale aufzuweisen als tradierte Organisationsformen und Innovationsnetzwerke verweisen auf Synergieeffekte und effektivere Zusammenarbeit. Mit der Metapher Netzwerk scheinen aber auch negative Entwicklungen, wie neue Formen weltweit verbundenen Terrorismus, sich verschärfender Klüngel oder Seilschaften beschrieben zu werden. Kurz: Die schlaglichtartig erwähnten wissenschaftlichen und alltäglichen Bereiche und Diskussionszusammenhänge unterstreichen die gegenwärtige Hochkonjunktur des Netzwerkbegriffs. Gleichzeitig haben sich in den letzten Jahren unterschiedliche Arbeitsansätze, Perspektiven aber auch Theorien in ganz unterschiedlichen Disziplinen der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften durchgesetzt und etabliert.

Während sich die "Einführung in die Netzwerkanalyse" von Dorothea Jansen in der ersten Auflage 1999 in einem noch weitgehend unsystematisch bearbeiteten Feld als eines der ersten derartigen einführenden Werke durchsetzten konnte, konstatierte die Autorin bei der zweiten Auflage 2002 bereits, dass sich "das Interesse für Netzwerke und Netzwerkanalysemethoden" (S. 11) etabliert hat. Die dritte Auflage trifft mittlerweile auf ein breites Feld auch von deutschsprachigen Publikationen und Forschungsprojekten unterschiedlicher Provenienzen und Qualitäten. Damit haben sich zwischen der ersten Auflage und der dritten vorliegenden Auflage die gesellschaftlichen Verhältnisse ebenso wie die wissenschaftlichen Diskussionen verändert - das "Lehrbuch" muss sich bei der Beurteilung dem aktuellen Stand der Diskussion stellen. Es stellt sich die Frage, ob angesichts der aktuellen Diskussion das Ziel des Lehrbuches, welches darin besteht "das Instrumentarium der Netzwerkanalyse einer größeren Gruppe von angehenden SoziologInnen näher zu bringen" (S. 275), weiterhin erreicht werden kann.

Autorin

Dr. Dorothea Jansen ist Professorin für Soziologie der Organisation an der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer

Aufbau

Dorothea Jansens "Einführung in die Netzwerkanalyse" gliedert sich in zehn Kapitel und enthält einen Anhang zu "Software zur Netzwerkanalyse" sowie ein Personen- und Sachregister. Zur ersten und zweiten (überarbeiteten) Auflage gibt es ein spezifisches Vorwort, zur vorliegenden dritten Auflage gibt es kein Vorwort. Das Buch umfasst 312 Seiten.

Inhalt

  • In Kapitel 1 "Netzwerkanalyse, soziale Strukturen und soziales Kapital" wird der Frage nachgegangen, was es mit der gegenwärtigen Konjunktur des Netzwerkbegriffes auf sich hat. Was ist ein Netzwerk, wie kann man es beschreiben und was leistet es? In dieser theorieorientierten Einführung werden die zentralen Fragen der Netzwerkanalyse beleuchtet. Netzwerkanalyse wird als strukturelle Analyse betrachtet (1.1) d.h. dass man das Ganze, das Netzwerk, untersuchen muss, "um das Verhalten der Teile, der Netzwerkelemente (meist, aber nicht immer Individuen) (zu) verstehen und (zu) erklären" (S. 13). Nach einer Einführung in das soziologische Struktur-Handlungs- oder Makro-Mikro-Problem und die Rolle der Netzwerkanalyse in diesem Zusammenspiel, wird die Netzwerkanalyse als ein Instrument betrachtet, das soziale Ressourcen oder soziales Kapital erfassen kann (1.2). Damit wird gleich zu Beginn auf einem hohen Niveau eingestiegen. Erst nach diesem steilen Einstieg wird die Leserin/der Leser über die Anlage und das Ziel des Lehrbuches aufgeklärt (1.3).
  • Eigentlich eignet sich das Kapitel 2 "Geschichte der Netzwerkanalyse" besser als Einstieg in dieses Buch als der chronologische Beginn mit Kapitel 1: In diesem Kapitel werden die verschiedenen Entwicklungslinien der Netzwerkanalyse dargestellt. Der rekonstruierte Diskurs ist ein (rein) englischsprachiger - und das ist sicherlich auch die Hauptqualität der Einführung. Man erhält so einen Einblick in die amerikanische und britische Diskussion und die sozialpsychologischen (2.1) und anthropologischen (2.2) Entwicklungslinien sowie der Harvard-Struktrualisten und die Blockmodellanalyse (2.3). Das abschließende Unterkapitel "Zur Analyse sozialer Netzwerke heute" (2.4) geht nur äußerst marginal auf deutschsprachige Diskussionen ein - spätestens bei der aktuellen Auflage ist dieser Teil nicht mehr auf dem Stand der Dinge.
  • In Kapitel drei werden die verschiedenen Analyseebenen der Netzwerkanalyse und die damit verbundenen unterschiedlichen Merkmalstypen diskutiert. In diesem Kapitel werden die grundlegenden Begriffe definiert.
  • Darauf auf baut Kapitel vier, in welchem in einem Überblick die Besonderheiten der Erhebung von Netzwerkdaten dargestellt werden, die sich aus der Verknüpfung der verschiedenen Analyseebenen und Merkmalstypen ergeben. Hier geht es darum, die zu untersuchende Einheit abgrenzen und definieren zu können. "Immer dann, wenn es sich nicht wie bei einer Schulklasse oder einem Betrieb um klar abgegrenzte Einheiten handelt, entsteht dieses Abgrenzungsproblem" (S. 69). An diese allgemeinen Ausführungen schließen Methoden zur Abgrenzung und Datenerhebungen von Gesamtnetzwerken (4.1). Auf "Ego-zentrierte Netzwerke" und die damit verbundenen Vor- und Nachteile wird im zweiten Teil eingegangen (4.2). Abgeschlossen wird das Kapitel mit Ausführungen zu "Zuverlässigkeit und Gültigkeit" (4.3) und zur "Stichprobentheorie" (4.4).
  • In den Kapiteln 5-8 werden aufeinander aufbauende Verfahren der Netzwerkanalyse theoretisch erarbeitet und durch konkrete Forschungsbeispiele illustriert. "Einfache Analyseverfahren" wie Soziogramme und Graphentheorie, Soziomatrizen und Affiliations-Matrizen und Netzwerkanalytische Maßzahlen werden in Kapitel 5 dargestellt. "Bei diesen einfachen Maßzahlen werden kleine Modellbeispiele vorgeführt, die mit dem Taschenrechner nachgerechnet werden können" (S. 34). Die Kapitel sechs und sieben befassen sich mit Maßzahlen, die einzelne Akteurinnen und Akteure in ihrem Sozialkapital charakterisieren. Hier werden die Konzepte der Zentralität, des Prestiges, der Macht und der strukturellen Autonomie der Akteure vorgestellt. Kapitel 8 befasst sich mit zwei Gruppenkonzepten der Netzwerkanalyse. Die Cliquenkonzepte (8.1) stellen die direkten Verbindungen und das strong-tie-Kapital in den Vordergrund. Verfahren zur Analyse struktureller Äquivalenz wie das Blockmodellverfahren (8.2) sind dagegen in der Lage, über die Analyse auch der indirekten Beziehungen die strukturellen Löcher in einer Sozialstruktur sichtbar zu machen. "Während die Cliquenkonzepte nur die Abgrenzung zwischen verschiedenen Cliquen erlaubt, also nur Polarisierungen messen, macht die Blockmodellanalyse auch andere Rollenmuster sichtbar" (S. 35).
  • Die drei Forschungsfelder "Das Problem sozialer Ungleichheit" (9.1), "Soziales Kapital, unternehmerisches Handeln und die Karrieren von Managern" (9.2) sowie "Organisationen zwischen Kooperation und Wettbewerb" (9.3) werden beispielhaft in Kapitel neun dargestellt und mit Forschungsbeispielen und Exkursen angereichert. "Ziel ist es nicht nur, die Ergebnisse dieser Studien vorzustellen und sie in den Kontext soziologischer Diskussionen einzuordnen. Darüber hinaus sollen auch die dort verwendeten Opperationalisierungen und Maßzahlen ausführlich erläutert werden und die Rückbezüge zu den vorgehenden methodischen Darstellungen hergestellt werden. Es soll gezeigt werden, dass und wie netzwerkanalytische Konzepte und netzwerkanalytische Instrumente funktionieren, wenn man nicht mehr nur "trocken schwimmt", sondern substantielle soziologische Probleme bearbeitet" (S. 237).
  • Abgeschlossen wird die Einführung mit "Perspektiven der Analyse sozialer Netzwerke" (Kapitel 10). Hier werden zukünftigen Entwicklungsrichtungen der Netzwerkanalyse nachgegangen und nach "noch fehlenden Instrumentarien und Konzepten" gefragt. Ins Zentrum geraten die drei Aspekte "Netzwerkdynamik und Netzwerkevolution", "Stellenwert von Akteuren und Strukturen" sowie zum "interpretativen Defizit".
  • Im Anhang befinden sich interessante Ausführungen der "Software zur Netzwerkanalyse". Unklar bleibt hier, wie aktuell diese Ausführungen sind, da keinerlei Aussagen zu Jahrzahlen gemacht wird.

Zielgruppen

Laut Buchinformation richtet sich diese Einführung an "Studierende und Dozierende der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften". In manchen Teilen wirkt der Text so dicht und man braucht ein reichliches Vorwissen, so dass es für Leserinnen und Leser mit wenigen Studiensemestern auf dem Buckel und ohne die fundierte Begleitung durch Dozierende eher schwierig scheint, sich alleine durch das Buch hindurch zu kämpfen. Für Dozierende gilt ebenfalls, dass man einige Erfahrung mit der Materie haben muss, um im Unterricht auf dieses Buch sinnvoll zurückgreifen zu können.

Fazit

Ohne die Begleitung bzw. Kommentierung durch eine Expertin/einen Experten der einzelnen Kapitel bräuchte es einen zusätzlichen Leitfaden für das Buch - zumindest wenn man den Charakter eines Lehrbuches auch für Anfängerinnen und Anfänger ernst nehmen will. An vielen Stellen wirkt der Text überfrachtet mit interessanten, jedoch auch zu weit vom Kernthema ablenkenden Nebengeleisen. Schade, dass bei der dritten Auflage nicht eine grundlegende Entfrachtung dieser Teile vorgenommen wurde. Dadurch hätte man dem Ziel "das Instrumentarium der Netzwerkanalyse einer größeren Gruppe von angehenden SoziologInnen näher zu bringen" (S. 275) mehr entsprechen können. Schade ist auch, dass keine Positionierung der im Buch verbreiteten Perspektive zur aktuellen deutschsprachigen Diskussion zur Netzwerkanalyse vorgenommen wurde. Dennoch findet man in diesem Buch eine bisher einmalige Darstellung der englischsprachigen Diskussion zur Netzwerkanalyse - dem Anspruch in diese Diskussion einzuführen genügt das Buch weiterhin.  


Rezension von
Prof. Dr. Christian Reutlinger
FHS St.Gallen - Hochschule für Angewandte Wissenschaften
Institut für Soziale Arbeit und Räume IFSA
Homepage www.fhsg.ch/ifsa
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Zitiervorschlag
Christian Reutlinger. Rezension vom 15.06.2007 zu: Dorothea Jansen: Einführung in die Netzwerkanalyse. Grundlagen, Methoden, Forschungsbeispiele. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 3., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-531-15054-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4520.php, Datum des Zugriffs 05.07.2020.


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