socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sabine Andresen, Isabell Diehm (Hrsg.): Kinder, Kindheiten, Konstruktionen

Cover Sabine Andresen, Isabell Diehm (Hrsg.): Kinder, Kindheiten, Konstruktionen. Erziehungswissenschaftliche Perspektiven und sozialpädagogische Verortungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. 274 Seiten. ISBN 978-3-531-15255-4. 29,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung in das Thema

Die heutige soziologisch inspirierte sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung begreift Kindheit als zeitgebundenes soziales und kulturelles Konstrukt der bürgerlichen Moderne, in das die Interessen der in der Gesellschaft dominierenden Erwachsenen eingeschrieben sind. Sie begegnet diesem Konstrukt mit ideologiekritischem Blick und beansprucht, den Sichtweisen und Interessen der Kinder Geltung zu verschaffen. Dabei kriegt neben der Entwicklungspsychologie und der Sozialisationsforschung auch die Pädagogik ihr Fett ab. Ihr wird angekreidet, dass sie die Kinder als in erster Linie erziehungsbedürftige und erst noch zu entwickelnde Subjekte verortet und sie damit in einer untergeordneten sozialen Position festnagelt. 

Mit dem vorliegenden Sammelband wird angestrebt, die sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung auf ihren Ertrag insbesondere für die Sozialpädagogik zu befragen und sich aus pädagogischer Sicht kritisch mit ihr auseinander zu setzen. Hierzu haben die beiden Herausgeberinnen vornehmlich Erziehungswissenschaftler/innen eingeladen, die ein emanzipatorischer Verständnis von Pädagogik vertreten.

Inhalt

  • Der erste theoretisch akzentuierte Teil des Bandes wird von Doris Bühler-Niederberger und Heinz Sünker eröffnet, zwei markanten Vertreter/innen der deutschsprachigen Kindheitssoziologie, die sich auch früher schon erziehungswissenschaftlichen Fragestellungen gewidmet haben. In ihrem Beitrag konstatieren sie selbstkritisch, dass die neuere Kindheitssoziologie partiell blind gegenüber sozialer Ungleichheit gewesen und mit ihrem zentralen Postulat, die Kinder als kompetente soziale Akteure zu verstehen, nicht zu einer "wirklichen Gestaltung der Welt" vorgedrungen sei. Sie plädieren für eine "kindheitsanalytisch sensibilisierte" Sozialisationsforschung, die bei der Untersuchung der Lebenslagen und Lebensperspektiven von Kindern nicht nur soziales und kulturelles Kapital, sondern auch "generationales Kapital" in den Blick nimmt.
  • Aus system- und handlungstheoretischer Sicht bezweifelt der Erlanger Erziehungswissenschaftler Michael Göhlich im zweiten Beitrag, ob die Pädagogik das "Kind" als Konstruktion überhaupt brauche. Sie sei nicht zwingend eine Praxis zwischen Erwachsenen und Kindern, sondern vermittele zwischen verschiedenen Individuen, Gruppen und Organisationen, wenn Lernversuche unternommen werden.
  • Im dritten Beitrag wirft der Frankfurter Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik der Kindheitssoziologie vor, sie bleibe auf halbem Wege stehen, indem sie die biologische Seite des Generationenverhältnisses ignoriere. Es sei die Zeitlichkeit des menschlichen Lebens, die der Pädagogik ermögliche, Erziehung als Grundlage menschlicher Anerkennung zu konzipieren.
  • In einem besonders polemischen vierten Beitrag stellt der in Jena lehrende Erziehungswissenschaftler Michael Winkler die Grundannahme der neueren Kindheitsforschung in Frage, das Konzept der Kindheit sei erst mit der "Erziehungskindheit" der Moderne entstanden. Es habe historisch immer eine besondere Aufmerksamkeit für Kinder gegeben, bei der ihre Förderung und Unterstützung anvisiert war. Die Struktur des pädagogischen Problems sei nicht allein als generationale Ordnung und gesellschaftlicher Machtzusammenhang zu beschreiben. Die wesentliche Frage für Pädagogik sei, wie Subjektivität im Kontext gesellschaftlicher Bedingungen ermöglicht wird. Wenn Kindheit lediglich als eine Ordnung sozialer Kontrolle verstanden werde, die durch Pädagogik zementiert wird, bestünde die Gefahr, die Voraussetzungen von Gesellschaft überhaupt zu demontieren; die Konsequenz sei Barbarei.

Sozialpädagogische Aspekte werden als "relationale Perspektiven auf Kinder und Kindheiten" erst im zweiten Hauptteil des Bandes angesprochen. In acht Beiträgen, die sich meist auf empirische Forschungen oder aktuelle politische Vorgänge beziehen, werden die Kindheitsbilder und politischen Leitideen zweier Kinder- und Jugendberichte rekonstruiert (Magdalena Jost), geschlechtstypisierende Aspekte im Kinderleben beleuchtet (Barbara Rendtorff), der Beitrag biographischer Studien für die sozialpädagogische Theoriebildung erörtert (Karin Bock), eine Zwischenbilanz der Kinderpolitik in Deutschland gezogen (Sven Borsche), die Besonderheiten der "Kindheit in der Dritten Welt" für die Theoriebildung zur Kindheit angemahnt (Volker Lenhart), pädagogische Konzepte zur frühen Kindheit in der DDR und der BRD im Rückblick miteinander verglichen (Heide Kallert) und mit Blick auf die Konstruktion des "Schülers" werden pädagogische Ansätze für eine ethnologische Bildungsforschung entworfen (Gerold Scholz).

Besonders hervorzuheben ist der abschließende Beitrag des Züricher Erziehungswissenschaftlers Jürgen Oelkers, der sich unter der Überschrift "Man muss auch anders können" auf ironische Weise mit der Besserwisserei und den Allmachtsphantasien der Erziehungsbestseller der letzten Jahre auseinandersetzt, die vorgeben, das vermeintlich negative "Erbe der 68er" zu korrigieren. "Äußerungen von Kindern sind spontaner, eigensinniger, verquerer und rätselhafter, als die meisten Erziehungstheorien dies wahrhaben wollen, ohne dabei unstrukturiert zu sein. (…) Die Zweifel der Erwachsenen, das Richtige zu tun, kann nur das Kind widerlegen - wenn man es lässt." (S. 271)

Fazit

Vom ersten und letzten Beitrag abgesehen, wird die sozialwissenschaftliche Kindheitsforschung kaum auf ihren Ertrag für die Erziehungswissenschaft im Allgemeinen und die Sozialpädagogik im Besonderen befragt. Die eher theoretischen Beiträge des ersten Teils sind vor allem polemisch angelegte Abrechnungen. Die Beiträge des zweiten Teils erörtern zwar großenteils wichtige und interessante Fragestellungen, greifen aber nicht explizit oder nur am Rande die konzeptionellen Ansätze der sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung auf. Das Buch erfüllt insofern nur partiell die Intention der Herausgeberinnen, die Befunde der sozialwissenschaftlichen Kindheitsforschung zur Horizonterweiterung und Selbstreflexion der Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik zu nutzen. Gleichwohl sind einzelne Beiträge mit Gewinn und teilweise sogar mit Vergnügen zu lesen.


Rezension von
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/person/person-action/manfred-lieb ...
E-Mail Mailformular


Alle 95 Rezensionen von Manfred Liebel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 22.03.2007 zu: Sabine Andresen, Isabell Diehm (Hrsg.): Kinder, Kindheiten, Konstruktionen. Erziehungswissenschaftliche Perspektiven und sozialpädagogische Verortungen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2006. ISBN 978-3-531-15255-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/4560.php, Datum des Zugriffs 20.09.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung