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Monika A. Vernooij: Einführung in die Heil- und Sonderpädagogik

Cover Monika A. Vernooij: Einführung in die Heil- und Sonderpädagogik. Theoretische und praktische Grundlagen der Arbeit mit beeinträchtigten Menschen. Quelle & Meyer (Wiebelsheim) 2007. 8., überarbeitete und erweiterte Auflage. 541 Seiten. ISBN 978-3-494-01425-8. 19,95 EUR.
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Autorin

Prof. Dr. Monika A. Vernooij ist Inhaberin des Lehrstuhls Sonderpädagogik I an der Universität Würzburg mit den Lehrgebieten Pädagogik bei Lernbeeinträchtigungen, Didaktik bei Lernbeeinträchtigungen und Allgemeine Heil- und Sonderpädagogik

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist in der 8., überarbeiteten und erweiterten Auflage 2007 erschienen. Die erste Auflage stammte aus dem Jahr 1979. Das Ziel ist die Vermittlung von Grundlagenwissen der Heil- und Sonderpädagogik für unterschiedliche Berufsgruppen und interessierte Laien. In erster Linie dient das Buch als Einführung für Studierende der Sonder-, Sozial- und Heilpädagogik.

Aufbau

Das Buch ist in drei unterschiedlich große Teile gegliedert.

  1. Im ersten Abschnitt wird die Theoriebildung und Praxisentwicklung dargestellt (Seite 1 – 119, 3 Kapitel).
  2. Im zweiten Abschnitt folgen Beeinträchtigungen und Behinderungen im Überblick (Seite 120 – 356, 9 Kapitel) und der
  3. Schlussteil umfasst ausgewählte Einzelaspekte der Sonderpädagogik (Seite 357 – 429, 4 Kapitel).

Inhalte

Im ersten Abschnitt werden neben einer Einführung, Begriffe, Definitionen, theoretische Grundlegungen und Daten im europäischen und internationalen Vergleich vorgestellt. Besonders das dritte Kapitel zur „Förderung, Erziehung und Bildung beeinträchtigter bzw. behinderter Kinder und Jugendlicher“ wurde im Vergleich zu früheren Auflagen überarbeitet. Vernooij befasst sich dabei mit der interdisziplinären Frühförderung sowie der schulischen Erziehung und Bildung im Kontext von Behinderung. Im Rahmen eines Unterkapitels zur „Paradigmendiskussion in der Sonderpädagogik“ kritisiert sie den Begriff der Integration als „vielschichtig und mehrdeutig“ und als „ideologiebefrachtetes Schlagwort“ (S. 27).

Der zweite, umfangreichste Abschnitt beinhaltet die folgenden Behinderungsgruppen: Körperbehinderung, langfristige/chronische Erkrankungen im Kindesalter, Gehörlosigkeit und Schwerhörigkeit, Blindheit und Sehbehinderung, Geistige Behinderung, Mehrfachbehinderung - Schwerstbehinderung, Lernbehinderung, Sprachbehinderungen, Verhaltensstörungen. Die einzelnen Behinderungsgruppen werden knapp vorgestellt und jeweils Formen, Häufigkeit, Ursachen, soziale Einschätzung, psychologische Merkmale sowie praktische Aufgabenstellungen diskutiert (vgl. S. 120).

Im dritten Abschnitt des Buches widmet sich die Autorin vier ausgewählten Einzelaspekten der Sonderpädagogik. Sie stellt Behinderung im Zusammenhang mit Familie und Elternschaft vor, skizziert Wohnformen für behinderte/beeinträchtigte Jugendliche und Erwachsene und thematisiert geistige Behinderung und Sexualität. Das Schlusskapitel beinhaltet anthropologische und ethische Aspekte in der Arbeit mit Behinderten.

Diskussion

Das umfangreiche Lehr- und Praxisbuch gibt eine Einführung in die Sonder- und Heilpädagogik. Beim Lesen wird jedoch deutlich, dass die erste Auflage 1979 erschien. Die Mehrheit der Literaturverweise stammt aus den 1970er und 1980er Jahren und darin liegt die Hauptkritik an diesem Werk. Mehrere veraltete Informationen prägen das Werk, die Überarbeitung und Erweiterung ist nur zum Teil gelungen. Exemplarisch werden einige Hinweise angeführt:

Abgesehen von einem knappen Absatz auf S. 134 wird die Körperbehindertenpädagogik primär aus den 1970er und 1980er Jahren wiedergegeben. Aktuelle Grundprobleme dieser Fachrichtung bleiben unberücksichtig etwa die Herausforderung von progredienten Erkrankungen und das Thema Sterbebegleitung in der Schule oder die neuen Aufgaben von Körperbehindertenpädagoginnen und -pädagogen in Schulen mit Integration.

Mehrere Male wird Bezug auf das Bundessozialhilfegesetz (BSHG) genommen. Das Sozialgesetzbuch XII (Sozialhilfe) ist seit 1. Januar 2005 in Kraft und hat damit das Bundessozialhilfegesetz (BSHG) abgelöst. Diese Entwicklung wird nicht berücksichtigt bzw. fehlerhaft wiedergegeben, vgl. Seite 70: Kostenübernahme erfolgt durch das Sozialamt SGB IX (?).

Das Thema Beruf, Arbeit oder Beschäftigung wird lediglich in einem Kapitel von Lernbehinderung angeführt. Das Unterkapitel institutionelle und rechtliche Möglichkeiten zur beruflichen Eingliederung von Schülern ohne Hauptschulabschluss beinhaltet eine überholte Darstellung. Seit Sommer 2004 gibt es keine Förderlehrgänge mehr, dies wurde durch ein neues bundesweites Fachkonzept für berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen abgelöst. Das Berufsbildungsgesetz hat mit seiner Novellierung am 1. April 2005 ebenfalls eine Veränderung in der Systematik nach sich gezogen (weitere Änderungen folgten), sodass die zitierten Paragraphen korrigiert werden müssen (Vollausbildung § 4 BBiG / 25 § HWO und theoriereduzierte Ausbildung (Helfer) § 66 BBiG / 42m HWO).

Das Foto auf dem Buchcover stimmt nicht mit den wesentlichen Inhalten des Buches überein. Während das Bild vier erwachsene Menschen zeigt, geht es inhaltlich primär um verschiedene Behinderungsgruppen und Beeinträchtigungen bei Kindern und Jugendlichen. Die ausgewählten Einzelaspekte der Sonderpädagogik im letzten Abschnitt des Buches verdeutlichen zwar eine pädagogische Erweiterung. Inhaltlich kann jedoch nur eine grobe Skizzierung der verschiedenen Fragestellungen und Herausforderung im Erwachsenenalter aufgezeigt werden. Verschiedene zentrale Theorielinien oder konzeptionelle Grundausrichtungen der Heilpädagogik bleiben unerwähnt oder kaum thematisiert (z. B. Stigmatisierungstheorien, Empowerment, Ressourcenorientierung, Resilienzforschung, Sozialraumorientierung).

Einige wichtige Vertreterinnen und Vertreter der einzelnen Fachdisziplinen fehlen, beispielsweise Barbara Fornefeld, Christian Lindmeier (für Menschen mit geistiger und schwerer Behinderung), Ulrich Heimlich (Frühpädagogik und Lernbehindertenpädagogik), Rolf Werning und Birgit Lütje-Klose (Pädagogik bei Lernbeeinträchtigung), Harry Bergeest und Jens Boenisch (Körperbehindertenpädagogik) oder etwa Heinrich Greving, Petr Ondracek (Allgemeine Heilpädagogik).

Fazit

Das Standardwerk in der 8. Auflage bezieht sich auf Fachliteratur, die Jahre (Jahrzehnte) zurückliegt. Die inhaltliche Überarbeitung und Erweiterung folgt im wesentlichen den eigenen jüngeren Veröffentlichungen von Monika A. Vernooij. Insgesamt kann das Werk der Sonder(schul)pädagogik zugeordnet werden, deren Vertreterinnen und Vertreter die Entwicklungen der integrativen Pädagogik vielfach als ideologiebefrachtet kritisieren. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund der internationalen Diskussionen in den letzten Jahren bedenklich, die klar in Richtung integrativer bzw. inklusiver Lebensbedingungen verweisen. Die UN-Behindertenrechtskonvention verdeutlicht diese Debatten. Im März 2009 trat das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen der Vereinten Nationen (Behindertenrechtskonvention) auch in Deutschland in Kraft.


Rezension von
Prof. Dr. Reinhard Burtscher
Kath. Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB), Studiengang Heilpädagogik
Homepage www.khsb-berlin.de
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Zitiervorschlag
Reinhard Burtscher. Rezension vom 03.11.2009 zu: Monika A. Vernooij: Einführung in die Heil- und Sonderpädagogik. Theoretische und praktische Grundlagen der Arbeit mit beeinträchtigten Menschen. Quelle & Meyer (Wiebelsheim) 2007. 8., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-494-01425-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4558.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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