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Karin Esch, Elke Katharina Klaudy u.a.: Qualitätskonzepte in der Kindertagesbetreuung

Cover Karin Esch, Elke Katharina Klaudy, Brigitte Micheel, Sybille Stöbe-Blossey: Qualitätskonzepte in der Kindertagesbetreuung. Ein Überblick. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 247 Seiten. ISBN 978-3-531-15009-3. 24,90 EUR.
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Thema

Die pädagogische Arbeit in Kindertageseinrichtungen steht gegenwärtig vor vielfältigen Herausforderungen:

  1. Die Belastungen von Kindern und Familien nehmen zu: Familien geraten heute zunehmend unter Druck durch flexibilisierte und prekärisierte Arbeitsverhältnisse, Arbeitslosigkeit und Armut. Zugleich ist in immer zahlreicheren Familien eine Verunsicherung in Erziehungsfragen zu konstatieren. Kindertageseinrichtungen müssen in diesem Kontext einerseits auf veränderte Bedarfe reagieren (bspw. Öffnungszeiten, Beratung) und sind andererseits zunehmend mit psychischen Störungen, Verhaltensauffälligkeiten und Ressourcenarmut konfrontiert. 
  2. Die Kindertageseinrichtung wird als Bildungsort akzentuiert: In einer durch Explosion des Wissens und soziale Ungleichheiten gekennzeichneten Gesellschaft ist Bildung als früh einsozialisierter, bedürfnisorientierter Anspruch auf Teilhabe an und Gestaltung der Gesellschaft von existentieller Bedeutung. In Rekurs auf neuere Erkenntnisse der Erziehungswissenschaft, Entwicklungspsychologie und Hirnforschung müssen Kindertageseinrichtungen kindliche Bildungsprozesse konzeptionell verankern und praktisch begleiten.
  3. Die Kindertageseinrichtung gerät unter Wettbewerbsdruck: Angesichts der demografischen Entwicklung einerseits und der prekären Lage öffentlicher Haushalte andererseits werden Kindertageseinrichtungen in Konkurrenz zueinander gezwungen und betriebswirtschaftlich orientierten Modellen "Neuer Steuerung" unterworfen. Die Kindertageseinrichtungen müssen sich mit der Frage auseinandersetzen, inwiefern sie sich als Dienstleistungsunternehmen begreifen können, das Kinder und Eltern als Kunden bedient.

Vor diesem grob skizzierten Hintergrund kann die Debatte um Qualität in Kindertageseinrichtungen verortet werden. Angelpunkt der Debatte ist, neutral formuliert, wie Qualität in der pädagogischen Praxis benannt, festgestellt und entwickelt werden kann, um den besagten Herausforderungen adäquat zu begegnen.

Entstehungshintergrund

Die Autorinnen des Bandes "Qualitätskonzepte in der Kindertagesbetreuung" haben sich nun die mühsame Aufgabe vorgenommen, neben bedeutsamen Konzepten aus dem angelsächsischen Raum, die wichtigsten in Deutschland entwickelten Qualitätskonzepte systematisch aufbereitet vorzustellen. Die Arbeit fasst die Ergebnisse eines Forschungsprojekts zusammen, das im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung am Institut Arbeit und Technik im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen realisiert wurde.

Inhalt

  1. Zunächst wird in Kapitel I die Qualitätsdebatte in Deutschland nachgezeichnet. Hier plädieren die Autorinnen eindeutig für ein Verständnis von Sozialer Arbeit in Kindertageseinrichtungen als Dienstleistung und betonen die Chancen von Qualitätskonzepten als "Leitlinie zur Erfüllung der gesellschaftlichen Anforderungen an die Kindertagesbetreuung; Steuerungsinstrument der Jugendhilfepolitik; Orientierungshilfe für Kund/inn/en und somit als Instrument des Verbraucherschutzes; Unterstützung des einzelnen Trägers bzw. der einzelnen Einrichtung, um die eigene Organisation so weiterzuentwickeln, dass die konkurrenzfähig bleibt" (S.15). Dementsprechend werden dann die formalen Verfahren der ISO 9000 und des Modells der European Foundation for Quality Management, die der Industrie entstammen und der Philosophie des "Kaizen" (ständige Verbesserung) folgen, als sinnvoll übertragbar auf Qualitätsentwicklung in der Sozialen Arbeit vorgestellt.
  2. Vor diesem Hintergrund stehen im zentralen Kapitel II 17 ausgewählte Qualitätskonzepte im Blickpunkt. Diese werden einerseits anhand eines Analyserasters beschrieben, das vier Merkmale umfasst: "kontextbezogene Merkmale" (Entstehungshintergrund, Anwendungshäufigkeit); "dienstleistungsbezogene Merkmale" (Bedarfsorientierung, Kooperationsorientierung, Mitarbeiterorientierung); "managementorientierte Merkmale" (Ressourceneinsatz, Aufbau- und Ablauforganisation, Instrumente zur Überprüfung der Ziele und der Zufriedenheit); sowie "anwendungsorientierte Merkmale" (Praxistauglichkeit). Andererseits werden die Konzepte nach vier Typen unterschieden. Hier sind zunächst allgemeine Steuerungsverfahren (Akkreditierungsverfahren) zu nennen, die in einer top-down-Strategie auf der Grundlage fachlicher Standards Qualität mit der Erteilung von Betriebserlaubnis oder der Zuweisung finanzieller Fördermittel zu verknüpfen erlauben (bspw. die neue Fassung der Kindergarten Skala: KES-R). Des Weiteren sind konzeptgebundene Steuerungsverfahren aufgeführt, die vor allem auf die top-down-Sicherung eines pädagogischen Alleinstellungsmerkmals oder eines "Markennamens" zielen (bspw. Judy Center, Baltimore; KLAX gGmbH, Berlin). Normierte Organisationsentwicklungsverfahren wiederum fußen auf den formalen Verfahren des EFQM und der ISO 9000, werden häufig mit dem Leitbild eines Trägers verknüpft (top-down), zugleich aber unter intensiver Beteiligung der MitarbeiterInnen umgesetzt (bottom-up) (bspw. PQS Sys des PARITÄTISCHEN; KTK-Gütesiegel des Caritas Bundesverbandes;  AWO-QM der Arbeiterwohlfahrt). Schließlich werden fachspezifische Organisationsentwicklungsverfahren vorgestellt, die von der Fachpraxis ausgehend (bottom-up) in einem dialogischen Prozess aller Beteiligten die Qualitätsentwicklung von Teilbereichen des Leistungsangebots oder der gesamten Einrichtung befördern wollen (bspw. Nationaler Qualitätskriterienkatalog: QKK; Qualität im Situationsansatz: QuaSi - beide im Rahmen der Nationalen Qualitätsinitiative im System der Tageseinrichtungen für Kinder entwickelt).
  3. Im knappen Kapitel III unterbreiten die Autorinnen dann abschließend Reformvorschläge. Als wichtigstes Ergebnis der Studie präsentieren sie die Forderung nach einer "länderübergreifenden Akkreditierungsagentur", die fachliche Standards entwickelt und deren Einhaltung kontrolliert.

Diskussion

Das Analyseraster und die Typisierung verschaffen den LeserInnen durchaus den im Titel versprochenen "Überblick". Allerdings versteht sich die Arbeit als "Transparenzstudie", die auf ein Ranking und eine kritische Diskussion der Konzepte verzichtet - und das macht nicht nur das Lesen zu einer ermüdenden Aufgabe, sondern ist vor allem pädagogisch und politisch bedenklich. Denn was als Objektivität daherkommt, verkürzt den Gegenstand der Qualitätsdebatte, nämlich die pädagogische Praxis, um mindestens zwei wesentliche Aspekte. Zum einen gerät die politische und potentiell gesellschaftskritische Bedeutung pädagogischer Praxis aus dem Blick, wenn die Durchrationalisierung Sozialer Arbeit im Rahmen "Neuer Steuerung" und Budgetierung schlicht affirmiert wird, wenn der Paradigmenwechsel in der Sozialen Arbeit vom Leitbegriff der Hilfe hin zu Dienstleistung, Wettbewerb, Nachfrage und Kundenorientierung scheinbar bruchlos vollzogen wird. Zum anderen wird mit dem Fokus auf standardisierte Qualitätskonzepte die Sinn- und Beziehungsqualität pädagogischer Praxis entsorgt, die es doch erst reflexiv zu rekonstruieren und dann zu entwickeln gilt. Es ist somit kein Zufall, dass in den abschließenden Reformvorschlägen eben jene Organisationsentwicklungsverfahren, die wie das des Kronberger Kreises oder QuaSi explizit auf dialogische bottom-up-Prozesse setzen (obgleich auch bei QuaSi nicht expliziert wird, mit welchen sozialwissenschaftlichen Methoden die erhobenen Daten ausgewertet werden) keine Erwähnung finden, und stattdessen nach einer Kontrollbehörde gerufen wird. Der alte Widerspruch Sozialer Arbeit zwischen Hilfe und Kontrolle scheint, nun hin zur Kontrolle aufgelöst, auf die pädagogischen Fachkräfte zurückzufallen. Natürlich müssen sich Kindertageseinrichtungen vor dem Hintergrund der eingangs skizzierten Herausforderungen bewegen - doch hier ist die Soziale Arbeit gut beraten, ihre Säulen der Lebensweltorientierung, der Selbstbestimmung, der Partizipation, des Verstehens und der Verständigung auch in der Qualitätsentwicklung ernst zu nehmen. Eine solche Qualitätsentwicklung könnte sich etwa der bewährten Methode des "Szenischen Verstehens" (Lorenzer) bedienen, die Beziehungs- und Bildungsprozesse in der Kindertageseinrichtung ebenso zu rekonstruieren erlaubt wie die gesellschaftlichen und institutionellen Bedingungen/Einschränkungen pädagogischer Praxis. Auf diese Weise können Entwicklungsansprüche identifiziert, Bildungsprozesse initiiert und fachlich begründete Forderungen (materielle und personelle Ressourcen, Aus- und Fortbildung, Supervision etc.) in die bildungspolitische Debatte eingespeist werden.

Fazit

Trotz dieser kritischen Bemerkungen bleibt es das Verdienst des Buches, den Stand der Qualitätsdebatte systematisch zu referieren. Es obliegt letztlich den LeserInnen, sowohl Vor- und Nachteile der vorgestellten Qualitätskonzepte als auch die vorherrschende Debatte insgesamt kritisch einzuordnen.


Rezensent
Prof. Dr. Thilo Naumann
Lehrt Pädagogik am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesellschaftswissenschaften der Hochschule Darmstadt, Gruppenanalytiker
Homepage sozarb.h-da.de/personen/lehrende/thilo-maria-naumann/
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Zitiervorschlag
Thilo Naumann. Rezension vom 16.10.2007 zu: Karin Esch, Elke Katharina Klaudy, Brigitte Micheel, Sybille Stöbe-Blossey: Qualitätskonzepte in der Kindertagesbetreuung. Ein Überblick. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. ISBN 978-3-531-15009-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4546.php, Datum des Zugriffs 20.08.2019.


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