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Georg Antor, Ulrich Bleidick (Hrsg.): Handlexikon der Behindertenpädagogik. Schlüsselbegriffe aus Theorie und Praxis

Rezensiert von Prof. Dr. Hiltrud Loeken, 11.10.2007

Cover Georg Antor, Ulrich Bleidick (Hrsg.): Handlexikon der Behindertenpädagogik. Schlüsselbegriffe aus Theorie und Praxis ISBN 978-3-17-019216-4

Georg Antor, Ulrich Bleidick (Hrsg.): Handlexikon der Behindertenpädagogik. Schlüsselbegriffe aus Theorie und Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. 457 Seiten. ISBN 978-3-17-019216-4. 33,00 EUR.
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Einführung

Das von Georg Antor und Ulrich Bleidick herausgegebene, 2001 erstmals erschienene "Handlexikon der Behindertenpädagogik" liegt seit 2006 in einer überarbeiteten 2. Auflage vor. Es handelt sich um ein Nachschlagewerk, dessen Format gemäß dem Anspruch der Herausgeber zwischen kurzem lexikalischen Wörterbuch und umfangreichem Handbuch angesiedelt ist (S. 10). Erläutert werden in Kurzbeiträgen der Herausgeber und 87 weiterer Autor/innen Grundbegriffe, die von Antor und Bleidick aktuell als Schlüsselbegriffe für die Behindertenpädagogik identifiziert werden, ohne damit den Anspruch auf vollständige Abbildung aller fachlichen Diskurse zu erheben. Inhaltlich ist es den Herausgebern ein besonderes Anliegen, "die erziehungswissenschaftliche Einbindung behindertenpädagogischer Grundbegriffe zu erreichen" (S. 10). Durch das breite Spektrum der gewählten Schlüsselbegriffe soll zugleich eine Engführung auf "schulbildende" (S. 11) Inhalte vermieden werden.

Aufbau und Inhalt

Behandelt werden insgesamt 141 Grundbegriffe in kompakten Erörterungen, versehen mit den jeweiligen Literaturangaben und zahlreichen Querverweisen. Einige Beiträge wurden von den Herausgebern selbst verfasst; als weitere Autor/innen wurden namhafte Fachvertreter/innen aus der Behinderten- bzw. Sonderpädagogik und relevanten Nachbardisziplinen gewonnen. Geordnet wurden die Schlüsselbegriffe pragmatisch in den nachfolgend skizzierten 10 Großkapiteln:

  1. Allgemeine Pädagogik. In diesem einführenden Kapitel werden grundlegende und allgemeinpädagogisch bedeutsame Begriffe wie Lernen, Bildung, Erziehung, Sozialisation, Pädagogik, Hilfe u. a. dargelegt und hinsichtlich ihrer behindertenpädagogischen Relevanz erörtert.
  2. Allgemeine Behindertenpädagogik. Unter dieser Überschrift werden für die Behindertenpädagogik zentrale, aufgaben- und fachrichtungsübergreifende Begrifflichkeiten bearbeitet. Dazu gehört neben der Auseinandersetzung mit dem Behinderungsbegriff die Erläuterung der verschiedenen Fachbezeichnungen wie Behindertenpädagogik, Sonderpädagogik, Heilpädagogik und Rehabilitation mit ihren unterschiedlichen Traditionen und Akzentsetzungen sowie Geschichte und Historiographie der Heil- bzw. Behindertenpädagogik. Weitere Stichworte beziehen sich auf aktuelle Zielvorstellungen und Prinzipien außerschulischer und schulischer Behindertenpädagogik wie Empowerment, Normalisierung, Prävention, Integration, Inklusion, Förderung. Ein eigenes Stichwort ist hier der Sonderschule gewidmet; denkbar wäre in zukünftigen Auflagen diese im Kontext des organisatorisch und inhaltlich ausdifferenzierten Systems der sonderpädagogischen Förderung darzustellen.
  3. Fachrichtungen der Behindertenpädagogik. Das 3. Kapitel ist den klassischen, an verschiedenen Beeinträchtigungen ausgerichteten Fachrichtungen der Sonderpädagogik, ergänzt um die Strafvollzugspädagogik, gewidmet. Die Überschriften folgen i. d. R. einem einheitlichen Schema, indem zuerst die Beeinträchtigung, dann die Personengruppe und anschließend die dazugehörige Pädagogik genannt werden, z. B. Körperbehinderung, Körperbehinderte, Körperbehindertenpädagogik. Dieses Vorgehen macht das Kapitel zwar übersichtlich, verwendet aber ein recht traditionelles und inzwischen auch umstrittenes Klassifikationssystem. Günstiger wäre es m. E. hier, die Bezeichnungen der entsprechenden Förderschwerpunkte (z. B. motorische Entwicklung) in die Überschriften zu übernehmen, was von den Herausgebern im Vorwort zur 2. Auflage bereits angedacht wurde. Ungeachtet dieser Kritik hinsichtlich der Klassifizierung liefern die einzelnen Beiträge sehr gute und prägnante Darstellungen der jeweiligen Fachgebiete von anerkannten Fachvertreter/innen.
  4. Philosophie der Behindertenpädagogik. Im etwas kürzeren vierten Kapitel finden sich Abhandlungen zu anthropologischen und ethischen Fragestellungen im engeren und weiteren Sinne. Dazu gehören auch die Auseinandersetzung mit Eugenik, Euthanasie und Implikationen des Personbegriffs sowie grundlegende Ausführungen zur Bedeutung von Arbeit und Wissenschaftstheorie.
  5. Soziologie der Behinderten. Umfangreich ist das Kapitel zu soziologischen Fragen im weiteren Sinne, dessen Begrifflichkeiten von "Abweichendes Verhalten" bis zu "Vorurteile" reichen. Ähnlich wie in Kapitel 1 werden zentrale Begriffe hier grundsätzlich und im Hinblick auf ihre Bedeutung für behindertenpädagogische Themenstellungen geklärt. Zum Spektrum der Stichwörter gehören sowohl Grundlagenbegriffe wie Gesellschaft, Lebenswelt, Identität, Interaktionismus, Kommunikation, Rolle, Stigma und Frauenforschung als auch speziellere Themen wie Statistik von Behinderungen oder Verbände für Behinderte.
  6. Psychologie der Behinderten. Ähnlich umfangreich stellt sich das Kapitel zu psychologischen Sachverhalten dar. Hier werden ebenfalls grundlegende Begriffe wie z.B. Entwicklung, Anlage und Umwelt, Denken und Intelligenz, Psychotherapie und Neurose erörtert und teilweise in Verbindung mit Möglichkeiten der Förderung erläutert, z. B. Wahrnehmung und Wahrnehmungsförderung, Bewegung und Bewegungsförderung oder kognitives Training. Verschiedene psychologische Schulen und therapeutische Verfahren wie Individualpsychologie, Psychoanalyse, Gestalttherapie, Verhaltenstherapie und klientenzentrierte Therapien werden in eigenen Rubriken vorgesellt. Zugleich wird in diesem Kapitel auf einige, quer zu den tradierten sonderpädagogischen Fachrichtungen liegende Beeinträchtigungen (bzw. vermeintliche Beeinträchtigungen) gesondert eingegangen wie Autismus, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, Hochbegabung und Teilleistungsstörungen.
  7. Medizinische Gesichtspunkte. Auf allgemeiner Ebene finden sich unter der Überschrift "medizinische Gesichtspunkte" die Auseinandersetzung mit Krankheit und Gesundheit und dem Verhältnis von Medizin und Behindertenpädagogik sowie das Stichwort Pränataldiagnostik. Speziellere Aspekte werden unter den Stichwörtern Aids, Anfallsleiden, Psychose und Hirnschädigung behandelt.
  8. Rechtliche Gesichtspunkte. In diesem Kapitel wird ein Überblick über das Behindertenrecht mit seinen verschiedenen Rechtsnormen unter besonderer Berücksichtigung des SGB IX gegeben, und es werden das Jugendrecht unter besonderer Würdigung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (SGB VIII) sowie das Schulrecht behandelt. Hervorgehoben werden zugleich grundsätzliche Fragen im Kontext der Menschenrechte und das Diskriminierungsverbot des Grundgesetzes. 
  9. Sozialpädagogik und Sozialpolitik. Hier finden sich ausgewählte Themen, die dem Überschneidungsbereich von Sozialpädagogik und Behindertenpädagogik oder Jugendhilfe und Behindertenhilfe zugeordnet werden können, wie z.B. Heimerziehung, Erzieherische Hilfen nach dem KJHG, Familienentlastung, Elternarbeit, Drogenprävention, und es werden weitergehende pädagogische Aspekte berührt wie die Geragogik. Andere Themenbereiche fokussieren auf sozialpolitische Sachverhalte und konzeptuelle Aspekte, die im Zusammenhang mit Behindertenpädagogik oder Sozialer Arbeit besondere Relevanz haben, z.B. Wohnen und Lebensqualität, Gemeindeorientierung und Kommunitarismus, Selbsthilfegruppen.
  10. Einzelprobleme der Behindertenpädagogik. Unter dieser Überschrift werden abschließend Stichworte behandelt, die sich zum einen auf spezielle pädagogische Konzepte und Fördermethoden, z.B. Basale Förderung, Kunst- und Musiktherapie, Unterstützte Kommunikation, Gebärdensprache, Spielpädagogik und Sport beziehen, zum anderen werden spezielle Aufgabenfelder und Angebote wie Frühförderung, Erwachsenenbildung, Pflege, Sexualerziehung, Ausbildungsförderung, berufliche Bildung und Kindergarten beschrieben. Auf den schulischen Kontext beziehen sich in diesem Kapitel Ausführungen zum Aufnahme- und Überweisungsverfahren (in die Sonder- bzw. Förderschule) und dem Erstlese- und Schreibunterricht.
  • Anhang. Im Anhang findet sich zunächst das Verzeichnis der Autor/innen der Einzelbeiträge. Es folgt ein Personenregister, welches alle im Buch genannten Personen mit Angabe der Seitenzahl enthält, wobei Verfasser von Beiträgen durch Fettdruck hervorgehoben sind. Das sich anschließende Sachregister enthält zahlreiche Schlagwörter mit Seitenzahlen und hebt die Schlüsselbegriffe mit eigenem Artikel ebenfalls fett hervor.

Diskussion

Insgesamt haben die Herausgeber mit ihrem Handlexikon eine gut lesbare, kompakte und gleichzeitig gehaltvolle Darstellung zentraler Konzepte und Begriffe der Behindertenpädagogik vorgelegt. Für die verschiedenen Themen konnten zahlreiche einschlägig ausgewiesene Autor/innen gewonnen werden. Die Einzelbeiträge sind daher durchweg sehr fundiert und zeichnen sich durch klare und prägnante Zusammenfassungen der entsprechenden Thematiken aus. So geben sie für sich einen guten Einblick in den jeweiligen Diskussionsstand und laden gleichzeitig über die Querverweise und die Literaturangaben zum Weiterlesen ein. Die Gliederung in Hauptkapitel macht das Gesamtwerk übersichtlich, wobei man sich gelegentlich auch eine andere Zuordnung einzelner Begriffe als die von den Autoren pragmatisch vorgenommene hätte vorstellen können. Mit Hilfe des aufwändig gestalteten Registers lässt sich indes gut recherchieren.

Überzeugend ist nicht nur die erziehungswissenschaftliche Einbindung behindertenpädagogischer Fachbegriffe, wie es dem inhaltlichen Anspruch der Herausgeber entspricht, sondern auch die Verzahnung mit sozialwissenschaftlichen und psychologischen Perspektiven sowie weiterer angrenzender Bereiche wie der Sozialpädagogik und Sozialpolitik. Durch die verschiedenen Zugänge und die Auswahl der Schlüsselbegriffe spiegelt sich die Breite des Faches sehr gut wider. Dazu trägt auch bei, dass die sonderpädagogischen Fachrichtungen zwar einen wichtigen Platz im Buch einnehmen, aber nicht der zentrale Ausgangspunkt sind.

Die kompakte Form des Handlexikons mit seiner Konzentration auf ausgewählte Schlüsselbegriffe bringt es dennoch fast unweigerlich mit sich, dass der eine oder die andere (Leser/in) vermutlich etwas vermissen wird, was den Herausgebern durchaus bewusst war. So ist m. E. der Bereich der Beratung, der in den letzten Jahren im Zusammenhang mit integrativer Beschulung und Prävention an Bedeutung gewonnen hat, etwas zu kurz gekommen. Den Kanon der aufgeführten therapeutischen Verfahren hätte die systemische Therapie sinnvoll ergänzt und Ausführungen zum Stichwort Gruppe und gruppenpädagogische Ansätze wären ebenfalls wünschenswert gewesen. Trotz dieser Desiderata bietet das Handlexikon insgesamt einen umfangreichen Einblick in den fachspezifischen Diskussionsstand.

Es ist daher besonders für Studierende einschlägiger Fachbereiche und Schwerpunkte (z. B. Sonder- und Heilpädagogik, Behindertenpädagogik, Rehabilitation, Soziale Arbeit) sowie das interessierte Fachpublikum geeignet.

Als Nachschlagewerk sollte das Handlexikon in keiner Fachbibliothek fehlen.

Fazit

Das Handlexikon der Behindertenpädagogik bietet in kompakter Form einen sehr guten Einblick in grundlegende Konzepte und zentrale Begriffe der Behindertenpädagogik sowie verwandter Gebiete und vermittelt einen fundierten Überblick über die Breite des Faches.

Rezension von
Prof. Dr. Hiltrud Loeken
Evangelische Hochschule Freiburg
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Es gibt 11 Rezensionen von Hiltrud Loeken.

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Zitiervorschlag
Hiltrud Loeken. Rezension vom 11.10.2007 zu: Georg Antor, Ulrich Bleidick (Hrsg.): Handlexikon der Behindertenpädagogik. Schlüsselbegriffe aus Theorie und Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2006. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-17-019216-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4559.php, Datum des Zugriffs 02.10.2022.


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