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Menekse Çagliyan: Sexuelle Normenvorstellungen und Erziehungspraxis [...]

Rezensiert von Dr. phil. Dipl.-Päd. Yalcin Yildiz, 30.03.2007

Cover Menekse Çagliyan: Sexuelle Normenvorstellungen und Erziehungspraxis [...] ISBN 978-3-8258-9617-1

Menekse Çagliyan: Sexuelle Normenvorstellungen und Erziehungspraxis von türkischen Eltern der ersten und zweiten Generation in der Türkei und Deutschland. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2006. 312 Seiten. ISBN 978-3-8258-9617-1. 30,90 EUR.
Reihe: Interkulturelle Pädagogik - Band 4
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Einführung

„Laß fremde Art doch gelten,/ selbst dann, wenn sie dich quält!/ Gar oft ist, was wir schelten,/ grad was uns selber fehlt.“ Wilhelm Kuhnert (1865-1926), dt. Maler u. Schriftsteller -

Sexualität stellt für die türkisch-islamische Lebenswelt ein brisantes Thema dar, zumal es in der westlichen Hemisphäre vor allem dazu dienlich gemacht wird, die vermeintliche Unterdrückung der muslimischen Frau und putative Rückständigkeit der archaischen Lebenstraditionen unter dem „Halbmondbanner“ zu definieren und zu konstatieren. Geschlechterbezogene Problemstellungen wurden in wissenschaftlichen als auch parawissenschaftlichen (siehe unten) Beiträgen allzu oft unter dem Einfluss einer latenten Turkophobie und Islamparanoia aufgerollt: 

  • Ates, S.: Große Reise ins Feuer : die Geschichte einer deutschen Türkin, Reinbek bei Hamburg   2006  
  • Cileli, S.: Wir sind eure Töchter, nicht eure Ehre, München   2006
  • Cileli, S.: Mich hat keiner gefragt : zur Ehe gezwungen - eine Türkin in Deutschland erzählt, Augsburg   2006
  • Hirsi Ali, A.: Plädoyer für die Befreiung der muslimischen Frauen, München/Zürich   2006 
  • Kelek, N.: Die fremde Braut : ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland, München 1  2006
  • Kelek, N.: Die verlorenen Söhne : Plädoyer für die Befreiung des türkisch-muslimischen Mannes, Köln 1/2006

Dabei vermischten sich in der Diskussion komplexe Themen wie Mädchenbeschneidung, Zwangsheirat (Rezension 3252) und Ehrenmord und sollten die restriktive, ja gar repressive Erziehung in islamischen und vor allem türkischen Familien aufzeigen. Leider bildeten die autobiografisch gefärbten Phantasmagorien einen lediglich einseitigen Realitätsausschnitt aus und diskreditierten ausländische Familien aus dem arabisch-türkischen Kulturraum in zusätzlicher Weise. Durch auffällig zeitgleiche (man betrachte die Erscheinungsjahre der Publikationen!), sexistisch-assimilationistische Lorbeerenhaschereien wollte man den Leitkulturbestrebungen der Politik unter die Arme greifen und der folkloristischen Integrationsdebatte im Rahmen einer kulturellen Usurpation den endgültigen Dolchstoß zukommen lassen.                            

Die ausländer-, islam- und männergiftigen Vorurteile empörten nicht nur die betroffenen Zuwanderer, sondern auch das fachwissenschaftliche Publikum und wurden in der Petition „Gerechtigkeit für die Muslime! Die deutsche Integrationspolitik stützt sich auf Vorurteile. So hat sie keine Zukunft. Petition von 60 Migrationsforschern“ (www.zeit.de/2006/06/Petition) akademisch angefochten und rational widerlegt.

Glücklicherweise gibt es auch empirische Arbeiten, die sich keinen selbstsüchtigen Profilierungstendenzen widmen, sondern der rationalen Wissenschaft verpflichtet fühlen. Hier ist insbesondere die Arbeit von Heidi Kondzialka „Emanzipation ist Ehrensache : Netzwerkbeziehungen, Sexualität und Partnerwahl junger Frauen türkischer Herkunft“ (www.socialnet.de/rezensionen/3917.php) zu nennen, die zurecht mit dem „Marianne-Menzzer-Förderpreis zur Geschlechterforschung 2004“ prämiert  wurde. Das folgende Buch von Menekse Çagliyan steht in dieser akademischen Tradition.  

Entstehungshintergrund 

Dr. phil. Menekse Çagliyan ist eine türkischstämmige Sozialwissenschaftlerin. Die rezensierte Arbeit wurde 2005 als Dissertation dem FB 12 Erziehungswissenschaft und Soziologie der Universität Dortmund als Dissertation vorgelegt.

Die Sozialwissenschaftlerin widmet sich in ihrer vergleichenden Forschung dem „weitgehend unerforschten und schwer zugänglichen Feld, den „Sexuellen Normvorstellungen und Erziehungspraktiken türkischer Eltern in der Türkei und in Deutschland der ersten und zweiten Generation“, in der insbesondere die Sexualerziehung und -entwicklung der türkischen Mädchen im Mittelpunkt steht“ (S. 8). 

Die Autorin begründet die gesellschaftliche Relevanz und die soziale Notwendigkeit ihrer Untersuchung wie folgt: „Der Anstoß zur vorliegenden Untersuchung über die Sexualität türkischer Mädchen liegt in ihrer eingeschränkten Sexualerziehung und darin, dass sie ihre Sexualität nicht unbefangen ausleben können. Ihnen wird bereits in der Kindheit vermittelt, dass sexuelle Befriedigung nur Jungen zustehe. Dies zeigt auch die herrschende sexuelle Doppelmoral, in der Jungen voreheliche sexuelle Aktivitäten erlaubt und Mädchen verboten werden“ (S. 8 ff). In der Tabuisierung der Sexualität und der vorherrschenden Doppelmoral, die die sexuelle Freiheit und Rechte der Frauen einschränkt, diese den Männern aber zugesteht, sieht in der Situation der Mädchen entwicklungshemmende Elemente für die Sexualentwicklung und -erleben. Ziel ist „die Aufklärung der sexuellen Normvorstellungen und Erziehungspraxis in ihren religiösen und kulturellen Bezügen“ (S. 290).                    

Hierzu möchte Çagliyan folgende Hypothesen qualitativ überprüfen:

  1. Die Tabuisierung der Sexualität sowie die sexuelle Doppelmoral in der türkischen Bevölkerung gehen von keiner religiösen Grundlage aus, sondern sind etablierte Bräuche eines kollektiven Verhaltens.
  2. Die Sexualmoral, die den Mädchen anerzogen und von ihnen verinnerlicht wird, hemmt die Sexualentwicklung der türkischen Mädchen.
  3. Hinsichtlich Religionsverständnis und -praktizierung ist zwischen älteren und jüngeren Frauen-Generationen in der Türkei und in Deutschland zu differenzieren (S. 9)                   

Hierzu möchte die Forscherin die erste Generation der ArbeitsmigrantInnen (Männer und Frauen älter als 45 Jahre) und die zweite Generation, die Töchter der ArbeitsmigrantInnen (zwischen 20 und 45 Jahren), in Deutschland befragen und mit einer Gegengruppe in der Türkei kontrastieren. Ziel ist es, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Generationen in der Türkei und im Migrationskontext ausfindig zu machen.      

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit besteht aus acht Kapiteln.

  1. In Kapitel 1 (S. 12 - 34) „Theoretische Grundlagen der Sexualerziehung“ setzt die Autorin einen theoretischen Bezugsrahmen für Sexualität. Neben einer umfassenden Begriffsbestimmung geht sie auf das spezifische Feld der Sexualerziehung ein, um abschließend auch die Strukturkategorien Migration, Sozialisation und Sexualität zu bandagieren.         
  2. Im 2. Kapitel (S. 35 – 49) geht Çagliyan unter der Überschrift „Geschichtlicher Abriss über die Veränderungen in der Türkei bezüglich der Frauen(-rechte)“ auf das Frauenbild in der Türkei und dessen Genese ein. Neben der Modernisierung im Osmanischen Reich beschreibt sie auch den laizistischen Staatsfeminismus. Darüber hinaus wird neben der autonom-modernen auch die pro-islamische Frauenbewegung skizziert.
  3. Kapitel 3 (S. 50 - 72) dient unter der Überschrift „Regionale Sitten und Sexualmoral“ der Beschreibung von sexuellen Normen und Erziehungspraktiken im Kontext von regionalen Bräuchen der Türkei und unter dem Einfluss der Religion.
  4. In Kapitel 4 (S. 72 - 110) geht es um „Islam und Sexualität“ wird in einem ersten Schritt der Islam in seiner Genese und Komplexität dargestellt, um in einem zweiten Schritt den geschlechtlichen Aspekt aus islamischer Perspektive zu betrachten. Dabei werden Themenfelder der Sexualmoral, der geschlechtlichen Beziehungen, der Sexualerziehung und der Stellung der Frau abgedeckt.  
  5. Kapitel 5 (S. 111 - 221) stellt als „Empirischer Teil I: Sexuelle Normvorstellungen und Erziehungspraktiken in der TÜRKEI“ die Ergebnisse der empirischen Untersuchungen in der Türkei vor.   
  6. Als Gegenstück wird in Kapitel 6 (S. 222 – 289) „Empirischer Teil II: Sexuelle Normvorstellungen und Erziehungspraxis in DEUTSCHLAND“ die Forschungsaktivität in der Bundesrepublik präsentiert.
  7. Kapitel 7 (S. 290 - 297) dient der Autorin als „Resümee der Gesamtstudie – Vergleichende Auswertung der Interviews in der Türkei und in Deutschland“, in der sie das Gesamtergebnis und die Differenzen bzw. Berührungspunkte zwischen beiden Ländern auswertend ausdiskutiert.  
  8. Abgeschlossen wird mit Kapitel 8 (S. 298 – 307), der Literaturanthologie.                   

Zielgruppen

Das Buch richtet sich an Sozialwissenschaftler und Praktiker jeglicher Couleur, die direkt oder indirekt mit MigrantInnen und deren Familien arbeiten. Das generationen- und länderübergreifende Thema macht das Buch für Therapie und Beratung auch praktisch interessant, zumal es einen intensiven Einblick in verborgene Lebenshemisphären der KlientInnen verschafft.

StudentInnen und DozentInnen der Soziologie und Sozialarbeit/Sozialpädagogik, aber auch fortgeschrittene Wissenschaftler der Migrationsforschung werden den wissenschaftlich wie auch gesellschaftlich anspruchsvollen Text zu schätzen wissen, da es viele anregende Diskussionsthemen einbringt.

Das Buch ist lesbar, thematisch tiefgründig, forschungstechnisch einwandfrei. Aufgrund seiner Aktualität und Brisanz kann es bereits jetzt als Standardwerk der Migrationsforschung bezeichnet werden und sollte in jeder anspruchsvollen universitären, institutionellen und privaten Migrationsbibliothek zum Präsenzbestand gehören.     

Diskussion

Dass MigrantInnen nicht immer die Erforschten, die KlientInnen sein müssen, zeigt Menekse Çagliyan als türkischstämmige Forscherin auf (zur intrakulturellen Forschung siehe auch die Einführung der Rezension: www.socialnet.de/rezensionen/3252.php). Und das recht erfolgreich. Sie liefert ein Buch ab, das nicht nur vom Layout her ansprechend ist, sondern auch in formaler Hinsicht durch Struktur und Transparenz bestechen kann. Dies gilt auch für die inhaltliche Seite des Buches. Die Themen sind präzise ausgewählt und werden, ohne in Vorurteile abzudriften oder Partei zu ergreifen, vorsichtig interpretiert und an die Fragestellung herangeführt. Die Tatsache der eigenen Betroffenheit (in doppelter Hinsicht: als Fremde und als Frau) und der Anspruch der wissenschaftlichen Professionalität werden hierin in brillanter Weise gelöst. Den Höhepunkt der Arbeit bilden der empirische Part und die vergleichende Auswertung, das Resümee. Auf Grundlage des theoretischen Hintergrundes, des historischen Kontextes und des religiösen Rahmens behandelt sie ein oftmals tabuiertes Themenfeld. Dabei distanziert sich die Autorin gleich zu Beginn von den Stereotypisierungen bezüglich türkischer Migrantinnen und deren Familien.

Genauso bedeutend sind die Ergebnisse der Untersuchung. Sie stellt eine große Differenz zwischen der älteren und der jüngeren Generation bezüglich sexueller Werte und Normen heraus, wobei sie für die erstere die traditionelle Lebensweise und die letztere modernisierte Lebenseinstellungen konstatiert, die sie zudem in einer Gegensätzlichkeit sieht. Den Begriff „Ehre“, den Çagliyan für die türkische Kultur als prägend und das Leben der Menschen als wirkmächtig einschätzt, sieht sie in einer Veränderung inbegriffen. Er wird von den jungen Frauen „neu und in Bezug auf die Modernität definiert“ (S. 290). Sie sieht eine Ablösung der „Dominanzkultur“ der älteren Generation durch die „Individualkultur“ der jüngeren Generation (ebenda).                    

Der einzige größere Schwachpunkt ergibt sich auf der Schnittstelle von Islam und der türkischen Kultur. Leider wird in der Auseinandersetzung die türkische Kultur auf die Schiffauersche Dorfkultur (Schiffauer 1987, Schiffauer 1991; vgl. auch Strasser 1996) bzw. Stammeskultur reduziert. Zwar wirkt dieses Modell vereinfachend und realitätsreduzierend, aber dem pluralen Charakter der türkischen Gesellschaft kann es nicht genügen. Der relativierende Hinweis auf Seite 51 unten und 52 oben ist nicht ausreichend. 

Die türkische Gesellschaft war Jahrhunderte lang auch nomadisch geprägt, das Osmanische Reich wurde von Nomaden gegründet, bis weit in die 60er Jahre hinein gab es Nomaden, die mit der Dorfkultur wenig gemein hatten. Dies zeigen auch die noch heute weit verbreiteten schamanischen Bräuche auf, die mit dem orthodoxen Islam nicht vereinbar sind, aber in der anatolischen Kultur mit islamischen Gewohnheiten verschmolzen sind. Deshalb ist die Argumentation, dass die herrschende Doppelmoral nicht in der regionalen Dorfkultur oder in Stammesbräuchen zu verorten ist, sondern vielmehr in der Fehl- bzw. Laieninterpretation des Islams zu suchen sind (sie führt auf Seite 50 ff den Begriff des „Volksislams“ ein) etwas fehlleitend. Zwar korrigiert sie das vorherrschende Islambild, das in der Öffentlichkeit als restriktiv und repressiv durchscheint, doch dieses Defizit nur mit einer Falschinterpretation zu erklären, die arabischen Gesellschaften in der Moderne außen vor zu lassen, ist nicht objektiv. Es hinterlässt ein allzu idyllisches Bild vom Islam, das der gegenwärtigen Situation (insbesondere von Frauen) in arabischen und afrikanischen Ländern, die im Vergleich zur Türkei als miserabel zu bezeichnen ist, kaum gerecht werden kann.       

Die türkische Frau hatte auch und gerade vor dem Islam eine weitaus bedeutende, sogar heilige Stellung in der schamanischen Nomadengesellschaft inne (vgl. Sevinc 1987, Ücüncü 1993). Vor der islamischen Ära beruhte die türkische Familie auf dem matriarchalen Familiensystem, das auf der Monogamie basierte (Ücüncü 1993, S. 32). Die Frau war nicht nur im familiären Leben aktiv, sondern auch im sozialen und politischen Leben. Sie war Kriegerin, Heerführerin, Herrscherin (ebenda, S. 33 ff). Ibni Battuta (ein berühmter berberischer Weltwanderer des 14. Jahrhunderts) hält in seinem Tagebuch über die Freiheit und Selbstbestimmung muslimischer Türkinnen geradezu  überrascht fest: „Sie gingen, wohin sie wollten, schlossen Geschäfte ab, kauften und verkauften, während die Männer ihren eigenen Interessen nachgingen oder faulenzten“ (zitiert nach Ücüncü 1993, S. 35 ff). 

Die Akzentuierung, dass die türkische Gesellschaft zwar islamisch, aber nicht arabisch ist, hätte stärker durchkommen müssen. Erst dadurch lassen sich viele Missverhältnisse zwischen Islam/arabischer Kultur und türkischer Kultur verstehen. Viele Elemente des Islam sind auch in der vorislamisch-arabischen Zivilisation festzumachen und haben im Laufe der Jahrhunderte dann auch dogmatische Züge angenommen, die dementsprechend die Benachteiligung von Frauen forcieren. Umgekehrt haben viele Bräuche auch in der modernen Türkei ihren genuinen Ursprung in Zentralasien und in der auch heute noch existenten schamanischen Nomadenkultur. Ganz zu schweigen von den Ritualen der Lazen an der Schwarzmeerküste, den Lebensarten der Kurden im Südosten der Türkei und den anderen Volksgruppen, die mitunter gänzlich von muslimischen Definitionen und Konventionen abweichen.        

So ist die Türkei, genau wie jedes andere Land auf der Welt, sowohl in ethnischer als auch in konfessioneller Hinsicht eine plurale Gesellschaft. In der heutigen Türkei leben unter der nationalstaatlichen Bezeichnung „Türken“ nicht nur Türken, sondern seit Jahrhunderten auch die ethnischen und konfessionellen Minderheiten der Griechen, Armenier, Araber, Kurden, Zaza, Nasturi, Keldani, Bahai, Nusavri, Lazen, Tscherkessen, Tschetschenen, Georgier, Abchasen, Gagausen, Bulgaren, Albaner, Bosnier, Mazedonier, Roma, Polen, Esten, Tataren, Kuban-Kasachen, Sabetayen, Juden, Sudanesen, Molukken, Deutsche etc. [1] Ein rein islamischer Erklärungsversuch, der nur eine Seite beleuchtet, kann der Jahrtausendealten multikulturellen Realität Kleinasiens nur partiell genügen.   

Fazit

Als Fazit könnte man Çagliyan rezitieren: „Diese Untersuchung beabsichtigt nicht, die Diskussion über sexuelle Normvorstellungen und Erziehungspraktiken in der türkischen Gesellschaft abzuschließen, sondern sie in Gang zu bringen. Es wäre zu begrüßen, wenn dieser Arbeit weitere Untersuchungen über Wurzeln, Folgen und Entwicklungen der gegenwärtigen sexuellen Normvorstellungen und Erziehungspraktiken islamischer Völker folgen würden, damit die Lücken in der Wissenschaft geschlossen werden können. Ferner sind Forschungen über fremde Kulturen, die mit der deutschen Kultur zusammenleben und versuchen, sich mit ihren traditionell-religiösen Denk-, Erziehungs- und Verhaltensstrukturen in die deutsche Kultur zu integrieren, unerlässlich. Hierbei geht es nicht nur darum, die türkische Kultur in ihrer Unterschiedlichkeit aufzuzeigen, sondern mit kulturellen Unterschieden solider umzugehen, sich zu bereichern, d.h. das Wissen über ein fremde Kultur als Erweiterung für die eigene Kultur und berufliche Tätigkeit anzusehen. Immerhin leben in der Bundesrepublik mehr als drei Millionen türkische Bürger, und die Ergebnisse dieser Untersuchung könnten bestehende Vorurteile und Ressentiments, die gegenüber den Moslems und dem Islam aufgrund von Fremdheitsgefühl oder Unwissenheit existieren, mildern. Abschließend ist diese Untersuchung ein Gedankenanstoß dafür, dass sich in der türkischen Sexualerziehung etwas ändern muss, um Mädchen und Jungen eine förderliche (Persönlichkeits-)Entwicklung zu ermöglichen und gleichberechtigtere Sexualwerte zu vermitteln“ (S. 11).Dem bleibt eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Es ist erfreulich, dass die Beteiligung von WissenschaftlerInnen mit Wanderungshintergrund an der Migrationsforschung zugenommen hat. Dass dies nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen einbringt (wie z.B. durch Bilingualität, Kenntnisse der Kultur, Erreichbarkeit und Zugang zu  Probanden), das haben Arbeiten in der Vergangenheit recht deutlich aufgezeigt. Insbesondere sensible Themen, wie z.B. Sexualität und Generationsbeziehungen, können meist nur in intrakulturellen Forschungen bzw. unter Beteiligung von intrakulturellen ForscherInnen in ihren komplexen Facetten betrachtet werden. Insbesondere dann, wenn es um emotional besetzte, tabuisierte Themen geht.

Literatur

  • Ha, K. N.: Ethnizität und Migration, Münster 1/1999
  • Schiffauer, W.: Die Bauern von Subay : das Leben in einem türkischen Dorf, Stuttgart   1987
  • Schiffauer, W.: Die Migranten aus Subay : Türken in Deutschland : eine Ethnographie, Stuttgart   1991
  • Sener, C.: Türkiye«de Yasayan Etnik ve Dinsel Gruplar, Istanbul   2004
  • Sevinc, N.: Eski Türkler«de Kadin ve Aile, Istanbul   1987
  • Strasser, S.: Die Unreinheit ist fruchtbar! : Geschlechterbeziehungen in einem türkischen Dorf, Reinbek bei Hamburg   1996
  • Tezcan, M.: Türk Ailesi Antropolojisi, Ankara 1  2000
  • Ücüncü, S.: Die Stellung der Frau in der Geschichte der Türkei : ein historischer Überblick von den alten Turkvolkern bis heute, Frankfurt a. M. 3  1993
  • Yildiz, Y.: Türkische Biozönosen in der Migration. Forschungskritische und diskursanalytische Darstellung der „Migrantenfamilie“ und der Dynamik und Komplexität von intergenerationellen Beziehungen im Kontext von Immigration-Remigration und Integration-Segregation am Beispiel der türkischen Arbeitsmigranten der 1. Generation. In: Interkulturell und Global – Forum für Interkulturelle Kommunikation, Erziehung und Bildung, Heft 1/2, 2006 (S. 39-54)  


[1] HA 1999, S. 37 ff; SENER 2004, S. 14 ff (zit. nach YILDIZ 2006, S. 45) 

Rezension von
Dr. phil. Dipl.-Päd. Yalcin Yildiz
Migrationsforscher. Freiberufliche Tätigkeit in der Migrationssozialberatung und Ganzheitlichen Nachhilfe

Es gibt 18 Rezensionen von Yalcin Yildiz.

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Zitiervorschlag
Yalcin Yildiz. Rezension vom 30.03.2007 zu: Menekse Çagliyan: Sexuelle Normenvorstellungen und Erziehungspraxis von türkischen Eltern der ersten und zweiten Generation in der Türkei und Deutschland. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2006. ISBN 978-3-8258-9617-1. Reihe: Interkulturelle Pädagogik - Band 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4551.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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