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Vera King, Hans-Christoph Koller (Hrsg.): Adoleszenz, Migration, Bildung

Cover Vera King, Hans-Christoph Koller (Hrsg.): Adoleszenz, Migration, Bildung. Bildungsprozesse Jugendlicher und junger Erwachsener mit Migrationshintergrund. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 263 Seiten. ISBN 978-3-531-14950-9. 26,90 EUR.
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Anliegen

Adoleszenz ist eine entscheidende lebensgeschichtliche Phase für die Veränderung von Selbst-, Fremd- und Weltbildern und stellt eine potenzielle Neukonstruktion von Lebensentwürfen dar. Für das Verständnis von Bildungsprozessen hat die Betrachtung der Adoleszenz insofern eine besondere Relevanz. Diese Lebensphase stellt junge Menschen mit Migrationshintergrund vor besonders große Herausforderungen. Zum einen müssen sie in einer postindustriellen Gesellschaft, die zum Teil durch widersprüchliche Modernisierungsprozesse gekennzeichnet ist, den Wandel vom Kind zum Erwachsenen bewältigen, zum anderen sich zwischen dem eher traditionell-kollektiv orientierten Kultur- und Identitätsverständnis ihrer Eltern und dem eher modern-individualistisch orientierten Verständnis der deutschen Gesellschaft verorten. Diese vielfache Transformationsanforderung ist einerseits abhängig von gesellschaftlichen, familialen und individuellen Ressourcen und andererseits beinhaltet sie besondere Chancen und Risiken. Die Bildungsprozesse in der Adoleszenz haben diese Aspekte besonders zu berücksichtigen. Anliegen der vorliegenden Veröffentlichung ist es, "Entwicklungs- und Bildungsprozesse von Adoleszenten mit Migrationshintergrund zu untersuchen und zu eruieren, auf welche Weise und unter welchen Voraussetzungen solche Jugendlichen und jungen Erwachsenen sich im Verlauf der Adoleszenz sowohl im Verhältnis zur Familie und deren Migrationsgeschichte als auch in Bezug auf die außerfamiliale soziale Umgebung neu verorten können. Die Bedingungen und Verläufe von Bildungskarrieren und Bildungsprozessen bei Adoleszenten mit Migrationshintergrund sind in diesem Sinne … Themen dieses Bandes." (S. 9)

Herausgeber

  • Dr. phil. Vera King ist Professorin an der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg. Arbeitsschwerpunkte: Sozialisationsforschung, Entwicklungs- und Bildungsprozesse insbes. in Jugend und Adoleszenz, Geschlechter- und Generationenbeziehungen; soziale Ungleichheiten.
  • Dr. phil. Hans-Christoph Koller ist Professor an der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg. Arbeitsschwerpunkte: Allgemeine Erziehungswissenschaft, Bildungstheorie, Methodologie, qualitative Methoden der Bildungsforschung, insbes. Biografieforschung und interkulturelle Bildungsforschung.

Autor/innen

  • Dr. med. Hubertus Adam ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, psychoanalytischer Paar- und Familientherapeut sowie seit der Gründung 1998 Ärztlicher Leiter der Stefanie Graf Stiftung "Children for Tomorrow". Dort Aufbau und Leitung kinderpsychotherapeutischer und psychiatrischer Versorgungs- und Ausbildungsprojekte für Kinder als Opfer von Krieg und Verfolgung in Südafrika, Mosambik, Kosovo, Syrien/Jordanien und Hamburg.
  • Dr. Wassilios Baros ist Hochschullehrer (Lecturer) für Interkulturelle Erziehung an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Demokritos Universität (Griechenland) und Lehrbeauftragter an den Universitäten Köln, Bielefeld, Hagen und Osnabrück. Arbeitsschwerpunkte: Interkulturelle Bildung, Qualitative Forschungsmethoden, Friedens- und Konfliktforschung.
  • Dr. phil. Ingrid Gogolin ist Professorin an der Universität Hamburg, Fakultät Für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft. Arbeitsschwerpunkte: International vergleichende und interkulturelle Bildungsforschung, Folgen der Migration und Mehrsprachigkeit für Bildung und Erziehung.
  • Marga Günther ist Dipl.-Sozialarbeiterin und Dipl.-Soziologin, promoviert am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Univ. Frankfurt/M. zum Thema "Adoleszenz-Migration-Geschlecht". Arbeitsschwerpunkte: Jugend- und Adoleszenztheorien, Migrationstheorien, Methoden und Methodologie hermeneutischer Sozialforschung.
  • Britta Hoffarth ist Diplompädagogin, Lehrbeauftragte an der Universität Bielefeld und freie Journalistin. Arbeitsschwerpunkte: Gender, Differenz und Popkultur.
  • Dr. phil. Merle Hummrich ist Diplompädagogin, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Schulpädagogik und Grundschuldidaktik der Martin-Luther- Universität Halle-Wittenberg. Arbeitsschwerpunkte: Migrationsforschung, soziale Ungleichheit, pädagogische Generationenbeziehungen, qualitative Schul- und Bildungsforschung.
  • Dr. phil. Anne Juhasz ist Oberassistentin am Soziologischen Institut der Universität Zürich. Arbeitsschwerpunkte: Migration, soziale Ungleichheit, citizenship und qualitative Sozialforschung.
  • PD Dr. phil. Paul Mecheril ist Hochschuldozent an der Fakultät für Pädagogik an der Universität Bielefeld. Arbeitsschwerpunkte u.a.: Interkulturelle Erziehungswissenschaft, Cultural Studies, Migrationsforschung, Theorien sozialer Zugehörigkeit.
  • Dr. phil. Eva Mey ist Soziologin, Dozentin an der Hochschule für Soziale Arbeit in Luzern. Forschungsschwerpunkte: Migration, Jugend, Sozialstaat, Biographie.
  • Dr. phil. Ursula Neumann ist Professorin am Institut für International und Interkulturell Vergleichende Erziehungswissenschaft der Universität Hamburg. Forschung und Lehre zur interkulturellen Bildung, u.a. Sozialisation in türkischen Migrantenfamilien, Bildungssituation von Flüchtlingen, Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, Reaktionen des Bildungswesens auf Einwanderung.
  • Dr. phil. Arnd-Michael Nohl ist Professor für Erziehungswissenschaft, insbesondere systematische Pädagogik, an der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg. Arbeitsschwerpunkte: Jugend- und Migrationsforschung, Allgemeine und interkulturelle Erziehungswissenschaft, qualitative Bildungsforschung.
  • Dr. habil. Andreas Pott ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gesellschafts- und Politikanalyse (Fachbereich Gesellschaftswissenschaften) der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main. Arbeitsschwerpunkte: Migrations- und Interkulturalitätsforschung, Stadtforschung, Raumtheorie, Tourismusforschung.
  • Dr. phil. Martina Weber ist Professorin und derzeit Leiterin des Zentrums für Genderforschung an der Universität Flensburg. Arbeitsschwerpunkte: Interkulturelle Genderforschung; Ethnographie im Feld schulischer Bildung; Reproduktion sozialer Ungleichheit.

Aufbau und Inhalt

Der Band enthält insgesamt 14 Beiträge. In den ersten Beiträgen steht das Phänomen des Bildungsaufstiegs von jungen Menschen aus Migrantenfamilien im Zentrum. Im nächsten Teil der Beiträge geht es um migrations- und adoleszenzspezifische Aspekte der Bildungs- und Entwicklungsverläufe unterschiedlicher Gruppen von Adoleszenten mit Migrationshintergrund. Die letzten Beiträge stellen hauptsächlich relevante übergreifende Rahmenbedingungen der Entwicklung und Bildung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den Mittelpunkt der Betrachtung.

  1. Unter dem Titel Adoleszenz als Möglichkeitsraum für Bildungsprozesse unter Migrationsbedingungen. Eine Einführung skizzieren die Herausgeber Vera King und Hans-Christoph Koller im ersten Beitrag einige Facetten der Themen des Bandes: Adoleszente Entwicklung als Bildungsprozess; Adoleszenz mit Migrationshintergrund als Transformationsprozess; Adoleszenz und soziale Ungleichheiten; Bildungsbeteiligung von Adoleszenten mit Migrationshintergrund sowie Adoleszenz mit Migrationshintergrund in Jugend- und Migrationsforschung.
  2. Im nächsten Beitrag thematisiert Vera King Ungleiche Karrieren. Bildungsaufstieg und Adoleszenzverläufe bei jungen Männern und Frauen aus Migrantenfamilien. King stellt in ihrem Beitrag die Verschränkung von Bildungs- und Adoleszenzverläufen ins Zentrum ihrer Betrachtung. Aus ihren Ausführungen geht hervor, dass Kinder aus niedrigeren Sozialschichten, also auch Nachkommen aus Migrantenfamilien, auch bei gleichen Leistungen und Zielen einen häufig schwierigeren und " ,weiteren" Weg mit sehr viel mehr gesellschaftlichen, sozialen, institutionellen, aber auch psychosozialen Hindernissen zu durchlaufen haben als etwa Kinder aus einheimischen Akademikerfamilien." (S. 30) Dies müsste in einem mittelschichtorientierten Bildungssystem systematisch berücksichtigt werden, um jene Transformationsfähigkeiten unterstützen und fördern zu können, die für Heranwachsende aus ,bildungsfernen" oder gewanderten Familien in gesteigertem Maße notwendig werden. Am Beispiel von zwei unterschiedlichen Konstellationen der Verschränkung von Bildungskarriere und Adoleszenzverlauf veranschaulicht King, in welcher Weise die Bewältigung der gesteigerten Transformationsanforderungen - Transformationen der Adoleszenz, eingebettet in Bewältigungen und Neubildungen der Migration in Verbindung mit Bildungsaufstiegsprozessen - von äußeren und inneren Ressourcen abhängig ist, die es erlauben, Krisen und Konflikte erfolgreich zu verarbeiten. King hält fest, dass es sich auch bei Adoleszenz mit Migrationshintergrund nicht von vornherein um eine Problemkonstellation handelt. Deshalb schlägt sie vor, Migration als einen Umwandlungs- und Neubildungsprozess, die Migrationsbiografie als "Modell der gesellschaftlichen Transformation" zu betrachten - und zudem die Herausforderungen und Chancen von Adoleszenz als einem Möglichkeitsraum für Bildungsprozesse einzubeziehen.
  3. Der Beitrag von Andreas Pott trägt den Titel Tochter und Studentin - Beobachtungen zum Bildungsaufstieg in der zweiten türkischen Migrantengeneration. Andreas Pott fragt nach Erklärungen für Bildungsaufstiegsprozesse in der zweiten Generation türkischer Migranten. Dabei geht er davon aus, dass Familie und Bildungssystem für die Bewältigung aufstiegstypischer Problemstellungen, die mit den besonderen Transformationsanforderungen der Adoleszenz einhergehen, die entscheidenden Bezugspunkte darstellen. Anhand einer Fallstudie zu einer 20-jährigen Medizinstudentin aus einer türkischen Familie, die als jüngstes von sechs Kindern und als erstes Mitglied ihrer Familie eine Bildungskarriere macht, zeigt Pott, dass es der jungen Frau gelingt, den aufstiegsbedingt möglichen Bruch mit ihrer Familie dadurch zu vermeiden, dass sie ihre eigenen Aufstiegsziele nur unter ständiger Berücksichtigung der Wünsche, Ängste und Einstellungen ihrer Eltern verfolgt und bereit ist, auf soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten außerhalb von Familie und Schule/Universität weitgehend zu verzichten. Am Beispiel einer weiteren Fallrekonstruktion verdeutlicht Pott ferner, dass die wechselseitige Relevanz von Bildungsaufstieg, Adoleszenz mit Migrationshintergrund, Familie und Schule/Universität sich noch stärker differenzieren lässt.
  4. In ihrem Beitrag Adoleszenz zwischen sozialem Aufstieg und sozialem Ausschluss befassen sich Anne Juhasz und Eva Mey mit einer ähnlichen Konstellation. Ihre Hypothese ist, dass für Jugendliche aus Migrantenfamilien zwei gegenläufige Tendenzen typisch sind: die besonders erfolgreiche und die nicht erfolgreiche schulische bzw. berufliche Stellung. Sie untersuchen den Adoleszenzverlauf von zwei Jugendlichen, und zwar einem mit und einem ohne schulischen bzw. beruflichen Erfolg, und fragen nach den Bedingungen dieser Entwicklungen. Es zeigt sich einerseits, dass sozialer Aufstieg möglich wird, "weil familiale Handlungsmuster und subjektives intentionales Handeln sich gegen die Struktur, d.h. gegen die Mechanismen der Reproduktion sozialer Ungleichheit, durchzusetzen vermögen." (S. 81) Andererseits kann das Scheitern von Bildungskarrieren auf die äußeren strukturellen Vorgaben zurückgeführt werden, die eher passiv erleidend hingenommen werden.
  5. Auch in dem Beitrag Migration und Bildungsprozess. Zum ressourcenorientierten Umgang mit der Biographie von Merle Hummrich geht es um Bildungsaufstieg. Hummrich grenzt sich hierbei nicht nur von defizit- bzw. problemorientierten, sondern auch von chancenorientierten Ansätzen der Migrationsforschung ab, da beide ihrer Meinung nach dazu neigten, Migranten/innen unter Stereotype einzuordnen und individuelle biografische Verarbeitungsstrategien nicht zu berücksichtigen. Sie zieht eine fallrekonstruktive Biografieforschung vor, die auch auf die Selektivität institutioneller Bildungsprozesse und "auf deren subjektive Bedeutsamkeit und Erfahrungsqualität Bezug nimmt." (S. 89) Für Hummrich kommt der Untersuchung statistisch "erwartungswidriger" Bildungsbiografie besondere Bedeutung zu. Diese demonstriert die Autorin am Beispiel der Biografie einer jungen Frau, deren Vater im Zuge der Anwerbung als italienischer Arbeitsmigrant bäuerlicher Herkunft in den 1950er Jahren nach Deutschland kam. Diese junge Frau vereint mehrere Benachteiligungsfaktoren in sich und ist aber dennoch bildungserfolgreich. Ihr Bildungserfolg erscheint dabei als Fortsetzung des familialen Aufstiegsprojekts, deren eigentliches Antriebsmoment das Spannungsverhältnis zwischen Bindung und Entfremdung im Verhältnis zur Herkunftsfamilie darstellt.
  6. Marga Günther beschäftigt sich in ihrem Beitrag Kreativer Umgang mit familialen Ressourcen bei adoleszenten Bildungsmigrantinnen mit jungen Frauen aus Guinea, die zum Studieren nach Deutschland gekommen sind, und thematisiert familiale Ressourcen, die Bildungsprozesse ermöglichen und auf die junge Migranten im Prozess adoleszenter Identitätsbildung zurückgreifen können. Günther arbeitet heraus, "wie die innere und äußere Auseinandersetzung mit den Eltern auf die Bewältigung des Migrationsprozesses einwirkt und inwieweit aus dieser Auseinandersetzung Ressourcen für die Abgrenzung von den Eltern und zur Ausbildung eines eigenen Lebensentwurfs mobilisiert werden können." (S. 103) Der Vergleich der biografischen Interviews mit zwei jungen Frauen verdeutlicht, wie unterschiedlich beide Frauen den adoleszenten Spielraum nutzen, der durch die Trennung von der Herkunftsfamilie erweitert wurde, und welche Bedeutung die inneren, in familiären Beziehungsmustern erworbenen Ressourcen und Spielräume und ihre Verknüpfung mit dem sozialen Kontext dabei haben.
  7. Der Titel des Beitrages von Hubertus Adam lautet Adoleszenz und Flucht - Wie jugendliche Flüchtlinge traumatisierende Erfahrungen bewältigen. Adam befasst sich also mit einer besonderen Gruppe unter den Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, mit jugendlichen Flüchtlingen. Auf dem Hintergrund seiner klinischen Erfahrungen thematisiert er Entwicklungsprobleme und psychische Störungen junger Flüchtlinge, für die nicht nur allgemeine Bedingungen eines Aufwachsens unter Migrationsbedingungen, sondern häufig auch traumatisierende Kriegserlebnisse zum Tragen kommen. Auch hier wird deutlich, dass für die Entstehung und Verarbeitung der mit solchen Erfahrungen verbundenen Gefühle wie Wut oder Hass, Schuld und Scham innerfamiliäre Konstellationen und besondere Beziehungen zwischen den Generationen eine maßgebliche Rolle spielen.
  8. Wassilios Barosbetitelt seinen Beitrag Adoleszente Generationenbeziehungen in Migrantenfamilien als Untersuchungsgegenstand. Theoretische Ansätze und methodische Perspektiven. Baros stellt im ersten Teil seines Beitragstheoretische Ansätze zur Thematisierung vonFamilien in der Migration dar und diskutiert sie hinsichtlich ihrer Möglichkeiten und Grenzen zur Beschreibung und Analyse von innerfamiliären Beziehungen. Anschließend stellt er ein "subjektwissenschaftliches" Modell zur empirischen Migrationsforschung vor und zeigt die Bedeutung dieses Ansatzes für die Untersuchung adoleszenter Generationenbeziehungen am Beispiel einer griechischen Migrantenfamilie auf, in der die Eltern die Beziehung zu ihrem 16-jährigen Sohn durch eine kulturelle Distanz gefährdet sehen und hoffen, ihr Familienleben durch die Rückkehr ins Herkunftsland retten zu können.
  9. Arnd-Michael Nohl schreibt über Spontane Bildungsprozesse im Kontext von Adoleszenz und Migration. Ihm geht es insbesondere um Lebensorientierungen von Menschen, deren nachhaltige und tief greifende Veränderungen durch spontanes Handeln ausgelöst wurden. Nohl gibt zunächst einen Überblick über die Vorgeschichte und Phasen des spontanen Bildungsprozesses, die er bei allen -gestützt auf die dokumentarische Methode- untersuchten Personen herausgearbeitet hat. Mit diesem Hintergrund rekonstruiert er die Lebensgeschichte eines 17-jährigen Jugendlichen türkischer Herkunft, der sich vom Kleinkriminellen zum anerkannten Breakdancer gewandelt hat, und zeigt auf, dass spontane Bildungsprozesse auf migrationspezifische Desintegrationserfahrungen zurückgehen können, die auf einem grundlegenden Unterschied zwischen Gesellschaft und Herkunftsfamilie beruhen und dazu führen können, das als selbstverständlich Gegebene in Frage zu stellen. Es stellt sich heraus, dass die spontanen Handlungen zuerst eher beiläufig und spontan, ganz ohne biografische Orientierungen begonnen haben und die Intensivierung dieser Handlungen mit dem Höhepunkt der Adoleszenzkrise zusammenfällt und in der Gemeinschaft stattfindet.
  10. Doppelter Abschied. Zur Verschränkung adoleszenz- und migrationsspezifischer Bildungsprozesse am Beispiel von Lena Goreliks Roman "Meine weißen Nächte" lautet der Titel des Beitrages vom Mitherausgeber Hans-Christoph Koller. Wie dieser Titel vermuten lässt, beschreibt Koller, nachdem er einige theoretische Überlegungen zum Verhältnis von Adoleszenz, Migration und Bildung anstellt, am Beispiel der literarischen Darstellung von adoleszenz- und migrationsspezifischen Erfahrungen einer bildungserfolgreichen jungen Spätaussiedlerin, wie solche Erfahrungen ineinander verschränkt sind, wie diese verarbeitet werden und welche Bedingungen für das (Nicht-) Gelingen adoleszenter Bildungsprozesse im Kontext von Migration entscheidend sein können. Daraus wird u.a. ersichtlich, dass nicht nur das Elternhaus bedeutsam ist für eine erfolgreiche Verarbeitung der adoleszenz- und migrationsspezifischen Erfahrungen, sondern auch die Institution Schule, hierbei vor allem die Lehrkraft.
  11. Martina Weber erörtert in ihrem Beitrag den Einfluss von Zuweisung geschlechtlicher und ethnischer Zugehörigkeiten im Schulalltag auf die Bildungschancen von Schülerinnen mit Migrationshintergrund. Weber fasst zunächst das Ergebnis sozialwissenschaftlicher Debatten über die Konstruktion von Geschlecht und Ethnizität sowie Chancengleichheit in Bildungsprozessen kritisch zusammen. Anschließend zeigt sie anhand ausgewählter Beispiele aus Interviews mit Gymnasiallehrer/innen, wie mit den Kategorien Geschlecht und Ethnizität verbundenes Alltagswissen in Form von Dramatisierung ethnisch-kultureller und geschlechtlicher Zugehörigkeiten im dominanten Diskurs über ,türkische Mädchen" unreflektiert schulische Interaktionen vorstrukturieren und damit zur Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheit beitragen kann. Sie fordert eine "Entdramatisierung von Differenz im Sinne eines Ruhenlassens von geschlechtlichen und ethnischen Unterscheidungen" (S. 203). Dies allein sei aber nicht ausreichend. "Notwendig ist eine reflexive Pädagogik, die … (auch) in dramatisierender Weise sensibel bleibt für soziale Besonderheiten aufgrund ethnischer und geschlechtlicher Zuordnungen." (S. 205)
  12. In ihrem Beitrag schreibt Ingrid Gogolin Über die Entfaltung von Ressourcen in der Ortslosigkeit: Jugendliche in transnationalen sozialen Räumen. Sie greift auf ein Beispiel einer in Deutschland geborenen 16-jährigen Tochter portugiesischer Arbeitsmigranten in der Dissertation von Sara Fürstenau zurück und zeigt an diesem Beispiel, dass sich in Deutschland eine "Vervielfachung mehrsprachiger Lebenspraxis" (S. 209) entwickelt hat. Diese gelebte Multilingualität von Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommt mitunter in der wechselseitigen Ergänzung, Durchdringung und Überlagerung mindestens zweier Sprachen im Alltag von Jugendlichen zum Ausdruck. Viele dieser Jugendlichen wie Claudia versuchen, diese Ressource angesichts entsprechender Hindernisse in Deutschland durch weitere Ausbildung und/oder Berufstätigkeit im Herkunftsland der Eltern (im vorliegenden Fall in Portugal) für sich zu nutzen. Dies deutet Gogolinals Kennzeichen von "Transmigration" und versteht darunter einen neuartigen Migrationstypus, der sich u.a. durch subjektive Selbst-Verortungen in auf Dauer angelegten "transnationalen Sozialräumen" (S. 216) und die Bildung von "Sowohl-als-auch-Identitäten" (S. 217) auszeichnet.
  13. Paul Mecheril und Britta Hoffarth beschäftigen sich in ihrem Beitrag mit Adoleszenz und Migration. Zur Bedeutung von Zugehörigkeitsordnungen. Sie thematisieren Adoleszenz nicht identitäts-, sondern zugehörigkeitstheoretisch und stellen das Verhältnis von Individuum und sozialem Kontext in den Mittelpunkt ihrer Betrachtungen. Ihre These lautet: Erfahrungs- und Möglichkeitsräume der Adoleszenz seien durch soziale Ordnungen der Zugehörigkeit und deren Regeln strukturiert. So ist ihr Augenmerk besonders auf das Konzept "natio-ethno-kultureller" Zugehörigkeit gerichtet, das im Kontext von Migration besonders bedeutsam sei. Die "natio-ethno-kulturelle"  Zugehörigkeit beruhe auf symbolischer Mitgliedschaft, habitueller Wirksamkeit und biographischer Verbundenheit. Mecheril und Hoffarth betrachten die Erfahrungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund als "natio-ethno-kulturell mehrwertig" (S. 238) und plädieren für die pädagogische Unterstützung des adoleszenten Experimentierens mit Mehrfachzugehörigkeiten. Zusammenhänge sollten geschaffen werden, "in denen die Bildungs-Potenziale jener sozialen und personalen Formen zur Geltung kommen, die sich den Ordnungen der Eindeutigkeit nicht fügen." (S. 239)
  14. Mit der Integrationspolitik als Rahmen für den bildungspolitischen Umgang mit Heterogenität - das Beispiel Hamburg befasst sich Ursula Neumann im letzten Beitrag des Sammelbandes. Sie geht der Frage nach, wie bildungspolitisch mit der migrationsbedingten Vielfalt der Schüler/innen umgegangen wird und welche Rolle dabei die Integrationspolitik spielt. Die durch Studien wie PISA oder IGLU belegte Benachteiligung von Schüler/innen mit Migrationshintergrund durch das deutsche Schulsystem bildet dabei den Ausgangspunkt ihrer Erörterung der migrationspolitischen Rahmenbedingungen, die einerseits zu diesem Ergebnis beitragen und andererseits besonders durch das Fehlen einer umfassenden und koordinierten Integrationspolitik gekennzeichnet sind. Neumann führt zum Begriff "Integration" aus, dass in Deutschland noch immer ein Verständnis von Integration vorherrsche, das die einzelnen Migranten und nicht etwa die Gesellschaft und ihre ausgrenzenden Strukturen als Adressaten entsprechender Maßnahmen begreife. Es seien nur vereinzelt Ansätze für strukturelle Veränderungen wie die Kooperation zwischen Schulen und Migrantenorganisationen, die Einführung bilingualer Grundschulen oder angemessener interkultureller Curricula zu beobachten. Nachdem sie auf neuere Tendenzen seit dem Zuwanderungsgesetz von 2005 eingeht, schlussfolgert sie u.a. "Der Misserfolg vieler Migrantenjugendlicher im deutschen Schulsystem bzw. das Versagen des Systems an diesen Schülerinnen und Schülern hat eine Debatte über die Struktur des Bildungssystems ausgelöst, womit allmählich deutlich wird, dass die Migration eine Veränderung des Bildungswesens in seinem Kern zur Folge haben muss, will Deutschland nicht länger unteres Mittelmaß im internationalen Vergleich sein." (S. 258)

Diskussion

Der Sammelband überzeugt durch seine kritische Annäherungsweise an ein komplexes und hochsensibles Forschungs- und Praxisfeld sowie durch die wertvolle Präsentation der Forschungsvorhaben im Bereich der Bildungsprozesse bei Adoleszenten mit Migrationshintergrund. Die darin enthaltenen Beiträge skizzieren die wichtigsten Themenbereiche des aktuellen Themendiskurses und geben ein überzeugendes Abbild der reflexiven Pädagogik im Themenkreis Adoleszenz, Migration und Bildung wieder. Vor allem die empirisch gestützten Beiträge eröffnen neben konkreten Lösungsvorschlägen auch Anreize für interessante wissenschaftliche Diskussionen.

Als eine gemeinsame Tendenz aller Beiträge lässt sich die Einschätzung festhalten, dass sowohl das Bildungssystem insgesamt als auch die pädagogisch Handelnden angesichts weltweiter Migration vor großen Herausforderungen stehen, die vielfach noch nicht in ihrer ganzen Tragweite erkannt worden sind.

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an Fachwissenschaftler/innen, Lehrende und Studierende in den Studiengängen Erziehungswissenschaft und Allgemeine Pädagogik sowie Sozialpädagogik bzw. Soziale Arbeit. Ferner können Bildungsverantwortliche in Bund, Ländern und Kommunen diesem Buch wertvolle Informationen zum hier zur Rede stehenden Thema entnehmen.

Fazit

Die Autoren/innen kommen dem zentralen Anliegen des vorliegenden Bandes, jenen Teil der o.g. Herausforderungen näher zu beleuchten, der mit den Chancen und Risiken des Möglichkeitsraums "Adoleszenz" zu tun hat, durchweg nach. Zudem sind die Ausführungen zumeist sprachlich klar und mit Fallbeispielen veranschaulicht. Auch meine so ausführlich ausgefallenen Ausführungen in dieser gesamten Rezension sollen unterstreichen, dass ich dieses Buch den oben genannten Zielgruppen wärmstens empfehlen möchte.


Rezensent
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...


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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 14.03.2007 zu: Vera King, Hans-Christoph Koller (Hrsg.): Adoleszenz, Migration, Bildung. Bildungsprozesse Jugendlicher und junger Erwachsener mit Migrationshintergrund. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. ISBN 978-3-531-14950-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4547.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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